08.04.1985

BUNDESWEHRSiehste, so

In den nächsten Wochen, wenn überall des 40. Jahrestages der deutschen Kapitulation gedacht wird, ist auch die Truppe aktiv - mit einer „dynamischen Waffenschau“ vor allem für Schüler. *
Westdeutsche Dienststellen im Ausland bekamen dringliche Nachricht aus Bonn auf den Tisch - "Betr.: 40. Jahrestag des Kriegsendes". Gegenstand der verschlüsselten Botschaft war eine regierungsamtliche Sprachregelung zum 8. Mai, Tag der Kapitulation wie der Befreiung vom Nationalsozialismus.
Die Bundesrepublik werde zu diesem Anlaß "der Toten des Krieges und der Opfer der Gewaltherrschaft gedenken", heißt es in der Depesche des Auswärtigen Amtes vom Anfang des Jahres: "Der Tag wird bei uns ein Tag der Selbstprüfung sein" - Grund genug für die ausdrückliche "Weisung" nach draußen, bei "Totentrauern" und "Gedenken" mit "besonderem Takt" vorzugehen.
Eine gleichermaßen dringliche Empfehlung nach drinnen wäre nicht minder nützlich gewesen. Jedenfalls hätte sie dazu beitragen können, das Ansehen der Bundeswehr vor Schaden zu bewahren.
Bonns Militär will ausgerechnet in dem geschichtsträchtigen Zeitraum um den 8. Mai im Norden der Republik eine großangelegte "dynamische Waffenschau" (Bundeswehr-Eigenwerbung) auf Tournce schicken und wiedergewonnene militärische Stärke des Landes demonstrieren - ein Vorhaben, das der Bundeswehr Proteste wie selten zuvor eingetragen
hat. Kommunalpolitiker etwa widersetzten sich dem Projekt in Kiel, wo die Waffenparade (Titel: "Unser Heer") exakt am 8. Mai eröffnet werden sollte, ebenso wie im grenznahen Flensburg, wo die Panzerschau mit der Befreiung Dänemarks von den deutschen Besatzern (4. Mai) kollidiert wäre.
Zwar waren Bundeswehr-Wanderausstellungen auch in früheren Jahren immer wieder mal von Friedensfreunden und Kriegsdienstverweigerern kritisiert worden, etwa in den baden-württembergischen Städten Rastatt und Leonberg, wo Demonstranten 1978 und 1981 in kleinen Gruppen gegen "Rüstung" und deren "Profite für die Reichen" Front machten. Nun aber wird der Protest gegen die Heerschau, die am 17. April in Bad Segeberg eröffnet wird, nicht nur von der Friedensbewegung getragen; er reicht hinein in Kirchen, Kommunalparlamente und Landesbehörden.
Während die Stadt Kiel immerhin die Show vom 8. Mai um eine Schamfrist von einer Woche verschob, lud der Magistrat der Stadt Flensburg, unterstützt vom dänisch orientierten Südschleswigschen Wählerverband, die Bundeswehr kurzerhand aus.
In Norderstedt bei Hamburg, wo für die Panzer das Gelände eines ehemaligen SS-Truppenübungsplatzes reserviert ist, wehren sich nicht nur Sozialdemokraten und Liberale gegen das Militärspektakel. Auch die Konferenz aller Kirchengemeinden findet die Verknüpfung von Zeit und Ort "schwer erträglich". Und für den Fall, daß die Ausstellung nicht abgesagt wird, hat ein "Norderstedter Forum", Zusammenschluß von Parteien, Gewerkschaftsjugend und Kirchengruppen, Störmanöver und Blockaden angekündigt.
Vor allem Sozialdemokraten, wie dem holsteinischen Bundestagsabgeordneten Horst Jungmann, Mitglied im Verteidigungsausschuß, mißfällt der "historisch und politisch geschmacklose" Zeitpunkt der Militärshow. Aber auch Lehrer wehren sich dagegen, die Erinnerung an die Stunde Null mit der Bundeswehr zu verknüpfen.
Anstoß erregen neben dem "Mangel an Sensibilität bei der Bundeswehrführung" (Jungmann) auch die Ausmaße der Ausstellung. An insgesamt 14 Orten - außer in Schleswig-Holstein und Hamburg auch in Nordrhein-Westfalen und Süddeutschland - will das Verteidigungsministerium alles präsentieren, was den Ruf der "stärksten konventionellen Streitkraft in Westeuropa" (Verteidigungsminister Manfred Wörner) ausmacht: Panzer, Raketenwerfer, Panzerabwehr-Hubschrauber und auch eine Feldhaubitze.
Die Bundeswehr-Verantwortlichen zeigen kaum Verständnis für das ungewohnte Ausmaß der Aufregung. Wenn überhaupt ein Tag geeignet sei, um die Bundeswehr "mit Sinn und Verstand zu zeigen", sagt Hans-Bernhard Graf Schweinitz, Referatsleiter im Bonner Verteidigungsministerium, "dann am 8. Mai". Die Schau sei "Ausdruck unserer Staatsauffassung" und solle veranschaulichen: "Siehste, so ist es heute."
"Überhaupt keine Bedenken" hat das Ministerium, auch Schülern das Waffenarsenal des Heeres nahezubringen. Im Gegenteil: Jugendliche ab 14 Jahre sind die bevorzugte Zielgruppe der Bundeswehr.
Mit Hilfe von "Computerspielen" und "Vorführungen der Waffensysteme" will sich die Truppe die Begeisterungsfähigkeit von Schulkindern und Jugendlichen für alles Technische - "wie bei Rennautos" (Ausstellungssprecher Hauptmann Kriebel) - zunutze machen, "um ein dauerhaftes Interesse an den Streitkräften zu erreichen".
Massenvernichtungswaffen, so Hauptmann Kriebel, seien ein Stück "Realität, so wie sie ist". Daher sei die Bundeswehr "nicht der Auffassung, daß man sie vor jungen Leuten verstecken sollte".
Diese Ansicht erscheint vielen Pädagogen als ebenso abwegig wie die Terminierung um den 8. Mai herum. Nach Meinung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) etwa gehören Waffenschauen "in die Zeit der Söldnerheere". Friedenserziehung, argumentiert der Kieler Gymnasiallehrer und GEW-Landesvorsitzende Klaus Karpen, sei nicht dadurch erreichbar, daß Schüler "durch Entfernungs-, Ziel- und Meßfernrohre Ziele anvisieren und auf Geschütztürmen rumturnen".
Auf Distanz geht auch die Hamburger Schulbehörde. Landesschulrat Wolfgang Neckel hat den Militärs nahegelegt, einen vom Heeresamt für den 10. Mai in der Hansestadt geplanten "Tag der Schüler" ausfallen zu lassen und "in beiderseitigem Interesse" auf den Sommer zu verschieben.
Pädagogen in der Behörde fürchten, daß es andernfalls zu einem "nicht sehr glücklichen" Zusammentreffen von schulischen Veranstaltungen zum 8. Mai und Schülerbesuchen bei der Heeresschau kommt, was "ganz unvermeidlich zu einer Konfliktlage pädagogischer Art" führen würde.
Einen Schritt weiter geht der Kieler GEW-Landesverband, der kaum verklausuliert zum Boykott der Bundeswehr-Show aufruft. Die Lehrergewerkschaft, sagt Landesvorsitzender Karpen, gehe davon aus, "daß Schulleiter den Besuch der Ausstellung 'Unser Heer' nicht anordnen" und "Lehrer ihn nicht beantragen".

DER SPIEGEL 15/1985
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