21.01.1985

„Genosse, wir wollten euch erledigen“

Die Davongekommenen von Jalta (II): Griechenland / Von SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz *
Ein zittriger Greis von 79 Jahren, chronisch asthmakrank, die vom grauen Star angegriffenen Augen durch eine dunkle Brille geschützt, wird von Nachbarn mit biblischem Haß verfolgt.
"Du bist hier unerwünscht" und "Deine Stunde ist gekommen" sprühten Feinde an sein Haus. Der Bürgermeister betrachtet die Anwesenheit des alten Mannes als "gezielte Provokation". Ein Leitartikler fand es unerhört, "daß der Oberbandit neben und unter denjenigen weilt, deren Ausrottung er betrieb".
Die Aufregung im Athener Bezirk Papagou, wo griechische Offiziere und Veteranen wohnen, gilt einem ehemaligen General, den die Kameraden allerdings nicht als einen der Ihren betrachten, sondern als "Mörder" oder "Schlächter". Er hatte auf der falschen Seite gekämpft.
Es ist der erst vor zwei Jahren aus sowjetischem Exil heimgekehrte Markos Vafiadis. Als "General Markos" war er legendärer Führer und Held der "Demokratischen Armee" im griechischen Bürgerkrieg - jener Tragödie, die vor vier Jahrzehnten im Schatten des großen Weltkonfliktes fast unterging, für das betroffene Griechenland selbst aber eine Katastrophe war, an deren Folgen es bis heute krankt.
Das grausame Brudermorden, das mit Unterbrechungen von 1943 bis 1949 das Land verwüstete, wurde für die Griechen durchaus, was der Spanische Bürgerkrieg ein Jahrzehnt vorher für die Spanier bedeutete. Mit gleichem Haß und gleicher Grausamkeit wie spanische Republikaner und Faschisten wüteten griechische "Monarchofaschisten" und sogenannte "Slawokommunisten" gegeneinander.
Und so wie Spanien Probe-Kriegsschauplatz von Mächten war, die danach im Zweiten Weltkrieg aufeinanderprallten, wurde Griechenland zum ersten Schlachtfeld des Kalten Krieges. An der Grenze Griechenlands stoppte der britische Premier Winston Churchill, in der Wahl seiner Mittel ziemlich
skrupellos, den kommunistischen Vormarsch in Südosteuropa. Griechenland war der Grund für die Truman-Doktrin vom März 1947 gegen eine weitere Ausdehnung des sowjetischen Machtbereichs, ein Schritt, der die Weltkriegsalliierten USA und UdSSR endgültig zu Gegnern machte.
Daß "Die rote Springflut", wie der Autor Hendrik van Bergh die Expansion Stalins im Gefolge des Zweiten Weltkrieges nannte, gerade in Griechenland zum Stehen kam, obgleich dort die Voraussetzungen für eine kommunistische Machtergreifung besser waren als in den meisten anderen Ländern Ost- und Südosteuropas, die hinter dem Eisernen Vorhang verschwanden, lag nicht zuletzt an Stalin selbst.
Er hatte, als Churchill ihm im Oktober 1944 eine Aufteilung des Balkans in Einflußsphären anbot, Griechenland dem Briten nach dessen Vorschlag "90 zu 10" überlassen - im Austausch gegen seine Vorherrschaft in Rumänien, Bulgarien und Ungarn. Und er verweigerte den erbittert kämpfenden griechischen Genossen jede direkte Unterstützung. Dieser Kampf sei nicht zu gewinnen, meinte er. Und die Sowjet-Union könne selbst im akuten Kriegsfall nicht eingreifen - weil sie "keine Kriegsflotte hat".
So explodierten im südöstlichen Winkel Europas, wo seit Jahrhunderten Angst und Haß die Hirne vergifteten, politische Leidenschaften in einem Blutrausch, in dem sich Grenz- und Nationalitätenkonflikte, Ideologien und Glaubenskampf, republikanische und monarchistische Fanatiker, soziale und regionale Gegensätze grausam austobten.
Hunger wie Fememorde wurden zu Waffen ebenso machtlüsterner wie intriganter Politiker und Geheimbünde, die es stets verstanden, ausländische Mächte in ihr blutiges Spiel zu verstricken.
Übrig blieb ein verheertes Land, das fast zehn Prozent seiner Bevölkerung durch Tod oder Flucht verloren hatte, in dem die Sieger die Unterlegenen auf KZ-Inseln verbannten. Ein Staat, in dem die Bürgerkriegsgefahr, wie der Obristenputsch von 1967 zeigte, weiter fortbesteht und in dem die Wunden, wie der Streit um den Heimkehrer Markos beweist, noch längst nicht vernarbt sind.
Begonnen hatte die griechische Tragödie, wie die ganz Europas, mit Adolf Hitlers Welteroberungsplänen.
Der Führer fiel Anfang April 1941 in Griechenland ein - er mußte seinen Achsenpartner Benito Mussolini heraushauen. Der ruhmsüchtige Duce hatte sich in den Bergen Nordgriechenlands gerade unsterblich blamiert.
Mussolini fühlte sich von Hitler wie ein unmündiges Kind behandelt. Der mächtige Verbündete führte Feldzüge und eroberte halb Europa, ohne ihn, den Duce, an Ruhm und Beute teilhaben zu lassen.
"Hitler stellt mich immer vor vollendete Tatsachen", erregte sich der Diktator vor seinem Außenminister und Schwiegersohn Graf Ciano. "Diesmal aber werde ich ihm mit gleicher Münze zurückzahlen. Er wird aus den Zeitungen erfahren, daß ich in Griechenland einmarschiert bin."
Am 28. Oktober 1940, um drei Uhr morgens, ließ der italienische Botschafter in Athen, Grazzi, den griechischen
Diktator General Metaxas wecken. Er überreichte ihm ein auf drei Stunden befristetes Ultimatum Roms, in dem Italien ein Stationierungsrecht für seine Truppen auf griechischem Territorium forderte.
Metaxas antwortete angeblich mit einem Wort: "Ochi" - "Nein!" -, das seither zu einem Symbol griechischen Widerstands wurde. Er hätte freilich antworten können, was immer er wollte, denn Mussolini wartete erst gar nicht den Ablauf des Ultimatums ab. Um fünf Uhr morgens überschritten seine Truppen die albanisch-griechische Grenze.
Der Duce hatte sich den Feldzug für seine modern bewaffneten Alpini- und Panzer-Divisionen als Parademarsch nach Athen vorgestellt.
In einem Kriegsrat am 15. Oktober in Rom hatte er sich berichten lassen, daß die Entfernung von der albanischen Grenze nach Athen "nur 250 Kilometer" betrage, daß es dazwischen zwar "kahles, rauhes Mittelgebirge" gebe, die Täler aber in günstiger Richtung liefen und außerdem "Saumpfade" vorhanden seien, die sein in Albanien kommandierender General Visconti Prasca, wie der erzählte, schon "öfters gegangen" war.
In ihren Bergen aber waren die Griechen besser zu Fuß als die Strategen des Duce, der selber an die Front eilte. Obgleich vom Angriff überrascht und weit unterlegen, brachten hellenische Evzonen-Gebirgstruppen die Italiener binnen zwei Wochen zum Stehen und trieben dann Mussolinis Elitedivisionen wieder aus dem Land.
In zwei Gegenoffensiven drangen die Griechen unter Führung von General Papagos weit nach Albanien vor. Eine neue italienische Offensive im Frühjahr scheiterte. Der verhinderte Eroberer Mussolini verfiel angesichts seiner müden Krieger in Schwermut: "Hier ist nichts mehr zu machen. Es ist absurd, aber es ist so!"
