04.03.1985

Die binen buchen die Blunen

SPIEGEL-Report über Legasthenie, die isolierte Lese- und Rechtschreibschwäche Zehntausende begabter und oft hochintelligenter Kinder bleiben in der Bundesrepublik ohne Bildungschance, weil ein lästiges Faktum durch Federstrich abgeschafft wurde: Legasthenie. "Hanebüchen und lächerlich" finden Fachleute solche Kulturpolitik. Doch die Schulen machen meist keinen Unterschied mehr zwischen jener Behinderung und einer allgemeinen Leistungsschwäche - die Last liegt nun allein auf den Familien. *

In ihrem Kopf, so möchte man meinen, herrscht ein einziges Durcheinander. Zwischen "i" und "ü" können sie nicht unterscheiden, und statt "Liege" steht dann da "Lüge". Oft verwechseln sie "d" und "b", obwohl die den Bauch doch an verschiedenen Seiten haben. Und beim Lesen stimmt''s vorn und hinten nicht. "Ist" möchten sie sagen, aber es kommt "sit" heraus.

Statt "Tips für Verbraucher" heißt es "Tips für Verbrecher", was noch passabel erscheint. Mitunter entsteht ein ganz unverdaulicher Buchstabensalat, und dann wird aus einem Kassettenrecorder ein "Kaseterekober", aus der Verkehrsampel ein "Ferksambl". Nicht ein richtiges Wort geht manchen von der Hand, und Geschriebenes steht vor ihnen wie eine Kalligraphie aus dem Fernen Osten.

Sonderbar sind die Kinder, denen das widerfährt, aber auch sonst. Mal brüten sie dumpf vor sich hin, als gehe sie das alles nichts mehr an; dann wieder machen sie, damit sie nur ja jeder bemerkt, den Störenfried. Man kann ihnen noch mehr anhängen, nur eins nicht: Dummheit.

Denn diese Kinder sind Legastheniker - außerstande, mit der Schrift ordentlich umzugehen, doch im übrigen bei bestem Verstand. Es müßte sich lohnen, sich ihnen zuzuwenden, aber in der westdeutschen Gesellschaft werden sie kaum mehr wahrgenommen.

Die Kultusminister der Bundesländer jedenfalls haben die Legasthenie vor ein paar Jahren abgeschafft. Dieses Leiden, so hieß es damals, sei gar keins; das sei glatt erfunden, und in Wahrheit gehe es dabei nur um eine Entwicklungsstörung. Die reine Wahrheit war, daß sich die Kinder mit einer besonderen Schwäche im Lesen und Rechtschreiben für Lehrer wie Schulverwalter als außerordentlich unbequem erwiesen hatten.

Und seither plänkeln Wissenschaftler und Bildungsfachleute, Politiker und Elternverbände im engen Kreise darüber, ob sie es nun wirklich nur mit einem Phantom zu tun haben oder vielleicht doch mit einer regelrechten Krankheit, wenigstens einer Behinderung. Unverständlich blieb die These von der Entwicklungsstörung nicht nur dem Münchner Psychiatrieprofessor und Klinikchef Joest Martinius - "während wir doch Kinder zu behandeln hatten, die eben daran litten: an einer Legasthenie".

"Hanebüchen und absolut lächerlich" fand der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde, Professor Hermann Olbing, die behördliche Abschaffung des Leidens. Es seien "in pauschaler Weise wissenschaftliche Erkenntnisse hinweggefegt worden", entrüstete sich Professor Helmut Remschmidt, Präsident der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Jahr für Jahr werden in der Bundesrepublik nun wieder Zehntausende von Schülern um ihre Chance gebracht. Zwischen drei und sieben Prozent schwanken die Schätzungen über den Anteil der Legastheniker an jedem Erstkläßlerjahrgang, und nimmt man das Mittel, dann waren es im letzten Jahr über 30 000, dann sitzen allein in den Grund- und Sonderschulen jetzt über hunderttausend Kinder, die für den Rest ihres Lebens stigmatisiert sein werden.

