01.04.1985

„Ein Zeuge ohne Fehler“

SPIEGEL-Redakteur Hartmut Palmer über Friedrich Karl Flick *
Vor dem Ausschuß, der seinen Namen trägt, brillierte Friedrich Karl Flick am vergangenen Donnerstag noch einmal in der Rolle des ahnungslosen Tölpels.
Nichts, rein gar nichts habe er gewußt. Erst Ende 1981 - als die Staatsanwälte schon fleißig ermittelten - sei ihm erstmals zu Ohren gekommen, daß es so etwas wie eine Spenden-Affäre gebe. Daß die nun so heißt wie er, empfindet Flick als ein "Unrecht". Denn Spenden, das meint er auch heute noch, seien nichts Anrüchiges. Ganz im Gegenteil: Die demokratischen Parteien könnten sich im Wahljahr 1987 "wieder an mich wenden".
Da wundert sich, tags darauf, selbst die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Ist es Maske, ist es Chuzpe, oder ist Flick wirklich so?"
Auch der "Frankfurter Rundschau" fällt es "wirklich schwer, sich vorzustellen, daß dieser ... Flick der reichste Mann und mächtigste Konzernherr der Republik sein soll". Trotzdem aber hält es das linksliberale Blatt für undenkbar, daß Flick "die Abgeordneten zum Narren" gehalten haben könnte. Denn: "So sehr kann sich ein Mensch kaum verstellen." Wirklich nicht?
Friedrich Karl Flick, das hat seine Vernehmung vor dem Ausschuß des Bundestages gezeigt, hat bessere Karten als sein einstiger Spielkamerad, Schulfreund und Top-Manager Eberhard von Brauchitsch. Der schrieb nämlich alles auf und schickte es seinem Chef. Aber FKF, wie er im internen Aktenverkehr genannt wurde, schrieb selten oder nie zurück. Er hinterließ in dem Konvolut von Akten, das die Staatsanwälte in der Düsseldorfer Chefetage des Konzerns vorfanden, kaum Spuren.
So kann zwar, nach der Aktenlage, kein Zweifel daran bestehen, daß Flick von seinem Brauchitsch mit detaillierten Informationen - auch über dubiose Spendenvorgänge - ausgestattet worden ist. Solange er aber behauptet, diese Informationen nicht zur Kenntnis genommen zu haben, bleibt er als Mitwisser und Mittäter außen vor.
Flicks Anwalt Detlef Wunderlich hat dieses Verteidigungskonzept entworfen. Und bislang hatte er damit Erfolg. Alle Verfahren, die gegen seinen Mandanten eröffnet wurden, sind inzwischen eingestellt.
Deshalb bleibt dem Ausschuß-Zeugen Flick gar keine andere Wahl: Nach Lage der Dinge muß er bei seinem letzten Auftritt in Bonn so tun, als habe er von den Vorgängen in seinem Konzern keinen blassen Schimmer gehabt - bis die Staatsanwälte kamen.
Heinz Günther Hüsch, Obmann der CDU im Ausschuß und Anwalt von Beruf, hat seine helle Freude daran, wie der Industrielle seine Rolle als Dummerchen spielt. Hüsch: "Als Anwalt kann ich nur sagen - ein erstklassiger Zeuge, macht keinen Fehler."
So ist es in der Tat: Eine vorsätzliche Falschaussage wird dem Zeugen Flick _(Am letzten Donnerstag vor dem ) _(Flick-Ausschuß. )
nach seiner Abschiedsvorstellung in Bonn niemand nachweisen können - auch der grüne Anwalt Otto Schily nicht, der sich bis in den späten Abend bemüht, den Multimilliardär aufs Glatteis zu führen.
Denn immer wenn es brenzlig wird, verläßt den Industriellen sein ansonsten ausgeprägt gutes Gedächtnis.
So will er erst Ende 1981 - keineswegs aber schon im Jahr 1980 - erfahren haben, daß eines der dubiosesten Geldgeschäfte des Hauses Flick - die Steuerschieberei mit der in St. Augustin ansässigen katholischen Steyler Mission ("Soverdia") - aufgeflogen war.
Mindestens zehn Jahre lang hat das Soverdia-Modell - Brauchitsch schreibt in seinen Notizen stets falsch "Sowerdia" - reibungslos funktioniert: Jahr für Jahr spendete der Flick-Konzern eine Million Mark und bekam dafür eine abzugsfähige Spendenquittung. Die frommen Gottesmänner sorgten aber zugleich dafür, daß 80 Prozent der gespendeten Summe wieder in die (schwarze) Konzernkasse zurückflossen. Das ergab, mit Steuerrückerstattung, 1,3 Millionen jährlich - die Steyler Patres fühlten sich mit 100 000 Mark pro Jahr bestens bedient. Weitere 100 000 gingen an einen CDU-Vermittler.
Nur durch einen Zufall waren die Steuerfahnder von St. Augustin der wunderbaren Geldvermehrungsanlage auf die Spur gekommen. Am 23. Januar 1980 erschienen sie in der Düsseldorfer Konzernzentrale - und fanden im Büro des Chefbuchhalters Rudolf Diehl prompt die gesuchten Belege für den Steuerbetrug.