Er wandte sich an Hitler um Hilfe. Der hatte sich aus dem Konflikt herausgehalten, wohl auch, weil der griechische Diktator Metaxas, an der Berliner Kriegsakademie geschult und dort als "kleiner Moltke" gerühmt, durchaus deutschfreundlich war und britische Beistandsangebote zurückgewiesen hatte.
Doch Metaxas starb im Januar 1941. Sein Nachfolger Koryzis war probritisch und König Georg II. mit dem englischen Königshaus verwandt. Nun war Athen bereit, sich von einem britischen Expeditionskorps helfen zu lassen.
Da griff Hitler ein. Er verschob den für Mitte Mai geplanten Angriff auf die Sowjet-Union um sechs Wochen und überfiel Griechenland.
Acht motorisierten Divisionen sowie der SS-Leibstandarte "Adolf Hitler" hatten die Griechen bei aller Tapferkeit wenig entgegenzusetzen. Auch das britische Korps mit seinen durch eine neuseeländische Division verstärkten 74 000 Mann leistete bei den Thermopylen nur so lange Widerstand, bis die Überlebenden sich nach Kreta und Ägypten einschiffen konnten. Am 27. April zog die Wehrmacht in Athen ein. Ende Mai eroberte sie auch Kreta.
Griechenland erlitt unter der Besatzung durch die Achsen-Mächte und wegen einer britischen Blockade eine verheerende Hungersnot. Im Winter 1941/ 1942 verhungerten fast 300 000 Menschen, innerhalb eines Monats nach ihrer Geburt starben in Athen neun von zehn Kindern. "Die Leichenkarren, die jeden Morgen durch die Straßen fuhren, erinnerten an die längst vergangenen Zeiten der Pest", schilderte ein Augenzeuge.
Gegen die Besatzer formierte sich Widerstand. Schon einen Monat nach dem Einmarsch der Deutschen holten zwei Athener Studenten die Hakenkreuzflagge von der Akropolis. Im September gründete die Kommunistische Partei (KKE) mit mehreren sozialistischen Gruppen eine "Nationale Befreiungsfront" (EAM), deren militärischer Zweig die "Nationale Volksbefreiungsarmee" (ELAS) wurde.
Die ELAS unter Führung des Kommunisten Aris Velouchiotis, der sich "Kapetanios Aris" nannte, begann ihren Partisanenkampf im Sommer 1942. Wenig später entstand im Epirus in Nordwestgriechenland eine rechte
Guerilla unter Befehl des Obristen Napoleon Zervas, die sich "Nationaldemokratische Liga Griechenlands" (EDES) nannte.
Nur einmal kämpften EDES und ELAS zusammen gegen den gemeinsamen Feind: Im November 1942 halfen sie einem britischen Sabotagetrupp den von einem italienischen Wachkommando geschützten Eisenbahnviadukt über den Gorgopotamos in die Luft zu sprengen, über den der Nachschub für Rommels Afrikakorps lief. Aris hatte nur zögernd teilgenommen. Er tat es nie wieder.
Denn der KKE galten die rechten Landsleute als ebenso schlimme Feinde wie die deutsch-italienischen Besatzer - und oft genug wurden sie genauso bekämpft. Gleichzeitig mit dem Widerstand gegen die Deutschen begann auch der Bürgerkrieg, der in drei Etappen sechs Jahre lang tobte.
In Griechenland hatten rechts und links, royalistisch und republikanisch einander stets unversöhnlich gegenübergestanden. Viermal in diesem Jahrhundert hatten die Hellenen ihre aus dem deutsch-dänischen Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburger Geschlecht stammenden Könige davongejagt.
Die Deutschen fanden Kollaborateure bei den Rechten. General Tsolakoglou, der die Kapitulation unterzeichnet hatte, wurde Regierungschef von Hitlers Gnaden, später folgte ihm Ioannis Rallis. Sogenannte "Sicherheitsbataillone", von den Deutschen aus dem Reservoir der geschlagenen Armee und der Gendarmerie rekrutiert, unterdrückten die eigenen Landsleute. Den bereits unter Metaxas verhafteten Kommunistenführer Nikolaos Zachariadis, einen in Moskau geschulten Stalinisten, verschleppten die Besatzer ins KZ Dachau.
Gerade die Kollaboration der Konservativen mit den Besatzern trieb das Volk in die Arme der von der KP kontrollierten Befreiungsfront. Denn die Deutschen, die in Hellas eine Besatzungsarmee von 150 000, ab 1944 gar 300 000 Mann unterhielten, wüteten in Griechenland wie in anderen okkupierten Ländern: In Kalawrita erschossen sie 1943 alle männlichen Einwohner - über tausend. Aus Saloniki allein deportierten sie 46 000 Juden.
Die ELAS schluckte oder liquidierte alle rivalisierenden Partisanengruppen bis auf die EDES des Napoleon Zervas, die britische Unterstützung erhielt. Der neue KP-Führer Siantos baute in den von den Partisanen gehaltenen Gebieten eine zivile und militärische Organisation auf.
Die Partisanenarmee zog nicht nur Soldaten ein, sondern, unerhört für griechische Tradition, auch Kämpferinnen. Dorfräte, meist von Lehrern geleitet, verwalteten die Gemeinden. Eine Geheimpolizei (OPLA) terrorisierte Andersdenkende, bestrafte Verräter und sorgte dafür, daß die Befehle der Partei durchgesetzt wurden.
Die KKE organisierte aber auch Schulbildung und ärztliche Betreuung. Sie machte das Volksgriechisch Dimotiki statt des künstlichen Gelehrten-Idioms Katharevoussa zur Umgangssprache in den befreiten Gebieten.
So entstand abseits der großen Städte und Küsten ein kommunistisch beherrschtes autonomes "Berggriechenland". Dort wurden 1944 sogar Wahlen abgehalten, an denen über eine Million Menschen teilnahmen. Ihr Ergebnis war eine "Volksregierung", die in Konkurrenz zu der in Kairo residierenden Exilregierung unter Georgios Papandreou trat.
Ab 1943, als sich die Niederlage der Nazis abzeichnete, verschärfte die ELAS an der Heimatfront den Kampf gegen die rechten Rivalen. Sie rechnete mit einer _(Links neben ihm sein Chefadjutant Karl ) _(Wolff. )
baldigen alliierten Landung und wollte bis dahin das Land in der Hand haben.
Die militärischen Voraussetzungen dafür waren günstig. 1943 standen über 16 000 ELAS-Partisanen 3000 der EDES gegenüber, bis Kriegsende wuchs die KP-Guerilla auf etwa 50 000. Die Rechten erhielten zwar mehr Waffen sowie ein Goldpfund pro Mann und Monat von den Briten - die sich den griechischen Widerstand insgesamt 700 000 goldene Pfunde kosten ließen -, doch die linke Guerilla hatte durch einen gewagten Coup ein riesiges Arsenal erobert.
Im September 1943 kapitulierte Italien. Die Deutschen entwaffneten einen Großteil der italienischen Kameraden in Griechenland, massakrierten auf der Insel Kefallinia sogar 4000 der bisherigen Waffenbrüder.
Etwa 12 000 Italiener, darunter die "Pinerolo"-Division, liefen zum Feind über. Sie wollten unter alliiertem Befehl gegen die Wehrmacht kämpfen. Doch die kriegsmüden Italiener wurden von der ELAS entwaffnet und in Arbeitslager gesteckt, wo mehr als tausend starben. Die Beute, darunter 22 Gebirgsgeschütze und über 100 Lastwagen, reichte, um eine komplette neue ELAS-Division zu bewaffnen.
