15.04.1985

NOTWEHRFetzen fliegen

Ein Stuttgarter Waffenexperte und Polizeiberater empfiehlt zur Abwehr von Räubern und Einbrechern den Todesschuß. *
Siegfried Hübner, 61, Rundfunkingenieur aus Stuttgart, ist im Nebenberuf Schießausbilder. Er trainiert regelmäßig beim amerikanischen FBI und macht sich auch in Mexiko und Südafrika bei Polizeischützen kundig.
Was er dort lernt, gibt er auf Lehrgängen an westdeutsche Kriminalbeamte weiter. Auch Unternehmern wie Egon Overbeck von Mannesmann und Generalen der Bundeswehr hat Hübner, nach den Mordanschlägen auf Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und Bankier Jürgen Ponto, das Combat-Schießen beigebracht.
Jetzt können auch Waffenbesitzer, die weniger Geld, aber Lust zum Schießen haben, von Hübner lernen. Er hat jetzt ein bebildertes Lehrbuch für schießfreudige Laien auf den Markt gebracht, in dem er zu "Heimverteidigung mit allen Mitteln" rät. _(Siegfried F. Hübner: "Heimverteidigung - ) _(mit allen Mitteln". C. A. Civil Arms ) _(Verlag GmbH; 122 Seiten; 24,50 Mark. )
Der Autor, der seinem Bilderbuch beim Abwehr-Einsatz im Garten und in der Wohnung mit Revolver und Flinte posiert, empfiehlt als "beste Antwort" auf Gewalt "eine sofortige Gegenattacke,
daß die Fetzen fliegen". Der Verteidigungsangriff müsse "aggressiver und brutaler sein als der Ihrer Gegner".
Hübners Text liest sich wie eine Aufforderung zum gezielten Todesschuß. Er beruft sich auf die Notwehr-Paragraphen 32 und 33 des Strafgesetzbuches. Danach macht sich nicht strafbar, wer gewaltsam "einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen" abwehren will. Selbst wer die Grenzen der Notwehr "aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken" überschreitet, bleibt straffrei.
Hübners fatale Deutung dieser Vorschriften als Erlaubnis, in Bürgerwehrmanier Selbstjustiz zu üben, ist nur die Konsequenz aus dem, was manche Richter und konservative Rechtswissenschaftler schon lange vertreten.
"Besondere Schneidigkeit" bescheinigt der Strafrechtsprofessor Theodor Lenckner den Paragraphen 32 und 33 des Strafgesetzbuches: Da ist der Bürger zu viel mehr berufen, als nur sich zu wehren. Er habe, so Lenckner, "die Rechtsordnung im ganzen" zu verteidigen und dem Grundsatz Geltung zu verschaffen, daß Recht dem Unrecht nicht zu weichen brauche. Auch Lenckner hat diese Charles-Bronson-Interpretation des Strafgesetzbuches nicht erfunden - er gibt nur weiter, was Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes (BGH) ist. Davon müssen sich Männer wie Hübner geradezu ermutigt fühlen.
So sprach der BGH vor wenigen Jahren einen 18jährigen Schüler frei, der in der großen Pause einen Mitschüler erstochen hatte - Notwehr. Der Messerstecher war zuvor von einem Mitschüler "in Boxerstellung" (BGH) geschlagen worden. Der Griff zum Messer sei dem Verprügelten nicht zu verdenken gewesen - obgleich sich in der Nähe hilfsbereite Lehrer aufgehalten hatten.
Die Richter fanden, daß dem 18jährigen nicht zuzumuten gewesen sei, einen Lehrer zu Hilfe zu rufen: "Ein solches Verhalten wäre ein unzumutbares Kneifen, eine schmähliche Flucht gewesen."
Besonders schneidig entschied der BGH über den Umgang mit Schußwaffen - und Hübner beruft sich darauf gleich auf den ersten Seiten seines Buches. So lernt der Leser vom BGH, daß ein Angreifer auch dann mit der Schußwaffe abgewehrt werden darf, wenn dieser keine ähnlich gefährliche Waffe benützt und wenn keine unmittelbare Lebensgefahr besteht.
Die Karlsruher Richter haben festgelegt, daß ein Angegriffener nicht nur in die Beine, sondern "auch auf andere Körperpartien" des Angreifers gezielte Schüsse abgeben darf, wenn der sich durch die Warnschüsse nicht abschrecken läßt. Hübners griffige Interpretation des BGH: "Warnschüsse kosten nur Zeit und eine Patrone, die man vielleicht noch benötigt."
Eine Schußwaffe solle, so Hübner, möglichst eingesetzt werden, bevor man "überrannt, niedergeschlagen oder erstochen" worden sei. Eine mögliche Konsequenz des Losballerns sei eben hinzunehmen: "Wenn Sie überleben wollen, kann es geschehen, daß einige Straßenräuber dies nicht können."
Nach Erfahrungen, die er bei der amerikanischen Polizei gesammelt habe, schreibt Hübner, sei es richtig, zwischen die Brustwarzen des Gegners zu halten, weil dann am ehesten das Herz getroffen werde. Vorsicht bleibe allerdings geboten: Auch ein ins Herz Getroffener habe noch "die fünf Sekunden des toten Mannes", in denen er zurückschießen könne.
Den Frauen rät Hübner ebenfalls, bei Angriffen zur Schußwaffe zu greifen, aber nur dann, "wenn Sie die Waffe ohne Skrupel einsetzen". Diverse "gute Ratschläge der Polizei" sollten "Damen" bei einem Überfall schleunigst vergessen, etwa laut zu schreien, denn: "Wenn Sie Pech haben, wird Ihnen der Verbrecher für immer die Kehle zudrücken."
Auch die von Polizisten gelegentlich empfohlene Notwehr-Maßnahme, Angreifer mit einer Haarnadel zu stechen, lehnt Hübner ab: "Über so etwas kann ein Vergewaltiger nur lachen, er wird sie wegnehmen."
Allerdings rät Hübner zu einem gewissen Maß an Vorsicht. Frauen sollten, mahnt er, nur auf Personen schießen, die sie klar als Angreifer ausgemacht haben. Denn es sei schon vorgekommen, "daß Frauen ihre Männer, die früher von Dienstreisen zurückkamen, be- und erschossen haben".
Siegfried F. Hübner: "Heimverteidigung - mit allen Mitteln". C. A. Civil Arms Verlag GmbH; 122 Seiten; 24,50 Mark.

DER SPIEGEL 16/1985
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