04.03.1985

SPIEGEL Gespräch„Wir sind bis zur Schädeldecke bewaffnet“

Ma Anand Sheela, Präsidentin des internationalen Bhagwan-Konzerns, über Religion, Sex und Kapitalismus *
SPIEGEL: Sie sind das einzige menschliche Wesen, das seit dem Umzug des Rajneeshi-Hauptquartiers von Poona nach Oregon ständig Zutritt zu Sektenstifter Bhagwan Shree Rajneesh hat. Was qualifiziert Sie zu diesem Privileg?
MA ANAND SHEELA: Es ist mein Glück, das mich dazu qualifiziert. Außerdem ist Bhagwan mitfühlend mit mir. Und drittens bin ich seine Sekretärin.
SPIEGEL: Sind Sie eine erleuchtete Sekretärin?
MA ANAND SHEELA: Ich bin nicht erleuchtet. Es gibt überhaupt niemanden in der Umgebung von Bhagwan, der erleuchtet ist. Der einzige Erleuchtete ist Bhagwan selbst.
SPIEGEL: Ist es Zufall, daß im Topmanagement des Bhagwan-Konzerns vorwiegend Frauen sind?
MA ANAND SHEELA: Nein, das ist kein Zufall. Es liegt einfach daran, daß Frauen intelligenter sind als Männer.
SPIEGEL: Generell intelligenter?
MA ANAND SHEELA: Ja, generell. Frauen sind immer intelligenter als Männer. Die weibliche Intelligenz rings um Bhagwan artikuliert sich einfach schneller und schärfer.
SPIEGEL: Ihre Organisation ist sehr wohlhabend, aber der gemeinsame Wohlstand ist ungleich verteilt. Der Meister besitzt 68 Rolls-Royce. Anderen wird Bedürfnislosigkeit gepredigt. Sind seine materiellen Bedürfnisse anders als die der einfachen Sanyasin, wie Sie Ihre Mönche nennen?
MA ANAND SHEELA: Was ist gleich, was ist ungleich?
SPIEGEL: Ungleich ist es, wenn einer 68 Rolls-Royce hat und ein anderer gar keinen.
MA ANAND SHEELA: Wer hat 68 Rolls-Royce?
SPIEGEL: Bhagwan.
MA ANAND SHEELA: Nein, es sind 75. Aber sie gehören dem Rajneesh Modern Car Collection Trust. Bhagwan ist, finanziell gesehen, der ärmste Mann der Welt. Er besitzt überhaupt nichts.
SPIEGEL: Wir nennen es Ausbeutung, wenn Sie junge Leute einladen, ihnen 280 Dollar die Woche abnehmen, sie dafür 10 Stunden am Tag arbeiten lassen und das alles Andacht nennen.
MA ANAND SHEELA: Nein, in Rajneeshpuram wird nicht ausgebeutet. Arbeit als spirituelle Andacht kommt aus der Freude und ist nicht etwa eine _(Im Kölner "Ashram" der Sekte, mit ) _(Redakteuren Rainer Weber und Erich ) _(Wiedemann. )
Frage von Bedürfnis oder Regularien. Ihre 280 Dollar sind dummes Zeug.
SPIEGEL: Der Betrag ist nicht korrekt?
MA ANAND SHEELA: Die ganze Sache ist unkorrekt. Die meisten Ihrer Fragen sind falsch.
SPIEGEL: Unsere Fragen sind nicht falsch, sie passen Ihnen nur nicht.
MA ANAND SHEELA: Aber Sie sollten nicht ständig etwas unterstellen. Stellen Sie mir die richtigen Fragen.
SPIEGEL: Also: Ist es richtig, daß Ihre Gäste 280 Dollar die Woche zahlen müssen und dafür 10 Stunden täglich umsonst arbeiten müssen?
MA ANAND SHEELA: Es gibt verschiedene Programme von verschiedenen Gesellschaften in Rajneeshpuram für Leute, die gern nach Rajneeshpuram kommen und an der Religion des Rajneeshismus ihre Freude haben wollen. Es hängt von ihnen selbst ab, ob sie den Spaß an der gemeinsamen Arbeit in Liebe und Harmonie erfahren wollen oder nicht.
