19.11.1984

„Chef, ich habe den Vorsitzenden erschossen“

SPIEGEL-Redakteur Hans-Wolfgang Sternsdorff über Ermittlungsmängel im Fall der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ *
Der Mörder liegt in der Badewanne. Es ist gegen 22 Uhr. In der Küche brennt noch Licht im Schloß Ermreuth bei Nürnberg. Schon den ganzen Abend regnet es an diesem 19. Dezember 1980.
Uwe Behrendt, 29, hatte drei Stunden zuvor in Erlangen, 14 Kilometer von Ermreuth entfernt, den jüdischen Verleger Shlomo Lewin, 69, und seine Gefährtin Frida Poeschke, 57, mit einer Maschinenpistole Marke Beretta, Kaliber 9 Millimeter, erschossen.
In der Ebrardstraße hatte Behrendt an der Haustür des Bungalows von Lewin geläutet, und der Verleger hatte ihm arglos geöffnet. Drei Schüsse trafen Lewin in die Brust, am Arm und in den Kopf; er brach zusammen. Dann feuerte ihm Behrendt noch ein viertes Geschoß ins Hirn. Auch Frida Poeschke wurde mit vier Schüssen ermordet.
Bleich, mit nassen Haaren und dem Ausdruck eines Kranken war der Mörder ins Schloß zurückgekehrt. Das warme Wasser in der Wanne tut ihm wohl.
Im Türrahmen zum Badezimmer steht der "Chef": Karl-Heinz Hoffmann, Führer der Wehrsportgruppe (WSG) - einer der gefährlichsten Rechtsextremisten der Bundesrepublik. Er läßt sich vom Täter Bericht erstatten. Behrendt, Hoffmanns wichtigster Mann, sein Hausgenosse in Ermreuth und Stellvertreter in der WSG-Führung, macht Meldung: "Chef, ich habe den Vorsitzenden der jüdischen Kultusgemeinde in Erlangen erschossen. Ich hab''s auch für Sie getan."
Hoffmann will von Behrendt wissen, ob er Spuren am Tatort hinterlassen habe. Behrendt: "Eigentlich nicht - aber die Sonnenbrille, diese Brille von Fräulein Birkmann." Franziska Birkmann gehört Schloß Ermreuth; sie ist Hoffmanns Lebensgefährtin.
Erregt macht Hoffmann dem Täter Vorwürfe, daß er die Brille nicht wieder mitgenommen hat. Jeden Augenblick rechnet der "Chef" mit dem Anrücken der Kripo, mit Personenüberprüfungen und mit Hausdurchsuchung. Spuren werden beseitigt. Am nächsten Tag verbrennt Hoffmann die Wollmütze, die Windjacke und den Schal von Behrendt im Kachelofen der Schloßküche.
Abends im Fernsehen bittet die Polizei um Fahndungshilfe und zeigt die am Tatort zurückgelassene Sonnenbrille. Eingraviert im Bügel dieser Brille steht der Hinweis auf ihre Herkunft: "Schubert Modell 27". Die Optikerfirma Schubert hat ihren Sitz in Heroldsberg bei Erlangen, Sofienhöhe 6. Bewohner des Nachbarhauses - Sofienhöhe 5 - war jahrelang und polizeilich ordnungsgemäß gemeldet: Karl-Heinz Hoffmann.
Die Spur ist heiß. Der Mord an dem weit über die Stadt hinaus bekannten Juden legt die Frage nach einer möglicherweise politischen Motivation des oder der Täter besonders nahe. Hoffmann später über sich selber: "Ich galt landauf, landab als Judenfresser."
Die Polizei und ihren Ermittlungseifer hat der WSG-Chef damals gründlich überschätzt. Fünf Wochen dauerte es, bis die Kripo zum erstenmal bei Franziska Birkmann erschien und sie nach ihrer Brille befragte. Da waren die wichtigsten Spuren bereits verwischt.
Es hat den Anschein, als seien die Ermittler in diesem Mordfall mit Blindheit geschlagen gewesen. Noch über Monate hinweg suchte die Polizei den Lewin-Mörder keineswegs im Spektrum von Rechtsaußen, sondern unter Angehörigen der jüdischen Gemeinde.