Zwei Tage später traf Eberhard von Brauchitsch in München mit Friedrich Karl Flick zusammen. Als Ergebnis der Unterhaltung hielt er unter der Überschrift "Erledigte Rücksprachen mit Herrn Dr. F. K. Flick" in einer Aktennotiz fest: "Information über Hausdurchsuchung Steuerfahndung am 23. Januar 1980."
Einen Monat später, am 20. Februar, traf er sich wieder mit FKF. Und wieder heißt es unter den "Erledigten Rücksprachen": Die Angelegenheit Soverdia sei "nach allen Koordinaten besprochen worden". Für eine Besprechung am 23. Oktober 1980 merkte sich Brauchitsch abermals vor: "Sowerdia/Extra Mappe."
Friedrich Karl Flick aber beharrt im Ausschuß auf seiner Version: "Der Soverdia-Fall ist auf mich zugekommen Ende 1981." Erst als Schily ihn eindringlich ermahnt, sein Gedächtnis zu bemühen und keine falsche Aussage zu machen, schwächt der Zeuge ab - nach kurzer Rücksprache mit dem Anwalt Wunderlich.
Er könne sich zwar konkret nicht erinnern. Es sei aber durchaus "denkbar", daß man ihm, Flick, schon im Jahr 1980 etwas erzählt haben könnte. Das häßliche Wort "Hausdurchsuchung" freilich will er dabei nie gehört haben.
Allenfalls habe Eberhard von Brauchitsch zu ihm gesagt: "Da sind ein paar Herren wegen Soverdia bei uns zu Besuch gewesen und haben gefragt: ''Haben Sie nicht vielleicht ein paar Akten?''"
Warum Flick so großen Wert darauf legt, bis Ende 1981 ahnungslos gewesen zu sein, verrät er dem Ausschuß nicht. Es ist auch nicht nötig. Der Grund liegt auf der Hand. In der Schutzschrift des Anwalts Wunderlich, vom September 1982, kann man ihn nachlesen.
Dort erscheint FKF als ein Mann, der nicht nur über die Spendentätigkeit seines Hauses "nicht informiert war", sondern "quasi um eine Unterrichtung kämpfen mußte".
So habe Flick im Mai 1981 wochenlang vergeblich auf eine von ihm angeforderte Spendenaufstellung des Konzerns gewartet. Als er sie schließlich, im Juni 1981, bekam, sei die Liste unvollständig gewesen. Die Spenden für FDP, SPD und CSU - in der Kürzelsprache des Konzerns als "Sonderzahlungen für die Bereiche F, S und FJ" bezeichnet - seien nicht darin enthalten gewesen. Der angekündigte mündliche Bericht über diese Summen "wurde jedoch nicht erstattet" (Wunderlich).
Flick, so das Fazit seines Anwalts, habe also gar nicht ahnen können, was sich hinter seinem Rücken tat. Er sei richtig empört gewesen, als er - wieder im Mai 1981 - durch einen Zufall das Gerücht hörte, sein Manager von Brauchitsch habe der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung auf einen Schlag 4,5 Millionen Mark gespendet.
Die Empörung des Konzernchefs ist aktenkundig. Für von Brauchitsch notierte er: "Dies erstaunt mich aufs äußerste, zumal Deine kürzliche Anfrage, der F. E. St. mit einem Betrag von ca. 1 Mio DM unter die Arme zu greifen, von mir negativ beschieden wurde. Hierzu erwarte ich baldigste Aufklärung."
Und in einem anderen Vermerk aus dem gleichen Monat heißt es: "In welches Licht bringst Du das Haus, wenn wir 6b-Anträge laufen haben und gleichzeitig in die Richtung dieser Regierung Wohltaten dieser Größenordnung ausschütten."
Weder die eine noch die andere Notiz hat ihren Adressaten Brauchitsch erreicht. Es ergab sich nämlich, daß die von Flick beanstandete Millionen-Spende an die Friedrich-Ebert-Stiftung gar nicht existierte.
Flick hat seine Beschwerde-Entwürfe zusammen mit seinem Anwalt Wunderlich aufgesetzt. Der hob sie auf, obwohl sich später herausstellte, "daß ich einer Ente aufgesessen war" (Flick). Statt in den Papierkorb, wo sie nach Meinung des Konzernchefs hingehört hätten, wanderten die Zettel in die Akten des Flick-Juristen.
Rechtsanwalt Wunderlich konnte sie später als Persilschein vorweisen. Die empörte Reaktion des Herrn Flick vom Mai 1981 zeige doch, daß sein Mandant von den Spendengebaren seines Managers von Brauchitsch nichts wußte und daß es ihm ferngelegen hätte, Steuererleichterungen durch Spenden zu beschleunigen.
Der Anwalt Otto Schily freilich findet diese Beweisführung mehr als absonderlich: "Es dürfte ein einmaliger Vorgang sein, daß ein Rechtsanwalt eine Urkunde, die er selbst mitformuliert hat, zur Entlastung seines Mandanten präsentiert." _(Am 1. Februar 1984 vor dem ) _(Flick-Ausschuß. )
Am letzten Donnerstag vor dem Flick-Ausschuß. Am 1. Februar 1984 vor dem Flick-Ausschuß.
Von Hartmut Palmer

DER SPIEGEL 14/1985
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