In dieser Gesellschaft, sagt die Kieler Diplompsychologin Dr. Lisa Dummer, Vorsitzende des Legasthenieverbandes, "stellt das Lesen und Schreiben einen Beweis menschlichen Leistungsvermögens, menschlicher Intelligenz dar und gilt als Kriterium nicht nur im schulischen, im beruflichen, sondern auch im privaten Bereich". Und es zählt zu den Gewißheiten über das "Labyrinth Legasthenie", wie Forscher Martinius es nennt, daß ein Heer von Begabungen ungenutzt bleibt. _(Lautgebärden-Therapie; links ) _(Diplom-Psychologin Dr. Lisa Dummer. )

Schon immer waren es nur wenige, die ihrer Schwäche zum Trotz die Talente entfalten konnten - wie der Legastheniker Albert Einstein, der auch als Erwachsener noch gelegentlich umherirrte, weil er das Wortbild von Straßennamen nicht parat hatte und so nicht mehr nach Hause fand. Dem neunjährigen Jungen aber, über den das Fachblatt "Praxis Deutsch" berichtete, nützte es gar nichts, daß sein Intelligenzquotient bei 125 und damit deutlich über dem Durchschnitt lag. Als er in einem Diktat über den Frühling schrieb: "Die binen buchen die Blunen und sinen den honig ein", da war er schon in der Sonderschule.

Zur schulamtlichen Beseitigung der Legasthenie hat vermutlich der Umstand beigetragen, daß sich bei vielen der Betroffenen massive Verhaltensstörungen einstellen - die jedoch nicht das Charakteristikum, sondern eine Folge des Handikaps sind. Es beginnt meist mit den Hänseleien der Mitschüler. Schulklassen, so weiß man, können grausam sein. Und mancher Lehrer setzt noch eins drauf, wenn er den vermeintlichen Dummkopf oder Faulpelz zum Gespött macht. Zu Hause erwarten den derart Deprimierten womöglich wütende Eltern, die das alles nicht begreifen.

Noch weniger kann sich das legasthenische Kind erklären, wieso es zwar sonst alles versteht in der Welt, aber nicht diese Schriftzeichen. Alle Anstrengung, die anfangs noch geleistet wird, ist vergebens; das erst schwach entwickelte Selbstwertgefühl wird stets aufs neue verletzt. Und dazu droht ein ständig wachsender Informationsverlust.

Die besondere Begabung für mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer zum Beispiel, über die Legastheniker häufig verfügen, bringt kein Plus mehr, sobald im Unterricht Textaufgaben auftauchen. Aus der Teilleistungsschwäche, die zu beheben wäre, wird dann leicht ein umfassendes Versagen.

Dieser Widerspruch zwischen dem Debakel mit der Schrift und der im übrigen tadellosen Auffassungsgabe ist für viele Kinder nicht mehr zu bewältigen. Notausgänge werden gesucht: Einige biedern sich an bei den Mitschülern, die vermeintlich so überlegen sind. Kleine Geschenke sollen die notwendige Anerkennung bringen - und werden dann vielleicht höhnisch zurückgewiesen. Andere wieder spielen den Klassenkasper oder tun sich wichtig, um wenigstens

auf diese Art einmal Beifall zu bekommen.

Manche Kinder igeln sich ein, ermattet vom ständigen Mißerfolg. Angst vor der Schule und vor jedem geschriebenen Wort beherrscht den Tageslauf. Die Hausaufgaben werden verweigert, Hefte versteckt, oder man hat eben überhaupt nichts aufbekommen. Nicht selten stellen sich Organneurosen ein, und morgens vor der Schule kommen dann planmäßig die Bauchschmerzen.

Bei einigen führt der Fluchtweg zu Aggression und Gewalt. Kleine Diebstähle, die oft mit Leidensgenossen gemeinsam begangen werden, sollen das entbehrte Erfolgserlebnis herbeibringen. "Mit der Zeit", warnt der Marburger Jugendpsychiater Professor Curt Weinschenk, "schleifen sich diese kriminellen Verhaltensweisen in vielen Fällen ein. In den Gefängnissen für Männer finden sich über 33 Prozent Legastheniker, in Frauenhaftanstalten 22 Prozent."

