11.02.1985

Okalte Feuers-Brunst

Reinhard Baumgart über Alexander Langs „Don Karlos“-Inszenierung in den Münchner Kammerspielen *
Zwei alte Männer, Schauspieler, werden von ihren Gehilfen sacht ganz vorn an die Rampe geführt, der eine ist blind, der andere ratlos. Stühle werden ihnen untergeschoben, auf denen sitzen sie nun nah am Publikum, Knie an Knie, fast Stirn an Stirn, fast ineinandergesunken, und beraten sich über Elend und Wirrnis der Welt.
Der Blinde schimpft mit einer heiseren Papageienstimme, der andere blickt noch weh und versonnen in die Luft, als wäre er eben aus einem unglaubwürdig schönen Traum erwacht. Doch am Ende sind die beiden Alten sich einig: Was da drei Stunden lang über die Bühne gewirbelt ist, dieser Spuk aus Jugend, Brunst und Weltbeglückungswahn, das gehört nun weggeputzt, aufgeräumt, das wird liquidiert.
Dieses Duo zwischen Großinquisitor und König Philipp ist der (späte) Höhepunkt jeder "Don Karlos"-Inszenierung, auch wenn Peter Lühr und Romuald Pekny nicht zusammen gegeneinander spielen. Aber selten oder nie war Schillers reiche, wirre, angeblich spanische Geschichte so auf ihren nackten Kern entblößt wie an diesem Abend in den Münchner Kammerspielen, wo Alexander Lang aus Ost-Berlin zum ersten Mal diesseits der Elbe Regie führte. Da tobte eine Handvoll empfindungsseliger und -wütiger junger Menschen gegen ein starres, vom Mißtrauen aller gegen alle verdüstertes Lebenssystem. Lauscher sind in allen Nischen und Ecken postiert. Gerüchte und Intrigen hecheln nach Opfern. Orwell als rasend exekutierter Comic strip - ein Orwell in Versen und von Schiller?
Die dichte, grelle Maskierung und Stilisierung und das Tempo, die Lang dem Spiel aufgezwungen hat, täuschen lange Strecken über den Ernst der Sache. Aber der bricht um so überraschender und vehementer immer wieder durch. Als der Infant Karlos den König mit seiner ersten Werbungsattacke bedrängt, sieht Philipp seinen verzückten und verkrampften Sohn an wie ein ekelhaftes, doch faszinierendes Naturereignis, ein Tier, das man sich vom Leibe halten muß, um nicht selbst hinabgezogen zu werden in die schönen Strudel dieser wüsten Animalität, dieser Jugend. Peknys rauhe, fast gebellte Ausbrüche sind reine Notwehraktionen.
In dieser radikal vereinfachten Lesart des Stücks kommt Schillers Spanien kaum noch vor. Auch die Kostüme sehen nicht mehr stil- und epochenecht aus. Der Infant hängt in einer kläglichen Strumpfhosenkombination, so bonbonbunt und sanft lächerlich wie ein empfindsamer, störrischer Knabe aus dem "Struwwelpeter". Er spricht mit knallrot geschminkten, üppigen Lippen. Auf seinen wie auf den Wangenknochen seiner Mitspieler leuchten rote Schmink- und Erregungsflecke. Das paßt zu hochgeworfenem Kinn und "glühend" oder "tückisch" rollenden Augäpfeln, mit denen diese rasch und heftig bewegten Menschen sich ausdrücken. Manchmal scheint auf der Bühne eine Commedia dell''arte, dann ein boshafter Moliere zu toben. Immer wieder grüßt die hitzige Melancholie von "Leonce und Lena" oder, noch öfter, Wedekinds "Frühlings Erwachen", wo ja auch eine Handvoll irrer, wirrer Gymnasiasten den Aufstand probt gegen eine rigid erwachsene Welt.
Dieser Flug durch die Zeiten, dieses Mischen, Addieren, Dissonieren ist echtes Ost-Berliner Post-Histoire. Als Spätzeithohn und -trauer gehört es dort offenbar ins Repertoire aller ehrgeizigen Regisseure, genau wie der immer neu variierte, in den verschiedensten Stücken entdeckte Aufstand junger, wütender Empfindsamkeit gegen starre Regelsysteme. Ob Alexander Lang nun mit solcher Dissidenz sympathisiert oder nicht, läßt er sich so leicht nicht abfragen. Er führt die Rebellion nur vor, und zwar als lustvollen Alptraum.
Sein Lieblingstempo: presto. In Volker Pfüllers aus Rot und Dunkelstblau, aus Wänden, Türen, Nischen gebauter Bühnenschachtel sausen die Spieler herein und hinaus wie im Taubenschlag. Die Briefchen, die Handschuhe, das Tuscheln, Kneifen, Äugen, dieses ganze Zubehör des Schillerschen Intrigendramas wird knapp und nicht ohne trockenen Hohn vorgeführt. "Huuh!" ruft die Königin, als ihr rascher Abtritt sich mit dem jähen Auftritt des Marquis Posa kreuzt. "Jetzt einen Menschen" wünscht sich der trostlose König im dritten Akt, und Schiller braucht lange, um den Gewünschten herbeizuschaffen. Bei Lang, klipp, klapp, steht der Mensch Posa sofort da wie das Gutwettermännchen aus der Spieluhr.