Täter und Tatverdächtige hatten einen Monat Zeit, Verdächtiges fortzuschaffen, Alibis aufzubauen, Einlassungen abzustimmen. Uwe Behrendt wurde mit Flugschein und Geld in den Libanon abgeschoben, Hoffmann folgte später nach.
Er soll Behrendt mit dem Lewin-Mord beauftragt und seine Ausführung mit ihm vorbereitet haben. Seit Mitte September steht er deshalb unter der Anklage des Doppelmordes vor dem Nürnberger Schwurgericht.
Sosehr die Auswirkungen jener Ermittlungspanne mit der Sonnenbrille den beiden Staatsanwälten heute zu schaffen machen - es ist nur ein Teilstück aus einer Kette von Versäumnissen und Fehlgriffen der Strafverfolgungsbehörden. Sie beruhen keineswegs auf Pannen. Im Nürnberger Hoffmann-Prozeß werden die Auswirkungen spürbar, in welchem Umfang das Gefahrenpotential der Rechtsextremisten über Jahre hinweg unterschätzt worden ist.
Vor ihrem Verbot im Januar 1980 ist die Wehrsportgruppe unter dem strafrechtlich übergreifenden Aspekt einer kriminellen oder terroristischen Vereinigung gar nicht ins Blickfeld genommen worden. Deshalb war auch das Bundeskriminalamt nicht mit den Ermittlungen betraut - entsprechend provinziell waren Aufwand, Qualität und vor allem die Resultate der Fahndung.
Sehr viel genauer fiel die Observation durch die Nachrichtendienste aus, die ihre Erkenntnisse offenbar für sich behielten. Nürnberger Prozeßbeteiligten vermittelt sich der Eindruck, als habe man die Hoffmann-Leute erst mal werkeln lassen und beobachten wollen - eine gegenüber dem Linksradikalismus auch damals unvorstellbare Zurückhaltung.
Der Lewin-Mörder Uwe Behrendt gilt als tot. Hoffmann hatte ihn gleich im Libanon noch zum "WSG-Leutnant" befördert, dem höchsten Offiziersrang unter dem "Chef". Lange Zeit später schien er verschollen; es hieß, er selber habe seinem Leben ein Ende gesetzt. Dann kam ein Hinweis, wo die Leiche liegt. Ermittler gruben an der angegebenen Stelle in der Nähe von Beirut die Überreste eines männlichen Körpers aus
und überführten sie nach München. Dort wird derzeit untersucht, ob es die Knochen von Behrendt sind.
Karl-Heinz Hoffmann geht fest davon aus und gibt Behrendt die Alleinschuld am Lewin-Mord. Er selber habe natürlich von allem nichts gewußt. Er spricht von "einer sinnlosen Tat, die unschuldige Leute getroffen hat" - Behrendt habe in "übertriebener Aktionsgeilheit" gehandelt, sei ein unberechenbarer und schwermütiger Mann gewesen und habe ihm - in Anspielung auf den Dichtermörder Karl Ludwig Sand - gestanden, "es ist für mich wichtig, daß ich in der studentischen Tradition stehe - das war mein Kotzebue".
Das kann alles stimmen, aber es muß nicht stimmen. Jedenfalls wird es kaum zu widerlegen sein.
Es ist nicht nur ein Mordprozeß ohne Mörder. Auch die Tatwaffe konnten die Ermittler nicht finden. Nicht einmal den selbstgebastelten Schalldämpfer, den Hoffmann - wie er sagt, zu ganz anderen Zwecken - mit Behrendt vorher zusammengesetzt hatte. Möglicherweise liegt beides noch in einem Nebenfluß der Pegnitz, irgendwo zwischen Erlangen und Nürnberg.
Einige Kripobeamte aus der Provinz haben volle neun Monate später in Wasserstiefeln ein paar Meter oberhalb und unterhalb einer Brücke danach gefischt - erfolglos. Nach einem weiteren Monat kamen sie erstmals mit einer Metallsonde angerückt, suchten aber nur ein kleines Flußstück von 100 Metern ab. Daß die Strömung die Gegenstände weiter weggeschwemmt haben könnte, wurde gar nicht ernsthaft bedacht.