SPIEGEL: Warum nimmt denn Bhagwan nicht an dieser Andacht teil? Was arbeitet der denn?
MA ANAND SHEELA: Was wollen Sie über Bhagwan wissen?
SPIEGEL: Die Wahrheit.
MA ANAND SHEELA: Bhagwan ist die Wahrheit. Haben Sie vergessen, daß Bhagwan dreißig Jahre daran gearbeitet hat, daß eine halbe Million Menschen rings um den Globus eine neue Lebensform gefunden haben, ein viel authentischeres Leben führen, als Sie beide es sich vorstellen können?
SPIEGEL: Was ist mit den Menschen, die sich aus diesem glücklichen Leben zurückgezogen haben?
MA ANAND SHEELA: Das ist deren Problem.
SPIEGEL: Sie sind zumindest nicht glücklich geworden.
MA ANAND SHEELA: Dann war es richtig, daß sie sich zurückgezogen haben. Lassen Sie uns lieber über fröhliche Menschen reden. Ich bin für Glück und Authentizität und nicht für Trübsal.
SPIEGEL: Der Rajneeshismus kümmert sich also nicht um das Schicksal seiner Drop-outs?
MA ANAND SHEELA: Wir beklagen nicht das Schicksal von irgend jemandem. Wir leben hier und jetzt. Rajneeshismus basiert auf dem Prinzip von jetzt oder nie.
SPIEGEL: Viele junge Menschen, die Ihrer Religion den Rücken gekehrt haben, sind heute schwer geistig und psychisch gestört, und Sie sagen, das sei nur deren Problem.
MA ANAND SHEELA: Wenn jemand geistig gestört ist, dann gehört er, ganz gleich ob er dem Katholizismus, dem Rajneeshismus oder irgendeinem anderen Ismus angehört, ins Irrenhaus.
SPIEGEL: Man spricht im Zusammenhang mit Ihrer US-Niederlassung Rajneeshpuram in diesen Tagen viel von Blutvergießen ...
MA ANAND SHEELA: Ich weiß, was ich gesagt habe: Für jeden von unseren Leuten, den die anfassen, packe ich mir 15 von denen. Weil ich 15mal besser bin als die. Mindestens.
SPIEGEL: Sie haben gesagt, Sie würden die Bulldozer mit Blut anmalen. Mit Ihrem Blut oder dem Blut der anderen?
MA ANAND SHEELA: Ich habe gesagt, ich würde deren Bulldozer mit meinem Blut bemalen.
SPIEGEL: Heißt das, daß Sie zu einem Massenselbstmord wie 1978 die Gemeinde des Predigers Jim Jones in Jonestown bereit sind, wenn jemand versuchen sollte, Ihre Ranch in Oregon niederzureißen?
MA ANAND SHEELA: So etwas habe ich nicht gesagt. Das sind alles Ihre Unterstellungen. Aber es ist außerordentlich klar, daß ich die erste sein werde, die sich vor die Bulldozer wirft.
SPIEGEL: Das erinnert doch sehr an die Stimmung in Jonestown vor dem Massaker.
MA ANAND SHEELA: Ich weiß nichts über die Stimmung vor dem Jonestown-Massaker. Ich habe mit Jonestown nichts zu tun. Außerdem gab es in Jonestown keine Bulldozer. Was dort passiert ist, war eine Dummheit. Wenn jemand kommt und mein Haus einreißen will, werde ich dort stehen und es schützen.
SPIEGEL: Auch auf das Risiko, dabei zu sterben?
MA ANAND SHEELA: Es ist mein Heim, würden Sie nicht Ihre Frauen und Ihre Kinder verteidigen?
SPIEGEL: Verteidigen, gut, aber würden Sie auch zum Angriff übergehen?
MA ANAND SHEELA: Ja, selbstverständlich werde ich angreifen, wenn Sie in mein Haus kommen und es im Rahmen meiner gesetzlichen Möglichkeiten liegt, glauben Sie mir das. Deswegen trage ich ja auch meinen Smith & Wesson-Revolver.