Damit festigte die Partisanenarmee ihren Griff auf Griechenland - mit Ausnahme der EDES-Gebiete im Epirus und in Mittelgriechenland, die sich erfolgreich gegen eine ELAS-Offensive im Oktober 1943 verteidigten. Dann mußten sich die roten Partisanen ihrer eigenen Haut wehren. Eine Offensive des 22. deutschen Gebirgsarmeekorps drängte sie tief in die Berge zurück. Rechte Geheimbünde wie die "X" des Obersten Grivas sowie die "Tagmata Asfalias" mordeten Linke. (Diesem Feme-Bund gehörte in Patras auch der spätere Organisator der Obristen-Junta von 1967, Papadopoulos, an.)
Unterstützung von außen erhielt die kommunistische Guerilla bis auf gelegentliche britische Waffenlieferungen kaum. Im Sommer 1944 waren zehn sowjetische Offiziere im ELAS-Hauptquartier aufgetaucht, doch war ihr Eindruck von den Genossen wohl nicht überwältigend: "Eine Bande von Bewaffneten, die keine Hilfe verdient", sollen sie laut jugoslawischen Quellen nach Hause gemeldet haben.
Im April 1944 griff der Bürgerkrieg aus den griechischen Bergen auch auf die hellenischen Streitkräfte im ägyptischen Exil über: In Alexandria meuterten Soldaten und Matrosen gegen die in Kairo residierende griechische Exilregierung, die Briten und gegen den König; etliche Meuterer wurden erschossen.
Auf britischen Druck hin berief im Mai 1944 Exilpremier Papandreou eine allgriechische Konferenz im Libanon ein, um die "höllische Situation" im Mutterland zu beenden, wo "alle alle massakrieren" (Papandreou). Ergebnis des Treffens war eine "Regierung der Nationalen Einheit", in der Papandreou Premier, Außen- und Verteidigungsminister wurde, die linke Widerstandsbewegung ein Viertel der Ämter erhielt. Einziger Erfolg der Linken: der ungeliebte König Georg II. sollte nicht ohne Volksabstimmung nach Griechenland zurückkehren dürfen.
In der so mühsam zusammengeschusterten Regierung, die im September 1944 im alliierten Mittelmeerhauptquartier Caserta bei Neapel vereidigt wurde, blockierten völlig verfeindete Kräfte einander; Kommunisten, Faschisten, gläubige Monarchisten und überzeugte Republikaner.
Das Kommando über das hellenische Chaos übernahmen die Briten, die sich immer schon für Griechenland verantwortlich gefühlt hatten, getreu der Maxime eines ihrer Botschafter in Athen im 19. Jahrhundert: "Griechenland ist russisch oder englisch; und da es nicht russisch sein darf, muß es notwendigerweise englisch sein."
Ein Teil der Griechen dachte ähnlich. Exil-Premier Papandreou beschwor Anfang Oktober 1944 den britischen Sonderbeauftragten und späteren Premier Harold Macmillan: "Es liegt im britischen Interesse, daß Griechenland eine Bastion auf den Nachschubwegen des Empire bleibt. Und es liegt im griechischen Interesse, daß Griechenland von den Briten vor slawischer Aggression bewahrt wird." Er forderte die Briten auf, "so viele Truppen wie möglich nach Griechenland zu bringen".
Das war von der Kriegslage her nicht notwendig, denn Griechenland brauchte nicht befreit zu werden: Die Wehrmacht räumte Griechenland vom September 1944 an Hals über Kopf, da ihre Stellung nach dem Abfall der Verbündeten Rumänien und Bulgarien unhaltbar geworden war.
Britische Truppen unter dem Befehl von General Scobie, der auch das Kommando über alle griechischen bewaffneten Formationen einschließlich der Partisanen übernahm, landeten im September auf dem Peloponnes und am 13. Oktober in Athen.
Am 17. Oktober brachten sie auch die Regierung dorthin, doch die ging erst am nächsten Tag an Land, denn der 17. Oktober war ein Dienstag, und an einem Dienstag im Jahre 1453 war das griechische Konstantinopel von den Türken erobert worden - seither ein Unglückstag für die Hellenen.
Die Verschiebung brachte jedenfalls nichts, denn die Regierung der "Nationalen Einheit" erwies sich vom ersten Tag an als Farce. Scobie hatte neben 26 500 Mann an britischen Truppen, darunter die Vierte Indische Division, auch zwei griechische Einheiten mitgebracht, die "Bergbrigade", deren 2800 Mann für die Briten gerade Rimini erobert hatten, sowie das "Heilige Bataillon".
Beide, aus geflüchteten royalistischen Offizieren und Soldaten rekrutiert, waren ein Hort antikommunistischer und monarchistischer Fanatiker. Die Regierung war unter der Voraussetzung gebildet worden, daß alle bewaffneten Verbände aufgelöst werden sollten.
Als Papandreou und die Briten jedoch die beiden Exil-Einheiten nicht demobilisierten, sondern als reguläre Truppen behandelten, verweigerten die Kommunisten auch die Entwaffnung und Auflösung der ELAS.
Am 1. Dezember traten die linken Mitglieder aus der Regierung aus. Das wurde zum Signal für die nächste Runde des Bürgerkriegs.
Mit über 50 000 Bewaffneten (laut ihrem General Sarafis "48 940 Soldaten, 5130 Offiziere, 1070 Politkommissare") war die ELAS die stärkste Macht. Sie beherrschte etwa 90 Prozent des Landes. Auf einer Konferenz der Partisanenführer war schon Mitte November der bewaffnete Kampf gegen die Reaktion und die Briten gefordert worden. Der radikale Kapetanios Aris wollte ihn notfalls allein beginnen. Er hatte zuvor schon auf eigene Faust den Peloponnes "gesäubert" und dabei allein in der Stadt Meligalas Hunderte "Kollaborateure" hinrichten lassen.
Das Zentralkomitee der KKE stimmte am 28. November für eine Konfrontation mit der Regierung und rief für den 3. Dezember zu einer Massendemonstration sowie zu einem Generalstreik in Athen auf. Die Regierung erlaubte die Kundgebung zunächst, doch am Vorabend verbot sie die Demonstration.
Über 50 000 Demonstranten marschierten am 3. Dezember, einem Sonntag, dennoch zum Syntagmaplatz, dem Platz der Verfassung im Zentrum der Hauptstadt. Sie führten griechische, amerikanische und russische Fahnen sowie Transparente mit sich: "Nieder mit Papandreou!", "Tod den Faschisten und Kollaborateuren!", "Nieder mit den britischen Interventionisten!" und "Nieder mit Georg Glücksburg!" - wie sie ihren König spöttisch nannten.
Als der Demonstrationszug den Platz wieder verließ, passierte er das Polizeihauptquartier. Von dessen Balkon begannen Polizisten plötzlich in die Menge
zu schießen - angeblich weil ein Demonstrant eine Handgranate geworfen habe, was jedoch nie bewiesen wurde. Der Komponist Mikis Theodorakis, der, damals 19 Jahre alt, an der Demo teilnahm, versicherte, den Demonstranten seien Waffen verboten gewesen, westliche Korrespondenten bestätigten das.
22 Menschen blieben tot auf dem Platz liegen, an die hundert waren verwundet. Ein Polizist wurde von der wütenden Menge gelyncht. Dann fuhren britische Panzer auf. Anderntags organisierte die Linke eine noch machtvollere Demonstration gegen die "Mörderregierung" und die Briten, "die sich wie die deutschen Besatzer aufführen". ELAS-Stoßtrupps überfielen Polizeiwachen, drei Partisanen-Divisionen näherten sich der Hauptstadt.
