Die Mäuse mußten Kampfer riechen, jeweils für drei Stunden. Danach untersuchten die Wissenschaftler die Abwehrlage der Versuchstiere. Ergebnis negativ: Die Immunabwehr hatte sich durch das Schnuppern nicht verändert. Dann folgte der zweite, entscheidende Teil des Experiments.
Einer Gruppe von Mäusen wurde, zusammen mit dem durchdringenden Kampfer-Geruch, eine Chemikalie namens "Poly-IC" eingespritzt, von der bekannt ist, daß sie die Aktivität bestimmter körpereigener Abwehrstoffe, der sogenannten Killerzellen, anregt. _("Poly-IC": abgekürzt für ) _(Polyinosinin-Polycytidilin-Säure. )
Neunmal erhielten die Mäuse Kampferduft und Poly-Spritze, die Aktivität der Killerzellen stieg jeweils entsprechend.
Dann, beim zehnten Mal, ließen die Forscher die Spritze weg, nur noch die Kampferwolke strömte in den Käfig - und prompt reagierten die Mäuse wie die sprichwörtlich gewordenen Pawlowschen Hunde: Wie den Hunden schon auf das Klingelzeichen hin (und nicht erst beim Anblick oder Geruch von Futter) das Wasser im Maul zusammenlief, so zeigten nun die Mäuse als Antwort auf das bloße Kampferduft-Signal erhöhte Killerzellen-Aktivität, obwohl diese chemisch nicht direkt angeregt worden war.
Der Versuch deutet auf einen engen, in dieser Form bisher nicht bekannten Zusammenhang zwischen Gehirn und Immunhaushalt. Ließe sich noch genauer klären, welche Rolle die grauen Zellen bei der Steuerung des körpereigenen Abwehrsystems spielen, so könnte das den Medizinern neue Möglichkeiten eröffnen, zum Beispiel bei der Behandlung von Störungen des Immunsystems.
Die Mäuseergebnisse wurden vorgestellt auf einem internationalen Workshop in Bethesda (US-Staat Maryland), der dem noch ganz neuen Forschungsgebiet der sogenannten Neuroimmun-Modulation gewidmet war: der Erforschung der Wechselwirkungen zwischen dem zentralen Nervensystem und der körpereigenen Abwehr. Ersonnen wurde das Mäuse-Experiment von dem Mikrobiologen Novera Herbert Spector, ausgeführt wurden die meisten Versuche an der Medical School der University of Alabama.
Bei der Arbeitstagung in Bethesda kamen noch weitere
Erkenntnisse zur Sprache, die Wissenschaftler auf dem neuen
Forschungsfeld gewonnen haben:
*
Daß die linke und die rechte Hirnhälfte offenbar
unterschiedlich zur Steuerung der Immunabwehr
beitragen, berichtete der französische Mediziner Gerard
Renoux aus Tours. Im Tierversuch waren Zahl und
Aktivität bestimmter Abwehrzellen ("T-Zellen")
zurückgegangen, wenn ein Teil der linken Hirnhälfte
entfernt wurde.
*
Einen bisher unbekannten Zusammenhang zwischen
wichtigen, unter anderem für das Schmerzempfinden
zuständigen Hirnsubstanzen (Beta-Endorphin, Enkephalin
und Dynorphin) und bestimmten Abwehrzellen
(Makrophagen), die bei der Wundheilung mitwirken,
entdeckte eine US-Forschergruppe der National Health
Institutes: Die Hirnsubstanzen neigen dazu, sich mit
den Makrophagen zu verbünden.
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Frühere Untersuchungen haben gezeigt, daß die für das
Immunsystem wichtigen weißen Blutkörperchen
(Lymphozyten) erstaunlicherweise Rezeptoren besitzen,
in die bestimmte Hirnsubstanzen, die sogenannten
neuroaktiven Peptide, passen.
Die Mäuseforscher aus Alabama fügten dem Neuro-Puzzle ein interessantes Teilstück hinzu. Sie waren dem klassischen Experiment des russischen Physiologen Iwan Pawlow gefolgt, der 1890 erstmals die gezielte "Konditionierung" vorgeführt hatte: In den vorausgehenden Versuchen waren die Hunde daran gewöhnt worden, das Glockensignal mit dem nahenden Fressen zu identifizieren, bis schließlich ihr Gehirn programmiert war: Es läutet, jetzt gibt''s was.
Mit einer Reihe von Kontrollversuchen sicherte Spector die Ergebnisse ab: Eine Gruppe von Mäusen erhielt im zehnten Abschnitt des Experiments statt des Kampfersignals nur eine Salzwasserinjektion (Ergebnis: die Killerzellen-Aktivität war nur ein Drittel so hoch wie bei dem Pawlow-Versuch); eine andere Kontrollgruppe wurde in allen zehn Versuchsphasen nur mit Kampfer und Salzwasser statt mit der Poly-IC-Spritze traktiert (Resultat: 39fach geringere Immunaktivität als beim Hauptversuch).
Die jüngsten Vorstöße auf dem Gebiet der Neuroimmun-Modulation bestärken die Wissenschaftler in der Einschätzung, das Gehirn besitze Kommandogewalt, nicht nur über Muskeln, Sinne und Verhalten, sondern über nahezu alle Körperfunktionen und deren Chemie.
Von Mäusen und Menschen, die lernen könnten, Krankheit und deren Abwehr vom Kopf her zu steuern, hat sich die westliche Schulmedizin bisher nur wenig träumen lassen.
Daß ein Medizinmann ein Opfer allein dadurch zu Tode bringen kann, daß er es von seinem bevorstehenden Ende überzeugt - Fälle dieser Art sind reichlich dokumentiert. Staunend publizierte die US-Ärztezeitschrift "Jama" vor einigen Jahren die Krankengeschichte einer 28jährigen Frau, die an systemischem Lupus erythematodes, einer Autoimmunkrankheit mit schwerem Hautausschlag, jahrelang litt. Kein Medikament half. Erst als die Frau in ihr Heimatdorf auf den Philippinen zurückkehrte, wurde sie gesund: Der Medizinmann im Dorf vertrieb die "bösen Geister" und nahm den "Fluch" von ihr.
"Antworten" auf die Frage, wie solche Art von Heilung, bisher ins Reich der Magie verwiesen, neurophysiologisch zu erklären wäre, "gibt es noch nicht", resümierte US-Forscher Spector, Erfinder des Mäuse-Kampfer-Experiments. "Aber welche Art von Forschung betrieben werden muß, um solche Antworten geben zu können, das wissen wir jetzt."
DER SPIEGEL 7/1985
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