SPIEGEL: Hier? Das ist in Deutschland verboten.
MA ANAND SHEELA: Das ist doch nur ein Gleichnis.
SPIEGEL: Wie schnell können Sie ziehen?
MA ANAND SHEELA: Probieren Sie es doch mal aus.
SPIEGEL: Warum sind Sie und Ihre Leute bis zu den Zähnen bewaffnet?
MA ANAND SHEELA: Nicht bis zu den Zähnen, sondern bis zur Schädeldecke.
SPIEGEL: Die Behörden in Portland haben Sie aufgefordert, eine Liste einzureichen, auf der alle Ihre Waffen aufgeführt sind. Wozu?
MA ANAND SHEELA: Die Behörden in Portland haben keinerlei Autorität über Waffen in Rajneeshpuram. Es gibt keine Behörde in Amerika, der wir Listen einzureichen haben. In Oregon sind die Leute berechtigt, Waffen zu ihrem Schutz oder für die Jagd zu tragen.
SPIEGEL: Aber Sie tragen doch Ihren Revolver nicht, um damit zu jagen. Wer sollte im übrigen wohl eine Armee aufstellen, um Ihre Häuser einzureißen?
MA ANAND SHEELA: Jeder x-beliebige Idiot, und es gibt eine Menge Idioten in Oregon. Der ganze Staat ist voll von Idioten. Der idiotische Generalstaatsanwalt will Gouverneur werden, und er kann es nur erreichen, indem er die einheimischen Oregoner ausbeutet. Die Oregoner stecken voller Vorurteile. Sie sind fanatisch und schikanieren die Leute. Es ist genauso wie damals, als Hitler eine ganze Armee für die Judenverfolgung gründete. Die Juden waren sein Vehikel. Für die Oregoner ist heute die Verfolgung der Sanyasin das Vehikel.
SPIEGEL: Den Vergleich zwischen den deutschen Juden und den Sanyasin finden wir nicht sehr gelungen.
MA ANAND SHEELA: Es ist ein ausgezeichneter Vergleich, abgesehen davon, daß die Juden vergast wurden und wir nicht. Die Juden waren nur so blöd, Massaker zuzulassen.
SPIEGEL: Einer Ihrer deutschen Kritiker hat die Rajneeshi Zombies genannt, die die Grundwerte unserer Zivilisation bedrohen.
MA ANAND SHEELA: Nur ein Zombie kann einen Zombie erkennen. Wenn ein Politiker selbst ein Zombie ist, sieht er in jedem Menschen einen Zombie.
SPIEGEL: Und ein Faschist erkennt in jedem Menschen einen Faschisten. Wir dürfen Bhagwan zitieren: Hitler war nur ein Instrument in der Hand magischer Mächte. Deswegen war er auch nur bis zu einem bestimmten Punkt siegreich.
MA ANAND SHEELA: Ich habe in meinem ganzen Leben nie gehört, daß Bhagwan Adolf Hitler bewundert. Sie müssen den ganzen Vortrag kennen und das alles im richtigen Zusammenhang sehen.
SPIEGEL: Ein paar Fragen zum Geschäftlichen. Hat die Rajneesh Foundation International jemals Ausgleichszahlungen für eine Ihrer Tochterfirmen geleistet? Ist zum Beispiel Geld aus London oder Oregon nach Köln geflossen?
MA ANAND SHEELA: Alle Gesellschaften sind autonom. Sie tragen die volle Verantwortung für das, was sie aufbauen und was sie kaputtmachen.
SPIEGEL: Sie wissen sicher, daß Ihr Schweizer Geschäftsführer Swami Dhyan Dipo 1981 in Zürich Konkurs angemeldet hat, als er noch Urs Birnstiel hieß und Unternehmensberater war. Heute sitzt er bei Ihnen im Management. Finden _(Bei der Eröffnung der Bhagwan-Diskothek ) _("Zorba the Buddha". )
Sie, daß ein Mann wie er in Ihrer Firma eine so führende Rolle spielen sollte?
