15.10.1984

Wir haben China ein neues Gesicht gegeben

Die Volkskommunen aufgelöst, die Bauern auf Privatgrund produzierend, die städtischen Märkte gefüllt mit Lebensmitteln und Konsumgütern jeder Art: Mao-Nachfolger Teng Hsiao-ping hat seinem Land eine kapitalistische Revolution beschert, deren Früchte sein Volk begeistert genießt. Und die Partei läßt es geschehen.

Am 1. Oktober im Orwell-Jahr 1984 trat der alte Mann auf die Tribüne an Pekings Platz des Tors zum Himmlischen Frieden.

Von dieser Stelle aus hatte vor 35 Jahren der Staatsgründer und spätere "Große Steuermann" Mao Tse-tung die Volksrepublik China ausgerufen. Jetzt gab Erbe Teng Hsiao-ping zu Protokoll, daß er eine Milliarde Chinesen aus der Staatssklaverei befreit hat. Die für Ost und West gleichermaßen umstürzende Botschaft des 1. Oktober: Kommunismus ist reformierbar.

Mao hatte seinen Todfeind Teng wegen kapitalistischer Neigungen zweimal gestürzt und entwürdigt, aber am Leben gelassen. Jetzt blickte Teng, 80, hinüber zu dem häßlichen Mausoleum auf der anderen Seite des Platzes, das Maos präparierten Leichnam birgt, und stellte fest: "Wir haben China ein neues Gesicht gegeben."

Es ist - insofern behielt Mao Tse-tung mit seinem Mißtrauen gegenüber Teng recht - das Antlitz des Kapitalismus. Teng, offiziell nur noch Leiter der "Beratergruppe" der Staatsführung und Chef der Partei-Militärkommission, hat die vom Maoismus gebremsten Kräfte des größten Volkes der Erde entfesselt:

Allemal auf Wohlstand und privates Glück bedacht, arbeiten die Chinesen fleißiger denn je - aber nicht mehr für die grandiose Heilsbotschaft des Dichter-Revolutionärs, nicht für den legendären "neuen Menschen", nicht zum höheren Nutzen späterer Generationen, sondern für sich selbst, für den höchst prosaischen eigenen Vorteil.

Zufrieden notierte Teng: "Heute sind alle unsere Menschen voller Freude und Stolz." Er sagte die Wahrheit, die man laut Tengs Grundsatz in den Tatsachen suchen soll.

Die Massen, die, wie einst dem großen Mao, nun per Vorbeimarsch Teng huldigten, trugen noch einmal die vertrauten Konterfeis von Marx, Engels, Lenin, Stalin und auch Mao über den riesigen Platz. Doch sie skandierten neue Losungen, die noch in keinem kommunistischen Land je gehört wurden: "Zeit ist Geld, Effizienz ist Leben" - Worte des Beraters Teng.

Studenten trugen Transparente auf englisch: "Wissen ist Macht". Bauern in westlichem Habit dankten für ihre Befreiung von der Kollektivwirtschaft, Arbeiter führten wie Heiligenschreine mit sich, was noch vor Jahren als Teufelszeug einer widerwärtigen Konsumgesellschaft galt: Farbfernsehgeräte, Computer, Roboter.

Als wenige Tage später ein aus Westdeutschland angereister Riese auf dem Himmelsfriedensplatz einen Kranz niederlegte - er mied im Einverständnis mit den chinesischen Gastgebern das Mao-Mausoleum -, wurden die Bilder von Lenin und Stalin gerade wieder abgehängt.

Aus Anlaß der sechstägigen Chinareise des Bundeskanzlers Helmut Kohl bekannte sich Parteichef Hu Yaobang im Pekinger Fernsehen zum "Lernen von den Deutschen". Von dem deutschen Staatsgast wurde indes nicht der ideologische Export seines engeren Landsmannes Karl Marx erwartet, sondern die Frohbotschaft der Marktwirtschaft.

So begleiteten den Repräsentanten des wichtigsten europäischen Handelspartners der Volksrepublik China denn auch zwei Dutzend Kapitalisten und Manager mit Offerten über das, was das größte Entwicklungsland der Erde von den Deutschen zu kaufen wünscht: zwei Atomkraftwerke, zwei TV-Satelliten, ein Automobil-Gemeinschaftsunternehmen für 20 000 VW Santana pro Jahr.

"Alle Vögel sind schon da", frohlockte eine Kapelle der Volksbefreiungsarmee _(Mit Büsten von Mao und dem von ihm ) _(gestürzten Staatspräsidenten Liu ) _(Schao-tschi. )

beim Staatsdiner, und als sich Kohl für die heimatlichen Klänge bedankte, revanchierten sich die Militärmusiker mit dem Marsch "Alte Kameraden".

In der Einladung zur "Zauberflöte", einem Gastspiel der Bayerischen Staatsoper in Anwesenheit von Kohl, verordneten die Chinesen erstmals seit Staatsgründung "langes Kleid".

Beim Smalltalk erinnerte Teng den Deutschen an dessen letzten Besuch vor zehn Jahren - damals war der Pfälzer noch zu Maos Geburtshaus in der Provinz Hunan gepilgert; er hatte von dem 1966 degradierten Teng, der gerade wieder zum Vizepremier aufgestiegen war, die Meinung gehört, die Bundesrepublik sei die einzige deutsche Nation, Kanzler Schmidt besser als Kanzler Brandt; er, Teng, habe Adenauers Memoiren gelesen, und: "Wir brauchen noch 50 Jahre, um das wirtschaftliche Niveau Westdeutschlands zu erreichen."

