08.10.1984

Nigeria: „Eine Schuldner- und Bettlernation“

SPIEGEL-Report über die Militärdiktatur in Afrikas volkreichstem Staat Todesstrafe für Straßenräuber und Geldfälscher, hohe Gefängnisstrafen sogar bei Betrug im Examen: Mit einer drakonischen Justiz wollen die in Nigeria herrschenden Militärs ihrer Bevölkerung Disziplin beibringen und das einst reiche Erdölland aus dem Chaos führen. Ihr Polizeistaat ist einer der härtesten in Afrika. *
Sie waren zum Tode verurteilt. Der eine Delinquent sang unablässig fromme Lieder, der andere beruhigte seine drei klagenden Frauen, und der dritte redete im landesüblichen Pidgin mit den Gaffern, die zur öffentlichen Hinrichtung auf den alten Flugplatz von Sokoto geströmt waren: "You too no go die one day?" "Werdet ihr nicht auch eines Tages sterben?"
Er selbst starb Minuten später, als ein Exekutionskommando von 12 Mann das Feuer auf ihn und seine beiden Kollegen eröffnete: Die Polizeibeamten Attahiru Mohammed, James Gaadi und Samuel Thomas wurden getötet, weil sie einen Bürger ausgeraubt hatten.
Die Erschießung war für die Provinzhauptstadt im Nordwesten Nigerias eine schreckliche Premiere. Für die Millionen-Metropole Lagos hingegen bedeutete die öffentliche Hinrichtung von sechs Verurteilten am gleichen Samstag im August lediglich die Wiederaufführung eines Terror-Spektakels früherer Militärregierungen. Nur lief diesmal die "Bar Beach Show", so genannt nach dem Hinrichtungsort, nicht am Bar-Strand ab, sondern auf dem Schießplatz im Stadtteil Kirikiri.
"Lektion für bewaffnete Räuber, die für immer zum Schweigen gebracht wurden", überschrieb die Lagoser Zeitung "National Concord" ihren blutrünstigen Bericht aus Kirikiri. Tausende kommen zu den Schauplätzen solcher tödlichen Lehrstunden, die auf Golfplätzen und Militäranlagen veranstaltet werden. Im ostnigerianischen Ikot Ekpene erlebten die Zuschauer eine Massenhinrichtung, die über eine halbe Stunde dauerte. Die (womöglich betrunkenen) Soldaten des Peletons zielten schlecht und mußten sich für die Gnadenschüsse zusätzliche Munition von der Polizei ausborgen.
Bei dem administrativen Gemetzel fallen regelmäßig Dutzende von Zuschauern in Ohnmacht. Nur die Zielgruppe solcher abschreckenden Justiz, Nigerias Kriminelle, läßt sich offenbar weniger beeindrucken: Schaulustige in Sokoto fanden ihre Autos ohne Räder wieder.
Nigerias jüngstes Militärregime setzt seine Offiziere als Richter und seine Soldaten als Henker ein. Die Männer um General Mohammed Buhari, die am vergangenen Silvester den Präsidenten Shehu Shagari aus dem Amt geputscht haben, glauben mit derlei Methoden ein heruntergewirtschaftetes Land auf neuen Kurs bringen und einer quirligen 85-Millionen-Bevölkerung Kasernenhof-Ordnung einbleuen zu können.
Es ist der fünfte Versuch von Soldaten in Nigerias 24jähriger Geschichte als unabhängiger Staat - und die Aussichten auf Erfolg scheinen heute geringer als je zuvor. Denn das volkreichste Land Afrikas ist eine "Schuldner- und Bettlernation" geworden - so zumindest sieht es einer der Putschisten, der Brigadegeneral Sanni Abacha. Der junge nigerianische Staat, der den furchtbaren Bürgerkrieg um Biafra (mindestens eine Million Tote) überstand, droht an den Folgen von unvermittelt hereingebrochenem Wohlstand zu ersticken.