MA ANAND SHEELA: Warum nicht? Der Bursche ist smart. Er weiß, wann man Bankrott anmeldet.
SPIEGEL: Man wirft Ihnen vor, daß Ihre Transaktionen nicht zu kontrollieren sind. Niemand kann die Finanzströme nachverfolgen, die in Ihrem geschäftlichen Labyrinth zirkulieren.
MA ANAND SHEELA: Keiner kann uns kontrollieren, weil wir gute Geschäftsleute sind.
SPIEGEL: Das hört sich doch ein bißchen nach versuchter Steuerhinterziehung an.
MA ANAND SHEELA: Nein, auch das zeigt nur, daß wir gute Geschäftsleute sind.
SPIEGEL: Gibt es für Ihre geschäftlichen Aktivitäten eine moralische Grenze? Würde es zum Beispiel Bhagwans Prinzipien widersprechen, einen Sexklub zu eröffnen?
MA ANAND SHEELA: Für Bhagwan gibt es keine Grenzen. Und wenn Sie mich fragen: Solange es hygienisch in Ordnung ist, warum nicht? Es ist Sache der Sanyasin, ob sie einen Sexklub aufmachen.
SPIEGEL: Das heißt also, daß wirtschaftliche Aspekte absoluten Vorrang haben?
MA ANAND SHEELA: Nicht Vorrang, sie sind Bestandteil der Religion.
SPIEGEL: Ein Puff als Bestandteil der Religion?
MA ANAND SHEELA: Es ist alles okay, solange es keine Probleme für Sie oder jemanden anders verursacht.
SPIEGEL: Ist es richtig, daß Sie Ihre Anhänger dazu drängen, Ihnen ihre Autos, Häuser und Bankkonten zu überschreiben?
MA ANAND SHEELA: Nein, wir drängen überhaupt niemanden. Wenn sie es aus Liebe tun, nehmen wir Spenden an, wenn sie es aus anderen Gründen tun, kann es passieren, daß wir sie zurückweisen. Wir haben das schon mal getan. Schauen Sie mich an. Ich habe der Organisation nichts gegeben.
SPIEGEL: Sie haben also all Ihr Eigentum behalten. Sind Sie wohlhabend?
MA ANAND SHEELA: Nein, ich habe alles ausgegeben. Trotzdem existiere ich, und ich bin sehr glücklich.
SPIEGEL: Das heißt, es ist nicht wie in einem Kloster, in dem jeder all seinen Besitz der Gemeinschaft ausliefern muß.
MA ANAND SHEELA: Glauben Sie mir, es ist überhaupt nicht wie in einem Kloster. Wir haben eine Menge Spaß. Es ist ganz und gar nicht so jämmerlich wie in einem Kloster.
SPIEGEL: Sanyasin machen auf Photos und im Fernsehen immer so fröhliche Gesichter. Wir sahen Ihre Kollegin Ma Bhagawati in einem heftigen Streitgespräch mit einem Gegner. Trotz des heftigen Wortwechsels verlor sie nie ihr Lächeln. Das können doch nicht normale Reflexe sein. Oder sind Sanyasin tatsächlich immer so glücklich, wie sie aussehen?
MA ANAND SHEELA: Ich sage die Wahrheit. Wenn Sie so einen Typen wie den im Fernsehen treffen, können Sie doch nur lachen. Wenn Sie einen Idioten treffen, können Sie ihn entweder ignorieren oder über ihn lachen. Ein Arschloch können Sie nur auslachen.
SPIEGEL: Wir haben einen Experten gebeten, Ihre Geschäftsbedingungen für uns zu analysieren. Er ist, milde gefaßt, zu dem Schluß gekommen, daß zum Beispiel die Londoner Rajneesh Services International eine sehr ungewöhnliche Firma ist. Es sei, so sagt er, eine unentwirrbare Mischung der unterschiedlichsten Formen des Gesellschaftsrechts.
MA ANAND SHEELA: Was auch immer er sagt, es ist nicht meine Sache, es zu bestreiten. Ich habe mit RSI nichts zu tun.