Hätte sich der Mordverdacht gegen die linke RAF gerichtet, dann wäre das Bundeskriminalamt zur Stelle gewesen, in solchem Fall mit größtem Aufwand.
Franziska Birkmann sitzt selber mit auf der Anklagebank - unter dem Verdacht der Mordbeihilfe. Als Beschuldigte braucht sie nicht auszusagen und macht von diesem Recht auch Gebrauch. Die ersten Zeugen, die ohnehin nur zum Randgeschehen Angaben machen können, haben ihre Aussagen im Ermittlungsverfahren jetzt in der Hauptverhandlung noch abgeschwächt.
Bisher sieht alles danach aus, als würde Karl-Heinz Hoffmann am Ende seines Prozesses den Gerichtssaal als freier Mann verlassen. "Wer hat nicht gerne Erfolg?" fragt sein Verteidiger Benno Vetter, der den eigenen Mandanten einen Neofaschisten nennt, ganz locker in einem "taz"-Interview. Vetter: "Die Mordanklage ist so dünn, daß sich jeder Verteidiger die Finger abschlecken würde, so einen Fall zu bekommen. Da ist der Erfolg vorprogrammiert."
Es sieht danach aus. Die Mordanklage der Nürnberger Staatsanwaltschaft ist von der Beweislage her so dürftig, daß sie im ersten Anlauf beim Schwurgericht prompt durchfiel. Im September 1983
lehnte die 5. Große Strafkammer beim Nürnberger Landgericht die Eröffnung des Hauptverfahrens ab, weil mangels genügender Beweise gar kein ausreichender Tatverdacht bestehe. Ihr 86-Seiten-Beschluß liest sich passagenweise schon wie die vorweggenommene Begründung zum Freispruch.
Auf die Beschwerde der Staatsanwaltschaft ordnete das Nürnberger Oberlandesgericht im Februar 1984 dann schließlich doch die Eröffnung des Verfahrens an - vor einer anderen Schwurgerichtskammer. Die muß nun verhandeln, ganz gleich, ob sie selber die Anklage für stichhaltiger ansieht oder genauso bewertet wie die Kollegen.
Rudolf Koob, 58, der Schwurgerichtsvorsitzende, hat einen guten Ruf in Rauschgiftverfahren. Im Hoffmann-Prozeß prägte sich bislang vor allem sein mildes Lächeln ein. Im ersten Prozeßmonat kam er selber kaum zu Wort, denn der Angeklagte redet fast ohne Unterlaß. Rund 55 Stunden Einlassung zu Person und Sache - vermutlich deutscher Prozeßrekord. Fast durchweg ohne Gedächtnisstütze spricht Hoffmann frei und druckreif selbst über die für ihn heikelste Thematik. Er scheint seiner Sache sicher, jedenfalls im Mordfall Lewin.
Das sahen die Staatsanwälte wohl voraus und schoben schließlich noch eine zweite Anklage nach, damit die Optik günstiger ausfällt und es nach jahrelanger Verfahrensdauer wenigstens nicht zum kompletten Freispruch kommt. Draufgesattelt haben die Ankläger vor allem noch Beschuldigungen wegen Geldfälscherei, Bedrohung, Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung im Libanon. Dorthin hatte sich der Hoffmann-Trupp schon im Sommer 1980 zurückgezogen; der "Chef" war zum Jahreswechsel nachgefolgt.
Dort war es zu einer Serie von Schindereien und übelsten Mißhandlungen gekommen, nachdem sich vier WSG-Männer aus dem Hoffmann-Trupp hatten absetzen wollen. Da wurde nicht nur die "klassische Bastonade" verabreicht, schmerzhafte Stockschläge auf die Fußsohle, da mußten Wehrsportler in eine Hundehütte kriechen, aus der Schüssel fressen und bellen.
Andere wurden mit Handschellen an Betten oder die Heizung gefesselt und mußten löffelweise Salz schlucken. Einer - Kay Uwe Bergmann, 21 - wurde mit heißem Fett und Kaffeewasser begossen, bekam nur Ölsardinen zu essen und Olivenöl zu trinken und wurde schwer gefoltert und geprügelt. Seither gilt Bergmann als verschollen, wahrscheinlich ist auch er tot.