Plötzlicher Reichtum - der Preis für ein Barrel Öl stieg von 2 Dollar 1973 auf 34 Dollar 1981 - hatte die Nation in einen Konsum- und Investitionsrausch gestürzt, dem schlagartig die Ernüchterung folgte, als 1982 die Preise fielen und die Nachfrage für teures nigerianisches Öl sank.
Die drakonischen Putschisten stehen vor unfertigen Entwicklungsprojekten und unbezahlten Rechnungen. Die Strukturkrise des Landes, die sie den "korrupten Zivilisten" ausschließlich anlasteten, können auch die uniformierten Politiker nicht beheben. Die Fabriken des Landes arbeiten mit nur einem Viertel ihrer Kapazität; für notwendige Importgüter, wie Kfz-Teile, fehlen Devisen. Nigerias Landwirtschaft, die einst ihre Produkte ausführte, ist seit der goldenen Ölepoche zu einem marginalen Wirtschaftszweig verkommen. Folge: Lebensmittel müssen importiert werden.
In den Städten gestrandete Männer finden keine Arbeit mehr und enden oft in einem Heer von Kriminellen, das sich mit Raub am Leben hält. Zu den prominenten Verbrechensopfern dieses Sommers in Lagos gehören Kubas Botschafter und sein Presseattache, die beide verletzt wurden, als sie ihr Auto den Angreifern nicht kampflos überlassen wollten.
Die Wildwest-Zustände in ihrem Land bekämpft die Militärregierung mit einer
Brachialgewalt ohne Beispiel in Nigerias Geschichte. Militärtribunale können ohne weiteres Bürger zum Tode verurteilen, die Banknoten fälschen, illegal Öl exportieren oder auch nur Telephonkabel stehlen. Wer bei Schul- oder Universitätsexamen betrügt und älter als siebzehn Jahre ist, dem drohen 21 Jahre Gefängnis.
Noch ist kein Fall eines zur Höchststrafe verurteilten Schummlers bekannt. Überfüllt sind Nigerias Strafanstalten indes allemal. Im Lagoser Ikoyi-Gefängnis, für 600 Insassen gebaut, drängen sich bereits 2200 Häftlinge. Und immer mehr Neuankömmlinge werden in die teilweise schon mit 90 Männern belegten, primitiven Massenzellen ohne Pritschen und Toiletten gepfercht.
Gefangenennachschub schickt ein Tribunal, das im "Court of Conduct" am Tafawa-Balewa-Platz tagt und Urteile wie am Fließband fällt. Der Standardspruch: fünf Jahre - es ist die Mindeststrafe, zumal für Devisenvergehen.
In dem kahlen, klimatisierten Gerichtsraum bekennen sich verwirrte, der englischen Amtssprache kaum mächtige Angeklagte schuldig: "I am guilty, but I did not know" (schuldig, aber unwissend). Sie wollen nicht gewußt haben, daß neuerdings bestraft wird, wer aus dem Ausland die Landeswährung Naira (legaler Kurs: 1 Naira = 3,75 Mark) mitbringt.
Im autoritären Nigeria mit seiner zu hoch bewerteten Währung lohnt sich der Import von Nairas, die billig im Ausland gekauft wurden. Doch viele Angeklagte sind sich keiner Schuld bewußt; denn wie sollen nigerianische Händler und Gastarbeiter in Saudi-Arabien oder an der Elfenbeinküste erfahren, daß zu Hause plötzlich drakonische Strafen gelten für ehedem normales Verhalten?
Der Zivilist (neben mindestens zwei Offizieren) am Richtertisch des Tribunals trägt das Abzeichen des "Krieges gegen Disziplinlosigkeit". "War Against Indiscipline", abgekürzt "WAI", ist - neben der Abschreckung durch Erschießungskommandos und Gefängnishaft - der jüngste Militär-Appell an den schwankenden nigerianischen Bürgersinn. Das "militärische Eingreifen in das politische Leben unseres Landes", so rief Brigadegeneral Tunde Idiagbon den Zivilisten im Lande zu, diene allein dem Ziel, "alle Lebensbereiche mit Disziplin zu erfüllen".