SPIEGEL: Aber vielleicht können Sie uns doch erklären, warum die Geschäftsbedingungen fünf bis sechs Seiten Finanz-, Kredit- und Immobilienklauseln enthalten, aber nur fünf oder sechs Zeilen, die sich mit Religion beschäftigen?
MA ANAND SHEELA: Das ist nichts Ungewöhnliches. Wir leben in einer kapitalistischen Welt. Man macht doch keine Geschäfte mit eigenem Geld auf, sondern mit dem Geld anderer Leute. Das ist eine ganz normale Praxis. Der Vatikan hat ja auch so allerlei Geschäfte.
SPIEGEL: Der Papst hat Banken, aber keine Diskotheken.
MA ANAND SHEELA: Ich habe RSI selbst schon vorgeworfen, daß sie nicht helle genug sind, um Banken zu eröffnen. Sie sollten sich weltweit in mehr Branchen betätigen.
SPIEGEL: Wir wollten damit nicht sagen, daß wir den Bhagwan für weniger klug halten als den Papst.
MA ANAND SHEELA: Hören Sie auf, Vergleiche zwischen dem Papst und Bhagwan zu ziehen. Sonst kriegen Sie Ärger.
SPIEGEL: Mit wem, dem Papst oder Bhagwan?
MA ANAND SHEELA: Mit mir.
SPIEGEL: Teilen Sie Bhagwans Ansicht, daß der christliche Glaube zu 80 Prozent Mist ist?
MA ANAND SHEELA: Nicht 80, sondern 100 Prozent.
SPIEGEL: Papst- oder Christentum?
MA ANAND SHEELA: Beides.
SPIEGEL: Dürfen wir Ihnen einen Witz erzählen, den Bhagwan häufig erzählt?
MA ANAND SHEELA: Oh, ich bin sehr erfreut, ihn aus deutschem Munde zu hören.
SPIEGEL: Was passiert, wenn Sie einen Pollacken auf den Hinterhof schicken? Antwort: Der Mülleimer ist hinterher leer und der Hofhund ist schwanger. Finden Sie das witzig?
MA ANAND SHEELA: Aus deutschem Munde finde ich es überhaupt nicht witzig. Aus Bhagwans Mund aber würde ich es sehr witzig finden. Wenn Bhagwan mir diesen Witz erzählen würde, dann würde ich mich totlachen.
SPIEGEL: Ein guter Witz für einen Mann, der mit seiner Religion die Brüderlichkeit in der Welt fördern will? Wir nennen den Witz schlicht rassistisch.
MA ANAND SHEELA: Nennen Sie ihn, wie Sie wollen. Wir haben unser eigenes Religionsverständnis. Warum versuchen Sie ständig, mir Ihr Verständnis aufzuzwingen?
SPIEGEL: Können Sie Ihr Religionsverständnis etwas genauer definieren?
MA ANAND SHEELA: So ein Witz wie dieser macht eine Religion lebendig und reißt die Barrieren zwischen verschiedenen Lebensauffassungen und unterschiedlichen Rassen, Religionen und Kulturen ein. Ich sitze hier mit mehreren Amerikanern, einer Chilenin, einer französischen Dame, einigen Deutschen. Aber die einzigen, die ich Deutsche nenne, das sind Sie beide.
SPIEGEL: Warum sind so viele Deutsche oder Ex-Deutsche in Ihrer Religionsgemeinschaft?
MA ANAND SHEELA: Ich muß mal was Gutes über die Deutschen sagen. Sie haben in den Kriegen so sehr gelitten und etwas daraus gelernt: Sie entfernen sich von dieser kranken Mentalität, bewegen sich auf Fröhliches und Lebendiges zu und schließen sich Bhagwan an. Ich verneige mich vor den deutschen Rajneeshis.
SPIEGEL: Man hat viel über Sex in Poona gehört und wenig über Sex in Oregon. Neuerdings warnt Bhagwan davor, daß die Welt an Aids zugrunde gehen wird. Ist es wirklich so schlimm, oder ist es nur in Rajneeshpuram so schlimm? Warum hat Bhagwan Angst vor Aids?