Einige der von Hoffmann inzwischen abgefallenen Libanon-Kumpane werden
zwar in Nürnberg als Zeugen auftreten. Doch die meisten stehen selber unter Strafverfolgung und können zu Aussagen nicht gezwungen werden.
Hoffmann selber räumt einige der Mißhandlungen ein, und aus seinen Schilderungen wird eine sadistische Komponente deutlich. Doch alles, was die Staatsanwälte ihm zu diesen Anklagepunkten werden nachweisen können, dürfte nur zu einer Freiheitsstrafe reichen, die mit Hoffmanns langer U-Haft bis zum Urteil wohl abgegolten ist.
Karl-Heinz Hoffmann ist stets unterschätzt worden. Er galt als schrullig, aber nicht gefährlich. Das Operettenhafte in Erscheinung und Auftreten, der Zwirbelbart und seine Spaziergänge mit dem angeleinten Puma fanden stärkere Beachtung als seine politischen Ideen und die kalte Entschlossenheit, ihnen Geltung zu verschaffen.
Zog er mit seinen Mannen in Phantasieuniform mit großdeutschen Anklängen auf ausrangierten Bundeswehrfahrzeugen und mit zugelöteten Schußwaffen zur Übung ins fränkische Unterholz, dann stieß der Aufzug allenfalls auf Unverständnis und Heiterkeit. Verkannt wurde stets, welche Wirkung seine Intelligenz und Überredungskraft gerade auf einen Typus von Heranwachsenden hatten, dessen Bindungslosigkeit und Mangel an Zielsetzungen ihn besonders anfällig machte für die Verführungskünste einer zweifellos starken Persönlichkeit.
Symptomatisch für diese Fehleinschätzung, die sich von der politischen Ebene über Justizbehörden bis in die Medien ausbreitete, ist der Ausspruch des Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß aus dem Frühjahr 1980: "Mein Gott, wenn ein Mensch sich vergnügen will, indem er am Sonntag auf dem Land mit einem Rucksack und mit einem mit Koppel geschlossenen ''Battle Dress'' spazierengeht, dann soll man ihn in Ruhe lassen."
Zwei Monate vor dem Doppelmord in Erlangen verstieg sich Straußens Innenminister Tandler noch zu folgender Lagebeurteilung: "Wer die Lage kennt, der weiß, daß es zwar einen Rechtsextremismus gibt, aber daß die eigentlichen großen Gefahren von seiten des Linksextremismus kommen. Man soll nicht ein Schattenreich aufbauen, eine Schattengefahr aufbauen über das hinaus, was existiert."
Karl-Heinz Hoffmann ist - auf ihn trifft die oft leichtfertige Einordnung zu - ein Verfassungsfeind. Er hat daran nie Zweifel gelassen und räumt es auch heute auf der Anklagebank ein. Gezielt predigt er institutionelle Mängel der Demokratie, "da wird nur gewählt, wer sich der Menge angenehm macht", und zieht die Schlußfolgerung: Wahlen abschaffen. Die von ihm seit 1973 aufgebaute Wehrsportgruppe war 1980 mit etwa 400 Anhängern - aufgeteilt in verschiedene Ortsgruppen - die mitgliederstärkste neonazistische Organisation.
Hoffmanns politische Zielrichtung gegen die verfassungsmäßige Ordnung und für den totalen Staat war offenkundig. Seine WSG, eine paramilitärische Einheit, sollte ihm als Kampftruppe zur Durchsetzung dieser Ziele dienen. Sie war mit hierarchischer Führerstruktur organisiert. Hoffmann selber - so ließ er sich anreden - war "der Chef".
Das Programm hat er in seinem "1. Manifest der Bewegung zur Verwirklichung der Rational Pragmatischen Sozial Hierarchie" niedergelegt. In den Leitsätzen wird gefordert: _____" Eine der Volksgemeinschaft dienende Staatsform mit " _____" ... einer nach dem Leistungs- und Selektionsprinzip " _____" ausgerichteten Führerstruktur. Das Wahlsystem als " _____" Methode, geeignete Führungskräfte für den " _____" Regierungsapparat zu finden, wird durch ein " _____" Selektionsverfahren nach den Grundsätzen des " _____" Leistungsprinzips und des Leistungsnachweises ersetzt. " _____" Die Regierungsgewalt geht von einer in der obersten " _____" Führung zusammengefaßten Gruppe aus. Die Mitglieder der " _____" Regierung sind anonym. Gewerkschaften und Kirche sind zu " _____" entmachten ... "
"Eine Demokratie ist impotent, eine Diktatur, die den richtigen Mann an der Spitze hat, kann für ein Volk alles tun", hatte er schon 1977 in der italienischen Wochenzeitung "Oggi" bekannt.
