15.10.1984

DDR-AUTOSÜber der Großmutter

Umsiedler aus der DDR beleben die westdeutschen Straßen mit antiquierten Zweitaktern. Die Exoten von drüben werden auch hierzulande verkauft. *
Mit ihrem gelben Wartburg-Tourist, Kennzeichen RKK-4-30, töffelten der Görlitzer Designer Reinhard Roy, Frau Heidrun und Sohn Daniel bei Helmstedt in die Freiheit. Die Familie war im Westen willkommen, das DDR-Fahrzeug (Baujahr 1982) nicht.
Zwischen Wicker und Flörsheim, im Hessischen, wurde Roy wenige Tage später von der Polizei gestellt und, wegen des Betriebs eines weder zugelassenen noch versicherten Autos, angezeigt. Den Wartburg nahmen die Organe gleich aus dem Verkehr.
Vergeblich hatte Roy zuvor bei Zulassungsstelle und TÜV versucht, die nötigen Papiere für sein Vehikel (50 PS, Spitze 125 Kilometer/Stunde) zu erstreiten. Die Beamten mochten nicht verantworten, daß die milchigblaue Abgasfahne, unveränderliches Kennzeichen des wassergekühlten Dreizylinder-Zweitakters, den Tod des hessischen Tanns beschleunigt.
Roy aber wollte sein Auto behalten. Schließlich hatte er auf das Gefährt (Neupreis: damals rund 22 000 Mark), das in der DDR unter Brüdern locker 30 000 Mark bringen würde (siehe Seite 77), zehn Jahre lang warten müssen. So was bindet. "Diese Faktoren der Gemütsbeeinflussung stabilisieren das eigene Verhältnis zu einem solchen Produkt ungemein", erläutert Roy, "das liegt im Stellenwert wahrscheinlich weit über der Großmutter."
Zartfühlende Kfz-Techniker hatten mit der Oma auf Rädern schließlich ein Einsehen: Der Mainzer TÜV im benachbarten Rheinland-Pfalz bescheinigte, Roys Wartburg sei tatsächlich ein Auto und fahrtüchtig obendrein.
Eigentlich dürften die technisch veralteten DDR-Zweitakter Wartburg, der sich die DKW-Technik von 1939 bewahrt hat, und Trabant, der an den Lloyd-Leukoplastbomber erinnert, hierzulande gar nicht fahren. Das süßlich duftende Qualmfett, das sie in die bundesdeutsche Luft entsenden, ist getränkt mit Kohlenwasserstoffen - mehr als siebenmal soviel, wie das Gesetz erlaubt. Sogar das sozialistische Bruderland Tschechoslowakei will seit Anfang des Jahres die ostdeutschen Stinkstiefel nicht mehr abnehmen: Prag verhängte über den Trabant ein Importverbot.
Die Erzeugnisse des Zwickauer VEB Sachsenring (Trabant) und der Eisenacher VEB Automobilwerke (Wartburg) zeigen noch andere Macken: Bei manchen Modellen gehen die Rücklichter mit der Heckklappe nach oben, Verglasung, Warnblinker und Gurte entsprechen westlichen Vorschriften nicht.
Doch seit viele der über 30 000 Umsiedler, die dieses Jahr in den Westen ausreisen durften, mit den Genossen-Schleudern beim TÜV anzockeln, drücken die Gutachter ein Auge zu. Sie sind gehalten, so Dieter Kleinsteuber vom Dachverband der Technischen Überwachungsvereine in Essen, "etwas kulanter zu verfahren".
Da es sich bei den DDR-Autos um sogenanntes Umzugsgut handelt, geben auch die zuständigen Regierungspräsidien in der Regel Ausnahmegenehmigungen. Und in West-Berlin hat der Senator für Wirtschaft und Verkehr den Umsiedlern, "zur Vermeidung sozialer Härten", Absolution vom Abgas-Paragraphen 47 Absatz 1 der Straßenverkehrszulassungsordnung erteilt.