Bald darauf wurde Teng erneut degradiert; erst mit 74, nach Maos Tod, konnte er beginnen, China nach seinen Vorstellungen umzugestalten. Die Volksrepublik hat eine Wende vollzogen - gemäß Maos Prognose, daß China nach seinem Tode "die Farbe wechseln" werde, die Rechten die Macht übernehmen.

Die Partei, angeblich Avantgarde des Proletariats, beherrscht in China nicht mehr, für ein wahrhaft kommunistisches Land undenkbar, das Leben des einzelnen, schreibt ihm nicht mehr unabdingbar vor, was er zu arbeiten, zu verbrauchen, zu lesen, zu glauben hat.

Natürlich bestimmt sie nach wie vor die Politik, sichert sie die Herrschaft der Machtelite, verfolgt sie Regimegegner. Verurteilte Verbrecher werden auf Lastwagen-Konvois an den Pranger gestellt, zur Abschreckung. Aber von der totalen Bevormundung des Privatlebens der Bürger hat sich die Partei- und Staatsgewalt weitgehend zurückgezogen. Die Folgen sind überall spürbar.

Jeder Chinese, der mit dem einst gängigen "Genosse" angesprochen wird, verbittet sich diese Anrede heute: "Das sagt man jetzt nicht mehr" - nicht einmal innerhalb der Partei, die noch immer die attraktiven Posten zu vergeben hat. Jetzt sagt man wieder "Herr" oder, zu einem Handarbeiter, "Meister" und zu einer älteren Respektsperson auch schon mal "Gexia", Exzellenz.

Ein Bauer in Szetschuan, der an seinem Bett eine US-Flagge befestigt hat, antwortet auf die Frage nach dem Sinn dieses imperialistischen Symbols: "Imperialistisch sagt man jetzt nicht mehr. Amerika ist unser Freund."

Die Plakattafeln am Straßenrand werben längst nicht mehr für die Partei, sondern für Konsumgüter. Alle politischen Parolen sind aus der Öffentlichkeit verschwunden, ebenso wie jeglicher Personenkult; ins Auge fallen dagegen Photos von Hochzeitspaaren: Er im Anzug mit Krawatte, sie im langen weißen Kleid mit Schleier.

Nur am Tor des Himmlischen Friedens in Peking hängt noch ein einsames Mao-Bild, und ausgerechnet in Tschengtu, Hauptstadt der Heimatprovinz Tengs, steht noch eine an die 20 Meter hohe Gipsfigur des Großen Vorsitzenden, die zum Staatsgründungstag 1984 frisch gestrichen wurde.

Hinter dem weißen Heroen lag früher eine Verbotene Stadt nach Pekinger Muster. Rotgardisten haben 1967 den Palast aus dem 14. Jahrhundert geschleift und an der Stelle einen Volkspalast für ihre Massenkundgebungen gebaut. Jetzt dient er, wie anders könnte es in Tengs China sein, als Kaufhaus.

Die bekannte Statue eines Wassergottes in Guanxian ist schlecht restauriert; als der Tourist Teng Hsiao-ping das sah,

rügte er, der Künstler habe den Gott vermenschlicht und damit, genauso fehlerhaft, "das Gegenteil von dem getan, was wir mit Mao machten".

Alles, was Maos "Große Proletarische Kulturrevolution" erzwang, ist heute verdammt; was sie bekämpfte, ist nun en vogue: Junge Mädchen flechten wieder ihre langen Haare, ohne Furcht, daß ihnen rabiate Rotgardisten die Zöpfe abschneiden könnten. Die moderne chinesische Frau schminkt sich, trägt Dauerwelle, Schuhe mit Sechs-Zentimeter-Blockabsatz - sogar Soldatinnen der Volksbefreiungsarmee zur Uniform.

Kleid, Rock, Bluse und westlicher Straßenanzug mit Schlips und Kragen sowie bei Amtspersonen sogar Weste verdrängen die sexlose proletarische Uni-Mode von einst: Aus den berüchtigten blauen Ameisen sind von außen identifizierbare Individuen geworden.

Ganz Verwegene hüllen sich gar in ein spezielles Haßobjekt der Maoisten: das "tjinbao", das bis zum Oberschenkel geschlitzte, hautenge Kleid mit Stehkragen. Die Empfangsdame vor einem Hotel in Tschengtu hat es angelegt, in rotem Samt; die Fernsehansagerin, die am Ende des Programms eine gute Nacht wünscht, trägt es in lindgrüner Seide.

Teng hat an die Chinesen eine fürwahr revolutionär kapitalistische Losung ausgegeben - sich zu "bereichern". Damit hat er das Ethos der sozialistischen Gesellschaft auf den Kopf gestellt, am fundamentalsten zu spüren auf dem Lande, wo immer noch vier Fünftel der Chinesen leben.

Mao hatte den von der Herrschaft der Grundbesitzer befreiten Bauern den Boden ursprünglich geschenkt, ihn dann aber wieder konfisziert, die Bauern zu Landarbeitern gemacht: Bei seinem historischen "Großen Sprung nach vorn" zwang er 1958 die gesamte Landbevölkerung Chinas in die legendären "Volkskommunen" - bis zu 50 000 Menschen starke Produktions- und Lebenseinheiten ohne jedes Privateigentum.

Die Mitglieder erhielten kaum das Dringendste für ihre Lebensbedürfnisse zugeteilt und hatten allen erwirtschafteten Überschuß dem Staat abzuliefern. Folge: Sie suchten sich der täglichen Fron nach Kräften zu entziehen. Die Rückgabe kleiner Hausgärten änderte wenig.