Erste Disziplinarmaßnahme: Es wird, nach britischem Vorbild, Schlange gestanden. An Bushaltestellen der Hauptstadt warten die Fahrgäste in langen Reihen, und auf dem Postamt rufen die Geordneten und Sortierten: "WAI, WAI, WAI", wenn sich jemand vordrängelt.
Zweite Disziplinarmaßnahme: Das Regime preist das nationale "Arbeitsethos". Fernsehspots und Plakate fordern pünktlichen Dienstantritt. Militärgouverneure, wie Oladayo Popoola vom Bundesstaat Oyo, bauen sich vor den Eingängen von Ministerien auf und entlassen auf der Stelle Beamte, die zu spät eintreffen.
Dritte Disziplinarmaßnahme: Müllbeseitigung. "Liegt eine Leiche in Ihrer Straße?" beginnt ein Merkblatt für die Bevölkerung. Die Regierung des Bundesstaates Lagos hat einen Abfallbeseitigungs-Dienst eingerichtet, der - falls die Telephone funktionieren - Tag und Nacht angerufen werden kann. In ländlichen Regionen agitieren WAI-Mitarbeiter gegen die alte Unsitte, den Busch niederzubrennen (um Tiere zu jagen oder Boden für den Ackerbau zu gewinnen).
Sinnvolles verblaßt vor dem Unsinn des administrativen Dauer-Drills. So will ein Bundesstaat in allen Schulen die Prügelstrafe wieder einführen. Der Militärgouverneur von Bauchi forderte alle unverheirateten Frauen auf, innerhalb von drei Monaten eine Ehe zu schließen oder den Staat zu verlassen. Nach Mecka reisenden Pilgern gaben die Kämpfer gegen die Disziplinlosigkeit einen Elf-Punkte-Kodex mit auf den Weg ("schmuggelt nicht, bettelt nicht"). Und einem deutschen Residenten in Nigeria half die Kampagne aus einer mißlichen Situation:
An einer Straßensperre kontrollierte ein Soldat Paß und Gepäck im Wagen des Weißen. Dann forderte er, weil es so üblich ist, ein Geschenk: "Geben Sie mir Ihr Feuerzeug." Der Deutsche: "Nein, das geht nicht, denn ich bin ein Soldat wie Sie."
"Wieso ein Soldat? Sind Sie von der deutschen Armee?"
"Nein, aber ich bin Soldat im Krieg gegen die Disziplinlosigkeit." Da schnarrte der Nigerianer: "Yes, Sir", salutierte und gab die Straße frei.
Kritische Nigerianer erinnert die WAI-Aktion an längst vergessene Kampagnen: Das Landwirtschaftsprogramm "Operation feed the Nation" ("OFN") unter dem Militärherrscher Obasanjo verlief ebenso im Sande wie die "ethische Revolution" eines "Ministeriums der nationalen Führung" unter der letzten Zivilregierung.
Doch der WAI-Irrsinn hat auch noch eine bedenkliche Methode. So verheißen Plakate im Bundesstaat Kwara: "Der Preis für eine glückliche Zukunft ist immerwährende Wachsamkeit." Die Bürger sollen darum Gesetzesbrecher den Behörden melden. An den Grenzen zwischen Nigerias 19 Bundesstaaten kontrollieren
Soldaten oder Polizisten die Fahrzeuge. Seit August dürfen die in Lagos akkreditierten Diplomaten das Gebiet der Hauptstadt nicht mehr ohne Genehmigung verlassen.
Die Folge hat mit Disziplin nichts zu tun - im Nigeria der Militärs herrschen Unsicherheit und Angst. Der Traum von der freien Demokratie ist, wie auch sonst fast überall in Afrika, ausgeträumt. Der Kontinent treibt in eine autoritäre, diktatorische Phase.
Soldaten regieren in 24 von 51 Staaten, in der Region am Südrand der Sahara gar in 17 von 23 Ländern. "Die entscheidende Macht", so schreibt der aus Kenia stammende Politologie-Professor Ali Mazrui, "gehört in Afrika nicht jenen, die die Produktionsmittel besitzen ... sondern jenen, die die Mittel der Zerstörung kontrollieren."