Doch der Ärger mit den Behörden ist nicht der einzige Kummer jener, die ihrem Wartburg oder ihrer "Pappe" (DDR-Kosename für den aus Duroplast gefertigten Trabant) die Treue halten.
Das Mitleid der Westler, die im Auto allemal noch ein Statussymbol sehen, trifft sie mit voller Wucht. Die vorwurfsvollen Blicke von Fußgängern auf die dichten Duftschwaden erzeugen Schuldgefühle. Und die Witze, die sie selber in der DDR über ihre Wagen gerissen haben, klingen im Westen ganz anders - nämlich ätzend.
Etwa der: Trifft ein Maultier einen Trabant und fragt: "Was bist denn du?" Sagt der Trabant: "Ick bin ein Auto." Antwortet das Maultier: "Verstehe, und ick bin ''n Pferd."
So versuchten einige der Neubürger, ihre Karossen loszuschlagen. Geheimtip war die Adresse von Manfred Schmidt in Hangelar bei Bonn, der Ost-Autos nicht nur repariert, sondern auch verkauft.
Er hätte im Frühjahr, nachdem die Ausreisewelle angelaufen war, 20 bis 30 DDR-Wagen auf Halde stellen können - viele davon in Bestzustand. Schmidt: "Die in der DDR gehen mit Autos ja anders um. Die haben natürlich jedes Fleckchen und Pickelchen weggeputzt."
Doch der Autoschlosser, der 1957 aus Leipzig kam, konnte den plötzlichen Boom nicht auf einmal verkraften. Er liegt selber mit den Behörden über Kreuz: Seit Jahren kämpft er um eine allgemeine Befreiung der DDR-Autos von westlichen Abgas-Vorschriften.
Die Beamten in Ministerien und Regierungspräsidien aber lassen Verständnis vermissen: "Die schimpfen immer nur über diese Dreckschleudern", sagt Schmidt. Das aber, findet er, ist ungerecht.
Er hat Gutachten über die Abgase der Zweitakter geordert. Seither meint er, daß die himmelblauen Dunstwolken selbst Grüne nicht mehr schrecken dürften. Zwar sonderten die DDR-Motoren Kohlenwasserstoffe weit über dem zulässigen Grenzwert ab, dafür aber bliesen sie kaum Kohlenmonoxid und Stickoxide in die Luft. Schmidt: "Da kommt insgesamt weniger Schadstoff raus als beim Viertakter."
Damit nicht genug. Jeder Trabant- oder Wartburg-Fahrer könne jetzt schon, ohne Katalysator, bleifreies Benzin für das Zweitaktgemisch nehmen. "Nur sind", so klagt der Autohändler, "die Tankstellen nicht da."
Schmidt ist von den DDR-Produkten so überzeugt, daß er seit 1966 immer wieder ein Hintertürchen gefunden hat, die Preisbrecher aus Zwickau und Eisenach auch hierzulande zu verkaufen - jedes Jahr ein paar Dutzend. Zu seinem Leidwesen exportiert die DDR ihre Autos nicht in die Bundesrepublik: Einerseits fehlt die Kapazität, andererseits die gewinn- und devisenversprechende Nachfrage. Also muß er sich die _(Beim Verlassen des Notaufnahmelagers ) _(Gießen. )
Ware auf Umwegen beschaffen: "Wie, das ist mein Geheimnis."
Doch so dunkel sind die Kanäle nicht. Die DDR exportiert immerhin in verschiedene europäische Staaten. Sie bedient vor allem Länder, die selbst keine Personenwagen produzieren oder früher einmal herstellten: Griechenland, Finnland, Dänemark, Spanien und Belgien. Der Brüsseler Generalimporteur für Belgien und Luxemburg, die Firma Pierreux, bezieht direkt aus der DDR Wartburg und den Kleinlaster Barkas. Das Unternehmen bringt jedes Jahr rund 1000 Wartburg an den Mann. Vor allem Handwerker und kleine Händler interessieren sich für die Kombi-Version des Billig-Wagens.
