10.12.1984

BÜCHERIns Ordinäre

Heinz G. Konsalik, Weltauflage 65 Millionen Bücher in 22 Sprachen, hat seinen hundertsten Roman veröffentlicht. *
Sein Verlag, Hestia, der wirklich sein Verlag ist, hat ausgerechnet, was Konsaliks Erfolg bedeutet: "Jede 10. Sekunde - ob am Tag oder in der Nacht - erwirbt irgendwo auf der Welt jemand ein Konsalik-Buch. Jährlich werden rund um den Erdball mindestens 3,2 Millionen Konsalik-Romane verkauft."
Den Zugang zu diesem gewaltigen OEuvre, für das er im nächsten Jahr eine bedrohliche zehnbändige Dünndruckausgabe plant, versucht Konsalik mit Einlese-Tips für Novizen zu erleichtern: Einem Mann empfiehlt er, "Ein Kreuz in Sibrien" zu lesen, Frauen schreibt er "Eine glückliche Ehe" vor, und Jugendlichen gibt er "Zum Nachtisch wilde Früchte".
Nach allen, die den Einstieg in die Konsaliksche Subkultur geschafft haben, streckt er jetzt "Die strahlenden Hände" aus, seinen hundertsten Roman. _(Heinz G. Konsalik: "Die strahlenden ) _(Hände". Hestia Verlag, Bayreuth; 508 ) _(Seiten; 36 Mark. )
Am kruden "Schicksal einer Wunderheilerin aus dem Münsterland", wo die Natur noch "bis in die Häuser wächst", beklagt er den Zustand der Heimatfront.
Corinna, "eine junge Frau von südrussischem Typus mit einem winzigen Schuß Asien", hat ein Problem: Sie hat "lange, schmale Finger, deutlich zu lang für eine Frau". Sie lebt im Städtchen Hellenbrand, und da fallen ihre "zehn Antennen, mit Fleisch und Haut überzogen. Blödsinn! Nicht Antennen ... Sender" natürlich auf.
Sie empfängt Krankheitssignale und sendet Heilungsimpulse und fertigt im Rahmen ihres vom Autor verordneten Schicksals von der "vereiterten Flöte" bis zum Kolonkarzinom alles erfolgreich ab, womit die Schulmedizin nach Meinung Konsaliks Schwierigkeiten hat.
Während draußen "über den vier Reihen des Spargelbeetes der Mondschein wie ein silberner Deckel liegt", liegt drinnen im Wohnzimmer die Mutter unter den heilenden Händen ihrer Tochter, die sich beim Heilen vorkommt, als "sauge ihr jemand das Rückenmark aus den Knochen", weshalb sie zur Erholung auch schnell "an ihrer Zigarette saugt". Schließlich muß sie ja bis zum Ende des Jubiläumsbandes durchhalten. Und mit ihr der Leser. Was für keinen leicht ist, denn neben der langweiligen oralen Lust des Autors an der regenerierenden Kraft des Saugens quält seine kindische Freude an den Mandelaugen und den geschlitzten Lippen seiner Protagonistin.
Wie Corinna, der man nach der publik gewordenen Heilung der Mutter als der "sibirischen Hexe" übel mitspielt, fühlt auch Konsalik sich verfolgt. Nach einem Rundumschlag gegen die Presse ("Einen Brückenkopf in Rußland zu halten, ist einfacher, als der Infamie eines deutschen Magazins zu widerstehen") und das Fernsehen ("... das Fernsehen hat doch alles zur Sau gemacht. Damit müssen wir leben. Das ist Meinungsfreiheit") stürmt Konsalik "fuchsteufelswild" auf seiner Ideenflucht nach vorn. Den weißen Kittel triefend von "völlig gesundem Urin", stolpert er immer wieder über den Stab des Äskulap, sieht "eine ganze Reihe von abscheulichen Krankheiten, die schlimmste war Impotenz", beschreibt als versierter Anatom die "Armkugeln" (?) und hält verzweifelt Ausschau, daß doch endlich "der Krebs die weiße Flagge zeigt".
Er hat es satt, vorgeben zu müssen, seine medizinischen Kenntnisse durch "jahrelange Studien" oder "durch Teilnahme an der vorderen Front: am OP-Tisch" erworben zu haben. Nur selten noch kaschieren die "strahlenden Hände" ihren Griff ins klinische Wörterbuch, aus dem sie wahllos exzerpieren. Sie wollen lieber zupacken, am liebsten ins andere Geschlecht.
So erzählt Konsalik, "den lockenden Knopf ihrer Brustwarze" oder "das gewölbte kraushaarige Dreieck" unklar vor Augen, wie "mich das Luder (anspringt)", und belehrt Naive: "Sie glauben nicht, was Frauen gerade im Intimbereich verstecken können."
Atemlos pumpt er seinen permanenten Casinowitz ("Die Trockenheit, die Trockenheit, ist nicht das Beste für ein Weib") in den monströsen Schwellkörper seiner Druckvorlage und wird dabei nur einmal nachdenklich: "Er riß sich zusammen, fühlte sich idiotisch und flüchtete gedanklich zur Abwehr ins Ordinäre. Das sind Titten, was? ... und er wunderte sich selbst über diese nie mehr erwartete, kraftvolle Erektion."
Heinz G. Konsalik: "Die strahlenden Hände". Hestia Verlag, Bayreuth; 508 Seiten; 36 Mark.

DER SPIEGEL 50/1984
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