Da nahm Winston Churchill "die Angelegenheit selbst in die Hand". Er befahl seinem Statthalter General Scobie, "so zu handeln, als ob Sie in einer besetzten Stadt wären, in der ein lokaler Aufstand wütet. Wir müssen Athen halten. Es wäre eine große Sache für Sie, wenn Sie dies ohne Blutvergießen erreichen, sollte es aber nicht anders gehen, müssen Sie Blut vergießen".
Blut wurde vergossen. Während des Dezemberkrieges, der sogenannten "Dekembriana", kam es zu einer erbitterten Schlacht um die Millionenstadt, in der die Briten und die ihnen unterstehenden griechischen Verbände zeitweilig nur mehr ein Zehntel Athens, hauptsächlich das Umfeld des Hotels "Grande Bretagne", beherrschten, in dem die Regierung und das Hauptquartier Zuflucht gefunden hatten und dessen Ballsaal zum Notlazarett wurde.
ELAS-Einheiten hatten die Stadt vom Hafen Piräus abgeschnitten und auch den Flugplatz von Tatoi erobert. Sie besetzten das Averoff-Gefängnis und überrannten eine britische Air-Force-Basis in Kifissia. General Scobie wollte schon aufgeben und sich mit dem Rest seiner Truppen in den küstennahen Vorort Faliron zurückziehen, da flogen am 11. Dezember 1944 der britische Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte im Mittelmeerraum, Feldmarschall Alexander, und Churchills Feuerwehrbotschafter Harold Macmillan ins belagerte Athen ein.
Der Feldherr und der Diplomat fuhren in Panzern vom Behelfsflugplatz Kalamaki zum Stadtzentrum und gerieten auf dem Weg, wie Alexander in einem geheimen Bericht ans Londoner Kriegskabinett meldete, "unter Beschuß". Macmillan führte sich freilich, wie in seinen "Kriegstagebüchern" nachzulesen ist, eher dadurch inkommodiert, daß "es für einen Politiker mittleren Alters in einem Panzer nicht viel Platz gibt".
Die Situation der eingeschlossenen Briten und ihrer griechischen Schützlinge war verzweifelt. Es gab noch Munition für drei, Notrationen für sechs Tage, kein Wasser, keinen Strom. Die ELAS ließ einen Waffenstillstands-Vorschlag Scobies, der ihren Rückzug aus Athen und Attika verlangte, unbeantwortet.
Alexander fand die militärische Lage "schockierend". Um eine "Katastrophe ersten Ranges" zu verhindern, ließ er sofort Verstärkung einfliegen. Mit der Vierten Britischen Division kam, da Scobie nach Alexanders Ansicht der Situation "nicht gewachsen" war, auch ein neuer Frontkommandant, General Hawkesworth. Der trat sofort zur Gegenoffensive an. Die Air Force bombardierte ELAS-Stellungen in der Stadt, die Navy beschoß Guerillas von See her.
Dieser Feuerkraft konnten die nur für den Partisanenkampf gedrillten Kämpfer der ELAS nicht standhalten. Langsam räumten sie die Stadt, nahmen beim Rückzug aber etwa 15 000 Zivilisten als Geiseln mit. Viele davon erschossen sie. In Massengräbern, auf Straßen, Plätzen und in Parks lagen nach Ende der "Dekembriana" 8000 Leichen.
Obwohl ein Teil davon sicher von Rechten liquidierte Linke waren - der monarchistische Offiziersbund "X" mordete systematisch politische Gegner -, brachten die Geisel-Massaker die Öffentlichkeit gegen die Kommunisten auf.
Befriedigt notierte Macmillan in seinem Tagebuch: "Die ELAS verübt schreckliche Grausamkeiten, was unsere Soldaten, die zunächst Zweifel an der Gerechtigkeit ihrer Sache hatten, zur Weißglut treibt."
Die Wende in der Schlacht um Athen führte auch dazu, daß die Guerilla sich in den anderen Großstädten zurückhielt. In Saloniki hatten die Partisanenführer Markos und Bakirdzis die Stadt teilweise besetzt. Sie bombardierten die dort stationierten indischen Einheiten kaum mit scharfen Geschossen, dafür mit Flugblättern, die zum gemeinsamen Aufstand gegen die "Imperialisten" aufriefen.
Während Alexander die Schlacht entschied, mühte sich Macmillan um eine politische Lösung. Da König Georg wegen seiner Verknüpfung mit der Metaxas-Diktatur bei der Mehrheit der Griechen verhaßt war, trat Macmillan für eine Regentschaft des wegen seines mutigen Widerstands gegen die Deutschen allseits geachteten Athener Erzbischofs Damaskinos ein.
Churchill beharrte jedoch eigensinnig auf dem König, dem er sich freundschaftlich verbunden fühlte. Und Georg selber intrigierte wie ein Renaissance-Fürst, wollte sich nicht mehr an eine Zusage gebunden fühlen, wonach er nur aufgrund eines Votums des Volkes zurückkehren würde, bot sich ungefragt als Retter an.
Ein frustrierter Macmillan kam später zu dem Schluß, daß "der König der Hellenen der eigentliche Schurke des
Stücks ist" und empörte sich auch über Premier Papandreou, der meinte, in Athen werde der "totale Sieg über den Kommunismus" errungen. Macmillan in seinem Tagebuch: "Wir wollen den Dritten Weltkrieg gegen Rußland nicht vor Beendigung des Zweiten gegen Deutschland anfangen und sicher nicht, um Herrn Papandreou einen Gefallen zu tun."
Er überzeugte im Verein mit Außenminister Eden auch Churchill, daß eine sofortige Rückkehr des Königs noch mehr Blutvergießen bringen würde.
Da entschloß sich das alte Schlachtroß zu einem dramatischen Auftritt. Unter größter Geheimhaltung flog Winston Churchill, begleitet von Eden, am ersten Weihnachtsfeiertag selbst nach Athen.
Churchill bezog Quartier auf dem Kreuzer "Ajax", der in Feuerstellung vor Piräus lag. Dort empfing er Premier Papandreou und Erzbischof Damaskinos - letzteren unter tragikomischen Umständen:
Die Mannschaft der "Ajax" feierte Weihnachten auf ihre Weise mit einem turbulenten Bordfest, zu dem sich Matrosen abenteuerlich verkleidet hatten - als Clowns, Indianer, Chinesen, Gespenster.
Als abends plötzlich eine zwei Meter hohe Gestalt in schwarzem Rock mit hoher Mütze und wallendem weißen Bart an Bord auftauchte, dachte die Schiffsbesatzung an eine besonders gelungene Vermummung. Sie umtanzte den vermeintlichen Santa Claus, zupfte an seinem Bart, wurde durch die, wie sie meinte, perfekt gespielte Empörung des riesigen Weihnachtsmannes nur noch ausgelassener, bis ein schreckensbleicher Kapitän herbeistürzte und Seine Seligkeit den Erzbischof vor seinen Sailors rettete.
Nur mit größter Mühe konnte der gekränkte Kirchenfürst zum Bleiben und dann von Churchill dazu überredet werden, die Regentschaft anzunehmen.
Am zweiten Weihnachtstag lud Churchill Damaskinos sowie Vertreter aller Pareien - auch der Kommunisten - zu einem Treffen in die britische Botschaft. Als "Beobachter" kamen auch der französische Gesandte, der US-Vertreter MacVeagh, ein erfahrener Griechenland-Experte, sowie Oberst Popow, Chef der sowjetischen Militärmission in Athen. Nur die Kommunisten von der ELAS ließen auf sich warten. Sie fürchteten angeblich um ihre Sicherheit in der noch immer heiß umkämpften Stadt.