Von der Handelsfreiheit in der EG profitiert Schmidts Würzburger Kollege Roland Vogt. Er bedient sich im befreundeten Ausland. Dort können die Neuwagen zugelassen und dann, als quasi gebrauchte, in die Bundesrepublik gebracht werden. Wenn sie in anderen EG-Ländern den behördlichen Segen mal erhalten haben, bestätigt Experte Kleinsteuber, gibt es auch hierzulande in der Regel keine Schwierigkeiten. Und ist das Vehikel einmal durch den TÜV gekommen, wo nur der Kohlenmonoxid-Wert im Leerlauf gemessen wird, dann ist der Rest ein Kinderspiel.
Wie viele Wartburg und Trabant, sei es von Händlern, sei es von Umsiedlern, schon in den Westen geschleust wurden, weiß nicht einmal das Flensburger Kraftfahrt-Bundesamt genau. In dessen Statistik (Stand 1. Juli) sind nur Erstzulassungen erfaßt - 189 Trabant und 174 Wartburg.
Das magere Geschäft würde Autohändler Vogt gern beleben: Er plant, den Trabant von der Bundesrepublik in die DDR zurückzuexportieren.
Westdeutsche könnten doch, spekuliert er, bei ihm den Arbeiter-und-Bauern-Wagen kaufen und den Lieben drüben schenken, den Transport per Trailer bis zur Grenze übernehme er. In der DDR müssen Verbraucher bis zu neun Jahre auf ihren "Trabi" (Neupreis in der
De-Luxe-Version: 12 247 Mark) warten, Vogt aber könnte kurzfristig liefern: "Das würde sich rentieren."
Wie die DDR darüber denkt, hat der Würzburger noch nicht erkundet. Ost-Berlin dürfte an derlei Geschäften kaum Interesse haben. Denn die stets devisenhungrigen Wirtschaftsplaner der SED verdienen längst am Mangel im eigenen Land: Die Möglichkeit, Ostdeutsche mit ostdeutschen Autos zu beglücken, bieten seit langem die Kopenhagener Firma "Jauerfood" und die Zürcher Firma "Palatinus", die zusammen mit der Ost-Berliner "Genex" seit Mitte der fünfziger Jahre deutsch-deutschen Versandhandel treiben.
Über Genex können Westler ihren Verwandten drüben vom Kühlschrank bis zum Fertighaus (rund 120 000 D-Mark) fast alles zukommen lassen, was in der DDR nicht oder nur mühsam zu haben ist - auch Autos aus der heimischen Produktion. Der einfachste Trabi kostet bei Jauerfood rund 5200 West-Mark und wird dem Empfänger in der DDR ohne Umwege ab Werk zugestellt - binnen weniger Wochen.
Auch für den westdeutschen Markt hat sich Vogt Ausgefallenes vorgenommen, er will einen Super-Exoten ins Programm aufnehmen: Das Trabant-Cabriolet, in der DDR als Wald-und-Wiesen-Wagen bei Militärs oder Forstbeamten eingesetzt, soll das billigste Offen-Auto im Angebot werden (unter 8000 Mark). Und wer es edler haben will, kann, wenn Vogt die Ausnahmegenehmigung durchgekriegt hat, eine Luxus-Version mit neuer Schnauze, anderem Dach und Überrollbügel ordern (unter 10 000 Mark).
Der neuentdeckte Spaß am Frischluft-Auto, hofft Vogt, werde ihm genug Kunden zutreiben. Auch Schmidt kennt seine Klientel: "Meistens arme Schlucker wie Rentner, Arbeitslose, Studenten." Die seien dankbar, wenn sie für 5500 bis 7500 Mark Mindestpreis einen Klein- oder Mittelklassewagen kaufen könnten.