Fünf Jahre lang, seit 1976, war Arnd-Heinz Marx einer von Hoffmanns treuesten Gefolgsleuten. In der WSG-Hierarchie brachte es der fanatische Neonazi bis zum Sturmunterführer. Auch im Libanon war er dabei. Doch als Hoffmann ihn schikanierte und schlug, trennte er sich vom "Chef" und wird - in anderer Sache selber in Haft - demnächst als Kronzeuge gegen ihn in Nürnberg aussagen. Marx heute, nach dem WSG-Zweck befragt: "Wir haben Ende der siebziger Jahre in der Bundesrepublik den Bürgerkrieg erwartet und damit gerechnet, daß die Ordnungskräfte mit ihm nicht fertig werden. Dann wollten wir mit dem linken Terror aufräumen."
Im Januar 1980 wurde die WSG vom Bundesinnenminister verboten. Sie arbeite darauf hin, "die Macht im Staat zu übernehmen ... nicht mit demokratischen Mitteln". Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte dieses Verbot: Die Wehrsportgruppe "verfolgt in kämpferisch-aggressiver Form das Ziel, die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik Deutschland zu untergraben und schließlich zu beseitigen".
Das war aber auch schon alles mit den Beiträgen der Justiz gegen diese Form der Gefahr von rechts. Zwar hatte in der Bonner Verbotsbegründung der Satz gestanden, die WSG habe "aus den strafgerichtlichen Verurteilungen ihrer Angehörigen nur den Schluß gezogen, künftig noch mehr konspirativ vorzugehen". Doch weitergehende strafrechtliche Konsequenzen wurden nicht gezogen.
Gegenüber der faschistischen Wehrsportgruppe verhielten sich die Strafverfolger, als seien ihnen die Strafgesetz-Paragraphen 129 und 129 a (kriminelle und terroristische Vereinigung) nicht geläufig. Dabei hätte die gegen den Linksextremismus seinerzeit zum Ermittlungsalltag gewordene Handhabe sich gerade gegen Hoffmann und die Seinen angeboten.
Was bei der RAF nur mit der fragwürdigen Unterstellung funktionierte, sämtliche Gruppenmitglieder hätten alle Anschlagspläne
gekannt und gebilligt, deshalb seien sie auch dann für die Folgen zu bestrafen, wenn sie selber gar nicht am Tatort waren, das hätte - auf die WSG angewandt - für Hoffmann brenzlig werden können.
Denn anders als bei der linken RAF war seine Gruppe in der Tat hierarchisch aufgebaut, gab es unbedingte Subordination und eine militärische Befehlsstruktur. Wenn dann ein WSG-Mann wie Uwe Behrendt, obendrein Hoffmanns Stellvertreter, planmäßig einen prominenten Juden ermordet, wäre nach dieser Strafvorschrift auch der Chef dafür verantwortlich zu machen, ohne daß ihm konkrete Tatbeiträge noch einzeln hätten nachgewiesen werden müssen.
Das rechte Auge der Justiz blieb blind, bis es zu spät war. Erst als Hoffmann mit seiner Kerntruppe schon längst im Libanon untergetaucht war, machte auch Generalbundesanwalt Rebmann gegen ihn mobil: Die dortige "Wehrsportgruppe Ausland" sei eine terroristische Vereinigung. Der Bundesgerichtshof ließ den obersten Ankläger abblitzen. Nur diejenige Gruppe dürfe als terroristische Vereinigung verfolgt werden, "die im räumlichen Geltungsbereich des Grundgesetzes besteht". Aber dort hatte Hoffmann seinen Laden gerade dichtgemacht.
