18.03.1985

ENTWICKLUNGSHILFEBeinahe kriminell

„Überall, wo wir helfen, richten wir Unheil an“, behauptet Brigitte Erler, SPD-Politikerin und Aussteigerin aus dem Entwicklungshilfe-Ministerium. *
Entwicklungshilfe war für sie stets eine Herzensangelegenheit. Fast ein Jahrzehnt lang, von 1974 bis 1983, arbeitete die junge SPD-Politikerin im Bonner Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Für die SPD-Minister Erhard Eppler und Egon Bahr schrieb sie flammende Reden. Als Bundestagsabgeordnete setzte sie sich zwischen 1976 und 1980 für Entwicklungshilfe ein. Im Auftrag des SPD-Ministers Rainer Offergeld und seines CSU-Nachfolgers Jürgen Warnke jettete sie nach Asien und Afrika, um nachzuschauen, wie deutsche Experten die Dritte Welt beglücken.
Doch vom Segen der Entwicklungshilfe ist Brigitte Erler heute nicht mehr überzeugt. Von ihrer letzten Dienstreise nach Bangladesch im Herbst 1983 brachte sie nicht nur die Erkenntnis mit, daß dort die Entwicklungshilfe "beinahe kriminell" sei, sondern sie reichte auch gleich ihre fristlose Kündigung ein. "Allzulange", so Frau Erler, 41, "habe ich noch die Illusion gehegt, daß wenigstens ''meine'' Projekte zur Beseitigung von Hunger und Elend beitrugen. Aber ich mußte mitansehen, wie sie die Reichen reicher und die Armen ärmer machten."
In den vergangenen Jahren bereits haben so unterschiedliche Temperamente wie der schwedische Sozialist und Nobelpreisträger Gunnar Myrdal oder der liberale Londoner Professor P.T. Bauer die vorherrschende Entwicklungshilfe als baren Unsinn bezeichnet. Doch noch nie hat ein Eingeweihter der Entwicklungsbürokratie sein eigenes Werk, ein gutes Dutzend Entwicklungsprojekte in Bangladesch, so gnadenlos verrissen wie Brigitte Erler in ihrem soeben erschienenen Buch "Tödliche Hilfe". _(Brigitte Erler: "Tödliche Hilfe / ) _(Bericht von meiner letzten Dienstreise ) _(in Sachen Entwicklungshilfe". März 1985, ) _(Dreisam-Verlag Freiburg; 108 Seiten; ) _(13,80 Mark. )
Erstes Beispiel: in einem deutschen Fischzuchtprojekt für die Ärmsten der bangladeschischen Gesellschaft. Hier sollten die Landlosen, ehemalige Kleinbauern, die durch Verschuldung ihre Äcker und damit ihre Existenzgrundlage verloren hatten, von einem amerikanischen Soziologen etwas lernen, wovon sie angeblich keine Ahnung hatten: produktive Fischzucht. Da wurde erst Fischfutter gekauft und in den Versuchsteich gestreut, dann teures Düngemittel besorgt, um die Algen im Teich schneller wachsen zu lassen, und nach jeder Fischsaison der ganze Teich vergiftet, um Raubfische auszurotten, bevor die neuen Fische gesetzt wurden.
Auf die Idee, daß man den Teich in einem Land, wo Millionen arbeitslos oder unterbeschäftigt sind, auch per Hand leerschöpfen und damit noch umliegende Felder bewässern könne, war der studierte Fachmann in deutschen Diensten nicht gekommen. Noch viel weniger hatte er bedacht, daß die Dorfkinder begeistert in jedem Teich planschen, ohne zu ahnen, daß dieses Vergnügen ein Giftbad sein könnte.
Am meisten staunte die Entwicklungshelferin Erler, als sie von einem bangladeschischen Regierungsangestellten erfuhr, daß seine Landsleute wahre Meister der Fischzucht sind und der Raubfische auf natürliche Weise Herr werden: Sie setzen nur Sorten in einen Teich, die sich gegenseitig nicht auffressen.
Fassungslos aber stand die Helferin dem Pflanzenschutzprojekt der bundeseigenen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Bangladesch gegenüber. Schon heute ist das Wasser in der Gegend von Barisal, südlich von Dhaka, so von Pestiziden verseucht, daß die Bevölkerung eine ihrer wichtigsten Nahrungsquellen, die Fischerei, aufgeben mußte. Dabei werden Pestizide nur für ausländische Hochertragssorten benötigt, die sich eh nur reiche Bauern leisten können, denn einheimische Reis- und Getreidearten sind gegen die meisten Schädlinge immun. Dafür müssen die neuen empfindlichen Sorten mit immer neuen Giften behandelt werden, weil die Insekten und Pilze resistent werden, ein Geschäft für die Chemie.
Wo deutsche Giftexperten mit Gründlichkeit zuschlagen, kriegen auch nützliche Haustiere was ab. Katzen in der Umgebung des Projekts fielen die Haare aus. Kinder wurden krank. Da man nun keine Katzen zur Mäuse- und Rattenjagd mehr halten könne, so erklärten die Experten den Bauern, müsse man Gift gegen die Nager legen - nach deutschem Vorbild Köder vor die Rattenlöcher.
Jeder Bauer in Bangladesch weiß, daß Landlose oft als letzten Ausweg vor dem
