24.12.1984

BANKIERSUnglaublicher Vorgang

Ferdinand Graf von Galen, gescheiterter Bankier aus Frankfurt, wurde verhaftet. Nach Ansicht der Staatsanwälte hat er die katastrophale Lage der SMH-Bank planmäßig verschleiert. *
In Arizona auf der Rail X Ranch ließ es sich leben. Morgens ritt Ferdinand Graf von Galen mit seinen Cowboys aus, nachmittags schaute er in Tucson, nahe der mexikanischen Grenze, im Büro vorbei. Und immer schien die Sonne - "ein Traumklima".
Doch schließlich konnte das schöne Wetter nicht darüber hinwegtäuschen, daß es in Arizona am kulturellen Ambiente mangelt. Galen und seine Frau Anita lebten vorübergehend auf Mallorca und zogen dann nach Paris.
Ein paarmal reiste der frühere Frankfurter Bankier auch in die alte Heimat. Nach der Pleite seiner Bank vor einem Jahr wollte er es jenen zeigen, "die behaupten, der Graf darf nicht mehr zurück". Als Galen sich am vorigen Sonntag zum dritten Male in diesem Jahr in der Bundesrepublik blicken ließ, war auch die Polizei zugegen.
Kaum hatte der stattliche, 1,97 Meter große Edelmann in Frankfurt die Lufthansa-Maschine LH 113 aus Paris verlassen, machten sich drei Fahnder an die Verfolgung. Der ehemalige Teilhaber des Privatbankhauses Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. (SMH) fuhr zunächst zum Hotel Interconti. Dort ließen die Verfolger ihn die Koffer auspacken und auch noch in Ruhe zu Mittag essen.
Als Galen drei Stunden später das Hotel verließ, stoppten die Beamten kurz nach 16 Uhr sein Taxi und nahmen ihn in der Guiollettstraße am Rande des Bankenviertels fest. Fast zur selben Zeit wurden zwei ehemalige SMH-Teilhaber in ihren Taunus-Wohnungen verhaftet. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Frankfurter Börsenpräsidenten Galen und den SMH-Geschäftsführern Hans Lampert und Wolfgang Stryj Untreue und betrügerische Machenschaften vor.
Der vierte SMH-Gesellschafter, der Hamburger Bankier Hans-Hermann Münchmeyer, gilt ebenfalls als Mitbeschuldigter. Die erhobenen Vorwürfe, so die Frankfurter Staatsanwälte, rechtfertigten jedoch keinen Haftbefehl.
Die Fahnder waren mißtrauisch geworden, als eine Vorladung an Galens Frankfurter Adresse, Lerchesbergring 128, mit dem Stempel "Empfänger unbekannt" zurückkam. Sie schickten darauf eine Ladung an die Pariser Adresse - mit Erfolg.
Galen, einst eine Leitfigur des Frankfurter Geldadels, kann das Vorgehen der Staatsanwälte nicht verstehen. "Aufgrund meines traditionellen Ehrgefühls", so der Edelmann beim Haftprüfungstermin, "gehört es zu meiner Art, mich Vorwürfen zu stellen."
Die Strafverfolger sind da anderer Meinung. Möglicherweise, so Staatsanwalt Lutz van Raden, glaubten von Galen und seine Partner, daß sich ihre Straftaten nicht nachweisen ließen.
"Diese Einstellung", heißt es im Haftbefehl, "wird sich jedoch ändern, sobald sie nunmehr mit den vorhandenen Beweismitteln konfrontiert werden." Um Absprachen zwischen den Beschuldigten zu verhindern, wurden die drei ehemaligen Geldmanager in drei verschiedene Haftanstalten verlegt.
Bei dem Haftprüfungstermin hatte Galen noch versucht, gegen Kaution und Ehrenwort wieder freizukommen. Die Ermittlungsergebnisse veranlaßten den Richter zu der Bemerkung, daß Galens Ehrbegriff womöglich "nicht von gleicher Art" sei wie "unter ehrenwerten Geschäftsleuten" üblich. _(Mit Bundesbankchef Karl Otto Pöhl und ) _(CDU-Schatzmeister Walter Leisler Kiep. )
Bei ihren einjährigen Ermittlungen kam die Staatsanwaltschaft nämlich zu der Erkenntnis, daß Galen und seine Helfer über Jahre hinweg gegenüber Bundesbank, Bankenaufsicht und fast 40 kreditgebenden Banken mit bewußt falschen Angaben die tatsächliche Lage der SMH verschleiert haben.
Das Privatbankhaus war selbst für Bankiers überraschend im November 1983 zusammengebrochen. Anlaß war der Ruin des angeblich drittgrößten Maschinen-Imperiums der Welt - der Mainzer IBH-Guppe. Deren Gründer und Vorstandschef Horst-Dieter Esch wurde vor drei Wochen wegen Kreditbetruges und Bilanzfälschungen zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.