In Nürnberg kann er nur dann verurteilt werden, wenn den Anklägern bei jedem vorgeworfenen Einzeldelikt der Nachweis persönlicher Tatschuld gelingt - und der wird ihnen schwerfallen, zumal sich Hoffmann geschickt verteidigt.
Daß er selber in Erlangen am Tatort war, nimmt auch die Staatsanwaltschaft nicht an. Hoffmann hat auch ein Alibi: Er hatte Besuch an jenem Abend. Er sei weder Nazi noch Judengegner - auch dazu fallen ihm tausend Worte ein. Behrendt habe im Haus überall Zugang gehabt, so hätte er Beretta und Brille auch ohne Absprache einpacken können. Schalldämpfer, ja, die habe er versuchsweise angefertigt, denn im Libanon habe er eine Waffenfabrik aufbauen wollen. Mißhandlungen und Folter? Weit übertrieben - in jeder militärischen Einheit müsse nun mal Ordnung herrschen, und Meuterei werde nirgends geduldet. Das hätten auch seine Jungs akzeptiert.
Spektakuläre Vorfälle aus der rechten Szene sind oft nur halbherzig auf mögliche Zusammenhänge mit der WSG untersucht worden. Da gab es riesige Waffenfunde, allein im Süsinger Wald bei Uelzen in 33 Waldverstecken 88 Kisten mit 50 Panzerfäusten, 258 Handgranaten und drei Zentnern Sprengstoff; doch dies - so das Resultat der Ermittler - sei alles das Werk eines einzelnen Forstwirtschaftsmeisters gewesen, und der hat sich dann auch gleich erhängt. Jedem einzelnen RAF-Revolver galt mehr Engagement der Ermittler.
Sogar Pläne zur gewaltsamen Befreiung von Rudolf Heß aus dem Spandauer Gefängnis in Berlin fanden sich im Hoffmann-Schloß Ermreuth. Strafrechtlich wurde ihm da nichts vorgeworfen. Die Zahl seiner Verstöße gegen das Waffengesetz soll auch schon vor dem Libanon-Trip Legion gewesen sein, doch amtliche Konsequenzen blieben aus.
Bis heute kommt der Verdacht nicht zur Ruhe, Hoffmann habe doch etwas mit dem Münchner Oktoberfest-Attentat (13 Tote, 219 Verletzte) zu tun. Am Tage danach, 27. September 1980, wurde er auch festgenommen, auf Anweisung der Bundesanwaltschaft aber anderntags wieder freigelassen.
Soviel ist sicher: Kontakte zwischen Gundolf Köhler - den Rebmann entgegen vielen Zweiflern noch immer für den Alleintäter hält - und Karl-Heinz Hoffmann hat es gegeben. Schon im Januar und im Juli 1976 hatte Köhler an gemeinsamen Wehrsportübungen teilgenommen und dabei besonderes Interesse für alles Militärische bekundet. Später schickte er mal als Zeichen spezieller Verbundenheit an den "Chef" zwei Flaschen Wein.
Als Hoffmann nach dem WSG-Verbot das Kampf- und Waffentraining seiner Männer in den Libanon verlegte, war das den deutschen Sicherheitsbehörden nur recht. Sie versprachen sich davon nicht nur ein Nachlassen rechtsextremistischer Aktivitäten in der Bundesrepublik, sondern über gezielt auf die Wehrsportgruppe angesetzte V-Leute deutscher Nachrichtendienste vor allem Erkenntnisse aus dem Führungskreis der PLO. Sie sollten den Staatsschützern Hinweise und Spuren liefern - auch für die Fahndung nach den damals noch umtriebigen Top-Terroristen der RAF.
Kontakte zu rechten Falangisten im Libanon sind Hoffmann oft zu Unrecht nachgesagt worden. "So was wäre unser Todesurteil gewesen", sagt heute Neonazi Marx, der damals mit Hoffmann im Libanon war, "denn dann hätten das auch die CIA und der Mossad spitzgekriegt, wir waren doch radikale Judengegner." Um so besser lief es mit den Palästinensern. Im Bergcamp zwischen Saida und Damur ließ sich der Trupp nicht nur an der Kalaschnikow ausbilden, sogar mit der "RPG 7" - einer Panzerabwehrrakete, die auch beim Heidelberger RAF-Anschlag auf den US-General Kroesen abgefeuert wurde - durfte herumgeschossen werden.