Die ursprüngliche Behinderung und die nachfolgenden Neurosen schaukeln sich gegenseitig auf, und so ist es im Streit um die Legasthenie wohl auch dazu gekommen, daß Ursache und Wirkung miteinander verwechselt wurden. Für die Masse der Betroffenen war über Jahr und Tag der Weg vorgezeichnet - ab in die Hilfsschule. Zwar war das Leiden bereits 1885 von dem deutschen Mediziner Oswald Berkhan entdeckt worden. Doch erst vor gut zwei Jahrzehnten, als in der Bildungslandschaft der Bundesrepublik die Reformideen hochschossen, wurde der Legastheniker von den Pädagogen ermittelt.

In sämtlichen Bundesländern war schließlich für Schüler mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben auch eine besondere Förderung vorgeschrieben. Bei der Benotung des Schriftlichen und bei der Versetzung wurde Schonung gewährt.

Die Erlasse kamen zu einer Zeit, da in der Schule Rechtschreibung und Schriftdeutsch allgemein zur Nebensache gerieten. Die "mündliche Sprachkompetenz" erhielt das Sagen, geduldiges Üben von Wörtern und ganzen Sätzen paßte nicht mehr ins pädagogische Konzept. Wohl dieser Trend und der undifferenzierte Umgang mit dem Wort Legasthenie trugen dazu bei, daß in vielen Schulklassen der Anteil der Schreib- und Leseschwachen auf erstaunliche Weise wuchs. Lehrer meldeten, 30 bis 50 Prozent ihrer Schüler seien Legastheniker.

Da saßen nun alle beieinander: Kinder, die ihrer bescheidenen Begabung wegen so und so mit der Sprache auf Kriegsfuß gestanden hätten und auch in anderen Fächern keine Leuchten waren; welche, die es gepackt hätten, wenn ihnen nur in der Schule oder wenigstens im Elternhaus die notwendige Hilfe zuteil geworden wäre; jene, deren Verhalten durch äußere Einflüsse gestört war; und schließlich die echten Legastheniker - deren Behinderung durch Symptome überlagert war, die auch bei den anderen Gruppen auftauchten.

Für die Schulen bedeuteten die Legastheniker-Vorschriften nichts als Arbeit und Ärger. Der Verdacht kam auf, es werde nur Mißbrauch damit getrieben - von Eltern wie Schülern, den Faulen oder wirklich Minderbegabten. Kritiker von draußen wiederum suchten die Schuld bei den Pädagogen: Die Abkehr von der Schriftsprache, eine konfuse Didaktik seien schuld an dem erdrückenden Legastheniker-Berg; die Schule produziere gleichsam ihre Schreibschwachen selber, und die angebliche Lernschwäche sei in Wahrheit eine Lehrschwäche. "Zu viele Kinder sah man in den Schulen", resümierte Professor Martinius, "die Schwierigkeiten mit dem Erlernen des Lesens und Schreibens hatten, offensichtlich aber mehr unter dogmatisch vertretenen Lehrmethoden oder unter ihrem Elternhaus litten als an dieser merkwürdigen Krankheit."

Als unzulänglich erwiesen sich vor allem die Ausleseverfahren. Mal war nur die Fehlerquote im Diktat das Kriterium für Hilfsbedürftigkeit, mal wurde der "IQ" ermittelt, der Intelligenzquotient. Mit einem Intelligenztest allein jedenfalls ist der Legasthenie kaum auf die

Spur zu kommen. Forscher Martinius hält diesen Test für "eine ungute Vereinfachung, denn er bewirkt eine Augenblicksdiagnose, mit der sich weder die Unterscheidung ''umgebungsbedingt'' gegenüber ''Anlagestörung'' noch, was wichtiger ist, irgendeine Aussage über detaillierte Funktionsdefizite machen läßt".

Ein sorgfältiger Legasthenietest muß zusätzlich auf Lauterkennung und -unterscheidung, Wortverbindungen und Grammatik eingehen, auf Wortschatz und Artikulation. Er muß, wenn eine Behandlung Erfolg haben soll, frühzeitig unternommen werden, und er soll wiederholt werden, um zwischen Entwicklungsverzögerung und Anlagestörung zweifelsfrei unterscheiden zu können.

