24.12.1984

„Tempo 100 rettet 1250 Menschenleben“

Umweltforscher Klaus Traube über die Auswirkungen von Geschwindigkeitsbegrenzungen Ein Tempolimit auf Autobahnen und Landstraßen würde nicht nur dem Wald nutzen, sondern auch die Zahl der Verkehrstoten um jährlich 1250 verringern. Diese Ansicht vertritt der Umweltforscher Professor Klaus Traube, früher geschäftsführender Direktor der zum Siemens-Konzern gehörenden Interatom und seit 1980 Leiter der Projektgruppe Energie und Gesellschaft an der TU Berlin, in einem neuen SPIEGEL-BUCH. _(Fritz Vahrenholt (Hg.): „Tempo 100 - ) _(Soforthilfe für den Wald?“. SPIEGEL-BUCH ) _(58, Rowohlt Verlag, Reinbek; 192 Seiten; ) _(16 Mark. ) Auszüge: *
Die grundlegenden Erkenntnisse über die Wirkung von Geschwindigkeitsbegrenzungen auf das Unfallgeschehen stammen vorwiegend aus der amerikanischen Unfallforschung in den 50er Jahren: Tempobegrenzungen vermindern das Unfallrisiko nicht nur, weil das Fahren mit hoher Geschwindigkeit zurückgeht, sondern auch, weil der Verkehrsfluß gleichmäßiger wird, insbesondere weil weniger überholt wird.
In schroffem Gegensatz dazu vertrat die Automobilzunft während der Debatte um ein Tempolimit auf Autobahnen in der Bundesrepublik vor zehn Jahren allen Ernstes die Auffassung, das Fahren mit gleichmäßiger Geschwindigkeit führe zur Ermüdung, daher werde das Tempolimit nicht zu weniger, sondern zu mehr Unfällen führen. Dieses auch heute noch kursierende Stammtisch-Argument setzt dem in der Verkehrswissenschaft üblichen Terminus "Harmonisierung" des Verkehrsablaufs den Kampfbegriff "Monotonie" entgegen - daher wohl seine Popularität.
Alle Erfahrungen belegen eindeutig, daß mit der Einführung von Geschwindigkeitsbegrenzungen die Unfallraten erheblich sinken. So sank beispielsweise die Zahl der Verkehrstoten in den USA von 1973 auf 1974 um 16,4 Prozent. In der Zeit zwischen Dezember 1973 und März 1974 hatten alle 50 Bundesstaaten der USA die maximale Geschwindigkeit auf die - seitdem einheitlich geltenden - 88 Kilometer pro Stunde gesenkt.
Der Zusammenhang zwischen Unfallgeschehen und Tempobegrenzung ist hier schon auf den ersten Blick überdeutlich. Genauer tritt dieser Zusammenhang aber erst bei einer sorgfältigeren Analyse hervor.
Ihr muß die Unfallstatistik auf den vom Tempolimit betroffenen Straßen - auch hier im wesentlichen Außerortsstraßen - zugrunde liegen, und sie muß noch andere Einflüsse als die Tempobegrenzung auf diese Unfallstatistik herausarbeiten - langjährige Trends der Veränderung, beispielsweise bei der gesamten Fahrleistung. Dabei bleibt immer ein Spielraum für die Interpretation des Zahlenmaterials, der zu unterschiedlichen Aussagen über die Wirkung des Tempolimits führen kann.
So schreibt eine häufig zitierte Untersuchung des größten Autoherstellers der Welt, General Motors, einen guten Teil des Rückganges an Verkehrstoten nach 1973 anderen Einflüssen als dem Tempolimit zu, dem sie betont kritisch gegenübersteht. Auf das Konto des Tempolimits - so rechnet sie vor - ginge in den Jahren 1974 und 1975 ein Rückgang der Verkehrstoten auf außerörtlichen Straßen von 18 Prozent. Zu bedenken ist hier, daß es auch vor 1974 in fast allen Staaten der USA - zumeist schon recht scharfe - Tempolimits gab.