Vor ihnen, den Militärs, haben viele Nigerianer Angst: Unternehmer fürchten, vor Gericht gezerrt zu werden, weil sie noch vor dem Putsch sogenannte Mobilisierungsgelder gezahlt haben - beweglich gemacht wurden nach Landessitte die Beamten des Zivilregimes, die Aufträge zu vergeben hatten.
Nigerias Angestellte sorgen sich, weil sie sich für die damalige Regierungspartei engagierten. Journalisten üben sich in Selbstzensur und Hofberichterstattung, seit ihre Kollegen Tunde Thompson und Nduka Irabor zu einem Jahr Haft verurteilt wurden.
Die beiden hatten im Lagoser "Guardian" (der dafür eine hohe Geldstrafe zahlen muß) etwas so Staatserschütterndes berichtet wie die Tatsache, daß Nigerias Vertreter in London Schwierigkeiten mit seiner Akkreditierung habe. Ein Gericht
verurteilte sie aufgrund der Verordnung Nummer vier der Militärregierung. Sie verbietet die Veröffentlichung von Meldungen, die einen Amtsinhaber in Verlegenheit bringen können.
Die Journalisten teilten im Lagoser Kirikiri-Gefängnis eine Zelle mit dem Geschäftsmann Richard Klosa aus Delmenhorst. Der Deutsche war wegen Devisenvergehen zu sechs Jahren verurteilt worden (inzwischen ist er wieder frei). Auf einen Prozeß wartet noch der Deutsche Klaus Siemuth, Chef der Schiffahrtlinie Pan Atlantic, die mit der gestürzten Zivilregierung umfangreiche Geschäfte gemacht hatte.
Nigerianische Untersuchungsgefangene haben es schwer, einen guten Anwalt zu finden. Selbst die Ärzte zögern, Atteste über den Gesundheitszustand von Gefangenen zu schreiben. Niemand möchte sich mit den allmächtigen Militärs anlegen.
Die "Khaki boys", wie viele Nigerianer ihre Soldaten früher zärtlich nannten, schaffen die große Wende zum Besseren ihres Staates nicht: Ein Land aus 250 verschiedenen Stammesgruppen kann nicht über Nacht in Habacht-Stellung gebracht werden. Unmöglich ist es, Korruption und Vetternwirtschaft einer Gesellschaft auszutreiben, die in weiten Teilen noch gemäß dem Prinzip von do, ut des funktioniert: Gib, damit dir gegeben werde. Und wahrscheinlich können die Soldaten schon deshalb keinen grundsätzlichen Wandel bringen, weil sie den gleichen Gesetzen unterliegen wie alle anderen Nigerianer.
Auch die "Khaki boys" haben Großfamilien, Klan- und Stammesbrüder, die versorgt werden wollen. Auch sie erleben, daß der Druck der Sippe im gleichen Maße zunimmt, in dem der Einzelne Erfolg hat und Macht gewinnt. Einfluß aber läßt man in Nigeria nicht ungenutzt wie ein nettes Prestige-Erlebnis verstreichen.
"Die Nigerianer sind eine Nation von Geschäftsleuten. Vom Koch bis zum Gouverneur, vom Bauern bis zum General", so ein ehemaliger englischer Militärberater, "praktisch jeden Nigerianer drängt es hinaus in die Ozeane des Geschäftslebens."
Auf diesen Meeren fischen nun wieder die Militärs: "Uns ist beigebracht worden, gute Soldaten zu sein und nicht Politiker", hatte zwar nach dem Sturz des Zivilregimes 1966 der Brigadegeneral Ogundije gesagt: "Es liegt nicht in der Natur von Offizieren ... sich in die Politik einzumischen." Das Gegenteil ist wahr. In den letzten 18 Jahren haben Nigerias Offiziere 14 Jahre lang regiert. Und die Macht ist den Militärs finanziell gut bekommen.
