14.01.1985

ALTERNATIVPRESSELinke Lieblinge

Die Alternativszene pflegt ihre Geschichte: In Frankfurt dokumentiert ein Archiv die Gegenpresse der letzten 20 Jahre. *
Die Schlagzeile verhieß Düsteres: "Wir, das Geld, das Blatt und der Tod".
Es war die letzte Schlagzeile, die der "Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten", kurz "ID", je druckte. Jahrelang hatte der Dienst vom Frankfurter Hinterhof aus die Szene mit Neuigkeiten über Knast, RAF, Bürgerinitiativen und Berufsverbot versorgt, jetzt tat das die "taz".
Die Redaktion des Wochenblatts "ID" war auf die "Tageszeitung"-Macher aus Berlin am Anfang nicht gut zu sprechen. Die "taz" sei ein "zentralistisches Super-Hirn", das die kleinen Alternativblätter zu erdrücken drohe, schimpften die "ID"-Leute im Februar 1981.
Keine vier Jahre später jedoch erstickten die ehemaligen "ID"-Redakteure unter einem Berg von Alternativblättern: Aus dem Nachlaß ihrer journalistischen Arbeit haben sie das "wohl einzige systematische Archiv der alternativen Publizistik in der BRD" gegründet. Über 30 000 Ausgaben alternativer Gazetten, "taz" einschließlich, wurden "alphabetisch und chronologisch nach bibliothekarischen Kriterien" in Pappboxen verpackt. Ein "Textarchiv mit über 40 000 Artikeln, Flugblättern, Dokumentationen und seltenen Schriften zu 766 Themenbereichen" steht nun jedermann gegen eine linke Solidaritätsgebühr von 40 Mark pro Suchstunde und, für "Institutionen", einer Mark pro Photokopie zur Verfügung.
In den Regalen stecken Raritäten wie "Würg - die Zeitung für den guten Geschmack" und "Geil und Fröhlich - die Illustrierte für das Wochenende", auch das "Gail'sche Miniblatt" (zweisprachig im Format sieben mal zehn Zentimeter) und "Kriminaltango - die Zeitung für den kriminellen Alltag".
Von den Pionieren der Alternativpresse ist kaum ein Blatt übriggeblieben. Nicht nur der "ID" stellte sein Erscheinen ein; im letzten Juni brachte auch das Münchner "Blatt" - Vorbild für ein ganzes Genre - seine letzte Ausgabe heraus.
Die "ID"-Archivare schätzen den Bestand der deutschen Alternativpresse auf "ungefähr 400 Blätter mit einer Gesamtauflage von einer Million". Allein 100 Redaktionen sind beim "ID"-Archiv inzwischen Mitglied geworden und finanzieren die systematische Schnippelarbeit.
Unter der Schlüsselnummer "1" findet sich, ganz marxistisch, Material zum Themenbereich "Arbeit, Fabrik, Ökonomie". Die Nummer "4" und folgende sind "Parteien, Politik, Politikern" vorbehalten, Kostprobe: Nr. 41221 = "Anti-Strauß-Demonstrationen, allgemein". Unter Nummer 6651 wird Material zum linken Lieblingsthema "Schwarzfahren" gehortet, und unter Nummer 88172 erfährt man, was die deutsche Gegenpresse über "Rechte, Nazis, Ku Klux Klan" zu berichten wußte.
Die Alternativen-Systematik war schon Gegenstand einer Hausarbeit am Frankfurter Lehrinstitut für Dokumentation. Diagnose des Autors: "Spezialklassifikation". Vieles würde "in bürgerlichen Dokumentationseinrichtungen sicherlich nicht auf oberster hierarchischer Ebene angeordnet". Material zum Thema "Repression und Widerstand" finde man dort in Rubriken wie "Innenpolitik, Rechtssprechung und Terrorismus", nicht unter "Bewaffneter Kampf".
Die "ID"-Macher sind nicht die einzigen, die Lücken im deutschen Dokumentationswesen ausgemacht haben: *___In Köln betreiben Redakteure der Mediziner-Zeitschrift ____"Dr. med. Mabuse" seit 1977 ein Archiv für alternative ____Heilmethoden, Ökologie und Gesundheitspolitik. *___Das "Cilip"-Archiv in Berlin sammelt Material über ____"Bürgerrecht und Polizei". *___In Mainz haben Öko-Aktivisten ein umfangreiches, ____wissenschaftlich anerkanntes "Wasser-Archiv" aufgebaut. *___Das linke Freiburger "Informationszentrum Dritte Welt" ____(IZ3W) sammelt seit Jahren Pressemeldungen über ____Entwicklungsländer, Imperialismus und Ausländerpolitik.
Das Computerzeitalter ist auch bei den Redakteuren des ehemaligen Häuserkampfblatts "ID" angebrochen. Mit zwei Kleincomputern und dem Datenbankprogramm "DBASE II" wird neuerdings die Szene erfaßt. "Anders ist die Flut nicht zu bewältigen", meinen die Macher. Eben erhielten sie den Nachlaß des verstorbenen Münchner Politikaktivisten Peter Schult - ein Archiv, das zum Beispiel die gesamte linke Pädophilie-Debatte enthält. "Wir wollen das Schult-Archiv nicht auseinanderreißen", so "ID"-Mitarbeiter Axel Diederichs, "dafür ist es in seiner Chronologie zu wertvoll." Der Computer soll den Zugang bewältigen. Schon wenige Monate nach Anlauf der Arbeit mußte das "Zentrum für alternative Medien" neue Räume anmieten.
Bei allem Wachstum blieben Finanzprobleme nicht aus. Die Knauserigkeit der linken Szene war ein Thema schon im ersten "Alternativen Presse-Spiegel" ("APS"), der monatlich einen "Querschnitt der Gegenöffentlichkeit" bringt. Das Periodikum (Jahresabo: 72 Mark) versammelt Beiträge aus den 100 assoziierten Alternativ-Gazetten und soll die "Potentiale deutlich machen", die in der Alternativpresse auch jetzt noch stecken. Sie habe sich schließlich "schon öfter als Frühwarnsystem für politisch brisante Themen" erwiesen.
Solche ideologischen Belange sacken, gelegentlich, zur Routine ab. "Zwölf Stunden täglich, Wochenende inklusive", gehen bereits für Schnippeln, Sortieren und Computereingabe drauf.
Dafür ruft aber schon mal die Redaktion des "Bayernkurier" an und will wissen, wann die "taz" über Bahros Einstieg bei Bhagwan berichtet hat: Wissen ist Macht.

DER SPIEGEL 3/1985
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