Für Jugendliche, rühmt Schmidt, sei der Trabant nachgerade ideal. Der Wagen sei robust, billig und brauche nur sieben bis neun Liter Sprit. Außerdem verleite er nicht zum Rasen.
Die 26 PS nämlich müssen lautstark in die Kolben (594,5 Kubikzentimeter Hubraum), bis das eingebaute Tempolimit 100 erreicht ist; das dauert eine Minute. Die Teenies und Twens haben das Traumauto Trabant allerdings noch nicht entdeckt: Der karg ausgestattete Plaste-Schleicher wird noch von jeder Ente zur Schnecke gemacht.
Die DDR-Exoten sind daher eher für Begüterte interessant, die sich ihren Spleen was kosten lassen: Viele Sammler, "darunter jede Menge Zahnärzte" (Schmidt), bewahren Wartburg oder Trabant in der Garage auf.
Andere Individualisten steuern die DDR-Autos mit Wonne durch die Republik: Sie müssen zwar mit dem Vorurteil leben, ihre Fahrzeugwahl solle Linientreue zur DKP beweisen. Doch ein Wartburg auf deutschen Straßen wird immer noch ausgiebiger bestaunt als das gebräuchliche Cabriolet Rolls-Royce Corniche (Neupreis: rund 330 000 Mark).
Seinen ersten Alt-Wartburg kaufte der Kraftfahrer Jörn Schütt aus Sundern im Sauerland vor sechs Jahren für 200 Mark, weil er gerade sehr kurzfristig ein Gefährt brauchte. Als die Leute über das "Ding" auf vier Rädern lästerten, wurde Schütt bockig: "Alle meckerten über dieses Auto, aber keiner kannte es."
Er stört sich schon lange nicht mehr an der "wabbeligen Schaltung", rühmt dafür die "sagenhafte Heizung", den "sehr großen Kofferraum" und die Zuverlässigkeit des Fahrzeugs.
Schütt, der vorher Mercedes und 6,6-Liter-Chevrolets steuerte, fährt inzwischen den vierten Wartburg. Deshalb sei er noch lange kein Roter, sondern "Mitglied der CDU". Und auch zur Mitarbeit in der stramm antikommunistischen "Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte" fährt Mitglied Schütt ungerührt im DDR-Auto vor. Der Ex-Mercedes-Eigner: "Ich mache es aus Sturheit. Einen Mercedes oder BMW fährt jedes Rindviech."
Er bezieht die Ersatzteile aus Belgien und hat dem Personal einer örtlichen Tankstelle das nötige Fachwissen vermittelt. Den Leidensgenossen in der Bundesrepublik will er das Fahren erleichtern: Eine "Wartburg-Interessengemeinschaft" - ein Dutzend Adressen hat Schütt schon in der Kartei - soll gegründet werden und dafür sorgen, daß sich die Eisenacher besser um ihre Fans im Westen kümmern.
Umsiedler Roy wird nicht mehr dazu gehören. Als er seinen "angestauten Reisehunger" bei einer Urlaubsfahrt quer durch Westeuropa abbauen wollte, blieb der Wartburg mit defekter Kupplung in Encamp (Andorra) auf der Strecke. Zwar konnte der ortsansässige Mechaniker aus einem alten DKW ersatzgeeignete Teile herbeischaffen. Doch Roy, der mittlerweile einen Japaner (Honda Civic) geleast hat, erfreute sich nicht mehr lange am instandgesetzten Wagen.
Sein Wartburg-Tourist erlitt Ende September in Meckenheim bei Bonn, nach dem Zusammenprall mit einem schleudernden Fahrzeug, Totalschaden. _(In Würzburg. )
Beim Verlassen des Notaufnahmelagers Gießen. In Würzburg.

DER SPIEGEL 42/1984
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