Am Ende des Militärregimes von Yakubu Gowon (1975) hatte der Gouverneur von Kano, Audu Bako, zwei große Farmen erworben, der Mittelwest-Gouverneur, General Ogbemudia, besaß zehn Latifundien. General Theophilus Danjuma, Stabschef unter einer anderen Militärregierung, wurde nach Rückkehr ins Zivilleben Manager und Mitbesitzer einer Schiffahrtslinie.
"Man kann nach Nigeria einen ganzen Eisenbahnzug hineinschmuggeln", sagte der General-Reeder vor einigen Jahren, "wenn man nur bereit ist, dem Zoll die entsprechende Bestechungssumme zu zahlen." Beleidigte Zollbeamte schlugen zurück: Danjumas Schiffe hätten Schmuggelgut im Wert von fünf Millionen Dollar eingeführt.
Die Nähe zwischen Kommerz und Amt ist nicht überraschend in der Dritten Welt. Und auch in den frühkapitalistischen Gesellschaften Europas pflegten Männer in die Politik zu gehen, weil sie reich werden wollten und nicht, weil sie schon reich waren. Ein Wort in Haussa, der am weitesten verbreiteten Sprache Nigerias, verrät das Geheimnis der politischen Karriere in Westafrika: "talaka" heißt sowohl "armer Mann", wie auch "Mann ohne Amt".
Aufsteigergenerationen kommen in Afrika genau wie sonstwo auf der Welt nur selten legal zum ersten großen Geld. Nigerianer fragen: "Haben die Kennedys in Amerika vor sechs Jahrzehnten nicht auch als Whiskey-Schieber angefangen?"
In Nigerias erster Regierung nach der Unabhängigkeit galt Finanzminister Chief Festus Okotie-Eboh ("Mister Zehn Prozent") als Weltmeister der Bestechlichkeit. Soldaten erschossen den Raffer beim ersten Coup 1966, und wenige in Nigeria haben darüber getrauert. Doch Okotie-Eboh hatte keineswegs all sein Geld sinnlos verpraßt. Er hatte seiner Tochter, einer Medizinerin, zur Promotion als Ärztin eine vollständig ausgerüstete Klinik geschenkt. Und die dient bis heute einem ganzen Landkreis.
Das Bild der neuen Herrscher in Lagos vom korrupten Politiker auf der einen und dem braven Soldaten auf der anderen Seite ist ein Trugbild. Es stimmt wohl, daß die zivile nigerianische Präsidentschaft die Steuerzahler jährlich Millionen kostete. Und gewiß muß niemand mehr Parteien bestechen, da es keine mehr geben darf. Doch der Folgerung eines Autors in "Spectrum", der Intellektuellen-Zeitschrift von Lagos, "Demokratie ist ein Luxus, den wir uns derzeit nicht leisten können", widersprechen viele Nigerianer. "Jetzt halten doch
in Wirklichkeit statt zweien drei die Hand auf", berichtet ein Manager aus der ostnigerianischen Hafenstadt Calabar: "Neben Zoll und Polizei kassiert nun auch noch die Armee."
Obendrein unterscheiden sich die Führer aus den Offizierskasinos in einem wichtigen Punkt von den Zivilisten: Während die Politiker ihre Gegensätze durch Diskussionen und Intrigen, Abstimmungen und Abschlagszahlungen - auf alle Fälle aber unblutig - ausfechten, tragen die Militärs ihre Konflikte mit der Waffe aus. "Der erfolgreiche Militärcoup", so schreibt Femi Aribisala vom Lagoser Institut für Internationale Angelegenheiten, "ist die Mutter des Gegencoups."
Nigerias Geschichte gibt ihm recht: Dem Putsch, der am 15. Januar 1966 die erste Republik beendete und den General Ironsi an die Macht brachte, folgte Gowons Gegenputsch vom 29. Juli. Bilanz der beiden Revolten: Hunderte von Offizieren und Unteroffizieren der nigerianischen Streitkräfte starben. Am 29. Juli 1975 vertrieben Offiziere unter Murtala Mohammed den General Gowon. Mohammed aber fiel bei einem Gegencoup am 13. Februar 1976, der allerdings scheiterte, denn seine Militärregierung, nun von General Obasanjo geführt, blieb an der Macht. Bilanz: 50 Offiziere wurden hingerichtet.