In der Bundesrepublik gab es einen ähnlich spektakulären Rückgang der Verkehrsunfälle etwa um die gleiche Zeit. Dabei wirkten mit: die generelle Einführung von Tempo 100 auf Landstraßen 1972, die Herabsetzung dieser Grenze auf 80 und die Einführung des Tempolimits auf Autobahnen als zeitlich begrenzte Folge der Ölkrise von 1973 sowie die danach erklärte "Richtgeschwindigkeit 130", die zunächst Wirkung erzielte, dann aber bald in Vergessenheit geriet.
Die Summe dieser Maßnahmen schlägt sich in der Unfallstatistik für die außerörtlichen Straßen wie folgt nieder: Im Jahr 1972 wurden außerorts 10 800 Menschen getötet und 194 000 verletzt. Diese Zahlen waren in den drei Jahren seit 1970 nahezu konstant geblieben, fielen dann 1973 und 1974 stark ab. 1974 wurden außerorts 8050 Menschen getötet und 151 000 verletzt - das waren etwa 25 Prozent weniger Verletzte und Tote als 1972 und in den Jahren zuvor. Der prozentuale Rückgang auf den Landstraßen und Autobahnen war etwa gleich.
Auch hier gibt die globale Statistik zunächst nur grobe, gleichwohl eindeutige Hinweise auf den Zusammenhang zwischen Unfallgeschehen und Geschwindigkeitsbegrenzungen. Es liegen aber auch detaillierte Auswertungen, insbesondere der Bundesanstalt für Straßenwesen, zum Erfolg der einzelnen Maßnahmen vor, zudem Auswertungen auch des Langzeitversuchs mit verbindlicher Tempobegrenzung auf längeren Autobahnstrecken, der parallel zur generellen Umwandlung des zeitweiligen Tempolimits auf Autobahnen in die unverbindliche "Richtgeschwindigkeit 130" eingeleitet wurde.
Diese Untersuchungen ergeben für jedes einzelne der Tempolimits einen eindeutigen Rückgang des Unfallrisikos und bestätigen in der Summe in etwa die Wirkung, die schon unser kursorischer Blick auf die Unfallstatistik gezeigt hat.
Auch in anderen Ländern haben Vorher-nachher-Untersuchungen eindeutig den Rückgang insbesondere der schweren Unfälle infolge Einführung von Tempolimits bestätigt. Nur darauf, daß man diese eindeutige Erfahrung im Vertrauen darauf, daß sie nur wenigen bekannt ist, schlicht beiseite schiebt, beruht die Wirkung der zahlreichen in Umlauf gebrachten "Argumente", mit denen behauptet oder suggeriert wird, Tempobegrenzungen
seien kein geeignetes Mittel zur Verminderung der Unfallraten.
Lediglich eins unter diesen Argumenten ist hier die Ausnahme von der Regel: Die Begrenzung des Tempos auf Autobahnen führe zur teilweisen Verlagerung von Verkehr auf die Landstraßen, weil gewisse Umwege über Autobahnen zeitlich nicht mehr lohnen.
Wäre das so, dann würde die Zahl der Unfälle tatsächlich steigen. Denn die strenge Abtrennung des Gegenverkehrs und das Verbot für langsame Verkehrsteilnehmer (wie Fußgänger, Radfahrer, landwirtschaftliche Fahrzeuge) vermindern naturgemäß das Unfallrisiko auf den Autobahnen gegenüber den Landstraßen in erheblichem Maß. Bezogen auf die gleiche Fahrstrecke, ist das Risiko, auf den deutschen Landstraßen getötet oder verletzt zu werden, grob gerechnet, etwa viermal höher als das auf deutschen Autobahnen.
Das Argument ist aber irrelevant, wenn gleichzeitig mit Tempo 100 auf Autobahnen auch Tempo 80 auf Landstraßen eingeführt wird, weil dann nämlich, statistisch gesehen, keine Verlagerung von den Autobahnen auf die Landstraßen zu erwarten ist. Denn dann wird nach den Untersuchungen der Bundesanstalt für Straßenwesen die reine Fahrzeit auf beiden Straßen gleichmäßig, nämlich um durchschnittlich etwa 15 Prozent, verlängert. Darüber hinaus wird die Staubildung auf Autobahnen in noch stärkerem Maße verringert als auf den Landstraßen.
