04.02.1985

OPECStarkes Signal

Die Mehrheit des Ölkartells einigte sich auf ein neues Preissystem. Der Kompromiß ist wacklig. *
Im Genfer Hotel Intercontinental lief eine der üblichen Opec-Shows. Erst gab es Krach, dann wurde lange gefeilscht, und dem Kompromiß am Ende mochten auch nicht alle zustimmen.
Kurz nach Beginn der Krisensitzung, zu der das Ölkartell am Montag vergangener Woche zusammengekommen war, stürmte einer der Teilnehmer empört aus dem Saal. Mana Said el-Uteiba, der Ölminister der Vereinigten Arabischen Emirate, hatte sich über Vorwürfe seines nigerianischen Kollegen Tam David-West geärgert.
Tags darauf verlor dann der offizielle Konferenzbeobachter des mit der Opec kooperierenden Förderlandes Ägypten die Geduld. Abd el-Hadi Kandil, Ägyptens Ölminister, war die langen und meist nutzlosen Kartell-Verhandlungen leid. Er reiste an den Nil zurück.
Am dritten Konferenztag schließlich beschlossen neun von dreizehn Mitgliedern, das bisherige Ölpreis-System zu ändern. Iran, Libyen und Algerien waren dagegen, der afrikanische Ölexporteur Gabun enthielt sich der Stimme.
Zum Opec-Ritual gehörte auch, die Risse im Kartell dann mit schönen Worten zu verkleistern. Es sei "ein positives und starkes Signal an diejenigen" gegeben worden, behauptete Saudi-Arabiens Ölminister Ahmed Saki el-Jamani nach der Tagung, "die etwas von den Weltölmärkten verstehen".
Mit seinem Hinweis zielte der Saudi auf einen Ölmarkt-Kenner, der selbst einstimmige Preisbeschlüsse der Opec jederzeit torpedieren könnte. Dieser Experte ist Peter Walker, der britische Energieminister.
Wie die Opec-Minister aus Erfahrung wissen, können sie in Zeiten des Überangebots von Öl ihren Preis nicht halten, wenn in Großbritannien, dem wichtigsten Ölexportland außerhalb der Opec, die Regierung den Ölpreis senkt. Daher ist das neue Preissystem der Opec-Majorität so zugeschnitten, daß Walker den Preis für britisches Nordseeöl möglichst nicht verändert.
Nigerianisches Öl, das von ähnlicher Spitzenqualität ist wie der Stoff aus dem Nordseeboden, soll mit 28,65 Dollar je Barrel (159 Liter) fortan genauso teuer sein wie das von der Staatsgesellschaft British National Oil Corporation (BNOC) aufgekaufte Nordseeöl. Eine nicht so hochwertige Opec-Sorte wie die Saudi-Provenienz Arabian Light wird künftig zu 28 Dollar je Barrel angeboten.
In den vergangenen Monaten dagegen waren die offiziellen Preise so verzerrt, daß zu diesen Tarifen kaum noch etwas lief. Da nahmen die Nigerianer nur 28 Dollar, so daß die Briten zu ihrem offiziellen Tarif von 28,65 Dollar schließlich kein einziges Faß mehr loswurden und all ihr Öl zu den niedrigeren Preisen des freien Marktes verkaufen mußten.
Die Saudis wiederum hielten auf Drängen anderer Kartell-Kompagnons für ihr Arabian Light an einem Preis von 29 Dollar fest. Das qualitativ schlechtere Saudi-Öl wurde also zu einem höheren Tarif als die besseren Nigeria- und Britensorten angeboten, was die Saudi-Stammkunden verprellte.
Mit den neuen Preisen sind diese Ungereimtheiten zwar beseitigt. Aber die Chancen, daß die Opec-Mehrheit ihr begradigtes Preissystem nun am Markt durchsetzen kann, stehen dennoch nicht allzu gut.
Gefahr droht dabei keineswegs so sehr von den Kartell-Quertreibern. Die werden sich hüten, die Opec-Mehrheit zu einem Preiskrieg herauszufordern.
Schwächstes Opec-Glied ist vielmehr das Land, das nach mehrmonatigem Alleingang seinen Preis vergangene Woche wieder ins Kartell-Gefüge einpaßte: Nigeria. Um eine Preissenkung der Briten von 30 auf 28,65 Dollar zu kontern, hatten die devisenhungrigen Westafrikaner im vergangenen Oktober ihren Preis gleich um 2 auf 28 Dollar gesenkt.
Das verärgerte zwar alle anderen Kartell-Partner, die den Ausbruch eines Preiskriegs fürchteten, half den hochverschuldeten Nigerianern aber, ihren Absatz anzukurbeln. Fraglich ist nun, ob die Nigerianer nach ihrer Preisanhebung der vergangenen Woche noch genügend Öl verkaufen können.
Die schärfsten Nigeria-Konkurrenten, die Nordsee-Produzenten Großbritannien und Norwegen, jedenfalls können schon seit geraumer Zeit kein Öl mehr zu dem hohen Preis absetzen, den die Afrikaner nun fordern wollen. Die Norweger haben seit Dezember keinen offiziellen Verkaufspreis mehr festgesetzt. Sie handeln mit ihren Kunden Preise aus, die den niedrigen Notierungen des freien Marktes angepaßt sind.
Auch bei den Briten sind Verkäufe zu offiziellen Preisen nur noch Erinnerung. Die staatliche Ölhandelsgesellschaft BNOC setzte zwar noch für das letzte Quartal 1984 den Preis von 28,65 Dollar fest. Aber das war nur der Preis, zu dem sie den Fördergesellschaften Nordsee-Öl abkaufte. Sie selbst mußte den Stoff dann mit einem Verlust von ein bis anderthalb Dollar je Barrel über den freien Markt verkaufen, auf dem mittlerweile auch die Opec einen großen Teil ihres Öls losschlägt.
Für den vergangenen Monat will BNOC den Lieferanten erst jetzt nach der Opec-Sitzung den Bezugspreis rückwirkend bekanntgeben. Halten die Briten an der 28,65-Dollar-Marke fest, müssen sie für diese Opec-freundliche Geste einen Januar-Verlust von 40 Millionen Dollar verbuchen.
Senken sie dagegen ihren Preis, werden die Nigerianer dasselbe tun. Das gerade mühsam ausgehandelte neue Preissystem der Opec wäre dann erneut reparaturbedürftig.
"Nigeria hat zwei Füße in der Opec", warnt der nigerianische Ölminister David-West, "aber es blickt mit zwei Augen auf die Nordsee."
[Grafiktext]
OPEC IN DER FLAUTE Die wirtschaftliche Entwicklung der Opec Einnahmen aus dem Erdöl-Export in Milliarden Dollar Förderung Erdöl-Förderung in Millionen Tonnen Marktanteile Anteile an der Welt-Förderung in Prozent
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 6/1985
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