Der Handel mit ausrangierten Bundeswehr-Unimogs und VW-Kübelwagen, die Hoffmanns Leute in den Libanon überführten und dort gelegentlich an die Fatah verkauften, bot zwar eine gewisse Einnahmequelle, war aber letztlich mehr der Versuch einer zivilen Bemäntelung des militärischen Abenteuers. Aus den Kassen der Ölländer erhielten die Palästinenser an Kraftfahrzeugen neuester Bauart ohnehin, was sie wollten - und Hoffmann bekam seine abgeklapperten Autos nicht selten zurück, weil sie partout nicht funktionieren wollten.
Für die Zuträger der deutschen Geheimdienste gab es genügend Stoff für
ihre Berichte: Der Kontakt zur PLO-Führung war eng. Gelegentlich kam sogar Abu Ijad, Arafats rechte Hand und Sicherheitschef der PLO, ins gemeinsame Camp und überzeugte sich vom Stand der Ausbildung. Das Vertrauen zu den deutschen Rechtsradikalen schien unbegrenzt: Als in Tripoli ein Schiffstransport mit Waffen der DDR-Volksarmee eintraf, durften auch die Hoffmann-Leute beim Abladen von 400 grünen Kisten (Inhalt: je 10 MP vom Typ Kalaschnikow) mit zupacken.
Verbindungsmann zum Verfassungsschutz war das WSG-Mitglied Ulrich Behle. Erst pflegte er Kontakte mit dem Düsseldorfer Landesamt, später mit Dienststellen in Süddeutschland.
Eingefädelt freilich hatte das Zusammenwirken der linken Palästinenser mit Hoffmanns rechten Wehrsportmännern im Frühjahr 1980 eine der fragwürdigsten Gestalten im Zwielicht von Verbrechertum und Geheimdienstmilieu: Udo Albrecht, 44, Gründer einer "Wehrsportgruppe Ruhrgebiet". Der Mann arbeitet für den westdeutschen Bundesnachrichtendienst und wohl auch für den Staatssicherheitsdienst der DDR.
Albrecht ist ein halbes dutzendmal vorbestraft, darunter wegen Waffen- und Sprengstoffbesitzes, auch mehrfach wegen Bankraubs. Seine Kontakte zu arabischen Hintermännern von rechten wie linken Terrorgruppen machten ihn schon früh für Geheimdienste interessant.
Im September 1970 wurde Albrecht, nachdem er fünf Monate zuvor aus der Strafanstalt Werl ausgebrochen war, von SPD-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Wischnewski höchstpersönlich aus den Kriegswirren in Jordanien befreit. Kanzler Brandt hatte ("Ben Wisch") Wischnewski, der schon des öfteren in heikler Nahost-Mission unterwegs war, damals nach Amman entsandt, wo drei Passagierflugzeuge auch mit Deutschen an Bord entführt worden waren.
Im Bürgerkrieg hatten die Jordanier dort Udo Albrecht "aufgegriffen", der dann im Botschaftsgebäude Schutz erhielt und drei Tage später gemeinsam mit Wischnewski erst im Auto ins saudiarabische Tabuk, dann weiter per Flugzeug nach Dschidda reiste. Von dort machte sich Albrecht wieder selbständig.
Im Frühjahr 1980 hatte er den WSG-Chef Hoffmann bei der Fatah-Führung in Beirut eingeführt. Einen guten Draht besaß er vor allem zu zwei Fatah-Führern: Amin el-Hindi und einem, der sich nur "Atif" nannte. Im August allerdings wurde Albrecht in der Bundesrepublik erneut inhaftiert - wegen bewaffneter Banküberfälle. Doch Pullacher BND-Spezialisten hielten ihre Quelle zur PLO-Ausforschung für unentbehrlich und fingerten an Albrechts abermaliger Befreiung, dem sonst zehn Jahre Haftstrafe sicher schienen.
