18.03.1985

MAROKKOModerner Limes

Mit einem etwa 2000 Kilometer langen Verteidigungssystem hat Marockos König Hassan die Befreiungsbewegung Polisario aus der von ihm besetzten Westsahara ausgesperrt. *
Alles war so gut geplant. Umgeben von seinen Leibwächtern in farbenprächtigen Gewändern, wollte König Hassan II. von Marokko die Huldigungen von mehr als 300 Stammesfürsten zum 24jährigen Thronjubiläum entgegennehmen. Dazu hatte sich der Herrscher des Scherifenreiches einen historisch brisanten Ort ausgesucht: die Stadt El-Ajun in der Westsahara.
Besonderen Wert legte der Monarch, 55, auf die Einladung des Diplomatischen Corps. Doch die meisten Botschafter meldeten sich zum Krönungstag krank: Ihre Anwesenheit in El-Ajun hätte Hassan als Anerkennung eines völkerrechtlich umstrittenen Aktes auslegen können, für den Marokko einen langen, wirtschaftlich katastrophalen Krieg führt: die Besetzung der ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara, derentwegen die sahrawische Befreiungsbewegung Polisario seit fast zehn Jahren gegen Marokko kämpft.
Diesmal lenkte Hassan noch ein. Zwei Tage vor dem Thronjubiläum Anfang März verlegte der Monarch die Feiern in die alte marokkanische Königsstadt Marrakesch, und wie durch ein Wunder waren alle Diplomaten wieder gesund und anwesend.
Doch in Wahrheit hat der König seit dem ersten "Grünen Marsch" von 350 000 seiner Untertanen im November 1975 in die Westsahara längst Fakten geschaffen - auf seiner jüngsten Propagandatour nach El-Ajun Ende vergangener Woche zeigte er sie vor.
Auch wenn die Polisario über ihren Sender "Freie Sahara" ankündigte, die Reise werde Hassan "teuer zu stehen kommen", brachte der Herrscher gleich sein gesamtes Abgeordnetenhaus mit, um eine Parlamentssitzung demonstrativ auf annektiertem Boden zu feiern.
El-Ajun, zu Zeiten der Spanier ein verschlafenes Wüstennest mit 30 000 Einwohnern, ist heute ein aufstrebender Platz - dank riesiger Investitionen des Monarchen, der es zur drittgrößten Stadt seines Reiches ausbauen will. Inzwischen leben die rund 100 000 Frontstadtbewohner nicht mehr in Slums, sondern in Reihenhäusern mit Kuppeln.
In aller Eile wurden ein neuer Flughafen gebaut, ein Krankenhaus eingeweiht und eine Fußballarena für 20 000 Menschen fertiggestellt. Ein neues Hotel heißt "Grüner Marsch". Die früheren Westsahara-Bewohner, traditionell Nomaden, sind in El-Ajun in die Minderheit geraten unter den vielen zugezogenen marokkanischen Geschäftsleuten und Verwaltungsbeamten, die hier doppelte Gehälter kassieren und Steuervorteile genießen.
In El-Ajun kann Hassan sich heute sicher fühlen, denn seit 1980 hat Marocko die Polisario aus immer größeren Teilen des von ihr beanspruchten Gebietes ausgesperrt: Anfang Januar vollendeten des Königs Wüstenstrategen den vierten Wall eines etwa 2000 Kilometer langen Abwehrsystems, teilweise parallel zu den Grenzen Algeriens und Mauretaniens. "La ceinture", der Gürtel oder die Mauer, war ursprünglich eine Idee von Hassans Berater General Dlimi gewesen, der im Januar 1983 bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommen war.
Aus Felsgestein und Sand errichteten die Marokkaner einen modernen Limes, zwei bis vier Meter hoch, mit Geschützbunkern und Unterständen. Den Clou dieser Wälle, die Radaranlagen, installierten vietnamerfahrene Amerikaner mit Hilfe französischer und israelischer Technologie.