MA ANAND SHEELA: Bhagwan hat keine Angst, er hat sich vor nichts zurückgezogen. Er hat einer breiten Öffentlichkeit den Sex zugänglich gemacht. Er hat gesagt, man müsse sich vor Sex nicht fürchten. Da er aber auch die Gefahren sieht, die mit sexuellen Aktivitäten verbunden sind, ist er als einziger mutig genug, die damit verbundenen Gefahren aufzuzeigen. Jeder soll die richtigen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um den Körper, in dem er wohnt, nicht zu zerstören.
SPIEGEL: Wie ist es um Bhagwans eigenes Sexleben bestellt - mal unterstellt, daß er überhaupt eins hat?
MA ANAND SHEELA: Einem Mann, der so unberechenbar und spontan ist, sollte man überhaupt nichts unterstellen.
SPIEGEL: Also, hat er ein Sexleben oder nicht?
MA ANAND SHEELA: Nicht daß ich wüßte.
SPIEGEL: Sie raten jungen Leuten, daß ein Mann von 25 sich keine Gedanken darüber machen soll, was sein wird, wenn er 65 ist. Was geschieht mit ihm, wenn er krank oder zu alt zum Arbeiten ist? Hat er eine Zukunft in Ihrer Organisation?
MA ANAND SHEELA: Die Zukunft ist jetzt. Wir leben nicht für die Zukunft, wir leben nicht für die Vergangenheit. Die Gegenwart ist alles.
SPIEGEL: Wenn jemand 60 wird, muß er Rajneeshpuram dann verlassen?
MA ANAND SHEELA: Ich kenne in Rajneeshpuram ein paar Leute, die 60 sind, sie sind außerordentlich glücklich. Sie werden geliebt und umsorgt. Was in der Welt draußen Kinder ihren Eltern antun, das gibt es in Rajneeshpuram nicht.
SPIEGEL: Es mag ja sein, daß spontane Leute sehr glücklich sind. Aber dies Verhalten kommt uns irgendwie kindlich, weil verantwortungslos vor.
MA ANAND SHEELA: Ja, es ist wahr, wir sind Kinder in unseren Herzen, gleichzeitig Erwachsene, die sich entschieden haben, glücklich und fröhlich zu sein.
SPIEGEL: Frau Silverman, wir bedanken uns für dieses Gespräch.
*KASTEN
Ma Anand Sheela *
ist Präsidentin der Rajneesh Foundation International und die engste Vertraute des indischen Gurus Bhagwan Shree Rajneesh, dessen Sanyasin (etwa: "Mönche") mit Diskotheken, Restaurants und Bauunternehmen weltweit Milliarden umsetzen.
Ma Anand Sheela, vormals Sheela Silverman, ist gebürtige Inderin und amerikanische Staatsbürgerin. Sie hat den Umzug ihres Gurus aus der indischen Kommune in Poona nach Oregon organisiert, wo der als Sex-Guru berühmt gewordene Bhagwan als Herrscher über seine psychedelische Business-Religion residiert.
Inzwischen predigt der Meister aus Angst vor Aids "hygienischen" Sex. Während der Guru in einer unzugänglichen Villa in den Hügeln lebt, baut Ma (indisch für "Mutter") Anand Sheela die "Religion" des Rajneeshismus und den weltweiten Bhagwan-Konzern zielstrebig aus.
Ma Anand Sheela gehört auch zur Gruppe der "ministers", die im Namen des Guru Ehen schließen, scheiden und Beisetzungszeremonien abhalten dürfen. Sie gilt außerdem als Chefin der schwerbewaffneten Sicherheitsgruppe der zur Festung ausgebauten Bhagwan-Metropole.
Im Kölner "Ashram" der Sekte, mit Redakteuren Rainer Weber und Erich Wiedemann. Bei der Eröffnung der Bhagwan-Diskothek "Zorba the Buddha".
Von R. Weber und E. Wiedemann

DER SPIEGEL 10/1985
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