Also begann die Konferenz ohne Kommunisten. Zuerst sprach Damaskinos, dann Churchill. Er hatte kaum begonnen, da klopfte es an die Tür. Herein
kamen drei Männer in britischer Kampfuniform: Volksfront-Chef Partsalidis, der amtierende KKE-Generalsekretär Siantos und der ELAS-General Mandakas, Kommandeur der Guerilla im Kampf um Athen, ein stämmiger Kreter.
Churchill ließ die Kommunisten wissen, daß Stalin der britischen Intervention zugestimmt hatte, daß sie also nicht mit sowjetischer Hilfe rechnen könnten - was Moskau auch direkt an die griechischen Genossen funkte. Wie bestellt ernannte Moskau auch einen Botschafter für Athen - Michail Sergejew, der dann allerdings nicht eintraf.
Da die ELAS allein der militärischen Macht der Briten nicht trotzen könnte, sollte sie, so Churchill, einem Friedensschluß zustimmen. Marschall Alexander erklärte, man habe die Situation militärisch in der Hand, aber: "Statt meine Brigaden nach Griechenland zu bringen, sähe ich lieber griechische Brigaden, die mir in Italien gegen den gemeinsamen Feind beistehen."
Dann ließen die Briten die Griechen allein, damit sie sich zusammenrauften, doch das nahmen die wörtlich. Britische Lauscher an der Tür vernahmen, wie die Hellenen einander trotz der Anwesenheit des Erzbischofs als "Schlächter" und "Faschisten" anschrien, das Treffen wurde vertagt. Immerhin, anstelle von Papandreou wurde der Republikaner General Plastiras Premier.
Unterdessen verlor die ELAS die Schlacht um Athen. Bis zum 5. Januar 1945 besetzten die Briten den Hafen Piräus und sicherten die Straße dorthin; Athen war nicht mehr eingeschlossen.
Am 11. Januar nahm die ELAS die britischen Bedingungen für einen Waffenstillstand an, der am 15. Januar in Kraft trat. Sie räumte Athen, Piräus und Saloniki und zog sich in die Berge zurück.
Die zweite Runde des Bürgerkriegs war zu Ende. Von den 75 000 eingesetzten Briten waren 2100 gefallen oder verwundet, die ELAS zählte 1200 Tote und 2000 Gefangene. Tausende Geiseln blieben verschwunden. Am 12. Februar stimmte die Linke in Varkiza bei Athen einem Abkommen zu, das die Auflösung und Entwaffnung der ELAS vorsah.
Dafür wurde die Kommunistische Partei legal. Ferner wurde vereinbart, alle Gefangenen und Geiseln freizulassen und eine Amnestie zu verkünden. Binnen eines Jahres sollten freie Wahlen sowie eine Volksabstimmung über die Monarchie abgehalten werden. "Die ELAS hat auf der ganzen Linie kapituliert", berichtete der US-Geheimdienst OSS damals aus Athen.
Die ELAS gab fast 50 000 Waffen ab, freilich meist veraltete Flinten. Mindestens ebenso viele moderne Karabiner, MPs und MGs, aber auch Mörser und Geschütze versteckten die Partisanen. Etwa 4000 flüchteten zu den kommunistischen Nachbarn Albanien, Jugoslawien und Bulgarien.
Kapetanios Aris, der den bewaffneten Widerstand gegen die Deutschen in Griechenland begonnen hatte, unterwarf sich dem Varkiza-Abkommen nicht. Von der KP verraten - sie behauptete, mit dem Schöpfer der ELAS nichts zu tun zu haben und beschuldigte ihn des "parteischädigenden Abenteurertums" -, fiel er wenige Monate später im Kampf mit Nationalgardisten. Sein Kopf wurde in der Provinzstadt Trikala an einen Laternenpfahl gehängt.
Im Mai 1945 kehrte Zachariadis aus dem KZ Dachau zurück und übernahm wieder die Führung der Kommunistischen Partei. Die geriet in Not, denn in Griechenland wütete nun die Rechte.
Symptomatisch für den fanatischen Ton der griechischen Reaktion war ein Leitartikel der royalistischen Zeitung "Ellinikon Tharos" zur ersten Atombomben-Explosion: "Penicillin und die Atombombe sind Wunder der Wissenschaft. So wie Penicillin Krankheiten besiegt, wird die Atombombe in der Hand antidiktatorischer Mächte Gewaltregime wie das in Rußland ausmerzen. Die Bombe wird das Penicillin gegen den Kommunismus werden."
Die X-Organisation des Obersten Grivas begann eine erbarmungslose Hetzjagd auf Kommunisten. Sie behauptete, über 200 000 Gefolgsleute zu zählen, und dehnte ihren Einfluß auf Armee und Verwaltung aus.
Im Juli 1945 klagte die Linke, seit dem Varkiza-Abkommen seien 500 ihrer Leute ermordet worden. 20 000 frühere ELAS-Angehörige seien verhaftet oder interniert. Die Regierung entgegnete, 11 000 der Internierten seien Kriminelle, gegen 8700 lägen Mordvorwürfe vor. Der US-Geheimdienst meldete zahlreiche "rechtsextreme Exzesse und Provokationen".
Die Regierung setzte für den Frühling 1946 Wahlen an, danach sollte es die Abstimmung über die Monarchie geben.
Die Kommunisten wollten, wie vereinbart, zuerst die Klärung der Königs-Frage, danach Wahlen. Das verlangten auch die Royalisten. In einem Jahr sah Athen sechs verschiedene Premiers.
Über das griechische Chaos gerieten sich die Westalliierten untereinander in die Haare. Die Briten behandelten Griechenland wie ein Mitglied ihres Empire. Ihr Botschafter Leeper spielte den Königsmacher, so daß die Amerikaner, als wieder einmal ein Griechenpremier gehen mußte - General Plastiras - und ein neuer kam - Admiral Voulgaris -, die britischen Freunde mahnten, sie möchten in einem solchen Fall wenigstens informiert werden. Sie hatten auf Plastiras gesetzt, der die "ständigen britischen Einmischungen" satt hatte, auf mehr US-Hilfe hoffte und dafür der US-Luftfahrtgesellschaft Pan Am Vorzugsrechte einräumen wollte.
Die Briten hielten den General, auf den sie lange gebaut hatten, danach plötzlich für "blöd", Voulgaris dagegen
für einen "echten Charakter" (Macmillan). Die Amerikaner wiederum sahen in dem Admiral einen "Handlanger der Briten". Jedenfalls redete er ihnen nach dem Mund. Alle Kommunisten, so der neue Premier, seien "blutdürstige Verbrecher, die das griechische Volk ausrotten wollten".
Der US-Botschafter in Athen, Lincoln MacVeagh, war ein ungewöhnlich gut informierter Diplomat. Er kannte die Szene in Athen und ihre Akteure seit der Vorkriegszeit. Schon während des Krieges hatten die Amerikaner in Griechenland auch das Netz ihres Geheimdienstes OSS auf 300 Agenten verstärkt.
MacVeagh war von der Fähigkeit der Briten, Griechenland zu stabilisieren, nicht sehr überzeugt und drückte dies in seinen Telegrammen nach Washington deutlich aus. Unter anderem beklagte er sich auch darüber, daß britische Agenten mißtrauisch hinter allem amerikanischen Tun herspionierten, Journalisten von den Briten bei der Berichterstattung behindert würden. In der Tat bespitzelten Agenten des amerikanischen CIA-Vorgängers OSS und des Secret Service einander eifrig - und kamen in ihren Lagebeurteilungen zu ganz unterschiedlichen Resultaten.