Verhungern Rattenlöcher aufgraben, weil die Tiere beträchtliche Reiskörnervorräte anlegen. Als Frau Erler den Experten auf die Gefahr für den Menschen hinwies, kam das Argument: "Es steht auf jeder Packung drauf, daß es sich um Gift handelt" - doch in Bangladesch sind 90 Prozent Analphabeten.
Daß Entwicklungshilfe oft nur ein reibungsloses Zusammenspiel von Ministerialbürokratie und Industrie zum Nutzen der letzteren ist, hat Frau Erler in Bonn oft genug erlebt. Ein besonders krasses Beispiel für Entwicklungshilfe-Flops erzählte Warnke am Anfang seiner Ministerzeit: Im Auftrag der Weltbank sollte in Bangladesch elektronische Telephontechnik eingeführt werden, obwohl das Land bereits ein solides, von Siemens aufgebautes Netz hat. Doch dann erfuhr der Minister, daß es Mitarbeiter seines eigenen Ministeriums waren, die, inspiriert von Siemens, die Idee vorangetrieben hatten.
Auf Siemens'' Drängen sagte die Bundesregierung Bangladesch zehn Millionen Mark für die Einrichtung von elektronischen Vermittlungsstellen zu - einer Technik, die zu diesem Zeitpunkt auch in der Bundesrepublik noch im Anfangsstadium war und die vollklimatisierte Räume benötigt, im Tropenland Bangladesch besonders schwierig.
In der Zwischenzeit traten die Weltbank und die japanische Konkurrenz auf den Plan, die ihrerseits die Hochtechnisierung vorantreiben wollten. Doch der deutsche Konzern hat inzwischen im Entwicklungshilfe-Ministerium Vorschläge für ein 100-Millionen-Projekt eingereicht. Nach einem Besuch von Postminister Schwarz-Schilling in Dhaka, so argwöhnt Brigitte Erler, scheint das Geschäft wieder im Sinne von Siemens zu laufen.
So ganz überzeugt vom Nutzen ihrer Hilfe scheinen Experten auch in früheren Jahren nicht gewesen zu sein. Als Brigitte Erler nämlich 1974 die Pressearbeit im Entwicklungshilfeministerium übernahm und händeringend nach gelungenen Projekten forschte, da wollte ihr kein Beamter eins nennen können. Schließlich bot man ihr das Tierzuchtprojekt Savar in Bangladesch an: "Da kann man nicht direkt nachweisen, daß es geschadet hat."
Seit ihrer letzten Dienstreise findet Frau Erler auch dieses Projekt schädlich, das der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke einmal beim Anblick magerer, damals noch ostpakistanischer Rinder kreiert hatte: "Hier müssen Schwarzbunte Holsteiner her." Da glückliche deutsche Kühe tropische Verhältnisse kaum überleben, wurde in jahrelangen Versuchen endlich ein Rind gezüchtet, das nicht mehr ganz so oft wegen der Hitze geduscht werden muß, aber immer noch so krankheitsanfällig ist, daß es hohe Tierarztrechnungen verursacht. Die kann sich kein Bauer in Bangladesch leisten. Diese deutsche Musterfarm produzierte ihre Milch so teuer, daß sie nur in den Ministerien von Dhaka abgesetzt werden konnte. Ihr Spitzname deshalb: Bonzenmilch.
Wenn Entwicklungshilfe also nicht hilft, wie Brigitte Erler nachzuweisen sucht, warum wird sie dann nicht abgeschafft? Es gibt, so behauptet sie, eine Interessenidentität zwischen der Industrie in den Geberländern und der Oberschicht in den Entwicklungsländern, die von Bestechungsgeldern profitiere.
Zudem zahlten die Reichen dort so gut wie keine Steuern. Gehe man nach den Zahlen der Weltbank, so errechnet die ausgestiegene Expertin etwas blauäugig, würde ein Steuersatz von zehn Prozent des oberen Fünftels der Einkommenspyramide ausreichen, Entwicklungshilfe überflüssig zu machen.
Doch da wären noch die Entwicklungsexperten, die sich bei hohen Gehältern und einem interessanten Beruf mit hohem Sozialprestige nicht überflüssig machen möchten. Sie leben oft in einem Zustand zwischen Selbsttäuschung und Sendungsbewußtsein: "Die Bangladeschis brauchen uns eben", sagte ein Uno-Beamter zur Autorin, "natürlich müssen wir mit den Reichen zusammenarbeiten. Wenn die Armen an die Macht kommen, wird es ja noch schlimmer."
Als Brigitte Erler immer mehr an der Entwicklungshilfe verzweifelte, meinte ein älterer Kollege halb spöttisch, halb tröstend: "Aber das wissen wir doch alle, sind Sie denn noch in der entwicklungspolitischen Pubertät?" Frau Erler beschloß, in diesem Job nicht alt zu werden.
Sie ist inzwischen designierte Generalsekretärin für Amnesty International Deutschland.
Brigitte Erler: "Tödliche Hilfe / Bericht von meiner letzten Dienstreise in Sachen Entwicklungshilfe". März 1985, Dreisam-Verlag Freiburg; 108 Seiten; 13,80 Mark.

DER SPIEGEL 12/1985
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