17.09.1984

FILMImmensee in Wilna

Ein bizarrer Film versucht, die Umtriebe alter Nazis mit den Terroristen-Toten von Stammheim in Verbindung zu bringen: „Wundkanal“ von Thomas Harlan. *
Wundkanal, ein Gerichtsmediziner-Begriff, ist in der Diskussion um die Toten von Stammheim im Herbst 1977 geläufig geworden: Zweifler an der Selbstmord-Version kamen immer wieder darauf zurück, daß Andreas Baader sich die tödliche Schußwunde nur unter akrobatischen Verrenkungen, linkshändig, selbst beigebracht haben könnte.
Unter dem Eindruck von Schleyer-Entführung und Tod in Stammheim hat damals der Filmemacher Thomas Harlan einen Spielfilm entworfen: Er wollte den "Prozeß" zeigen, den Terroristen in ihrem Versteck einer von ihnen entführten Persönlichkeit mit Kriegsverbrecher-Vergangenheit machen. Er wollte wohl den Terrorismus als Widerstand gegen eine von alten Nazis geprägte Gesellschaft erklären, und er hätte vielleicht am liebsten für die Tode von Stammheim ein Komplott von SS-Veteranen haftbar gemacht.
Harlans brisantes Projekt erhielt 1981 Mittel vom Bundesinnenministerium (250 000 Mark) und von der Filmförderungsanstalt (200 000 Mark), doch die Produktion kam so schwer voran, daß Regisseur Harlan sie im Rückblick zum heroischen Abenteuer verklärt: Der Plan, den Film mit DDR-Beteiligung in Polen zu drehen, habe sich zerschlagen, als dort das Kriegsrecht verhängt wurde; beim zweiten Anlauf, in Ungarn, sei dem Team nach ein paar Drehtagen die staatliche Unterstützung aus undurchsichtigen Gründen entzogen worden; der dritte Versuch, in Peru ausgerechnet, sei an politischen Unruhen im Lande gescheitert. Schließlich wurde der Film in drei Wochen in einem kleinen Atelier in Paris gedreht - mit einem einzigen Darsteller.
Bei den Filmfestspielen in Venedig, Anfang September, wurde Thomas Harlans "Wundkanal" uraufgeführt - und es zeigte sich, daß darin die Nazi-Schnulze "Immensee" von Veit Harlan eine Schlüsselfunktion hat. Sohn Thomas behauptet, dieser Film sei 1943 bei einer Gala im besetzten Wilna uraufgeführt worden, als Belohnung für die Exekutionskommandos, die dort ihre Pflicht getan hatten - und die Hauptfigur von "Wundkanal" sei dabeigewesen: Nichts rührt den alten Kriegsverbrecher so sehr wie das Wiedersehen mit "Immensee".
Thomas Harlan, mittlerweile 55, ein zarter Mensch von verführerischer Beredsamkeit, hat sein Leben lang den Fluch, der Sohn des "Jud Süß"-Regisseurs zu sein, zu seinem Aushängeschild gemacht, und sein geringes Talent, Wunschphantasien und Wirklichkeit klar zu scheiden, hat seine edel gemeinten Unternehmungen immer wieder ins Zwielicht gerückt.
Erstmals hat er Anfang der fünfziger Jahre von sich reden gemacht, als er mit falschem Paß nach Israel reiste, um dort (angeblich vom Hause Rothschild finanziert) zusammen mit Klaus Kinski einen völkerversöhnenden Film zu drehen, der dann nie das Kino-Licht erblickt hat. Ein paar Jahre später hat er in Berlin ein selbstverfaßtes Stück über das Warschauer Getto auf die Bühne gebracht, was ihm als Sohnes-Sühnetat honoriert wurde, bis herauskam, daß im stillen Vater Veit Harlan mit Regie geführt hatte.
Später führte ihn sein umtriebigundurchsichtiges Leben kreuz und quer durch Europa, mal Zeitgeschichtsforscher in Warschau, mal Verlagslektor in Paris, mal Darling der römischen Schickeria, mal Sympathisant der Revolutionäre in Portugal - und offenbar immer gejagt von den Dämonen des geliebten Vaters, von einer unstillbaren Nazi-Faszination, die nun in "Wundkanal" noch einmal ein Opfer gefunden hat.
Thomas Harlan in seinem Wirklichkeits-Wahn ist dem Einfall erlegen, die Hauptrolle in seinem Film nicht mit
einem Schauspieler, sondern mit einem wirklichen Kriegsverbrecher zu besetzen - und der Name seines Vaters hat ihm geholfen, einen zu finden, der dazu bereit war: Alfred Filbert, 79 - Jurist, SS-Obersturmbannführer, im Ost-Einsatz, später Kriminalist in Berlin, nach dem Krieg Filialleiter bei einer Bank, 1962 wegen gemeinschaftlichen Mordes in 6800 Fällen zu lebenslänglicher Haft verurteilt, 1977 gesundheitshalber entlassen - sitzt fast den ganzen Film lang allein in einem düsteren Raum vor der Kamera und läßt sich von einem Chor flüsternder Stimmen verhören.
In dürren Worten gibt er Auskunft über seine Tätigkeit als Einsatzkommando-Leiter in der Gegend von Wilna, standhaft beteuert er seine Unschuld mit dem Hinweis auf Vaterland, Führereid und Befehlsnotstand, doch er verstummt ratlos, wenn die Flüsterstimmen ihn mit Fragen nach SS-Verbindungen im Stammheimer Dunstkreis oder nach Details in der Anlage des Hochsicherheitstrakts bedrängen: Offenbar hat der alte Herr nie richtig begriffen, daß er zu einer Spielfigur in einer Spielfilm-Phantasie manipuliert werden sollte - und offenbar hat Harlan, von seinem Nazi-Objekt fasziniert, diese fixe Idee selbst aus den Augen verloren.
"Wundkanal" wäre nichts ohne seinen Film-Zwilling, der in Venedig mit ihm zugleich uraufgeführt wurde: die Dokumentation "Unser Nazi", die der Amerikaner Robert Kramer über die Dreharbeiten gemacht hat. Da wird hinter dem monomanen Verhör, das "Wundkanal" vorführt, ein furchtbar deutsches Psychodrama sichtbar.
Da wird der Regisseur Thomas Harlan zur Hauptfigur, wie er mit wirrer Genieattitüde an einem geduldig-störrischen alten Mann heruminszeniert, wie er ihn mal mit einer Geburtstagstorte beglückt, mal durch einen Auftritt von KZ-Überlebenden überrumpelt, mal lockend umschmeichelt, mal hysterisch niederkreischt und als Lügner beschimpft - zunehmend wird Harlan nur noch von der blinden Besessenheit getrieben, den Ersatz-Vater, den er vor seine Kamera gelockt hat, zu vernichten, weil er ihn liebt - und so fördert seine Inquisitions-Show letztlich nur eine magere, nie bezweifelte Wahrheit ans Licht: Veit Harlan hat Andreas Baader nicht erschossen.

DER SPIEGEL 38/1984
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