11.02.1985

VERSICHERUNGENBewußt schikanös

Mit Tricks verweigern Versicherungsgesellschaften türkischen Gastarbeitern die Auto-Haftpflicht. Wer problemlos angenommen werden will, muß einen Balkan-Tarif zahlen. *
Die Magdeburger Versicherungsgruppe war um das Wohl ihres Kunden Bahri Huener besorgt. Er könne, schrieb die Generaldirektion dem Türken, "nicht mehr angemessen betreut werden", weil es der Gesellschaft an einem zweisprachigen Versicherungsagenten mangele. Und "damit Ihnen hieraus keine Nachteile entstehen", kündigte die Magdeburger dem Bremer Opel-Besitzer die Autoversicherung.
Am gleichen Tag wie Huener bekamen in Bremen noch 299 weitere Türken Post von der Versicherung. Sie verloren zum Jahreswechsel alle den Versicherungsschutz für ihre Autos, damit sie, wie die Versicherung zynisch hinzufügte, "über die künftige Abdeckung des Kraftfahrzeugrisikos frei entscheiden können".
Aber kaum ein Türke kann seine Autoversicherung in der Bundesrepublik noch frei wählen. Die Verkehrsteilnehmer aus Anatolien und Thrakien gelten als teure Kunden, sie stehen in der Schadensstatistik der Versicherer ganz obenan.
Deshalb wird jeder, der vom Balkan kommt und eine Versicherungsdoppelkarte begehrt, "bewußt schikanös" behandelt, so die Erfahrungen der Bremer Rechtsanwältin Hella Siburg. Ein Allianz-Mann: "Wir schicken die weiß Gott wohin."
Seit die Assekuranz-Branche beim Berliner Versicherungsaufsichtsamt mit ihrem Plan scheiterte, über einen "Balkan-Tarif" die Auto-Haftpflicht für Türken um 50 Prozent aufzuschlagen, um damit den "tatsächlichen Schadensverlauf" dieser Volksgruppe auszugleichen (SPIEGEL 46/1983), versuchen die Versicherer, die ungeliebten Türken mit Tricks loszuwerden.
Zwar unterliegt die deutsche Auto-Assekuranz der Kontrahierungspflicht und muß jeden Versicherungspflichtigen akzeptieren, aber die "Problem-Nationalitäten", gibt Peter Gauly vom Versicherungsverband offen zu, werden vor allem mit den Bestimmungen aus dem Kleingedruckten abgeschreckt: "Da werden eben die vorhandenen Möglichkeiten ausgeschöpft."
Und die sind vielfältig, wie der Umgang der Magdeburger Versicherung mit ihren türkischen Kunden aus Bremen zeigt.
Dort war der Grund für die Massenkündigung ausgesprochen hausgemacht. Erst kündigte die Versicherung die Agenturvereinbarung mit Özkan Erdinc, einem Türken, der in Bremen ein Übersetzungs- und Versicherungsbüro betreibt und der Magdeburger Gruppe immerhin 772 Landsleute als Kunden zugeführt hatte. Dann nahm die Versicherung die eigene Kündigung zum Vorwand, um "in Ermangelung eines zweisprachigen Agenten" die Kunden selbst zu feuern.
Der Kündigungsgrund war nur vorgeschoben, denn vorausgegangen waren ständige Beschwerden über den "ungünstigen Schadensverlauf" der Erdinc-Kunden. Als die Schadensquote der Bremer Agentur bei 315 Prozent lag, die Versicherung also gut dreimal mehr für die Kunden aufwenden mußte, als sie einnahm, kam es zum Bruch. Im Ergebnis macht es die Konkurrenz genauso, nur unauffälliger.
Bei der "Colonia", berichtet ein Bezirksdirektor, habe der Vorstand schon im letzten Jahr beschlossen, den Bestandteil des "Ausländergeschäfts" rigoros zu senken. Nach einem Schadensfall wurden dort Türken "automatisch gekündigt".
"Das machen jetzt fast alle so", beklagt sich Versicherungsvermittler Erdinc
über den Umgang mit seinen Landsleuten, "sogar bei Bagatellfällen." Die Nürnberger Versicherung kündigte einem Türken die gesamte Versicherung, "weil der die Teilkasko in Anspruch nehmen wollte - wegen 27,50 Mark für einen abgebrochenen Außenspiegel" (Erdinc).
Eine andere Variante: Dem Versicherungsvertrag wird, was der Frankfurter Allianz-Versicherer Wolfgang Berheide besonders "unfein und bedenklich" findet, "gleich die fertige Kündigung in die Akte gelegt, und die geht raus, sobald es einmal knallt".
Die Suche nach einer neuen Autohaftpflicht-Versicherung wird für Türken immer schwieriger. Sie werden oft nur noch mit der Mindest-Haftpflicht von zwei Millionen Mark versichert, Vollkasko- und Unfallversicherungen werden generell verweigert.
Die meisten Assekuranz-Firmen gehen sogar noch weiter. So hat die Vereinigte Haftpflicht Versicherung in Hannover wegen der "sehr hohen Schadensquote" ihre Agenten aufgefordert, "uns künftig kein Ausländergeschäft mehr zuzuführen". Ähnliche Anweisungen haben viele andere Gesellschaften auch erteilt.
Ausländer-Formulare bleiben oft wochenlang unbearbeitet liegen, oder die Versicherungsverwaltung stellt Rückfragen über die Schreibweise des ausländischen Namens, die den Versicherungsbeginn verzögern. Wer nicht warten will, rechtfertigt Gauly die Abwehr-Taktik der deutschen Assekuranz, muß "eben woanders hingehen".
Doch gibt es unterdessen ein Unternehmen, das sich auf Abschlüsse mit Türken spezialisiert hat: die Pionier-Versicherung in Oberursel bei Frankfurt, bei der zwangsläufig alle Ausländer landen, weil sie nirgendwo unterkommen.
Schon drei Versicherer - Nürnberger, Adler, Winterthur - haben ihr Ausländergeschäft mit der Neckura-Tochter Pionier verbunden, weitere sollen folgen. "Wir versichern jeden", verkündet Pionier-Vorstand Rüdiger Baranowski, allerdings "zu 50 Prozent über der Normalprämie".
Der Offenbacher Colonia-Agent Erich Kilian hält den Risiko-Zuschlag für vertretbar: "Die Munitionsfabrik muß auch mehr Prämie zahlen als ein Betonwerk."
Die Pionier-Prämie entspricht exakt dem früher gewünschten Balkan-Tarif und damit der Schadensstatistik türkischer Autofahrer in der Bundesrepublik. Die Versicherungsaufseher des Bundes haben den Tarif genehmigt. Begründung: Die hohen Kosten für mehrsprachige Versicherten-Betreuung.
Folgerichtig informiert Pionier seine Kunden viersprachig, neben deutsch auch noch auf türkisch, griechisch und serbokroatisch - für Vermittler Erdinc "ganz klar der Balkan-Tarif durch die Hintertür".

DER SPIEGEL 7/1985
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