MacVeagh beklagte in seinen Berichten die reaktionäre Politisierung der griechischen Armee durch ein halbes Dutzend rechter Offiziersbünde. Außerdem seien Soldaten, deren Tagessold nicht mal für den Kauf eines Glases Wasser in Athen reiche, kaum zum Kampf gegen Partisanen zu motivieren.
Der US-Resident empfing den aus dem KZ zurückgekehrten KKE-Chef Zachariadis und meldete nach Washington, "dieser Gentleman" habe ihm versichert, seine Partei tue alles, um den inneren Frieden zu bewahren, "denn in Wahrheit sei die KP heute die konservativste Kraft in Griechenland".
Er nannte die rechtsradikale "X"-Truppe genauso antidemokratisch wie die KKE und unterstellte diesen "Bravos", die mit den Deutschen kollaboriert hätten, Putsch-Absichten. Der Botschafter nannte auch den Finanzier der "X"-Banden: den in Kairo lebenden griechischen Millionär Theos Cozzika.
Interessant auch ein Bericht des US-Diplomaten Karl L. Rankin vom Juni 1946, in dem der Amerikaner griechischen Größenwahn anhand der Athener Reparationsforderungen illustrierte. Bei allen tatsächlichen Verdiensten des griechischen Widerstands (der ja pikanterweise kommunistisch geführt war), so der Diplomat, neigten die Griechen dazu, die Sache so darzustellen, als ob sie gemessen an ihrer Bevölkerungszahl "mehr zum Sieg über Hitler beigetragen hätten als jedes andere Land". Und sie meinten, dafür schulde die Welt ihnen nun einen angemessenen Unterhalt.
Würde die Athener Forderung nach einer Kriegsentschädigung von 15 Milliarden Dollar erfüllt werden, so Rankin, und würde diese Summe zu nur vier Prozent Zinsen angelegt werden, so übersteige der jährliche Ertrag bei weitem das gesamte griechische Bruttosozialprodukt, das heißt, die Summe alles im Lande Erwirtschafteten.
Rankin: "Solch eine glückliche Fügung würde es allen Griechen erlauben, sofort mit jeder Arbeit aufzuhören, ins nächste Kaffeehaus zu eilen und dort für den Rest des Lebens ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen - über Politik zu streiten."
In der Tat hatte Griechenland unter dem Krieg ungeheuer gelitten. Nicht nur hatte es bei 7,5 Millionen Einwohnern weit über 300 000 Tote zu beklagen. Drei Viertel seiner Handelsflotte war zerstört oder fortgebracht worden, ebenso ein Großteil des rollenden Materials seines Eisenbahnnetzes, das die Deutschen für den Rückzug ebenso requirierten wie Zug- und Schlachttiere. 2800 Dörfer waren zerstört.
Die Inflation erreichte groteske Ausmaße. Im November 1944 wurden für ein Goldpfund auf dem Schwarzmarkt 4,5 Billionen Drachmen bezahlt. Ein Laib Brot kostete 153 Millionen Drachmen. Die Uno-Hilfsorganisation UNRRA linderte die größte Not, hatte aber angesichts der zerstörten Infrastruktur und der Bürgerkriegswirren Schwierigkeiten, die Hilfsgüter so übers Land zu verteilen, daß auch die Dörfler die täglichen 1470 Kalorien bekamen.
Den Briten ging es selbst schlecht, ihre Hilfe für Griechenland beschränkte sich auf Militärisches. Um die Ordnung im Land wiederherzustellen, hatte London zunächst eine griechische Armee von 40 000 Mann vorgesehen, dann die Zahl aber auf 70 000, zuletzt auf 100 000 angehoben. Ihre Lieferungen hielten da nicht mit. Die Briten mußten sogar eigene Truppen aus Griechenland abziehen, um für Ordnung im nahen neuen Unruheherd Palästina zu sorgen.
Die USA, wo es eine starke griechische Lobby gab, wollten helfen, dann aber auch selbst Einfluß ausüben. Zu Differenzen kam es über die Frage von Wahlen, in die sich London, griechische Klüngel und der immerzu intrigierende König Georg Ende 1945 gleich einem schier unentwirrbaren Knäuel verstrickten. Es ging um Termine, um Wahllisten, die neu aufzulegen waren, um Amnestie für die am Bürgerkrieg Beteiligten, um internationale Kontrolle.
Die Amerikaner, die als überzeugte Republikaner mit gekrönten Häuptern nicht allzuviel im Sinn hatten - Außenminister Byrnes beantwortete ein Schreiben Seiner Majestät Georg II. mal schlicht mit "Mein lieber König Georg" -, setzten schließlich alliiert kontrollierte Wahlen am 31. März 1946 durch.
Die Sowjets beteiligten sich nicht an der Kontrolle - sie wollten kein Beispiel für ähnliche Prozeduren in ihren Balkanländern setzen -, und die Kommunisten beteiligten sich nicht an den Wahlen.
Es hatte keine Amnestie ihrer Anhänger gegeben, sie mißtrauten den rechten Beamten und Gendarmen und rechneten sich angesichts der von der Regierungspropaganda breit ausgewalzten Greuelberichterstattung
über Geiselmorde auch wenig Chancen aus.
Trotz des Boykott-Aufrufs der KKE gingen von den 1,85 Millionen registrierten, ausschließlich männlichen Wählern 1,1 Millionen zur Wahl. Es wurde ein Triumph für die Rechte. Fast zwei Drittel der Sitze entfielen auf die Royalisten. Entsprechend fiel auch die Volksabstimmung über die Monarchie am 1. September aus: 68,9 Prozent von 1,7 Millionen gültigen Stimmen entfielen auf den König - vier Wochen später kehrte Georg II. an Bord des Zerstörers "Miaulis" im Triumph nach Athen zurück.
Ihm, der von den 25 Jahren zwischen seiner Thronbesteigung und seinem Tod nur sieben Jahre wirklich herrschen durfte, war kein langes Königsglück mehr vergönnt. Am 1. April 1947 starb er, erst 56 Jahre alt. Nachfolger wurde sein Bruder Paul, verheiratet mit der Hannoveranerprinzessin und Enkelin Wilhelms II., Friederike.
Die Rückkehr der Monarchie brachte die griechische Linke vollends wieder ins Abseits. Der "weiße Terror" nahm zu. Die KKE sprach von 780 Todesopfern konterrevolutionären Terrors und 70 000 Internierten. Innerhalb der Partei brach der alte Zwist wieder aus, welcher Weg einzuschlagen sei. Kompromisse mit der Rechten, wie die Parteilinie sie empfahl, hatten der KKE nie echte Machtbeteiligung gebracht. Konnte erneuter bewaffneter Kampf noch zum Ziel führen?
Direkte Unterstützung aus Moskau, das lediglich in der Uno gegen die "Verfolgung der fortschrittlichen Kräfte in Griechenland" wetterte, war offenbar noch immer nicht zu erwarten - wohl aber Hilfe von den kommunistisch regierten nördlichen Nachbarn.
Insbesondere das revolutionäre Jugoslawien Titos, der schon während des Krieges versucht hatte, Einfluß auf die ELAS zu gewinnen, war an einer Neuauflage des Bürgerkriegs in Griechenland durchaus interessiert. Belgrad hatte selbstsüchtige Motive: Es plante die Schaffung einer eigenen kommunistischen Republik Mazedonien, die dann einer Balkanföderation unter jugoslawischer Vorherrschaft angeschlossen werden sollte. Und zu Mazedonien gehörten aus Belgrader Sicht neben westbulgarischen Gebieten auch Teile Nordgriechenlands mit Saloniki. Die Jugoslawen hatten schon vor 1944 Teile der slawophonen Minderheit, auch in der ELAS, für diese Idee gewonnen, die nationalbewußten Griechen ein Horror war.
