14.01.1985

Unter Patina von Jahrhunderten ein Farbenfest

Die Restauration der Sixtinischen Kapelle enthüllt einen neuen Michelangelo: Er malte in grellen Farben *
Traurig beugt die Königin Meschullemet ihr rußig-rissiges Antlitz über ein graues Bündel, ihren Sohn Amon. "Kummervoll" nannte der Kunsthistoriker Charles de Tolnay diese Haltung auf einem Fresko Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans - als ahne Meschullemet bereits, daß ihr Neugeborener ein verrufener Götzendiener in Israel würde.
In den düsteren Tönen der 14 Bogenfelder (Lünetten) Michelangelos über den Fenstern der päpstlichen Palastkapelle, auf denen die Vorfahren Jesu dargestellt sind, erkannte der französische Forscher gar tiefsinnig-philosophische Absichten des Meisters: Die Schattenfiguren seien als "Vision prähistorischen Menschenlebens" gemeint, das sich in "undefinierten Serien von Generationen bewußtlos" vermehre.
Mit Charles de Tolnay hielten viele Kunsthistoriker Michelangelo für einen "Maler des Zwielichts" und der gedämpften Farben. Es galt, er habe weitaus innovierender als Bildhauer denn als Maler gewirkt. Schließlich hatte schon El Greco über seinen Kollegen aus dem 16. Jahrhundert geurteilt, er sei "ein hervorragender Mann", nur könne er "leider nicht malen".
Jetzt muß die Zunft umlernen.
Vor vier Jahren begann in Rom die "Jahrhundertrestauration" ("L''Espresso") der Michelangelo-Fresken, die 1200 Quadratmeter der Kapelle bedecken. Die Arbeit an den 14 Lünetten ist bereits abgeschlossen, jetzt ist die Säuberung jener berühmten Monumentalwerke Michelangelos dran, die täglich an die 6000 Touristen betrachten: die "Schöpfung" an der Decke sowie das "Jüngste Gericht" an der Altarwand.
Auf zwölf Jahre insgesamt ist die Restauration angelegt - drei Jahre mehr, als der Meister brauchte, um im 16. Jahrhundert seine Visionen auf den feuchten Kalkmörtel zu malen.
Schon das bisher Erreichte brachte einen bestürzenden neuen Michelangelo zutage: Unter der Schmutzschicht aus fast fünf Jahrhunderten - einem zähen Gemenge aus Kerzenruß, Weihrauchwolken, Firnisschichten und dem vom täglichen Touristentroß aufgewirbelten Staub - kam das Werk eines kühnen Koloristen zum Vorschein.
Verschwunden sind die dumpfen Sepiatöne, der "marmorgraue Farbschleier" (de Tolnay), die das Schaffen des Freskenmalers Michelangelo angeblich kennzeichneten. Er arbeitete vielmehr in glühenden Farben und grellen Kontrasten: Türkis und Azurblau, Eidottergelb und Frühlingsgrün, Himbeerrot und Stahlblau, Orange und Lila. Verflogen _(Oben: Mit japanischem Fernsehteam; ) _(unten: Königin Meschullemet mit Sohn ) _(Amon. )
ist die mystische Stimmung der Fresken: Nicht kummervoll, sondern entzückt betrachtet Meschullemet jetzt ihren Säugling Amon.
Zu seiner langwierigen Wiedergeburt verhalf dem Renaissance-Maler Michelangelo ein Geschäft des Heiligen Stuhls mit Ungläubigen aus dem Fernen Osten.
Unterhändler des Vatikans schlossen einen Handel mit dem japanischen privaten Fernsehkonzern Nippon Television Network (NTV), der das Sanierungswerk bezahlt: Drei Millionen Dollar ließ NTV sich das Recht kosten, die Restaurierung auf eigene Kosten filmen und weltweit verbreiten zu dürfen.
Überdies darf die Fernsehgesellschaft bis 1995 sämtliche Postkarten, Bildbände und Kunstführer über die Fresken Michelangelos herstellen und verkaufen, die das neuentdeckte Farbenfest ja irgendwann wiedergeben müssen: Michelangelos made in Japan.
Wenigstens stammen die technischen Voraussetzungen der Michelangelo-Reinigung aus Rom. Bereits zwischen 1965 und 1974 hatten die Restauratoren der Vatikanischen Museen Fresken von Botticelli, Perugino und Ghirlandaio in der Sixtinischen Kapelle derart erfolgreich wiederhergestellt, daß diese später nachgedunkelt werden mußten: Die grellen Originalfarben drohten dem Werk Michelangelos die Show zu stehlen.