Diese Kollektive, Markenzeichen des maoistischen China, sind heute aufgelöst, ihr Land ist an die Ex-Kommunarden verteilt - für jedes Paar Hände, ob Kind oder Greis, gab es ein gleiches Stück. Gemäß den Veränderungen im Personenstandsregister wird jedes Jahr der Besitzstand korrigiert - offenbar ohne Eingriffe der Partei.

Die Dorfschulzen werden von der ganzen Gemeinde gewählt. Jeder Name konnte auf einen Zettel geschrieben werden, erzählt einer von ihnen in Szetschuan, seiner stand am häufigsten darauf. Die Parteigruppe der Volkskommune "Goldenes Pferd", die früher die Kandidaten auswählte, hat diesmal "keine Rolle gespielt"; der Gewählte selbst ist nicht Kommunist.

Auf dem früheren Kommuneland von 85 Hektar leben 290 Familien mit 1324 Menschen, davon 480 Kinder. Jede Familie bebaut ihr Land in eigener Verantwortung und rechnet selbst ab. Bei der Aufteilung entfielen auf jeden 610 Quadratmeter (wer nur ein Kind hatte, bekam als Prämie die Hälfte mehr).

Lastwagen und der Traktor vom "Goldenen Pferd" werden gemeinsam genutzt, aber fast jede Familie hat inzwischen ihren eigenen Wasserbüffel. Krankenstation, Gästehaus, Schule, Jugendklub - für Tischtennis und Luftgewehrschießen - werden gemeinsam unterhalten.

Wieviel er arbeitet und wieviel er somit verdient, liegt nun an jedem Bauern selbst. Nur er bestimmt, wann er morgens auf den Acker geht und abends heimkehrt, und wie er sich müht. Auf eigene Rechnung verkauft er seine Bodenfrüchte an den Staat oder an private Kunden auf den wieder zugelassenen Märkten oder direkt vom Fahrrad in den Städten. Es ist seine Sache, wieviel Schweine er füttert; unter Mao hieß das äußerste Limit: zwei, eins für sich und eins für den Staat.

Was macht es schon, daß auf diese Weise die von Mao verteufelte Klassengesellschaft auf dem Land wieder ersteht?

Voriges Jahr betrug das Einkommen der Ex-Kommunarden vom "Goldenen Pferd" im Schnitt 446 Jüan je Kopf, der Staat nahm nur zwölf Prozent Steuer.

Dieses Jahr liegt der Hektarertrag etwa vier Prozent höher.

Vier Bauernfamilien aber verdienen mehr als 10 000 Jüan im Jahr, weil sie ein Dutzend Schweine anfüttern und auf dem Markt verkaufen: Wer mehr leistet, verdient eben auch mehr.

In ganz Szetschuan spricht man von Zhang, dem "Tomatenkönig", der ein paar Fachbücher über Gemüseschädlinge gelesen hat und nun je Mu (666 Quadratmeter) Rekordmengen Tomaten zieht. Nebenher liefert er Setzlinge und Insektizide an andere Bauern, auch guten Rat, gegen ein Honorar von 20 Jüan je Mu. So kommt er auch auf seine 10 000 Jüan.

In der Provinz Kuangtung beleuchten Experten nachts Chrysanthemenfelder mit Glühbirnen und verkaufen die hochgeschätzten, als unproduktiver Schnickschnack lange Zeit verdammten Blumenfür 50 Pfennig das Stück, mehr als ein Fabrik-Stundenlohn.

Die 10 000-Jüan-Bauern bauen sich neue Häuser - in Szetschuan im traditionellen Fachwerkstil - mit Badewanne und Dusche, weißen Kacheln, Springbrunnen vor dem Haus und Biogasanlage unter der Toilette. Der große Hit in den Volkskaufhäusern sind Geldtresore, einen Kubikmeter groß. Der Reiche vom "Goldenen Pferd", ganztags auf dem Feld, hat alle Fenster vergittert, vor jede Zimmertür ein dickes Schloß gehängt und das Anwesen mit einer glasscherbenbestückten Mauer umgeben.

Der Bürgermeister antwortet auf die Frage nach seinem wichtigsten Ziel für die Zukunft: "Steigerung der Produktivität", und als direkten persönlichen Wunsch - acht Jahre nach dem Tod des großen Gleichmachers Mao Tse-tung - nennt er ungeniert: "Ich möchte reich sein."

Reich möchte auch ein Bauer sein, dessen Seidenraupenzucht sich nicht auszahlt, weil das Produkt trotz höchster Qualität nicht gefragt, nämlich mit 40 Jüan je Kilo Rohseide zu teuer ist. Er hofft auf Absatz im Ausland: Ob man nicht einen Ballen in Hamburg losschlagen könne?

Der Erfolg der großen Landreform müßte die Anhänger kollektiver Wirtschaftsformen von Kuba über die Sowjet-Union bis Vietnam in ihrem Glauben erschüttern.

Nach der Zwangskollektivierung hatten Chinas 300 Millionen Bauern ungefähr ebensoviel Getreide produziert wie heute die 24 Millionen gewiß nicht übermäßig aktiven Sowjetbauern. Laut neuestem Statistischem Jahrbuch der Volksrepublik erreichte die Ernte 1958 nur 200 Millionen Tonnen. Damals verhungerten über 17 Millionen Menschen - so viele wie die DDR Einwohner hat.

Nun aber rackern die Chinesen wieder auf die gute, alte Art - zum eigenen Nutzen. Und plötzlich sind die Eßnäpfe der Volksrepublik wieder gefüllt. Von einem Jahr zum anderen hat das Mammut-Entwicklungsland

sein Nahrungsproblem gelöst. 390 Millionen Tonnen Getreide dürften 1984 eingefahren worden sein, Maos Traumzahl von 1958, die damals nur zur Hälfte erreicht wurde.