Zu der Mühe, die mit dem Trip in das Labyrinth Legasthenie verbunden war, kamen allerlei Unwägbarkeiten. Auch die Experten räumen ein, daß zwischen der echten Legasthenie und einer anders begründeten Schreibschwäche nicht immer eine saubere Grenzlinie zu ziehen ist. Zur allgemeinen Verwirrung trug schließlich der Umstand bei, daß die Ursachen der isolierten Lese- und Rechtschreibschwäche in der Fachwelt umstritten waren - und daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

"Die Grundlagenforschung zur Legasthenie", sagt Lisa Dummer, "war in den letzten 15 Jahren in eine totale Sackgasse geraten." Immer neue Theorien wurden der Fachwelt, den Lehrern und Eltern angeboten. Was Ursache, was nur Symptom ist, blieb ungeklärt.

Als ziemlich sicher gilt, daß die Behinderung durch eine minimale Beeinträchtigung der Gehirnfunktionen ausgelöst wird, meist Folge von Geburtskomplikationen und im übrigen ohne Folgen für den restlichen Verstandesapparat.

10 bis 15 Prozent aller Kinder, so schätzen Mediziner, leiden an einer frühkindlichen Hirnschädigung, und 20 bis 25 Prozent aller Lern- und Verhaltensstörungen werden durch eine "minimale cerebrale Dysfunktion (MCD)" ausgelöst. Als Risikoträger werten die Ärzte zum Beispiel alle Kinder, die bei der Geburt blau oder gelb anliefen und mithin unter einem kurzfristigen Sauerstoffmangel gelitten haben.

Manches spricht auch dafür, daß Legasthenie erblich ist. Untersuchungen förderten eine familiäre Häufung des Handikaps zutage, und Knaben werden davon eher betroffen als Mädchen. Doch bei etlichen überaus typischen Merkmalen der Legasthenie sind sich die Forscher uneins, ob es sich nun um einen Auslöser der Lese- und Schreibschwäche handelt oder nur um eine auffällige Begleiterscheinung.

Dazu zählen etwa das Unvermögen zahlreicher, doch eben nicht aller Legastheniker, akustisch fein zu unterscheiden zwischen ähnlich klingenden Lauten wie "i" oder "ü", "b" oder "p", oder die Unfähigkeit, Auge und Hand zu koordinieren, und die motorische Unruhe, die bei manchen Legasthenikern zu bemerken ist.

Andere Forscher neigen dazu, ein zu geringes Speicherungsvermögen des Gehirns für die Legasthenie verantwortlich zu machen. Nicht lautgetreu geschriebene Wörter müssen im Gedächtnis aufbewahrt sein, wenn sie richtig niedergeschrieben werden sollen. Ist dort die Kapazität zu gering, mißlingt den Betroffenen der Aufbau eines ausreichenden Wortbildbestandes.

Zum Grundmuster der Legasthenie gehört die sogenannte Raum-Lage-Labilität, eine außergewöhnliche Unsicherheit in der Richtungsunterscheidung. Sie ist schuld daran, wenn die Kinder etwa von rechts nach links lesen, Buchstaben seitenverkehrt schreiben, oben und unten verwechseln.

Der Schluß liegt nahe, daß Legasthenie nicht nur eine Ursache hat. Verschiedene Symptome treten bisweilen nebeneinander auf, aber in unterschiedlicher Ausprägung. Milieubedingungen und andere Einflüsse können das Bild ergänzen. "Fragt sich", so Forscher Martinius, "wer sich da auskennen soll, um das Richtige zu tun, eine Frage, die oft mit Zögern übergangen wird und die Suche nach verfügbaren Hilfen aufschiebt."

Durchschlagende Hilfe für die Schulen kam dann von den Soziologen. Ende der siebziger Jahre publizierten Vertreter dieser Disziplin die Behauptung, Legasthenie sei schlichtweg eine Erfindung, ein willkürlich erdachtes "Konstrukt"; in Wahrheit seien Lese- und Rechtschreibschwächen samt und sonders auf das Milieu, auf Verhaltensstörungen zurückzuführen. Belege dafür wurden nicht beigebracht, alle Indizien sprachen dagegen. Bei Lehrern wie Kulturplanern jedoch war diese These hoch willkommen.