Klingt das nach Herzlosigkeit, nach Schadenfreude, nach High-Brow-Ulk? Aber Schillers Sprache und Verse, diese bewegte und bewegende Rhetorik, die immer Angriff, Verteidigung, Überredung, _(V. 1. Hans Kremer, Sunnyi Melles, Peter ) _(Lühr, Romuald Pekny, August Zirner, Hans ) _(Kremer. )
also Argumentation ist, sie leuchtet so kraftvoll und unverlegen, wie das lange nicht mehr zu hören war. Langs grellen Kunstfiguren geht diese lyrischjuristische Kunstsprache ganz natürlich von den Lippen. Wärme, Gemütlichkeit allerdings gönnt sie den Zuschauern nicht. Seit Lietzaus "Räubern" vor mehr als anderthalb Jahrzehnten hat man die kalte Feuersbrunst der Schillerschen Suada und Dramatik nicht mehr so präzise wüten sehen.
Freilich, wie so oft auf Ost-Berliner Bühnen treten auch hier Menschen auf als Figuren, ja manchmal verkleinert zu Figurinen. Lang sieht sie wie durch ein umgekehrtes Fernrohr, umrißscharf, hell, konzentriert. Seinen energischen Strichen, den schnellen Schnitten im Spielablauf hat er auch mehr geopfert als nur die Weite, die dschungelhafte Wirrnis, die deutschen Innigkeiten dieses "dramatischen Gedichts".
Eigentlich sollte ja mit Posa ein Unangepaßter in eine durchritualisierte, durchinstrumentalisierte Welt eintreten, ein Parzival und Radikaldemokrat, rein und leider etwas lächerlich. Doch dieser Engel von Beruf verwandelt sich, kaum mit Macht versehen, sofort in einen Machtmanager, Geheimnisträger und Intrigeningenieur, immer für den besten höchsten Zweck, für die Freiheit der Völker, versteht sich. Dieses aktuelle Lehrstück und seine traurige Komik werden uns von Lang und seinem Posa-Darsteller August Zirner unterschlagen. Denn dessen Marquis ist leider kein Kopf, sondern nur ein ewig leuchtender und lächelnder Poseur von Gedanken. Auch bleibt unverständlich, warum Herzog Alba (Axel Milberg) als junger, smarter Gardeoffizier präsentiert wird statt als düsterer Haudegen kurz vor dem Rentenalter.
Also kann und muß alles Licht auf ein Trio und Dreieck fallen, das durch Tempo und Kahlschlag und Leerstellen ringsherum erst ganz freigelegt wird, auf König-Vater, Königin-Stiefmutter und einen Infanten, der ja verwirrenderweise einmal der Bräutigam seiner Stiefmutter war. Womit der von Schiller intendierte politische Konflikt (zwischen "Freiheit" und "Tyrannis", "Menschlichkeit" und "Ordnung", "Offenheit" und "Maske") wieder dorthin zurückgeführt wird, wo auch das Kind Schiller solche Konflikte "gelernt" haben muß: in der Familie, an Vater, Mutter und deren Repräsentanten.
Sunnyi Melles, bleich und doch glühend und doch ängstlich, spielt also unendlich mehr als nur eine spanische Königin französischer Herkunft. Sie zeigt ein Schreckbild von Wunschfrau, nicht nur für Schiller, einen Liebesengel, der immer reizvoll unerreichbar bleibt, leidenschaftlich gehemmt, ein Lebensdrama, das hier auf engstem Raum, mit wenigen, intensiven Mitteln zum Leuchten gebracht wird.
Auch Romual Peknys Philip erzählt nicht mehr, wie das Rollenklischee es will, von Einsamkeit auf Herrscherthronen. Er entwirft einen König von Shakespeare-Format, wütend und ratlos gegen das Alter und den Verlust der Autorität kämpfend, einen sinnlosen, kindischen, würdelosen, aber sehr menschlichen Kampf.
Was aber möglich wird unter dem Überdruck der Langschen Regie, das Unmögliche nämlich, demonstriert am bewundernswertesten doch Hans Kremer als Karlos, der diesen selbstmörderischen Schwärmer mit einem wie ständig unter Strom stehenden Körper spielt und spricht, ohne diese Hochspannung je zu brechen oder zu dämpfen. So rücksichtslos hat wohl seit Bruno Ganz als Prinz von Homburg kein Darsteller mehr auf einer Bühne deutschen Idealismus wahrhaft "verkörpert". Aus dem wehen Clown von damals ist nun eine schrecklich verglühende Kasperlefigur geworden. Eine Verschärfung, eine Verharmlosung?
"Kleists Traum vom Prinzen Homburg" hieß das Stück, das Peter Stein 1972 spielen ließ. Schillers Traum vom Infanten Karlos ist nun in München zu sehen. In der letzten Minute steht Hans Kremer mit weit ausgebreiteten Armen und bricht in ein Gelächter aus, das sich unmerklich in Geheul verwandelt. Auf seiner weißen Hemdbrust explodiert jäh ein Blitzlicht. Mit diesem Blitzschlag aus der Brust des Karlos hat die Aufführung auch eingesetzt. Die beiden zuckenden Signale setzen den Rahmen für einen Alp- und Lusttraum von Macht und Liebe und Tod, Hoffnung und Vergeblichkeit, wie er so keß und wüst auf unseren Bühne lange nicht riskiert wurde.
V. 1. Hans Kremer, Sunnyi Melles, Peter Lühr, Romuald Pekny, August Zirner, Hans Kremer.

DER SPIEGEL 7/1985
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