Es war höchste Zeit, daß Teng kam. Er hat die allen Entwicklungsländern gemeine Landflucht umgekehrt: China ist heute mit einem Mal der einzige sozialistische Staat, in dem es vielen Bauern dank Auflösung der Volkskommunen besser geht als den Städtern.

Tengs Heimat Szetschuan, die Reiskammer Chinas, war am Ende der Mao-Ära für Ausländer wie für Chinesen aus anderen Provinzen geschlossen: Hungersnot. Bettler füllten die Städte, Eltern verkauften ihre Töchter wie im alten China. Die Rotgardisten hatten auch noch die kleinen Gärten sozialisiert, die privaten Obstbäume abgeschlagen und - dem Klima zuwider - zwei Reisernten pro Jahr angeordnet.

Gleich nach Maos Tod rissen die Bauern im Kreis Guanghan das Schild "Volkskommune" herunter. Der zuständige Parteisekretär rief in Peking an, was zu tun sei. Nach zwei Stunden kam die Antwort der Zentralbehörde: "Laß sie gewähren."

Der neue Provinz-Parteichef Zhao Ziyang, ein Freund Tengs, gestattete den Bauern, selbst darüber zu entscheiden, was sie anbauen wollten. 1978 produzierte die Provinz 31 Millionen Tonnen Getreide, voriges Jahr 40 Millionen, und Zhao, dieser gute Mensch von Szetschuan, ist heute Premier der Volksrepublik.

Der Produktionsrausch der Bauern schlug auf die Städte durch. Ganze Straßenzüge haben sich in Handelsplätze verwandelt, auf denen jeden Tag alle Erzeugnisse der Landwirtschaft, alle Wohlgenüsse der chinesischen Küche angeboten werden. Auf 40 000 Märkten finden sich hunderterlei Gemüse, Obst, Pilze, Kräuter und Fleisch einschließlich der hochgeschätzten lebenden Frösche im Bündel oder des besonders teuren Affenhirns.

Im China von 1984 herrscht praktisch Gewerbefreiheit im Handel, obwohl der Staat seine Läden aus der Zeit der totalen Bewirtschaftung noch bestehen läßt. Für einen Jüan, etwas mehr als eine Mark, gibt es sechs oder sieben Eier, während der Staatsladen dafür zum Festpreis zehn Eier verkauft - wenn er sie hat.

Die Marktpreise lassen sich aushandeln, so daß bei Überangebot das Pfund Tomaten auch mal für vier Pfennig zu haben ist, während der Staat die Tomaten weiterhin mit sechs Pfennig anpreist. Preis in Moskau im Saison-Durchschnitt: über vier Mark.

Die Bauern bieten auf den Märkten auch rationierte Grundnahrungsmittel an: Auf Karten gibt es im Schnitt ein Pfund Reis pro Tag und einen halben Liter Öl im Monat. Der Markt unterläuft die brutale Bevölkerungspolitik: Für das jeweils dritte, mancherorts das zweite Kind einer Familie verweigert der Staat Lebensmittelkarten - keine schwere Drohung mehr, sofern die Betroffenen sich privat versorgen können.

Wenn der Bauer sich mit der Ernte plagt, in weiten Gegenden Chinas zweimal im Jahr, nimmt ein Zwischenhändler ihm nun ganz legal den Vertrieb ab, gegen Provision, die sich für den Makler auf das sechsfache Einkommen eines Industriearbeiters summieren kann.

Schon zeigen sich auch Ansätze privaten Unternehmertums. Ein fröhlicher junger Mann mit Abitur, der stolz seine Gewerbeerlaubnis für mehrere Provinzen vorzeigt und nach eigenen Angaben mit Zauberkunststücken 1000 Jüan - soviel wie 20 Industriearbeiter - im Monat verdient, hat sich mit anderen Spitzenverdienern zusammengetan, einen Lkw gekauft und einen Chauffeur angestellt. So wird man stiller Teilhaber einer kleinen Transportfirma.

Der Zauberer erzählt von einem Glasnudelfabrikanten, dessen Erzeugnisse ein Renner seien. Dieser Unternehmer beschäftige 300 Angestellte - mit allen sei er verwandt, denn bisher dürfen nur Familienangehörige bei privaten Chefs abhängige Arbeit leisten.

Die Parteipresse lobte vorige Woche den jungen Bauern Shao, der seinen Morgen Land verpachtete, und dessen Kompagnon Zhang, der seinen Job bei der Kreisverwaltung aufgab, um mit der Familie Flaschenkapseln herzustellen. Fabrikant Shao: "Meine Eltern, meine

Schwester und ich mußten Überstunden machen, um die Profite zu steigern."

Mit ihrem Gewinn und einem Kredit kauften sich die beiden Muster-Unternehmer für 35 000 Jüan einen Bus, strichen ihn gelb an und konkurrierten mit der staatlichen Omnibuslinie von ihrem Dorf nach Peking. Sie unterboten den Fahrpreis und servierten heißes Wasser sowie "medizinische Betreuung" während der Tour. Ihre Kunden blieben ihnen auch treu, als der Staatsbus seinen Fahrpreis um 25 Prozent senkte.

Bei einem Tagesumsatz von 150 Jüan und Benzinkosten von 40 Jüan bleibt der Firma Shao & Zhang ein täglicher Reingewinn von 75 Jüan. Ihre einzige Sorge: daß die Regierung ihren politischen Kurs ändert. "Sollte Privatbesitz von Produktionsmitteln nicht länger erlaubt sein, hätten wir alles umsonst gemacht."