Und so ist es geschehen, daß seit dem April 1978 das westdeutsche Bildungswesen keine Legastheniker mehr kennt. Damals empfahl die Konferenz der Kultusminister, diese lästige Figur abzuschaffen und statt dessen allgemeine "Grundsätze zur Förderung von Schülern mit besonderen Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens" aufzustellen. Die große Mehrheit der Bundesländer tilgte die bis dahin gültigen Hilfsvorschriften; aus Geboten wurden Kannbestimmungen.

Wie durch Zauberei war das Leiden aus der Welt geschafft. "Im Ergebnis", so wertete die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie den plötzlichen Wandel, "ist eine Vereinfachung des Problems herausgekommen, die gesichertes Wissen über das komplexe Bedingungsgefüge und die qualitativ sehr unterschiedliche Symptomatik der Legasthenie ignoriert."

Die Lage der Legastheniker hat sich seither ständig verschlechtert. Der Schonraum, der den betroffenen Kindern gemeinsam mit den anderen Schreibschwachen gewährt worden war, ist dahin. Ob es noch Förderstunden gibt, die wenigstens in leichten Legastheniefällen segensreich sein konnten, liegt nun im Ermessen der Lehrer. Wie die Nachhilfe aussieht und wer dafür nach welchen Maßstäben auserwählt wird, bestimmt letztlich jede Schule für sich.

"Legasthenieförderung", schreibt die "Süddeutsche Zeitung", "gibt es kaum noch, seitdem sich in der schulischen Praxis und in den Schulbehörden unaufhaltsam die Idee breitgemacht hat, Legasthenie sei Einbildung; und sogar das böse Wort ''Früher waren die Kinder faul, heute nennt man es Legasthenie'' hat immer noch Anhänger."

Die Förderstunden, sagt der Nürnberger Pädagogikprofessor Adalbert Ruschel, Vater einer legasthenischen Tochter, "sind das erste, was ausfällt". Der Professor bemängelt vor allem, daß über eine Förderung überhaupt erst nach mehreren Schuljahren entschieden wird, statt bereits nach den allerersten Wochen: "Da werden doch schon Weichen gestellt für die Schülerlaufbahn. Da sieht doch ein Lehrer, wenn er nicht mit Blindheit geschlagen ist, wen der Schuh drückt."

Viele Lehrer drücken nun beide Augen zu, nicht nur aus Gleichmut, sondern oft auch aus Notwehr. Während ihrer Ausbildung hat die weit überwiegende Mehrheit westdeutscher Lehrkräfte über Legasthenie wenig oder nichts erfahren, schon gar nichts über die Früherkennung oder eine sinnvolle Hilfe. Zwar sollen auch die Unterweisungen für schreibschwache Kinder nur von Pädagogen erteilt werden, die dazu ausgebildet worden sind, doch die Teilnahme an nachträglichen Seminaren, in denen Legastheniekenntnisse vermittelt werden, steht im Belieben der Lehrerschaft.

Eine differenzierte Diagnose der Schreibschwäche gehört jetzt zu den Raritäten. Vor besorgten Eltern wird gern abgewiegelt: Die Sache werde sich schon geben, und es mache sich ja auch nicht gut, wenn im Zeugnis dann ein ausdrücklicher Hinweis auf diese sogenannte Legasthenie stehe. Dort entfällt noch die Benotung der Schreibschwachen, woanders soll nun "zurückhaltend bewertet" werden. Ob sich die Schulen daran halten, ist Glückssache; es herrscht, wie Rita Schwark vom Legasthenieverband Schleswig-Holstein sagt, "im Prinzip der Zufall, jede Schule macht es anders, so manche gar nichts".

Wenn nicht ein Lehrer oder ein Kollegium gegen den Trend angeht, sind Legastheniker jetzt auf therapeutische Einrichtungen und Helfer außerhalb der Schule verwiesen. Für die Betroffenen, so Professor Martinius, "führt kein Weg an einer zusätzlichen Behandlung vorbei". Und dieser Weg ist mühsam und teuer. So früh wie möglich soll mit einer Behandlung begonnen werden, und langwierig ist sie auch. Eine Psychotherapie, die in erster Linie die Neurosen legasthenischer Kinder abbauen und erst einmal so etwas wie Lernwilligkeit wieder wecken soll, kostet zwischen 90 und 120 Mark die Stunde.