Legt man aber für die Veränderung der durchschnittlichen Geschwindigkeit statt der Angabe der zuständigen Bundesbehörde die - freilich ziemlich unsinnigen - Angaben von Daimler-Benz zugrunde, dann käme es pikanterweise zu einer erheblichen Verlagerung in umgekehrter Richtung von den Landstraßen auf die Autobahnen. Das hindert den Verband der Automobilindustrie allerdings nicht daran, sowohl die Daimler-Benz-Angaben zu vertreten wie auch die These, die Unfallraten würden infolge Verlagerung des Verkehrs von den Autobahnen auf Landstraßen ansteigen.
Generell gehen die Sprachrohre der Autozunft recht freimütig mit den Fakten und der Logik um, wenn es gilt, von den Erkenntnissen über die Wirkung von Tempo 100/80 auf das Unfallgeschehen abzulenken. Sie verbreiten die Monotonie-These wie auch die populäre Behauptung, die Autofahrer würden sich ohnehin um diese Tempolimits nicht scheren.
Alles nur Erdenkliche wird anstelle des angeblich nutzlosen Tempolimits empfohlen, um die Unfallraten zu senken. Gegen die schärferen Tempolimits der übrigen Länder werden der im internationalen Vergleich "vorbildliche Sicherheitsstandard" der deutschen Autos und Autobahnen und der darauf zurückzuführende Rückgang der Zahl der Unfalltoten in der Bundesrepublik gesetzt. Tatsächlich ist die Zahl der jährlichen Unfalltoten, die bis 1970 ständig stieg, seitdem erheblich zurückgegangen (während die Zahl der Verletzten, etwa eine halbe Million pro Jahr, nur geringfügig abnahm). Aber im internationalen Vergleich steht die Bundesrepublik nach wie vor schlecht da.
Geschwindigkeitsbegrenzungen und sicherheitstechnische Verbesserungen der Autos sind keine Alternativen zur Verminderung der erschreckenden Zahl von Toten und Verletzten, sondern sie wirken additiv. Es ist keine Frage, ob Tempo 100/80 Menschenleben rettet, die Frage kann allenfalls lauten, wie viele.
Diese Frage läßt sich nicht exakt, aber doch grob näherungsweise beantworten. Dazu kann man die Ergebnisse der diversen Untersuchungen zur Wirkung von Geschwindigkeitsbegrenzungen im In- und Ausland heranziehen. Wegen der eingeschränkten Übertragbarkeit bedarf es dabei ergänzender plausibler Annahmen, die freilich keine wissenschaftliche Exaktheit beanspruchen können.
Unter der Voraussetzung angemessener Überwachung der Geschwindigkeiten im Straßenverkehr schätzt die Bundesanstalt für Straßenwesen, daß die Einführung von Tempo 100/80 die Zahl der Verkehrstoten auf den deutschen Landstraßen um etwa 1000 und auf den Autobahnen um 250 vermindert; das entspräche einer Verminderung von etwa 15 Prozent auf Landstraßen und 30 Prozent auf Autobahnen.
Eine von der Projektgruppe Energie und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin durchgeführte Analyse wertet diese Zahlen als vorsichtige Schätzung. Bei optimistischeren Annahmen ergäbe sich eine Verminderung der Zahl der Verkehrstoten um bis zu 25 Prozent auf Landstraßen und 45 Prozent auf Autobahnen.
Die Zahl der Schwerverletzten dürfte etwa mit dem gleichen Prozentsatz wie die Zahl der Toten zurückgehen, die der Leichtverletzten mit einem deutlich geringeren Prozentsatz.
Jährlich wird die Einführung von Tempo 100/80 Zehntausenden mehr oder weniger schwere Verletzungen ersparen ...
Viele, ich weiß nicht, wie viele, meinen wie ich, mit der Einführung von Tempo 100/80 werde ein Stück verlorener Zivilisation wiederhergestellt. Andere sehen ihre Dynamik bedroht. Jedenfalls geschähe nichts Außergewöhnliches. Die Bundesrepublik würde hinsichtlich des Tempolimits ihre internationale "Spitzenstellung" aufgeben und sich in das Mittelfeld der industrialisierten Länder begeben.