Schon Ende 1945 hatte Belgrad wieder begonnen, griechische Partisanen in einem ehemaligen Lager der Wehrmacht in Bulkes nordwestlich von Belgrad zu sammeln. Die Guerillakommune wurde nach sowjetischem Vorbild organisiert, mit eigener Verwaltung, einer Lagerwährung, einer OPLA-Geheimpolizeiabteilung, Gefängnis und Spital.
Jugoslawische, bulgarische und sowjetische Abordnungen inspizierten regelmäßig das Partisanen-Camp. Auch KKE-Chef Zachariadis rüstete die Männer in Bulkes für den "bevorstehenden Kampf".
Bewaffnete Fünf-Mann-Zellen wurden ab Anfang 1946 über die jugoslawische oder albanische Grenze geschleust, um einstige ELAS-Einheiten neu zu organisieren. Dabei kam es wiederholt zu Zwischenfällen, von der Regierung als "Banditenüberfälle", den Kommunisten als Selbstverteidigung gegen "monarchofaschistischen Terror" eingestuft.
Immerhin hatte das ZK der KKE im Februar 1946, gleichzeitig mit dem Wahl-Boykott, konkrete Vorbereitungen für den "bewaffneten Kampf" beschlossen: die Gründung einer "Demokratischen Armee" unter dem Kommando des bewährten Markos Vafiadis, fortan als "General Markos" der Held der dritten Runde des Bürgerkrieges.
Markos war ein in Kleinasien geborener Tabakarbeiter und seit jungen Jahren Kommunist und Gewerkschafter. Dem Gefängnis entronnen, hatte er sich der ELAS angeschlossen und war, gefördert von General Bakirdzis, einem erfahrenen Berufsoffizier, dessen Politkommissar und dann Führer eines ELAS-Korps geworden, das er heil über die zweite Bürgerkriegsrunde rettete.
Im Oktober 1946 verlegte Markos sein "Feldhauptquartier" in die nordgriechischen Berge und begann einen Partisanenkrieg mit dem Ziel, das einstige Berggriechenland wieder unter kommunistische Kontrolle zu bekommen.
Ende 1946 zählte die neue rote Streitmacht bereits über 7000 aktive Kämpfer. Ein neuer Geist ermunterte die geschlagenen Bürgerkrieger: Diesmal erhielten sie tatkräftige Unterstützung von den Genossen in den Nachbarländern.
Die Regierung in Athen verhängte den Ausnahmezustand und begann, in Verwaltung und Armee nach Linkssympathisanten zu jagen. Ihre Macht reichte jedoch nicht weit über die großen Städte hinaus, da die Streitkräfte, obwohl 130 000 Mann stark, schlecht ausgebildet, noch schlechter ausgerüstet und auch von Kommunisten infiltriert waren. Angeblich gehörten 15 Prozent des Heeres einer kommunistischen Geheimorganisation KOSSA an.
Nationalgardisten und Gendarmen richteten gegen die Partisanen wenig aus. Sie verteilten Waffen an dörfliche
Selbstschutzbrigaden, doch die terrorisierten entweder linksverdächtige Nachbarn oder liefen mit den Waffen zur Demokratischen Armee über.
Da die Briten offenkundig nicht mehr weiterhelfen konnten, wandte sich die Athener Regierung am 3. März 1947 offiziell an Amerika um Beistand. Schon am 12. März ersuchte US-Präsident Truman den Kongreß um eine 400-Millionen-Dollar-Hilfe sowie "die Entsendung amerikanischen Zivil- und Militärpersonals", um "die Unabhängigkeit Griechenlands und der Türkei" zu bewahren.
Drei Viertel dieser Summe sollte Griechenland als Militärhilfe bekommen. Die "Truman-Doktrin" zur Eindämmung des kommunistischen Vormarsches war geboren. In Athen übernahmen die Amerikaner von den Briten das Kommando, um "Griechenland vor einer nationalen Katastrophe zu retten".
Es war hoch an der Zeit. KKE-Chef Zachariadis verlangte von General Markos, eine Stadt in Nordgriechenland zu erobern, die einer roten Gegenregierung als Sitz dienen könne. Damit wollte er den Genossen im Ausland die Stärke seiner Guerilla beweisen.
Partisan Markos hielt nicht viel davon, weil er wußte, daß seine Kämpfer in offener Feldschlacht gegen die überlegene Feuerkaft der Armee nicht bestehen konnten, weil er außerdem Zachariadis'' Fähigkeiten als Parteiführer mißtraute (Markos in seinen Memoiren: "Ein Abenteurer und Intrigant").
Aber er gehorchte. Am 28. Mai griff er die nur 20 Kilometer von der jugoslawischen Grenze entfernte Provinzstadt Florina an, die jedoch von 500 Soldaten erfolgreich verteidigt wurde. Also attackierte er, beraten von jugoslawischen Offizieren, im Juli mit 2500 Mann das grenznahe Konitsa, mußte aber auch dort nach einer Woche erbitterter Kämpfe den Panzern und Flugzeugen der Armee weichen.
Weitere Angriffe auf Kastoria, Grewena und Alexandroupolis scheiterten: Wie Markos vorausgesehen hatte, war die Demokratische Armee in der Lage, einen Partisanenkrieg in den Bergen zu führen, nicht aber eine regulär verteidigte Stadt zu nehmen und zu halten.
Markos kehrte zur Guerilla-Taktik zurück. Die Regierung, in der Napoleon Zervas, einst rechter Guerilla, Innenminister war, verhaftete alles, was nach links aussah. Sie begann mit der Einrichtung jener berüchtigten Folterlager auf entlegenen Inseln wie Jaros, auf die 1967 auch die putschenden Obristen ihre Gegner verfrachteten. Rechte Terrorbanden gingen buchstäblich auf "Kopfjagd" nach Kommunisten.
Die von den Mißerfolgen ihrer griechischen Schützlinge enttäuschten Nachbarn gründeten im jugoslawischen Bled einen gemeinsamen "Balkan-Generalstab", der die Unterstützung für die Griechen und ihre Ausrüstung mit moderneren Waffen koordinieren sollte. Der jugoslawische General Dapcevic wurde zur Partisanen-Betreuung abkommandiert. Aber immer noch blieb Hilfe aus der Sowjet-Union aus.
Stalin, der überzeugt war, daß die Amerikaner und Briten kein kommunistisches Griechenland dulden würden, erlaubte nicht einmal die Aufnahme der KKE in die neugegründete Kominform. Der Kreml raffte sich nur zu einer Demonstration auf, die nichts kostete: Sowjetbotschafter Admiral Rodionow wurde aus Athen abberufen.
Doch eine "Freie demokratische Regierung", am 24. Dezember 1947 auf jugoslawischen Druck hin gegründet, wurde von Moskau nicht anerkannt. Ihr Regierungschef und Verteidigungsminister war Markos Vafiadis. Er wollte eine Hauptstadt im "befreiten" Griechenland und griff erneut Konitsa an. Obwohl der Partisanengeneral 14 Bataillone und 105-mm-Haubitzen einsetzte, konnten die 900 Verteidiger die Stadt halten, bis Verstärkung eintraf. Der vergebliche Angriff kostete Markos 1200 Opfer.