Ein spezielles Training zur Behebung der Schreib- und Leseschwäche ist damit

noch nicht entbehrlich geworden. Es muß auf das jeweilige Erscheinungsbild der Legasthenie ausgerichtet sein und fordert nicht nur von den Helfern Geduld: Die Behandlung setzt oft, zum Unmut von Lehrern und Eltern, weit unterhalb des Schulklassenniveaus an, und so kann es eine ganze Weile bleiben.

Etliche Therapien konkurrieren miteinander. Mit Musik und Rhythmus wird das Leiden hier und da behandelt, fast immer geht es spielerisch zu, und manchmal kommen legasthenische Störungen vor, bei denen keine der gängigen Methoden einen Erfolg verspricht.

Zu den bewährten Mitteln, die der Lesefähigkeit aufhelfen sollen, zählt die Arbeit mit Lautgebärden. Für jeden Buchstaben gibt es ein Handzeichen, silbenweise werden dann die Wörter aufgebaut, und das Ganze erinnert an die Gestik, mit der sich Taubstumme verständigen. Beim Schreiben wiederum hilft häufig das Trainieren der sogenannten Artikulationsmotorik: Die Kinder lernen, daß sich im Munde "Kante" anders anfühlt als "Tante".

Eine private Therapie kommt auf 20 bis 40 Mark die Stunde, über die Jahre für manche Familie eine finanzielle Last. Deutsche Krankenkassen haben ihre Zahlungen inzwischen eingestellt - Legasthenie gilt nicht mehr als Krankheit "im versicherungsrechtlichen Sinne". Erst wenn der Psychiater schwere Persönlichkeitsstörungen diagnostiziert, werden die Kosten übernommen, aber auch dann tut der Arzt gut daran, das Wort Legasthenie nicht zu erwähnen.

Vor dem Sinneswandel der Kultusplaner hatten sich immerhin Sozialämter bereit gefunden, nach dem Bundessozialhilfegesetz eine Eingliederungshilfe zu gewähren. Doch neuerdings genügt dazu nicht mehr wie früher das Gutachten eines Diplompsychologen: Der Amtsarzt muß her und häufig auch das Obergutachten eines Universitätsprofessors. Und selbst dann, wenn alle Zweifel ausgeräumt scheinen, wird die Beihilfe oft noch verweigert. Legasthenie, heißt es meist, gebe es ja nun mal nicht, und im übrigen sei das alles ein Schulproblem, kein Fall für die Sozialhilfe.

Draufzahlen müssen, wenn Legasthenikern geholfen werden soll, vor allem die Mütter - mit einem manchmal totalen Verzicht auf die eigene Daseinsgestaltung. Berichte über den Alltag mit Legasthenikern beschreiben durchweg familiäre Notstände. Entnervte Mütter, die losbrüllen, wenn wieder mal alles Üben nichts zu nützen scheint; die aber auch in jahrelanger Hingabe das Leiden zu lindern versuchen und nur dadurch dem Kind die Aussicht auf einen erträglichen Lebenslauf erhalten.

Auf der anderen Seite erschöpfte und entmutigte Kinder, die immer nur üben, statt zu spielen, die manchmal gar nicht mehr leben mögen und vom Leben meist nichts mehr erwarten - wie der Siebenjährige, der auf Baustellen schon mal Nägel sammelte, um sich später, wenn er ohne Beruf dastehen würde, wenigstens eine Bretterbude zimmern zu können.

"Mit der Einschulung begann für unseren Sohn und für uns als Familie eine neun Jahre andauernde Zeit von fruchtloser Mühe, Resignation und Verzweiflung", steht in einer Dokumentation, die vom Hamburger Legasthenieverband dem Schulsenator Joist Grolle überreicht

wurde: bittere Worte über "die Verständnislosigkeit der Umwelt", die Selbstzweifel der Mütter ("Liegt es vielleicht doch an mir? Quäle ich das Kind?") und die Kapitulation der Kinder - "ich tauge sowieso nichts, ich bring'' mich bald um".