Entscheidend für den Entschluß der Experten, sich auch an die Fresken Michelangelos heranzuwagen, war die Entwicklung eines schnell wirkenden Lösungsmittels namens AB-57 in Rom.
Doch die Fachleute blieben zurückhaltend. "Wir hatten einfach keine Anhaltspunkte", sagt der Chefrestaurator der Vatikanischen Museen, Professor Gianluigi Colalucci, "weil kein moderner Restaurator jemals ein Michelangelo-Fresko gereinigt hatte."
Also testete Colalucci die Tinktur zunächst an einem "uninteressanten" Bild eines anderen Meisters in der päpstlichen Kapelle, das die gleiche Patina wie die Michelangelo-Fresken zu tragen schien. Erst als sich diese Schmutzschicht nach der Behandlung mit AB-57 spurenlos ablöste, nahm er sich ein nur heftpflastergroßes Stückchen am Fuß einer Michelangelo-Lünette vor - mit verblüffender Wirkung.
An der gesamten Lünette wurde dann mit der Stoppuhr erprobt, wie lange AB-57 in der Regel auf ein Michelangelo-Fresko einwirken kann, ohne die Farbsubstanz anzugreifen. Sechs Minuten dürften es sein, ermittelten die vatikanischen Experten - doch sie entschieden sich vorsichtig, es bei der Hälfte zu belassen.
Die abgenommene Schmutzschicht analysieren die Restauratoren sorgfältig, um festzustellen, ob nicht etwa ein kostbares Farbpartikel aus der Hand Michelangelos mit entschwunden sei. Nach 24stündiger Ruhepause für das gereinigte Fragment wird die Behandlung mit AB-57 wiederholt.
Daß sie auf diese Weise den "Aquarelltönen Michelangelos neues Leben einhauchen" (Colalucci), begeistert die Restauratoren. Zugleich können sie - erstmalig - nachvollziehen, wie der Maler Michelangelo gearbeitet hat.
Den Auftrag für die Vatikan-Kapelle, sein einziges großes Freskenwerk, hatte der Meister nur auf harten Druck des ehrgeizigen und kriegerischen Papstes Julius II. angenommen. Briefe aus den Jahren, in denen er das gewaltige Bild in der Sixtinischen Kapelle schuf, unterzeichnete er trotzig: "Michelangelo, Bildhauer in Rom".
Die überlieferte Auffassung, der Baumeister des Petersdoms habe sich unsicher, fast hilflos im ungewohnten Metier der Wandmalerei bewegt, wurde jedoch durch die Restaurierung ebenso widerlegt wie seine angebliche Liebe zu den schmutzigen Grautönen.
Seine zeitgenössischen Kollegen fertigten für ihre Fresken Skizzen im Maßstab 1:1 an, die, von Gehilfen an den Umrissen mit Löchern versehen, gegen die Wand gehalten und dann mit Farbe übermalt wurden.
Michelangelo aber arbeitete, wie jetzt zu erkennen ist, ohne Schablone: Die Restauratoren fanden keine punktierten Umrisse.
Auch wußte der angeblich unsichere Wandmaler Michelangelo genau, wie groß die frische Schicht Kalkmörtel sein dürfe, auf der ein "Tagwerk" entstehen würde. Nur selten entdeckten die Restauratoren Pinselstriche, die auf bereits trockenen Mörtel gelegt wurden.
Minuziös verfolgen die Kameras der japanischen Fernsehgesellschaft jede Handbewegung der Restauratoren. Für das jetzt abgeschlossene erste Drittel der Wiederherstellungsarbeiten verdrehte das japanische Zehn-Mann-Team 30 000 Meter Film. Doch das internationale Interesse blieb gering.
Der Regisseur Nino Criscenti drehte für das staatliche italienische Fernsehen RAI eine dreieinhalbstündige Reportage über die Restauration. Ganze dreieinhalb Minuten kaufte dafür die RAI aus dem Material der Japaner, und auch dazu mußte Regisseur Criscenti die RAI-Direktoren "regelrecht beschwatzen". Es gebe da wohl eine "Kulturhürde zwischen Ost und West", meint der japanische Produzent. Doch er bleibt gelassen: Bei einem Meister wie Michelangelo müsse halt auch in einem solchen Geschäft "in epochalen Zeiträumen von 100 bis 200 Jahren gedacht" werden.
Oben: Mit japanischem Fernsehteam; unten: Königin Meschullemet mit Sohn Amon.

DER SPIEGEL 3/1985
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