Bereichert euch! Die Partei feierte vor kurzem den ersten Bürger der Volksrepublik

China, der sich privat ein Auto angeschafft hat, Frau Sun Guiying, 59, die mit dem Verkauf von fast einer halben Million Eier 50 000 Mark erlöste und für ein Viertel davon einen silberfarbenen Toyota erwarb. Mehrere Bauern im Norden, erzählt ein gut verdienender Mann, hätten sich zusammengetan und ein amerikanisches Flugzeug gekauft, mit dem sie weit verstreut liegende Bodenstücke aus der Luft bewässern können.

Weil das ganze Land davon profitiert, bietet Tengs Klein-Kapitalismus wenig Grund zur Sozialkritik: "Tausend Jahre Hunger", sagt der Lehrer eines 40-Hütten-Dorfes am Li-Fluß, "heute werden alle satt."

Doch die Städter sind neidisch auf die Bauern; wer irgendwo einen alten Onkel mit einem Anspruch auf Grund und Boden hat, zieht nach Möglichkeit aufs Land.

Die Partei kritisierte bereits jene, die vom früher geförderten Neidsyndrom gegenüber Bessergestellten und Wohlhabenderen erfaßt sind, als "Linksabweichler": Die einstmals progressive Losung, man müsse die Reichen bestehlen, um den Armen zu helfen, behindere den Höhenflug des Landes.

Denn, urteilte das Zentralorgan "Volkszeitung", wie könne man bei einem Bauern das Streben nach Wohlstand wecken, wenn man ihn auffordere, seinen Besitz mit den weniger Erfolgreichen zu teilen? Man dürfe die Begüterten lediglich ermuntern, ihre Erfahrung weiterzugeben, wie andere ebenfalls reich werden könnten. Neid aber sei von Übel.

Schon empfiehlt die Partei den Städtern: "Macht es wie die Bauern, werdet wohlhabend!" Das ZK berät dieser Tage, wie man die Landwirtschaftsreform auf die Industrie übertragen könne, was heißt: Private Unternehmer wie der Glasnudelfabrikant sollen förmlich zugelassen werden. Teng zu seinem Gast Kohl: "In chinesischen Augen ist das eine Revolution."

Da frohlockte einer der deutschen Wirtschaftsbosse, die mit Kanzler Kohl nach China gekommen waren: "Die alten Herren in Peking kennen die Marktwirtschaft noch aus ihrer Jugend" - im Gegensatz zu den Sowjet-Führern, die alle mit der Revolution aufgewachsen seien.

Seit 1. Oktober brauchen chinesische Betriebe nicht mehr ihren gesamten Gewinn an den Staat abzuführen, sondern nur noch eine Gewinnsteuer. Vom Rest dürfen sie Lohnzuschläge bis zu zweieinhalb Monatslöhnen zahlen und investieren. Einzelne Firmen verkaufen bereits Belegschaftsaktien mit Anspruch auf Dividende - die Anfänge eines Kapitalmarkts kommen in Sicht.

Das neue Klima hebt die Arbeitsmoral: In der Ostprovinz Zhejiang wird schon mit befristeten Arbeitsverträgen experimentiert. Wer sich nicht anstrengt, riskiert seinen Job.

Ein Film ("Das Blut ist noch warm") macht Stimmung: Betriebsleiter Bu - es gibt ihn wirklich, er leitet eine staatliche Textilfabrik - feuert unfähige Arbeiter, bestraft Bummelanten und untersagt der ganzen Belegschaft, während der Arbeitszeit zu essen, zu pfeifen, Zeitung zu lesen oder sich zu unterhalten.

Der dynamische Bu mißtraut ärztlichen Gefälligkeitsattesten und zahlt Prämien für Arbeiter, die sich nie krank melden - fast schon japanische Zustände. Er hat auch eine Betriebshymne eingeführt.

Der Lohn der Angst: Die Firma produziert zwei Millionen Hemden, jedes fünfte für den Export. Bu ist der neue Held, der auch Gefahren zu bestehen hat: Er wurde als "Kapitalist" beschimpft und mit Totschlag bedroht, seine Frau mußte in eine Nervenklinik - doch Bu hat das ZK auf seiner Seite.

Derart bestärkt, ficht er - im Film - gegen zwei merkwürdige Privilegien, die Mao dem chinesischen Proletariat verschaffte:
* den "gemeinsamen Kochtopf", nämlich Lohngleichheit
unabhängig vom Betriebsgewinn, und
* die "eiserne Reisschale", die Unkündbarkeit des
Arbeitsplatzes, sogar dessen Vererblichkeit auf den
Sohn des Werktätigen.

Mit diesen sozialistischen Errungenschaften soll es vorbei sein, anders läßt sich kaum Tengs phantastisches Ziel erreichen, bis zum Jahr 2000 das Sozialprodukt Chinas zu vervierfachen.

Voriges Jahr stieg die Industrieproduktion um 10,5 Prozent. Eine Volkswirtin in Peking, jetzt ständig zwischen Harvard und Hamburg unterwegs, gibt zu, daß bei Machtantritt der Kommunisten 1949 die Arbeitslosigkeit nur dadurch beseitigt wurde, daß man drei Arbeitsplätze mit fünf Arbeitern besetzte. Die Resultate waren halber Lohn für alle und halbe Leistung. So ließ sich die kommunistische Erziehung zum Arbeitsfleiß nicht befördern.

Maos Lehrgeschichte vom alten Jü Gung, der durch körperliche Anstrengungen Berge versetzte, gilt heute als "falsch interpretiert - wir brauchen die Erleichterung der Arbeit durch Maschinen".

Das heißt: Wirtschaftsreform bringt auch in China zunächst Mechanisierung und dann auch in China Arbeitslosigkeit. Heute gibt es offiziell 45 Millionen Arbeitslose im Lande.