Die Zellentür im westfälischen Brackwede ließ sich natürlich nicht einfach aufschließen. Ein Umweg war nötig: Albrecht machte Angaben, direkt an der DDR-Grenze bei Büchen, hart an den Gleisen der Interzonenstrecke, sei eine Panzerfaust verbuddelt. In Begleitung von fünf Kripobeamten und einem Staatsanwalt wurde der Schwerverbrecher im Juli 1981 bis an die Grenze transportiert - ohne Fußfessel, und der Staatsanwalt löste dann persönlich auch noch die Handschellen. Grenzschutzbeamte rieten zu verstärkter Sicherung, man winkte ab. Albrecht grub, dann ratterte ein Zug vorbei - und mit ein paar schnellen Sprüngen war der Mann drüben. DDR-Grenzer stoppten den stolpernd nachsetzenden Staatsanwalt mit gezückter MP. Dann eskortierten sie den Flüchtling durch ein Loch im Zaun. Die DDR verweigerte seine Auslieferung, und kurz darauf war Albrecht wieder auf Lauschstation im Libanon.
Karl-Heinz Hoffmann, erzählt sein Ex-Gefolgsmann Arnd-Heinz Marx, "ist auf Albrecht sauer gewesen. Zwischen den beiden gab es eine Art von internem Machtkampf. Albrecht erschien mir wie ein Abenteurer. Aber alle Kontakte liefen über ihn, und er stahl Hoffmann oft die Schau".
Geheimdienstinteressen vor Strafverfolgung? Soviel ist sicher: Über Hoffmanns Aktivitäten in der Bundesrepublik wie im Libanon wissen die Nachrichtendienste mehr, als in den Akten der Nürnberger Justiz vorkommt.
Vielleicht sogar über einen weiteren Mord. Offiziell gilt Kay Uwe Bergmann als verschollen. Wer ihn zuletzt gesehen hat, schilderte einen Mann mit schwersten Kopfverletzungen, einen von Folter entstellten Körper. Als BKA-Experten vor einigen Monaten im Libanon die Leiche des Lewin-Mörders Behrendt bargen, hatten sie den Auftrag, auch nach der Leiche Bergmanns zu suchen. "Das ließ sich aber", sagt Hoffmann-Ankläger Jörg Schwalm, "unter den damaligen Gegebenheiten leider nicht durchführen. Im übrigen sind da auch die Zeugenaussagen nicht sehr präzis."
Eine Zeugenaussage allerdings steht noch aus, von der bisher weder Ankläger noch Richter in Nürnberg etwas wissen. Arnd-Heinz Marx, heute entschiedener Hoffmann-Gegner, hat damals besonders viel mitgekriegt. "Wie ein Zombie" habe Bergmann ausgesehen, "sein Kopf war fast so breit wie zwei Köpfe". Nach Tagen der von Hoffmann befohlenen Zwangsfütterung des Gefesselten mit Öl, Ölsardinen, Salz und Kernseife habe er ständig Durchfall gehabt, sich aber Gesäß und Schenkel nicht säubern dürfen. Marx: "Es war schon faulig, der hatte am Arsch richtig Schimmel dran."
Dann kam die Nacht. Bergmann war am Ende. Er wollte die Kugel. Marx: "Der Chef und Klaus Hubel fuhren im Landrover vor. Der Alte hielt und holte Behrendt. Gegen Morgen war Bergmann weg. Der Alte sagte, den hätte die Militärpolizei geholt. Ich glaube, daß er umgelegt wurde - auf Befehl vom Alten."
Am nächsten Tag erhielt Marx von Hoffmann den Befehl, Bergmanns Stiefel auf Hochglanz zu putzen: "Er sagte zu mir, ich will mich darin spiegeln können."
Lewin-Mörder Uwe Behrendt bekam noch einen Spezialauftrag von Hoffmann. Dazu mußte sein Paß gefälscht werden. Ein anderer deutscher Reisepaß sollte zuvor als Versuchsobjekt dienen. Hubel und Marx mußten ihn festhalten, Hoffmann stanzte das Photo ein.
Marx erinnert sich noch an den Wortwechsel: "Ich rief, das ist doch Bergmanns Paß. Der Alte sagte, das Arschloch braucht ihn nicht mehr." _(1984 als Angeklagter in Frankfurt. )
1984 als Angeklagter in Frankfurt.
Von Sternsdorff, Hans-Wolfgang

DER SPIEGEL 47/1984
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