Zu Beginn des Guerillakrieges 1976 war die Polisario noch im Vorteil gewesen. Als ehemalige Elitesoldaten der spanischen Armee kannten ihre Anführer das Wüstengelände besser als die marokkanischen Eroberer. In Nachteinsätzen, mit libyschen und algerischen Waffen, konnten sie sogar Bu Kraa, eines der größten Phosphatvorkommen der Welt und einziger Schatz der ansonsten fast menschenleeren Westsahara (so groß wie die Bundesrepublik), lahmlegen sowie Hassans Soldaten empfindliche Verluste zufügen.
Seit die Wälle stehen, mußten sich die Polisario-Kämpfer immer weiter nach Süden an die mauretanische Grenze und in die Sahrawi-Flüchtlingscamps jenseits der algerischen Grenze bei Tinduf zurückziehen. "Mit unseren einfachen Mitteln konnten wir gegen diese Technik nichts mehr ausrichten", gab denn auch der Vize-Generalsekretär der Polisario zu, "schon 60 Kilometer vor dem Wall konnten die Marokkaner uns per Radar erkennen."
Hassans nächster Schlag gegen die Wüstenkämpfer war seine überraschende "Union" mit Libyens Staatschef Gaddafi 1984. Damit verlor die Polisario einen wichtigen Bundesgenossen und Waffenlieferanten.
Dennoch holten die Befreiungskämpfer mit russischen Sam-6 und Sam-7 zwei "Mirages" und ein Aufklärungsflugzeug der marokkanischen Luftwaffe vom Himmel. Irrtümlich schossen sie auch eine belgische Sportmaschine ab, die an der Flug-Rallye Paris-Dakar teilnahm, und Ende Februar das Dornier-Flugzeug "Polar 3" mit drei deutschen Antarktisforschern, "ein bedauerliches Versehen", so die Polisario entschuldigend.
Politisch ist die Befreiungsbewegung sogar relativ erfolgreich. Die Kämpfer ohne Land werden inzwischen von 62 Staaten diplomatisch anerkannt. Im vergangenen Herbst nahmen sie zum ersten Mal an einer Gipfelkonferenz der Organisation Afrikanischer Einheit (OAU) in Addis Abeba teil, worauf Marokko demonstrativ auszog.
Doch gewinnen kann die Polisario den Krieg nicht mehr. Vertreter von Marocko und Algerien verhandelten heimlich über die Zukunft der Westsahara. Bendschedid Schadli, der im nächsten Monat
als erster algerischer Präsident nach über 22 Jahren in die USA reist, zeigte sich sogar zu einem Kompromiß bereit: weitgehende Autonomie der Westsahara unter König Hassan. Der Marokkaner hat dagegen die Forderung der Polisario nach einem Referendum der Bevölkerung aufgegriffen - weil er sich so sicher ist, daß die Marokkanisierung der Westsahara hinter den Wällen gelungen ist.
Obwohl der Sahara-Krieg seit nahezu 10 Jahren Unsummen verschlingt und Marokko immer mehr ausblutet, stehen die Parteien in der Westsahara-Frage geschlossen hinter ihrem König.
Selbst die linke Opposition hält in der Westsahara-Frage zum Herrscher. "Die Sahara-Provinzen gehören unzweifelhaft zu Marokko", schrieb die kommunistische Zeitung "El-Bajan" staatstreu. "Wir sind stolz auf den König, daß er die OAU verlassen hat", so Sozialistenchef Abd el-Rahim Bu Abid.
Mitte vergangener Woche durchschnitt Hassan am ehemaligen Grenzposten Tah zwischen Marokko und der Westsahara symbolisch ein Papierband. Dann betete der Monarch barfuß auf einer kleinen Strohmatte im Wüstensand. Für die rituelle Waschung zuvor hatte er Sand statt Wasser nehmen müssen: Wasser gibt es an diesem Wüstenfleck nicht einmal für den König.
[Grafiktext]
Atlantik MAROKKO KANARISCHE INSELN (span.) Marrakesch Lanzarote Tarfaja Sag El-Ajun Bu Kraa Tinduf Abschußstelle der "Polar 3" von Marokko gegen die Polisario errichtete Mauern Dachla WEST-SAHARA MAROKKO WESTSAHARA MAURETANIEN AFRIKA
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 12/1985
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