21.01.1985

Mit dem Geigerzähler auf Geisterjagd

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über die amerikanische Erfolgskomödie „Ghostbusters“ *
Eine der herrschenden US-amerikanischen Zwangsvorstellungen ist sicher die der Hygiene. Wäre die Bibel von einem Amerikaner verfaßt worden, dann wären die ersten Menschen aus dem Paradies vertrieben worden, weil Adam drei Tage kein Deo benutzt und Eva den Apfel ungewaschen "verputzt" hätte. Noch im Vietnam-Krieg wurden Gebiete vom Feind "gesäubert", und die Neutronen-Bombe konnte sich eigentlich nur ein Hirn ausdenken, das alles Biologische für einen Dreck hält, den man notfalls mittels eines überdimensionalen Meister Propper aus den an sich sauberen Betonwüsten, ex und hopp, wegwischen könnte.
Anders als mit dem Hygiene-Wahn läßt sich jedenfalls nur schwer erklären, warum ein Film wie "Ghostbusters" im letzten Jahr in Amerika zum Verkaufshit Nummer eins avancierte. Denn "Ghostbusters" heißt soviel wie "Kammerjäger für Gespenster", und der Film, der jetzt schon zu den erfolgreichsten Zehn aller Zeiten zählt, folgt als Klamauk sämtlichen "Exorzisten"-, "Poltergeist"-, "Omen"-Filmen; er zeigt, wie drei clevere Typen in New York allerlei schleimigen und dunstigen Erscheinungen zu Leibe rücken.
Am Schluß findet eine Art Laserstrahl-Schlacht und Atomexplosionsorgie um einen noblen Wolkenkratzer am Central Park statt. Unter dem Jubel der New Yorker geht dabei so gut wie alles zu Bruch - aber die bösen Geister, die aus dem vorzeitlichen Mesopotamien stammen, sind auch perdu.
Nun könnte man sagen, daß alle guten Klamauk-Komödien wahre Orgien der Destruktion sind, das fängt mit den Sahnetorten der Stummfilmzeiten an und endet im pyromanischen Wahnsinn von Jerry Lewis. In den "Ghostbusters" aber hat die Komödie den Geistern gegenüber eine förmliche Entlaubungs- und Entlausungswut. Während sie die qualligen Burschen jagt, brennt sie ohne Skrupel Bibliotheken, ehrwürdige Hotelhallen und in Ehren ergraute Hochhäuser nieder. Der neurotische Gespenster-Putzfimmel kennt keine Grenzen.
Dabei beginnt der Film wie eine kleine, wunderbar miese Komödie von drei jungen Wissenschaftlern, die sich an der New Yorker Columbia-Universität mit _(Harold Ramis, Bill Murray, Dan Aykroyd. )
ihren parapsychologischen Forschungen einen fröhlichen Lenz machen. Während zwei von ihnen, mit knatternden Geigerzählern, als wissenschaftlich hochdotierte Jogger durch New York rasen, um die Kinetik überirdischer Erscheinungswesen nachzumessen, befragt und quält der dritte, der immer nur an das eine denkt, Studenten und Studentinnen so lange mit Testkärtchen, bis nur noch eine Studentin übrigbleibt, der er ins Ohr raunen kann: "Heute abend um acht?"
Dieser Dr. Peter Venkman wird von dem TV-Starkomiker Bill Murray gespielt, der sein Pokerface zu einem ungemein dreckigen Grinsen verzerren kann. Seine Kumpels sind ebensolche Klamotten-Asse wie er: Dan Aykroyd kann am Rande der Idiotie mit den Augen rollen, und Harold Ramis spielt einen bebrilltzerstreuten Wissenschaftler in bester jüdischer Tradition.
Die witzigste Nebenfigur des Films ist ein Steuerberater, der ebensogut mit Spesen wie schlecht mit Frauen umgehen kann: Rick Moranis spielt den von Junkfood Aufgequollenen als schielende Jerry-Lewis-Figur. Hier trifft die Komödie einen amerikanischen Erfolgstypen bis ins Mark: Wie dem immer wieder alle Türen vor der Nase zuknallen und er trotzdem unverdrossen infantil weiterlärmt, das hat schon Klasse.
Leider verbindet sich die Komödie jedoch sonst im Laufe ihrer immer wilder leerlaufenden Handlung mit sämtlichen dumpfen Vorurteilen eines selbstzufriedenen Amerika. Zuerst kriegt eine Bibliothek ihr glibberiges Fett weg: Bücher sind bestenfalls dazu da, daß man sich an ihnen den Rotz abwischt. Dann wird der Mann vom Umweltamt zum lächerlichen Pappkameraden des Films aufgebaut.
Die Geisterjäger nämlich fangen all die niedlichen Gespenster mit Laserstrahlen und sperren sie ein wie verstrahlten Müll. Der Umweltschützer, natürlich als ängstlicher und sturer Bürokrat geschildert, läßt natürlich die Gespenster voll auf New York los.
Klar, daß auch die Liebesgeschichte des Films eine hygienische Botschaft hat. Dabei fängt auch hier alles so schön an. Heldin ist eine Violinistin (Sigourney Weaver), die mit der obligatorischen braunen Einkaufstüte in ihr Apartment kommt und die Ghostbusters ruft, als ihr Kühlschrank sich in einen glühenden Höllenschlund verwandelt. Bill Murray kommt und denkt immer noch nur das eine. Die Streicherin denkt kurz nach, schmeißt ihn raus. Doch dann holt sie prompt der Teufel. Eben noch war nur die Musik ihr Leben, jetzt schnurrt und giert sie geil auf dem Bett. Und der wieder herbeigerufene Dr. Venkman ist inzwischen selbst von allen Geistern verlassen.
Als ihn die laszive Musikologin ins Bett zerren will, verweigert er dem Satan der Sinnlichkeit seine Dienste. Nur mit dem Geigerzähler nähert er sich der Geigerin und legt den Tempel des Bösen in Schutt und Asche.
Richtig ist sicher, daß die "Ghostbusters" als frivole Komödie nicht das Millionenpublikum gefunden hätten, das sie brauchten, um mit den Spielberg-Abenteuern und Lucas-Weltraumschlachten konkurrieren zu können.
Regisseur Ivan Reitman jedenfalls scheint mehr und mehr auf den puren Vandalismus im letzten Zuschauer spekuliert zu haben, wenn er gegen Ende des Films alles kurz und klein brennt.
Die deutsche Synchronisation besorgt den Rest. Sie treibt die Geister der deutschen Sprache aus. Endgültig. Probe? Sagt ein begeisterter Wissenschaftler angesichts einer neuen Erkenntnis: "Damit können wir wirklich ein paar Schädel brechen - natürlich nur im spirituellen Sinn." Und eine Frau seufzt: "Ich war einfach übererregt." Synchron-Deutsch ist, wenn man trotzdem lacht.
Harold Ramis, Bill Murray, Dan Aykroyd.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 4/1985
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