Nach Konitsa ebbten die Kämpfe ab. Markos vermied fortan die offene Schlacht. Die Amerikaner schickten einen Beraterstab von 250 Offizieren unter dem Kommando des Generals James A. Van Fleet nach Griechenland, dirigierten den Krieg über einen gemeinsamen Verteidigungsrat und rüsteten Spezialkommandos, wie die "Loks", mit modernen Waffen aus. "Helldiver"-Erdkampfflugzeuge jagten den Partisanen Schrecken ein.
Die Zahl der Soldaten stieg auf 168 000 plus 40 000 Nationalgardisten, denen maximal 25 000 Partisanen gegenüberstanden. Die regulären Streitkräfte griffen die Guerilla in ihren Bergen an.
Die rettete oft nur schnelle Flucht über die Grenze nach Albanien oder Jugoslawien. Aber auch sie konnten immer noch Terror verbreiten: Im 1. Mai 1948 ermordete ein Kommunist Justizminister Ladas.
Der Gegenterror der Regierung nahm darauf Ausmaße an, daß selbst Briten und Amerikaner erschrocken bei ihren _(Bei der Unterzeichnung des ) _(Hilfsprogramms für Griechenland am 21. ) _(Mai 1947. )
hellenischen Zauberlehrlingen protestierten: Allein vom 4. bis 9. Mai wurden 61 Kommunisten als "Mörder" exekutiert. Allein auf der berüchtigten KZ-Insel Makronissos waren 15 000 junge Griechen interniert, von denen die meisten nach einer Gehirnwäsche in die Armee gepreßt wurden. 1948 stieg die Zahl der Hingerichteten auf über 1500.
Die kommunistische Seite revanchierte sich mit einer Aktion, die zu einem der grausamsten Kapitel des an Unmenschlichkeiten auf beiden Seiten reichen griechischen Bürgerkrieges wurde: der "paedomasoma", wörtlich dem "Einsammeln von Kindern".
Nach einer Vereinbarung der griechischen Kommunisten mit ihren Balkan-Genossen sollten alle Kinder zwischen drei und 14 Jahren aus den "befreiten" Gebieten in die benachbarten "Volksdemokratien" gebracht werden, angeblich, um sie vor den Greueln der "Monarchofaschisten" zu schützen.
In Wahrheit dienten die Kinder als Geiseln für die Loyalität ihrer zurückbleibenden Eltern und als mögliche Kader für ein künftiges kommunistisches Griechenland. 28 000 hellenische Kinder verschwanden in einem Jahr hinter dem Eisernen Vorhang, wuchsen dort auf, viele sahen die Heimat nie wieder.
Und da sich die Griechen in ihrem mörderischen Bruderkrieg nie etwas schuldig blieben, antwortete die Rechte mit ähnlicher Unmenschlichkeit. Auch sie deportierte Hunderttausende Landsleute aus den umkämpften Gebieten, natürlich auch, um sie zu "schützen", sammelte "verlassene" Kinder ein, um sie auf rechte Weise zu erziehen.
Geschaffen wurde das entsprechende "Sozialwerk" von der "deutschen" Königin Friederike, die dafür von der royalistischen Propaganda als "Mutter von 100 000 Kindern" gepriesen, von Gegnern als "Friederiki friki", Friederike die Schreckliche, verflucht wurde.
Unter amerikanischer Leitung rannte die Armee in mehreren Großoffensiven gegen die Guerillas in den Grammos- und Pindos-Bergen an, die sie "zum Grab für die slawokommunistischen Banditen" machen wollte. Tausende Partisanen fielen, aber Tausende entkamen über die Grenze und kehrten wieder zurück, sobald die Truppen abzogen. Insgesamt büßte die Guerilla 1948 über 32 000, die Armee 20 000 Mann ein.
Dann tat sich bei den Nachbarn etwas, das der Demokratischen Armee den Boden unter den Stiefeln wegzog. Jugoslawien lehnte sich gegen die Sowjet-Union auf und wurde dafür mit einem Moskauer Bannfluch belegt. Die Unterstützungsfront für die griechischen Kommunisten zerfiel.
KKE-Generalsekretär Zachariadis versuchte mit einer verzweifelten Offensive noch eine Wende zu erzwingen. Gegen den Willen von Markos, der für einen Waffenstillstand eintrat, hetzte er die Partisanenbataillone in Frontalangriffe gegen befestigte Plätze, vor denen sie verbluteten. Er setzte Markos ab und versuchte ihn wie viele andere "Verräter" zu liquidieren. Der Partisanengeneral entkam nach Albanien und wurde später in die Sowjet-Union abgeschoben.
Bei den griechischen Streitkräften hatte unterdessen der legendäre General Papagos das Kommando übernommen, der 1940 die Italiener aus dem Land getrieben hatte. Er jagte die Demokratische Armee unter Einsatz von Napalm-Bomben aus einer Bergbastion nach der anderen und wurde dafür zum Marschall befördert.
Als Tito im Juli 1949 jede Unterstützung für die griechischen Genossen einstellte und die Grenze zu Griechenland sperrte, war dies "der tödliche Schlag für die Demokratische Armee" (so der britische Chronist Edgar O''Ballance).
Im Oktober befahl Stalin persönlich, die aussichtslose Sache zu beenden. Am 16. verkündete die Demokratische Armee einen einseitigen Waffenstillstand. Da gab es in Griechenland ohnedies nur noch etwa tausend kämpfende Guerillas, etwa 12 000 befanden sich in Bulgarien oder Albanien.
Der dritte Akt der griechischen Tragödie war zu Ende. Er hatte etwa 150 000 Griechen das Leben gekostet, die politische Atmosphäre auf Jahrzehnte vergiftet. 750 000 Menschen, ein Zehntel der Bevölkerung, hatten ihre Heimatorte verlassen müssen. Zehntausende Griechen litten in Lagern, über 100 000 waren freiwillig oder gezwungenermaßen emigriert und fristeten ihr Leben im Exil bis nach Taschkent und China. Markos Vafiadis wurde Uhrmacher im Ural.
Andreas Papandreou, Sozialist und Sohn jenes Georgios Papandreou, der Griechenland im Dezember 1944 in den Bürgerkrieg schlittern ließ, ermunterte fast vier Jahrzehnte später die Emigranten zur Heimkehr, gab ihnen Staatsrenten und Entschädigung für verlorenes Gut. Der Haß aber blieb.
Markos findet auch als hilfloser Greis in der Heimat keinen Frieden. Die Linke umjubelt ihn, die Rechte schreit immer noch nach Rache.
Die Linke reibt sich derweil an der Bürgerkriegs-Saga eines Amerika-Griechen, dessen Mutter 1948 in den Bergen des Epirus von Partisanen ermordet worden war, weil sie die Verschleppung ihrer Kinder verhindert hatte:
Der von der Rechten hochgelobte Bestseller "Eleni" von Nicholas Gage ist für den linken Schriftsteller Eleftherios Papadopoulos "Geifer auf die Gräber der Opfer des Bürgerkrieges".
Im nächsten Heft
Finnland: Von Rußland abgefallen, von Rußland angegriffen - Marschall Mannerheim: General des Zaren, Freiheitsheld Finnlands - Krieg gegen die deutschen Kameraden - Waffenruhe statt Kapitulation - Was ist "Finnlandisierung"? _(Hinter ihr König Paul I. )
Links neben ihm sein Chefadjutant Karl Wolff. Bei der Unterzeichnung des Hilfsprogramms für Griechenland am 21. Mai 1947. Hinter ihr König Paul I.
Von Siegfried Kogelfranz

DER SPIEGEL 4/1985
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