22.10.1984

MARATHONLust am Leiden

60 000 Läufer wollten am New York Marathon teilnehmen, 18 000 dürfen starten. Unter ihnen Gaby Andersen-Schiess, die beim Olympia in Los Angeles bewußtlos ins Ziel torkelte. *
Die Frau im roten Trikot mit dem Schweizer Balkenkreuz auf der Brust stakste mit eingeknickten Beinen und mit zuckenden Armen dem Ziel entgegen. Für die letzten 500 Meter der 42,195 Kilometer langen Marathon-Strecke benötigte sie, statt anderthalb Minuten wie die Siegerin, fast sieben.
77 000 Zuschauer im Stadion und Hunderte von Millionen Fernsehzuschauern
weltweit sahen die Leiden der Läuferin live. Unter Ärzten schwelt bis heute der Streit, ob es richtig war, die Athletin nicht aus dem Rennen genommen zu haben.
Gabriela Andersen-Schiess, 39, kann sich selbst an ihr Finale im ersten Frauen-Marathon der Olympiageschichte nicht erinnern, aber jetzt, so sagt sie, "verfolgen mich Schuldgefühle. Ich muß die Horrorbilder von mir auslöschen, ich will den Leuten zeigen, daß der Langlauf gesund und ästhetisch ist".
Am kommenden Sonntag nimmt Gaby Andersen-Schiess, diesmal mit ihrem Mann, erstmals wieder an einem Marathonlauf teil. 18 000 Läufer, so viele wie noch nie in New York, gehen an den Start. Gaby Andersen-Schiess scheint die Hauptattraktion zu sein. Ursprünglich wollten mehr als 60 000 Männer und Frauen mit ihr den Leidensweg teilen. Das war sogar für die Boulevards und Brücken von New York zuviel, und der Veranstalter selektierte das Starterfeld.
Getränkefirmen und Margarinefabrikanten, Obsthändler und Bäcker sorgen für Speise und Trank an den zahlreichen Verpflegungsstätten an der Strecke.
Gaby Andersen-Schiess hatte eingestanden, daß sie vor ihrem olympischen Marathon zu wenig gegessen und nur reines Wasser statt zuckerhaltiger Säfte getrunken habe. Den letzten Verpflegungspunkt hatte sie passiert, ohne einen der hingestreckten Pappbecher mit Getränken anzunehmen.
Im Stadion ereilte die Athletin ein hypoglykämischer Schock, wie ihn Zuckerkranke häufig erleiden, wenn sie nach einer Insulinspritze nicht ausreichend Nahrung zu sich nehmen und wegen Unter-Zuckerung bewußtlos werden.
Keinesfalls wirkt Gaby Andersen-Schiess nach ihrem jammervollen Abgang im Olympiastadion als abschreckendes Beispiel, im Gegenteil, sie erhöht offenbar den Abenteuerreiz des Langlaufs. Es scheint fast so, als sei nicht die erste Olympiasiegerin, sondern die zusammengebrochene Athletin zur Vorläuferin von Millionen Langstrecklern der ganzen Welt geworden zu sein.
Aus Europa und Asien kommen Mitläufer zum New York Marathon in Charterflugzeugen an den Hudson River, auch aus der Bundesrepublik haben sich mehr als 200 Teilnehmer gemeldet.
Insider behaupten, daß die Schweizerin Gaby Andersen-Schiess 35 000 Dollar Startgage erhält. Falls sie gewinnt, würde sie nochmals 25 000 Dollar bekommen, dazu einen Mercedes 190 E (Listenpreis: 22 850 Dollar).
Fred Lebow, Präsident des New York Road Runners Club, der in der acht Millionen Einwohner zählenden Stadt über 300 Rennen jährlich organisiert, schrieb in seinem neuesten Buch über das Marathon-Business, er habe seit 1976 über eine Million Dollar "an Sieg- und Teilnehmer-Prämien unter dem Tisch bezahlt".
Während die Marathon-Gemeinde auf Lebows Enthüllung gelassen reagierte, handelte sich der Organisator eine clevere Reaktion aus dem Rathaus ein. Bürgermeister Ed Koch, dessen Verwaltung sich den werbeträchtigen Lauf immerhin 610 000 Dollar kosten läßt, drohte die Straßen und Brücken künftig nicht mehr absperren und reinigen zu lassen, wenn Lebows Klub sich nicht an den Kosten beteiligen würde.
Lebow lenkte ein. Er will für jeden ausgezahlten Sieg- und Platz-Dollar an die Läufer, nämlich 250 000 Dollar, die gleiche Summe an die Stadt zahlen, dazu auch die Hälfte der 100 Fernseh-Millionen. Von den anderthalb Millionen Dollar Veranstalter-Etat für den Marathonlauf zahlt die Bank Manufacturers Hanover ein Drittel, 300 000 Dollar. Den Rest schießen weitere Sponsoren zu.
Daß es bei der Hatz durch die fünf New Yorker Stadtteile auch wieder kollabierende Teilnehmer geben wird, setzen die Organisatoren als sicher voraus. An der Strecke, aber vor allem hinter dem Ziel stehen Ärzte und Sanitäter zu Hunderten bereit. Ambulanzwagen mit Sauerstoffgeräten können auch schwere Fälle, wenn es gutgeht, vor dem Exitus bewahren.
Was Jahr für Jahr immer mehr Menschen dazu bringt, die Lust am Leiden auf der Marathonstrecke auszutoben, haben Ärzte und Psychologen erst unzulänglich erklärt. "Laufen hat mir das Gefühl gegeben, auch andere Dinge schaffen zu können", sagte die Amerikanerin Henley Roughton. "Vorher war ich nur eine Hausfrau."
Der Schweizer Dr. Carl Schneiter hält unter vielen ein Motiv für besonders stichhaltig. "Je besser die Leistungsfähigkeit, um so jünger fühlt man sich", schrieb er über Ausdauerläufer. "Wieder jung zu werden oder jung bleiben, ist ein alter Wunsch der Menschheit."
Und auch wenn es den Läufer in die Knie zwingt, so darf er sich der Heldenverehrung sicher sein. Gaby Andersen-Schiess erntete höchste Anerkennung nicht für frühere siegreiche Marathonläufe, sondern eben erst dann, als sie beim Olympiarennen in Los Angeles durch das Ziel getaumelt war und sich anschließend im Hospital "wie auf einem Scheiterhaufen" gefühlt hatte.
Einige Tage später traf aus der ersten Olympiastadt moderner Zeitrechnung, Athen, ein Kabel für sie ein, das der griechische Staatssekretär für Sport, Kostas Laliotis, wie folgt aufgesetzt hatte: "Sie haben die Prinzipien des Olympischen Geistes unter Beweis gestellt, daß teilnehmen wichtiger ist als siegen." Offensichtlich, daß immer mehr Menschen diesen Prinzipien hinterherlaufen.

DER SPIEGEL 43/1984
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