"Es war mein Glück, daß ich gerade einen Kursus im Ausland besuchte", erzählt ein Offizier aus dem Stab des Anti-Mohammed-Verschwörers Generalmajor Bissalla. Seine Kameraden hätten ihn erschossen, wenn er sich nicht an ihrer Aktion beteiligt hätte. Für die Teilnahme an dem Unternehmen aber wäre er auch hingerichtet worden, denn es war erfolglos.
1979 gaben Nigerias Soldaten die Regierungsgewalt zurück an die Zivilisten. Und es floß kaum Blut, als sich die Militärs die Macht zum Jahreswechsel 1983/84 zurückholten. Das Volk jubelte - wie bei jedem Putsch -, stöhnt aber inzwischen unter den neuen Herren:
Die Preise für Lebensmittel liegen heute um 100 bis 200 Prozent höher als vor einem Jahr. Der Sack Salz, der offiziell acht Naira kosten soll, wird für 80 bis 120 Naira gehandelt. Knapp und oft überhaupt nicht zu haben sind auch Brot, Reis und Tee, Produkte, an die sich die Nigerianer in der Boomzeit gewöhnt haben. Traditionelle Lebensmittel wie Yams und Kassave aber werden nicht mehr ausreichend angebaut und sind deshalb auch unerschwinglich teuer.
"Drei Mahlzeiten am Tag können sich die meisten Menschen nicht mehr leisten", klagt die "Nigerian Tribune" aus Ibadan, "die Gesichter vieler Menschen sind vom Hunger gezeichnet."
Not ist über viele gekommen, weil Staats-Projekte aller Art eingestellt wurden. Am riesigen Niger-Staudamm bei Jebba zum Beispiel, der zu 90 Prozent fertiggestellt ist, rührt sich keine Hand mehr. Auf den Baustellen gewaltiger Fernstraßen rosten riesige Maschinen.
Staatliche und halbstaatliche Unternehmen entlassen massenhaft Arbeitskräfte. "Es ist nicht die Absicht der Militärregierung, Härtefälle der Gekündigten zu überprüfen", heißt es in einem Entlassungsbrief an 2000 langjährige Eisenbahnangestellte, "Eingaben sind deshalb zwecklos." Zeitungen berichten von Selbstmorden auf die Straße gesetzter Familienväter. Der stellvertretende Polizeichef des Bundesstaates Kaduna, Zakari Halim, erklärt die steigende Verbrechensrate in seiner Gegend mit ähnlichen Massenentlassungen.
Die herrschenden Militärs aber machen ihre zivilen Vorgänger für alle Wirtschaftsübel des Landes haftbar. Ehemalige Gouverneure von neun Bundesstaaten sind bereits zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Hunderte von Amtsinhabern des alten Regimes sitzen in Untersuchungshaft oder stehen unter Hausarrest - Ex-Präsident Shagari in einer schwer bewachten zweistöckigen Villa im Lagoser Stadtteil Ikoyi.
Shagaris wichtigster Mann, der Transportminister und Verantwortliche für die Wahlkampagne des Präsidenten, Umaru Dikko, war am Tag des Coups aus Nigeria entkommen - nicht als Priester verkleidet oder nach Anwendung des unsichtbar machenden Zaubermittels "layan zana", wie Nigerianer flüstern. Der unscheinbar wirkende Herr reichte
den Posten an der aus Lagos herausführenden Eko-Brücke zehn Naira aus dem Wagenfenster. Die riefen "Happy New Year" und ließen das Auto passieren.
Über Nachbarstaaten gelangte Dikko, der mit einer Nichte Shagaris verheiratet ist, nach London. Von dort wollten ihn Nigerias neue Machthaber entführen. Der Kidnap-Versuch scheiterte in letzter Minute (siehe Kasten Seite 176).