Eine Seidenweberei in Kweilin hat die Hälfte der Belegschaft entlassen, dazu Kindergarten und Kantine eingespart, weil der Betrieb unrentabel war.

Auch andere Firmen zogen diese bittere Konsequenz aus der staatskapitalistischen

Mißwirtschaft - wie im fortschrittlichen Ungarn, das im August 1200 Beschäftigte der unrentablen IGV-Maschinenfabrik in Budapest und Vasarosnameny entließ.

Wirtschaftlichkeit ist in Tengs China Trumpf, auch wenn es, ehe sich der erwartete allgemeine Wohlstand einstellt, zunächst den einzelnen Werktätigen trifft. Freilich, der Revolutionär Mao hatte dem Proletariat Chinas, das ihm zeitlebens fremd blieb, auch nichts eingebracht - keinem Proletarier der Volksrepublik einen Reallohnzuwachs. Tengs Regierung aber hob die Löhne von durchschnittlich 60 Mark im Monat zweimal um acht Prozent an, um die Preissteigerungen der Bauern aufzufangen.

Obwohl die Lebensmittel teuer sind - ein Pfund Schweinefleisch kostet 2,40 Mark, ein Pfund Reis 38 Pfennig -, rollt derzeit, wie einst in der jungen Bundesrepublik, eine gewaltige Freßwelle durchs Land, für China ein Wirtschaftswunder.

Eine Fabrikarbeiterin in Sian beklagt sich über ein Mittagessen ohne Fleisch - zur Mao-Zeit gab es für die meisten ein Fleischgericht nur zu festlichen Gelegenheiten. In den Speisehallen von heute aber gilt es schon als chic, überhaupt keinen Reis mehr zu essen, nur noch Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst.

Mit Kantinen im Mao-Look gibt man sich kaum mehr zufrieden, die Restaurants sind wieder geöffnet, oft betrieben von einer Genossenschaft junger Abiturienten, die keinen Arbeitsplatz gefunden haben. Die in der Kulturrevolution zum Ackerbau abgestellten Köche zeigen, was sie können.

Die Restaurants sind überfüllt, obwohl ein Menü mit sechs Jüan so viel kosten kann, wie ein Arbeiter an drei Tagen verdient. Die reichen Bauern können sich das leisten, und die Händler auch - sie bieten auf den Straßenmärkten alle erträumten Konsumgüter an, von US-Jeans bis zum Kassettenrekorder.

Ladenzeilen ganzer Stadtviertel von Peking bis Kunming, während der Kulturrevolution zugemauert und als Wohnungen genutzt, sind wieder geöffnet, verpachtet an Geschäftsleute, die den Sturm der Roten Garden offenbar unversehrt überstanden haben. Alte Handwerker vom Lande kommen in die Städte und reparieren die jahrzehntelang dem Verfall preisgegebenen Wohnungen, sie fertigen lang vermißte Möbel, die nun ganze Fußsteige füllen.

Auf den Märkten ist China zu Hause, unter Zelten wird gezecht, beliebtestes Getränk ist Bier nach Tsingtau-Art vom Faß. Gaukler zeigen wieder ihre Kunststücke, lassen etwa eine Schlange in die Nase kriechen und holen sie dann aus dem Mund. Ein Zahnarzt praktiziert, Astrologen beschreiben die Zukunft, Geschichtenerzähler die Vergangenheit.

China im Konsumrausch. Die Regierung fördert die materiellen Gelüste. Reklamesendungen im Fernsehen werben für Dauerwellen, Polstermöbel, Stereogeräte: Bereichert euch!

Die Bauern holen ihre alten Silbermünzen hervor, die sie vor den Haussuchungen der Rotgardisten vergraben hatten, und bieten sie Ausländern feil. Seit man wieder ohne Marschbefehl frei reisen kann, stürzen auf den Provinzbahnhöfen ganze Rudel von Menschen auf ankommende Fahrgäste und bieten Koffertransport, Schlafplätze, Hotelzimmer an. An jedem Aussichtspunkt ballen sich private Souvenirverkäufer.

In einem kleinen Dorf der Provinz Kuangtung abseits der Touristenströme betätigt sich in der Gemeindehütte ein "Barfußdoktor", eine Sanitäterin, und zieht einem Kind auf dem Schoß seiner Mutter einen Zahn. Kaum gerät der Besucher aus dem Westen ins Blickfeld, wird die Patientin fortgeschoben, eine Mappe mit Landschaftszeichnungen hervorgeholt, die der Vater der aufs Land verbannten Gymnasiasten gefertigt hat: das Stück zu 16 Jüan.

Es ist noch nicht einmal zehn Jahre her, da mußte ein Mädchen nach Möglichkeit fünf elementare Dinge in die Ehe einbringen: Fahrrad, Thermosflasche, Wecker, Kugelschreiber, Ventilator.

Heute gilt eine ganz andere Mitgift als gute Partie: Photoapparat, Radio, Nähmaschine, Armbanduhr - und am besten ein Kühlschrank, über den schon 1,7 Prozent aller chinesischen Familien verfügen.

Mit dem Abschied vom Maoismus ist freilich auch das volkserzieherische Experiment vergessen, eine Bindung an den Nächsten herzustellen ("Sich selbst vergessen, dem Volke dienen") und damit jene chinesische Tradition zu überwinden, die Loyalität nur gegenüber der eigenen Verwandtschaft kennt. Jetzt ist der Nächste ein Konkurrent im Bereicherungskampf: Auch die kapitalistische Moral stellt sich ein.

Der Realist Teng hat den Chinesen aber auch wiedergegeben, was ihnen allemal das Wichtigste im Dasein war: die kleinen Freuden.