Die unheilvolle Allianz zwischen dem bedingungslosen Aufsteiger Esch und dem stets locker-lässigen Bankier begann im Frühjahr 1980. Esch nahm dem Grafen die marode Baumaschinenfirma Wibau ab, deren Verluste schon länger die Bilanz der SMH-Bank verunzierten. Im Gegenzug bekam der westfälische Adelssproß eine gut siebenprozentige Beteiligung an dem IBH-Maschinenbau-Imperium.
Damit zog Esch, der endlich einen spendablen Finanzier für seine ehrgeizigen Expansionspläne gefunden hatte, den Grafen in ein gemeinsames Boot. Schon bald dürfte von Galen nach den Ermittlungen der Frankfurter Fahnder erkannt haben, worauf er sich eingelassen hatte. Esch kaufte auf Pump Firmen wie im Sonderangebot. Und Partner Galen stopfte im Gegenzug immer mehr Kredite in die IBH-Firmen.
Ab Juli 1981 begann das Bankiers-Trio, so Staatsanwalt van Raden, das Engagement bei Esch "systematisch zu verschleiern". Die SMH-Manager ließen immer mehr Kredite für die IBH über ihre Luxemburger Filiale abwickeln.
Inge-Lore Bähre, damals noch Präsidentin des Bundesaufsichtsamtes der Banken, war schon Anfang 1982 mißtrauisch geworden. Eindringlich befragte sie den Bankier nach seinem IBH-Engagement. Knapp 70 Millionen Mark räumte Galen ein. Tatsächlich aber hatte seine Bank schon fast 700 Millionen Mark in die maroden Esch-Unternehmen gepumpt, wie die Staatsanwälte jetzt ermittelten.
Als Ende 1983 die IBH kollabierte, waren die SMH-Kredite auf 950 Millionen Mark angestiegen.
Rund 500 Millionen Mark für das Esch-Abenteuer, so die Ermittler, hatte sich die SMH bei rund 40 anderen Banken geliehen. Geschäftsführer Lampert hatte sogar, als die Schieflage der Bank längst bekannt war, bei der Bayerischen Landesbank und der Bayerischen Vereinsbank noch 35 Millionen Mark lockergemacht. Von dem gesamten Geld sahen die Banken nichts wieder.
In dem Galen-Kollegen Lampert sehen Kenner sogar die treibende Kraft des SMH-Debakels, da er im täglichen Geschäft die Verbindung zu Esch hielt. Lampert war vor seinem Aufstieg zum SMH-Partner lange Jahre Deutschlands bester Amateur-Golfer und betreute noch Anfang November als Kapitän die deutsche Golf-Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Hongkong.
Weitere 120 Millionen Mark Kreditausfall beklagt eine andere Gruppe von Geldinstituten, die einer gemeinsamen Tochter von SMH und IBH Kredite gewährt hatten. Als Sicherheit dafür hatte die Firma Forderungen aus Nahost-Geschäften abgetreten. Ein Großteil davon waren, so die Staatsanwälte, reine Luftforderungen.
Eine andere Bankengruppe fiel nach den Recherchen der Staatsanwälte auf geschummelte Vertragsabschlüsse mit dem Iran herein. Verlust: 20 Millionen Mark. Hereingelegt von den Frankfurter Bankiers wurden auch die Kommanditisten, darunter Münchmeyers Schwester, die niedersächsische Wirtschaftsministerin Birgit Breuel. Die Kommanditisten verloren nach Ermittlungen der Staatsanwälte rund 40 Millionen Mark.
Galen selbst büßte vor der Freiheit schon sein Vermögen von rund 50 Millionen Mark ein. "Alles was über 1500 Mark wert war", sagt Ehefrau Anita, hätten die Banken ihrem Mann abgenommen.
Bei wohlhabenden Bürgern fällt da neben Wertpapieren und Immobilien auch allerlei Kleinkram an: Zur Minderung ihrer Verluste sackten die Bankiers Galens Bestecke mit dem Familienwappen ebenso ein wie sämtliche Gewehre des Jagdfreundes. Auch die drei Autos des Ehepaares wechselten den Besitzer.
Für das Nötigste reichte es weiterhin. Frau Galens Vermögen, darunter stattlicher Grundbesitz in Amerika, bleibt erhalten. Die Galens verdanken das Restvermögen der weisen Voraussicht von Anitas Vater, dem Bankier Friedrich Hengst. Der hatte bei der Eheschließung seiner Kinder auf Gütertrennung gedrungen.
Die Verhaftung ihres Mannes, so kurz vor Weihnachten, hält Anita von Galen für einen "völlig unglaublichen Vorgang". Dennoch richtet sie sich nun auf einen längeren Aufenthalt in der Bundesrepublik ein. In den nächsten Tagen wird ihre Schwiegermutter den zehnjährigen Sohn aus Paris holen. Sie selbst hat inzwischen eine 3-Zimmer-Wohnung angemietet für 1200 Mark monatlich - Frankfurt-Griesheim, wo die besseren Stände eigentlich nicht wohnen.
Mit Bundesbankchef Karl Otto Pöhl und CDU-Schatzmeister Walter Leisler Kiep.

DER SPIEGEL 52/1984
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