Die anderen Länder haben schärfere Begrenzungen als die Bundesrepublik eingeführt, obwohl es für sie das hier und heute so überaus drängende Motiv des Waldsterbens gar nicht gab.
Fritz Vahrenholt (Hg.): "Tempo 100 - Soforthilfe für den Wald?". SPIEGEL-BUCH 58, Rowohlt Verlag, Reinbek; 192 Seiten; 16 Mark.
Von Klaus Traube

DER SPIEGEL 52/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 52/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Tempo 100 rettet 1250 Menschenleben“

Video 01:40

Wal vs. Taucher Die Natur schlägt zurück - mit der Schwanzflosse

  • Video "Kanye Wests bizarre Flugzeugidee für Trump: iPlane 1 statt Air Force One" Video 01:40
    Kanye Wests bizarre Flugzeugidee für Trump: "iPlane 1" statt Air Force One
  • Video "Respektlose Berichterstattung: Die Bayern-PK der anderen Art" Video 02:27
    "Respektlose Berichterstattung": Die Bayern-PK der anderen Art
  • Video "Trump und Pence zu Gewalt gegen Journalisten: Inkonsequenter Body-Slam" Video 01:08
    Trump und Pence zu Gewalt gegen Journalisten: Inkonsequenter Body-Slam
  • Video "Köstliche Szene im britischen Parlament: Scottish for Runaways" Video 01:26
    Köstliche Szene im britischen Parlament: Scottish for Runaways
  • Video "Dashcam-Video: Riesenspinne nähert sich US-Cop" Video 01:05
    Dashcam-Video: "Riesenspinne" nähert sich US-Cop
  • Video "Filmstarts im Video: Wurden Sie enführt?" Video 10:28
    Filmstarts im Video: Wurden Sie enführt?"
  • Video "Anhaltende Dürre: Rhein-Pegel sinkt auf 33 Zentimeter" Video 02:27
    Anhaltende Dürre: Rhein-Pegel sinkt auf 33 Zentimeter
  • Video "Wahlkampf in Montana: Trump lobt US-Politiker für Angriff auf Journalist" Video 01:08
    Wahlkampf in Montana: Trump lobt US-Politiker für Angriff auf Journalist
  • Video "Serien-Start Deutschland 86: Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte" Video 05:26
    Serien-Start "Deutschland 86": "Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte"
  • Video "Australien: Mädchen bricht bei Harrys Umarmung in Tränen aus" Video 00:45
    Australien: Mädchen bricht bei Harrys Umarmung in Tränen aus
  • Video "NBA-Basketball: Hornets Monk mit dem Dunk des Tages" Video 00:28
    NBA-Basketball: Hornets Monk mit dem Dunk des Tages
  • Video "Serien-Start Deutschland 86: Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte" Video 05:26
    Serien-Start "Deutschland 86": "Ein ostdeutsches Traumschiff für westdeutsche Waffenexporte"
  • Video "Neues Video zu Banksy-Auktion: Schredder sollte Bild komplett zerstören" Video 01:26
    Neues Video zu Banksy-Auktion: Schredder sollte Bild komplett zerstören
  • Video "Glasbodenbrücke in China: Und dann ist der Riss auf einmal echt" Video 01:20
    Glasbodenbrücke in China: Und dann ist der Riss auf einmal echt
  • Video "Video aus Mexiko: Frau taucht mit großem Krokodil" Video 01:13
    Video aus Mexiko: Frau taucht mit großem Krokodil
  • Video "Rauchgeruch in Air-Force-Maschine: Melania Trump muss notlanden" Video 00:36
    Rauchgeruch in Air-Force-Maschine: Melania Trump muss notlanden
  • Video "Wakeboarden über Eisberge: Ziemlich coole Sache" Video 01:13
    Wakeboarden über Eisberge: Ziemlich coole Sache
  • Video "Wal vs. Taucher: Die Natur schlägt zurück - mit der Schwanzflosse" Video 01:40
    Wal vs. Taucher: Die Natur schlägt zurück - mit der Schwanzflosse