Die Legastheniker-Mutter Mechthild Firnhaber, die betroffene Eltern beriet und ihre Erfahrungen in einem Taschenbuch niederschrieb, sah "überall das gleiche Schicksal: ratlose Väter, weinende Mütter, Kinder am Ende ihrer Kräfte". Und ein guter Teil des Kampfes, den die Eltern auszufechten haben, ist in der Schule zu führen.

Lehrer und Rektoren, so ist in zahlreichen Protokollen nachzulesen, begegnen der Behinderung häufig mit Unwillen oder Ignoranz. Da passiert es dann, daß ein Kind, weil es nach emsigem Training endlich auf eine Vier gekommen ist, von der Förderung ausgeschlossen ist, denn dazu gehört mindestens eine Fünf. Oder es empört sich der Religionslehrer darüber, daß ein Legastheniker nicht mal das Wort "Zebaoth" richtig hinschreiben kann.

Allein von der Geduld und der Hartnäckigkeit der Eltern hängt es zumeist auch ab, ob legasthenische Kinder weiterführende Schulen durchlaufen. Wer einen Legastheniker auf dem Gymnasium unterbringen will, muß sich nicht selten die Frage anhören, ob er denn nun mit aller Gewalt seinem Kind eine Höhere Schulbildung verpassen wolle.

Der Oberschulrat, erinnert sich Mechthild Firnhaber, schlug mit der Faust auf den Tisch: "Sie werden an mich und diesen Tag denken. Dieses Kind gehört nicht in ein Gymnasium." Inzwischen gehören beide legasthenischen Söhne zu den Besten ihrer Klasse.

In Real- oder Oberschule tritt eine Legasthenie, die in der Grundschulzeit so gerade unter Kontrolle gekommen war, wieder scharf hervor; die Anforderungen im Rechtschreiben steigen an, Fremdsprachen türmen einen neuen Problemberg auf. "Häufig", weiß die Expertin Lisa Dummer, "zeigen diese Legastheniker eine überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit im mathematischtechnischen Lernbereich, und es ist geradezu tragisch, daß diese Schüler ihre Begabungen in der Schule nur dann entfalten dürfen, wenn sie die Hürden der Fremdsprachen nehmen."

Oft dürfen sie an diese Hürde gar nicht erst heran. Zwar räumen die Vorschriften in allen Bundesländern die Möglichkeit weiterführender Bildung ein; jedoch, so die Wiesbadener Schulpsychologin Rosemarie Portmann, erreichen selbst bei Vorlage einer von Psychologen oder Medizinern ausgestellten "Legasthenie-Bescheinigung aufgrund der klassischen Definition ''isolierte Leistungsstörung bei guter bis sehr guter Intelligenz'' im allgemeinen nur solche Schüler den Übergang in Realschule oder Gymnasium, deren Eltern über ausgezeichnete Erlaßkenntnisse, Bildungswilligkeit, Sozialstatus, Eloquenz und Selbstsicherheit verfügen".

"Die Schreibschwachen bleiben weiterhin auf der Strecke", sagt der Pädagogikprofessor Ruschel, "und das ist unglaublich in einem Land mit einem solchen Bildungsniveau." Viele legasthenische Kinder landen noch immer frühzeitig in der Sonderschule - im allgemeinen das Aus für jeden höheren Anspruch an Beruf und Lebensstandard.

"Keinesfalls alle, aber doch nicht wenige Legastheniker", sagt Wissenschaftler Martinius, "sind allgemein gut, einige außergewöhnlich begabt. Diese Unterschiede nicht zu sehen und auf einem Formalismus zu beharren heißt Begabungen ignorieren." Der westdeutschen Gesellschaft könnte dabei einiges verlorengehen. Legastheniker waren nicht nur Künstler wie der Märchendichter Hans Christian Andersen oder der Bildhauer Auguste Rodin, sondern auch der geniale Erfinder Thomas Edison, der in seiner Schulklasse immer der Letzte war und dann 1400 Patente anmeldete.

Oder der deutsche Mediziner Paul Ehrlich: Der mußte seine Doktorarbeit von einem anderen aufschreiben lassen, später bekam er den Nobelpreis.

Lautgebärden-Therapie; links Diplom-Psychologin Dr. Lisa Dummer.

DER SPIEGEL 10/1985
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