Dikko und Shagari entstammen der moslemischen Haussa-Fulani-Volksgruppe Nordnigerias - wie die Mehrheit der hohen Amtsträger der gestürzten Zivilregierung. Die Strafe für Mißwirtschaft und Vergehen des Regimes trifft bislang vornehmlich südliche Mitläufer.
Nur einer der verurteilten neun Gouverneure ist ein Moslem aus dem Norden. Und während Shagari lediglich in einer Prachtvilla unter Arrest gehalten wird, sitzt sein einstiger Vizepräsident, der christliche Angehörige des Ibo-Stammes, Alex Ekueme, im Kirikiri-Gefängnis. Andererseits aber gehören 13 der 19 Mitglieder des regierenden Obersten Militärrates zu den moslemischen Haussa und Fulani.
Schon sprechen Nigerianer wieder von nördlicher Dominanz, dem Fluch, der ihr Land seit der Unabhängigkeit belastet. Und galten einmal die Emire aus dem Norden als graue Eminenzen im Staat, so soll das heute die "Kaduna-Mafia" sein, eine Seilschaft von Absolventen nördlicher Eliteschulen, so genannt nach der nordnigerianischen Verwaltungs- und Bildungsmetropole Kaduna.
Ein Beispiel für einen Kaduna-Mafioso ist Alhadji Mohammed Lawal Rafindadi. Der stämmige Nordnigerianer hatte dem letzten Zivilregime als Abteilungsleiter im Geheimdienst NSO (Nigerian Security Organisation) und später als Botschafter in Bonn gedient, wo er einen Mercedes 500 fuhr. Aber offenbar war er in die Putschpläne der Militärs eingeweiht: Im letzten Jahr hatte Verschwörer-General Abacha seinen Freund Rafindadi in Deutschland besucht, und nach ihrem erfolgreichen Coup machten die Militärs den Bonner Botschafter zu ihrem Geheimdienstchef.
Daß Nigerias NSO nun unter Rafindadi einen Exilpolitiker entführen wollte, beunruhigt Intellektuelle in Lagos. "Unsere Regierenden sind auf Gaddafi-Niveau abgerutscht. Aber täuschen wir uns nicht. Die meisten hätten gejubelt, wenn die Entführung geklappt hätte, und die Militärs wären die Größten gewesen. Es dauert immer eine Zeit, bis Nigerianer Realitäten sehen."
Erst 1974, acht Jahre nach der ersten Machtübernahme durch die Soldaten, hatte die Zeitung "New Nigerian" über die Korruption im Lande geschrieben: "Das Spiel hat sich kaum verändert, nur seine Darsteller sehen anders aus. Statt Männern in (der Nationaltracht) Agbada sind es nun Männer in Khaki."
Diesmal werden schon acht Monate nach dem Militärputsch schüchterne Rufe nach einer Regierung ohne khakifarbene Kleidung laut. "Die Geschichte rechtfertigt die Bevorzugung von ziviler Herrschaft", schreibt der Autor Pat Utomi im Lagoser "Spectrum" in Verteidigung der pluralistischen Demokratie: "Letzten Endes muß nämlich auch Gott ein Demokrat sein. Denn er schuf die verschiedensten Arten von menschlichen Wesen - sogar die Nigerianer." _(Englischer Text: "Nigerias ) _(Eisenbahngesellschaft entläßt 2000 ) _(Angestellte." )
[Grafiktext]
AFRIKA NIGERIA NIGER SOKOTO Sokoto KANO Kano BORNO KADUNA Kaduna BENIN BAUCHI NIGER Minna Niger Jebba-Staudamm (in Bau) KWARA PLATEAU GONGOLA Benue OYO Ibadan OGUN ONDO BENUE KAMERUN BENDEL Benin ANAMBRA Enugu CROSS RIVER Calabar Ikot Ekpene LAGOS Lagos IMO RIVERS NIGERIA Die 19 Bundesstaaten der Republik 200 Kilometer
[GrafiktextEnde]
Englischer Text: "Nigerias Eisenbahngesellschaft entläßt 2000 Angestellte."

DER SPIEGEL 41/1984
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