Das beginnt schon beim nichtstuerischen Herumsitzen, ehedem als Zeichen ärgerlicher Muße verpönt. Als Sünde wider die Volksernährung gilt nicht mehr, Katze und Hund zu halten, nur als Streicheltiere. Unangefochten gehen noch vor Sonnenaufgang ältere Männer wieder mit verdecktem Vogelbauer ins Teehaus zum Klönschnack, bei Tageslicht wird der Vorhang vom Käfig genommen, damit der Liebling tiriliert.

Nachdem das Volk siegreich durchgesetzt hat, ohne Beleuchtung Rad zu fahren, darf es nun auch, was bisher verboten war, auf dem Gepäckträger ein an den Fahrer angebundenes Kind mitführen, dazu im Beiwagen die Ehefrau: "Glückliche Familie" nennt die Partei das Trio (wegen der Ein-Kind-Familie, die sich derart fortbewegen kann), der Volksmund sagt dazu "Pantoffelheld" (weil nur der Mann treten muß).

Auch in der ärmsten Hütte gehört der Feierabend - ebenso wie im Westen - dem Fernsehen: 83 Prozent aller städtischen Haushalte besitzen jetzt ein Gerät, die Bauern oft schon in Farbe, sogar wenn noch gar kein Transmitter auch für Empfang sorgt.

Am Ende eines langen Ganges, der vom Ostwind-Boulevard in Tschengtu abgeht, sitzen in einem Hinterhof Schauspieler, um die 50 Jahre alt, deren Berufsleben schon 1966 kraft Kulturrevolution endete. Sie haben keine Chance mehr, woanders aufzutreten. Nun sind sie Postbeamter, Verkäuferin, Ehefrau eines Generals. Sie scharen sich um eine Sechs-Mann-Kapelle, der Dirigent singt im Falsett eine Damenpartie mit.

Gegeben wird die berühmte Peking-Oper "Wütend warf Fräulein Dou ihr Schatzkästlein ins Wasser". Die Supra-Sopranistin, Handtasche unter dem Arm und Textbuch in der Hand, singt stundenlang auswendig ihre Arien. Sie weint, als am Ende die liebende Kurtisane Dou selbst ins Wasser geht.

Chinas ältere Generation freut sich im Theater wieder an den traditionellen Opern mit Dämonen und mittelalterlichen Kriegshelden beim Schwertertanz.

Kurz vor Ende einer Vorstellung der Sian-Oper nimmt eine Schar ergrauter Funktionäre im Kaderanzug die für sie freigehaltene erste Reihe ein - ihnen geht es wohl weniger um den Kunstgenuß, Musik und Tänze aus der Tang-Dynastie, als die Demonstration eines Vorrechts.

Als die Schau vorüber ist, verharren die Machthaber, bis das ordinäre Publikum, unter das sie sich offenkundig nicht mischen wollen, den Saal verlassen hat. Dann gehen sie hinaus zu ihren direkt vor den Theatertüren abgestellten Limousinen mit den verhängten Fenstern.

Es gibt sie also noch, die KPCh mit ihren 40 Millionen Mitgliedern. Aber es fällt schwer, hinter diesem quirligen, produzierenden, konsumierenden China noch das Wirken einer totalitären, auf

Zwangsbeglückung des Menschen festgelegten Partei zu finden.

Ob in einem derart liberalisierten System eine Staatspartei ihren Anspruch auf das Machtmonopol dauerhaft aufrechterhalten kann, wurde noch von keinem kommunistischen Land vorexerziert. Immer haben die Machthaber jeden Ansatz abgebrochen, weil er doch auch ihre Herrschaftsstrukturen in Frage stellte.

"Das Volk erwartet mit Ungeduld", mahnte die "Volkszeitung", "daß die Theoretiker erklären, wieso die Wirtschaftsreform mit dem Marxismus übereinstimmt und kein erster Schritt zum Kapitalismus ist."

Gestandenen Marxisten in der Volksrepublik fällt die Antwort leicht: Sie definieren die Mao-Ära als "Feudalismus", auf den laut Marx die Epoche des privaten Eigentums an den Produktionsmitteln zu folgen hat, eben der Kapitalismus. Erst wenn der die Produktivkräfte voll entwickelt hat, kommt der Sozialismus - etwa im Jahr 2047, wenn auch in Hongkong die Garantie für den Kapitalismus laut Vertrag zu Ende geht.

Wo immer Intellektuelle in China beisammen sind, diskutieren sie den Weg ihres Landes: Was die Chinesen wohl daran gehindert habe, einen Aufschwung wie Japan oder wie das chinesische Hongkong, Taiwan und Singapur nachzuvollziehen. Ob Amerika das Muster abgebe, oder eine sozialere Marktwirtschaft nach Art der Sozialdemokraten?

Und schon drängt sich die Frage auf, was die 1949 geschlagene bürgerliche Kuomintang Tschiang Kai-scheks im China von heute wohl anders gemacht hätte als Teng Hsiao-ping. Sein großer Sprung in den Kapitalismus sieht fast so aus, als ob sich die Volksrepublik in ihrer inneren Struktur Taiwan annähere, das seine Bodenreform längst hinter sich hat, dessen Industrie teilweise unter Staatskontrolle steht - mit höherem Lebensstandard und mehr Export als Festlandchina -, und das auch von einer einzigen Partei beherrscht wird.

Selbst Mao hielt es 1965 im Gespräch mit seinem US-Freund Edgar Snow für möglich, daß die junge Generation "ihren Frieden mit dem Imperialismus macht, die Überreste der Tschiang-Kaischek-Clique aufs Festland zurückholt und sich hinter dem kleinen Prozentsatz von Konterrevolutionären zusammenschart, den es im Land immer noch gibt".

