19.11.1984

HIFIOhren auf

Eine neuartige HiFi-Anlage wurde letzte Woche von der US-Lautsprecherfirma Bose vorgestellt: Die Tieftöner arbeiten wie Orgelpfeifen. *
Das Objekt, das auf dem kleinen Podium in der Werkskantine der amerikanischen Lautsprecherfabrik Bose Corporation in Framingham (Massachusetts) stand, hatte die Ausmaße von zwei übereinandergestellten Schuhschachteln und war in schwarzen Samt gehüllt.
"Dies ist der wichtigste Tag unserer Firmen-Geschichte", sprach der Firmenchef Professor Amar G. Bose, als er das Samttuch emporhob. Im Licht der Punktscheinwerfer glitzerte ein Gegenstand, der aussah wie das Modell eines futuristischen Glashauses mit einer nach innen gewölbten Frontfassade.
In Wahrheit war es, wie Bose am Mittwoch letzter Woche den rund 200 versammelten Gästen und Mitarbeitern seiner Firma erklärte, kein Architektengag, sondern "das Endprodukt unseres Traums, ein ultra-kompaktes HiFi-System zu entwickeln, das die gültigen Maßstäbe" der Stereobeschallung "verändern" könne.
Nach dieser Einführung ging Bose daran, das Demonstrations-Modell aus Plexiglas zu zerlegen. Einem Konditor gleich, der einen Tortenboden aufschneidet, um Butterkrem einzustreichen, trug Bose das Schallhaus etagenweise ab.
Im Obergeschoß befand sich das komplette Radio- und Kassettendeck einschließlich
zweier Hochton-Stereolautsprecher, im Keller war die Tieftonanlage installiert. Die fünf Geschosse dazwischen bilden in ihrer zusammengesetzten Form zwei Treppenhäuser, durch welche die Baß-Wellen schwingen.
Die beiden Schallwanderwege, von denen der eine 49, der andere 147 Zentimeter lang ist, bilden das Herz der neuen HiFi-Einheit "Acoustic wave music system" (AWMS), die im ganzen so groß ist wie ein tragbarer Fernseher: knapp 46 Zentimeter breit, 30 Zentimeter hoch und 20 tief.
Mit der Zielvorgabe, ein hochwertiges, kompaktes und leichtgewichtiges Musiksystem zu entwickeln, das die aus "vielen und verwirrenden Einzelbausteinen" bestehenden Stereoanlagen ersetzen und gleichzeitig "für jedermann erschwinglich und ergötzlich sein" sollte, hatte Bose vor 14 Jahren das Geheim"Project Sun" gestartet.
Verhältnismäßig leicht ging den amerikanischen Technikern die Neuentwicklung der Stereoeinheit und des Kassettendecks von der Hand. Auch bei den Hochtonlautsprechern ergaben sich kaum Schwierigkeiten. Zur Hürde des Sonnen-Projekts, das schließlich an die 15 Millionen Dollar kostete, wurden die Töne im unteren Frequenzbereich.
Die Qualität der Baßtöne - und damit der HiFi-Genuß - wird bei herkömmlichen Boxen vor allem durch die Größe des Lautsprechers und die Stärke des in die Magnetspule eingespeisten Stroms bestimmt. Für das AWMS aber waren der verfügbare Raum und der Energie-Output für den Baßtöner begrenzt.
Die Lösung des Tieftonproblems ging Bose, der am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge Akustik und Elektrotechnik lehrt, mit einem "genialen und eleganten neuen Konzept" (Firmen-Info) an, das seine Techniker verwirklichten.
Bose hatte die Klanggesetze von Flöte und Orgelpfeifen zum Vorbild genommen. Bei diesen Musikinstrumenten schwingen die Schallwellen in Röhren, von denen sie gleichzeitig geführt werden. Die einzelnen Töne sind jeweils abhängig vom Durchmesser und von der Länge der Röhren. Die Idee von Bose war es, diese Resonanzsysteme für die Schwingungen aus einem Lautsprecher zu nutzen.
Bei den Computerkalkulationen und Laborexperimenten fanden Bose und seine Techniker das Prinzip praktikabel, wenn die Leistung des Lautsprechers, Durchmesser und Länge der Röhre aufeinander abgestimmt wurden.
Wichtig war es zudem, den Lautsprecher an einem bestimmten Ort der Röhre zu plazieren, um die negativen Resonanzen (sie entstehen beim Zurückschwingen der Lautsprechermembran) auszugleichen und zugleich die Leistungsfähigkeit des Lautsprechers optimal zu nutzen. Im AWM-System liegt
der Baßtöner an einer Stelle des vielfach geknickten Klangkanals, wo die kürzere Wellenstrecke sich zur längeren im Verhältnis eins zu drei verhält.
In Musik und Sprache, in Party- wie Schlafzimmer-Lautstärke liefern die jeweils einzeln verstärkten drei Lautsprecher mit den vier Schallausgängen verzerrungsfreie, sanfte und glatte Töne. Der Baßbereich umfaßt dreieinhalb Oktaven.
In zwei Wochen, "leider nicht mehr rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft" (Bose-Mitarbeiter Nicolaas Merks), soll die Kompakt-Stereoanlage (zum Ladenpreis von 649 Dollar) auf den amerikanischen Markt kommen. Europäischer Einführungstermin: "Irgendwann Mitte nächsten Jahres" (Merks).
Nach den Vorstellungen der Bose-Techniker macht die zwölf Pfund schwere AWMS-Einheit, die mit Ausnahme der Lautsprecher in Japan gefertigt wird, das Gewirr von Lautsprechersäulen und Tapedecks, Equalizer, Verstärker und Tuner im Wohnzimmer überflüssig. Übrig bleiben nur noch CD- und - einstweilen - herkömmlicher Plattenspieler (mit Vorverstärker), die sich an das AWMS anschließen lassen.
Allerdings steht noch dahin, ob die HiFi-Gemeinde den augenfälligsten Schwachpunkt des Stereoblocks verkraften wird. Hatte die Bose-Mannschaft schon bei der Gestaltung ihres Lautsprechersystems vom Typ "901" wenig Geschick bewiesen und die Boxen wie eine fünfeckige Hundehütte in Nußbaum geformt, so klaffen auch beim AWMS Leistung und Erscheinungsbild kräftig auseinander.
Das neue Tonmöbel erinnerte letzte Woche einen amerikanischen Fachjournalisten an einen "Heizlüfter der 50er Jahre mit silbriger Bauchbinde", auf dem eigentlich nur noch die Aufschrift fehle: "Ohren auf, Augen zu."

DER SPIEGEL 47/1984
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