Als Teng am 1. Oktober die friedliche Wiedervereinigung mit Taiwan nach Hongkong-Muster postulierte ("Ein Land, zwei Systeme"), klang es beinahe wie der reuige Anschluß einer verwandelten Volksrepublik an den Staat der Kuomintang: Teng, Kommunist seit 60 Jahren, der sich einst als Politkommissar mit Mao auf den Langen Marsch begeben hatte, berief sich jetzt auf die Abkunft aller Chinesen vom "Gelben Kaiser", einer mythischen Figur, die 3000 Jahre vor Christus gelebt haben soll.

Viele seiner Zuhörer sahen darin eine Anspielung: Seit das Singen von Liebesliedern nicht mehr mit Arbeitslager bestraft wird, füllt die Jugend die Lücken im Repertoire mit Schlagern, die per Rundfunk von der Insel Taiwan kommen. Am beliebtesten ist ein patriotisches Lied des Taiwan-Stars Yang Mingmien, der nun auch in Peking aufgetreten ist:
" Ich liebe mein Vaterland: Große Mauer, Gelber Fluß, "
" auch wenn ich einen Anzug aus dem Westen trage. Mit "
" tausend Gewichten zieht China mein Herz an sich, meine "
" schwarzen Augen, gelbe Haut. "

Chinas Jugend liebt Ausländisches auf der Bühne wie im Fernsehen, das sie laufend mit japanischen Filmschnulzen bedient. In einer stets ausverkauften Matinee "Leichte Muse" in Tschengtu treten Sängerinnen mit westlichem Makeup - runde Augen, großer Mund - im Abendkleid auf und kopieren Importe aus dem Westen ("Darling, I love you"), dazu Operettenklänge aus dem vorigen Jahrhundert und anstandshalber auch ein russisches Volkslied. Ein chinesischer Karel-Gott-Verschnitt schmettert West-Schlager des vorigen Jahrzehnts.

Offenbar verspürt keiner der Teilnehmer an solchen Genüssen kapitalistischer Kultur ein bißchen Sehnsucht nach Mao, nach den Politopern wie dem alles hinwegfegenden "Roten Frauenbataillon", die seine Ehefrau Tschiang Tsching allen Bühnen Chinas auferlegt hatte.

Maos ehemalige Gläubige sind bis auf ganz wenige, die im Gefängnis stecken,

noch da, ehemalige Rotgardisten, und -gardistinnen, bestraft mit sechs Jahren harter Landarbeit und vom Studium meist ausgeschlossen.

Nun um die 30 Jahre alt, allesamt besser genährt als noch vor fünf Jahren, doch meist Fabrikarbeiter ohne Aufstiegschance, verwahren sie sich gegen das Schimpfwort "Viererbande": "Sie sprechen von der Ehefrau des Vorsitzenden Mao Tse-tung."

Die Idee war gut, sagen sie in der einem deutschen Beobachter bekannten Wendung, nur die Durchführung war schlecht. Und: Wir handelten auf Befehl, als wir die Funktionäre schlugen, die Tempel zerstörten, die Bücher verbrannten.

All die Millionen, die dem Großen Vorsitzenden immerwährende Treue bekundet hatten, sie leben noch im Lande. Der Taktiker Teng hatte wohl seine Gründe, als er am 1. Oktober die marxistischen Ikonen hervorholte, dabei auch eine große Mao-Büste vorführen ließ; weshalb in seiner Hochburg Szetschuan der weiße Götze stehenblieb, weshalb Teng selbst im vorigen Jahr - seinen Kritikern zuliebe - die puritanische, inzwischen wieder abgeblasene Kampagne gegen "geistige Umwelt-Verschmutzung" anregte, während der erneut die Dauerwellen und die hohen Absätze dem Verdikt der Hauswarte anheimfielen und der elegante Premier Zhao rasch wieder in den Kaderanzug schlüpfte.

Vorige Woche rügte die Partei das Kulturbüro der Stadt Jangtschun, das auf 70 Videorekordern Unterhaltungsabende mit Pornokassetten veranstaltet hatte, Eintritt 75 Pfennig.

Doch in den Provinzstädten - nicht in Peking, nicht auf den Dörfern - dürfen die jungen Leute jeden Abend wieder tanzen. Im Teepavillon von Loschan, Eintritt 50 Pfennig, sitzt eine Zwölf-Mann-Kapelle mit Schlips und Kragen; einer um die Fünfzig hat sein Saxophon vor den Rotgardisten gerettet und bläst nun wie in alten Zeiten, begleitet von jungen Leuten mit chinesischen Schlaginstrumenten und einer Harmonika.

Auf dem Marmorparkett probieren ein halbes Hundert Paare in halbwestlicher Kleidung die Schritte, ohne den (noch nicht genehmigten) Körperkontakt. Verzückt hören sie "Jingle bells" und "Rosamunde" und Wiener Walzer, dem noch niemand folgen kann, doch es geht nur um die Botschaft, die über die zur Nacht gerüsteten Wohnhöfe schallt: Happy days are here again.

Am 1. Oktober drangen die Rhythmen aus der Provinz auch in die Hauptstadt: Nach Teng-Rede, Militärparade, Volksmarsch und Feuerwerk tanzten auf dem Platz des Himmlischen Friedens eine Million junge Menschen Foxtrott.

Die größte Party der Welt störte die Totenruhe des nahebei in seinem Marmorsarg ausgestellten Mao Tse-tung.

Mit Büsten von Mao und dem von ihm gestürzten Staatspräsidenten Liu Schao-tschi.

DER SPIEGEL 42/1984
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Wir haben China ein neues Gesicht gegeben