26.11.1984

GEWERKSCHAFTENNo-Fi-Trick

Auch IG-Metall-Funktionäre unterstützten ihre politischen Freunde. Auf Umwegen flossen Hunderttausende in die Kassen der SPD. *
Der DGB-Vorsitzende Ernst Breit verfolgte die Debatte über die Partei-Spendenaffäre in seiner parlamentarischen Verbindungsstelle in Bonn vor dem Fernseher. Sein Vize Gustav Fehrenbach saß auf der Diplomatentribüne des Bundestages. Die Gewerkschafter hatten wohl geahnt, daß die CDU versuchen würde, sie in die Flick-Affäre hineinzuziehen.
CDU-Generalsekretär Heiner Geißler übernahm es am vorletzten Freitag unter dem Beifall seiner Parteifreunde, den Deutschen Gewerkschaftsbund und dessen Vorsitzenden ins Zwielicht des Spendendickichts zu zerren. "Die SPD kriegt Geld von Flick und vom DGB", enthüllte der CDU-Spezialist fürs Grobe. "Dann sind die Kassen voll, und die sozialistische Moral ist intakt."
Begleitet vom Gelächter seiner Kollegen beschrieb der CDU-Mann die von ihm entdeckte "SPD-Variante des dialektischen Materialismus": "So - mit Flick und DGB - versöhnt der real existierende Sozialismus in der Bundesrepublik Deutschland den angeblich unüberwindlichen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit ... BB wie Breit und Brauchitsch."
Breit war schockiert. Der ehrpusselige Dithmarscher, als Saubermann in den DGB-Vorsitz gehoben, um den Neue-Heimat-Skandal zu bereinigen, sah sich plötzlich in die Nähe des ehemaligen Flick-Managers Eberhard von Brauchitsch gerückt, der Skandalfigur der Großindustrie. Weil Breit sicher ist, daß der DGB keine Mark an die Sozis gegeben hat, verlangte er Genugtuung.
Tatsächlich ist es höchst unwahrscheinlich, daß der DGB, die Dachorganisation der 18 Einzelgewerkschaften, den Sozis direkt unter die Arme gegriffen hat. Denn die Gewerkschaften leiden selbst schon seit Jahren unter finanzieller Auszehrung.
Groß war die Empörung über Geißler auch noch am Montag im Geschäftsführenden Bundesvorstand. Doch den Worten folgten - vorerst - keine Taten. Zwar sei die Weste des DGB sauber. Aber, mahnten Vorsichtige, man könne schließlich nicht wissen, was in den Einzelgewerkschaften gelaufen sei.
Die Zurückhaltung erscheint übertrieben. Denn Belege, daß Geld von den Gewerkschaften direkt an die SPD überwiesen wurde, hat Geißler offenbar nicht. Sein Sprecher Hartwig Möbes verweist auf die Parteizentrale. Auch Wulf Schönbohm, Abteilungsleiter Politik im Konrad-Adenauer-Haus, muß vorläufig passen: "Ganz konkrete, knallharte Sachen" habe man "eben nicht".
So einfach, wie der CDU-Generalsekretär glauben machen will, funktionierte die gegenseitige Unterstützung zwischen Gewerkschaftskollegen und SPD-Genossen in der Tat wohl nicht. Aber auch die Gewerkschaften fanden Umwege, ihren politischen Freunden beizustehen - allerdings ohne die Beitragstöpfe zu plündern: So erledigten zum Beispiel Gewerkschaftsbetriebe Druckaufträge für die Genossen zu besonders günstigen Bedingungen.
Eleganter noch ist ein von Kennern hochgeschätzter, völlig legaler Weg, der "No-Fi-Trick", benannt nach dem Hauptkassierer der IG Metall, Norbert Fischer. Der Finanzverwalter nimmt jeden Gewerkschaftskandidaten für einen der hochdotierten Arbeitsdirektoren-Posten vor der Wahl ins Gebet. In Amt und Würden, ausgestattet mit Vorstandsgehältern von rund 600 000 Mark im Jahr, zweigen die Manager dann auf "Bettelbriefe" Fischers - völlig freiwillig, versteht sich - schon mal 30 000 bis 50 000 Mark aus ihrem Einkommen ab. Das so gesammelte Mitbestimmungsopfer, einige hunderttausend Mark im Jahr, floß meist in SPD-Kassen, entweder direkt oder über Kandidaten.
Mitunter profitierten sogar CDU-Politiker von den Gewerkschaftsmitteln. Für Mitglied Norbert Blüm zum Beispiel, nicht gerade ein Hätschelkind der IG Metall, wurde im Wahlkampf schon einmal eine Rechnung von einigen tausend Mark beglichen.
Das Geld, so ein Sprecher der Gewerkschaft, sei von den Spendern ordnungsgemäß versteuert worden, illegale Spendenquittungen habe es nicht gegeben. Über das Gesamtergebnis seiner Anstrengungen schweigt sich Norbert Fischer aus. Die Spendensammelei, sagt
der Vorstandsgenosse, sei seine Privatsache.
Spendennotizen des verstorbenen SPD-Schatzmeisters Alfred Nau, nach denen Fischer in einem Jahr zum Beispiel einmal 1,5 Millionen Mark in die Baracke transferiert haben soll, verweist der verschwiegene Kassierer in das Reich der Legende. Nau sei zwar zu ihm gekommen und habe solche Summe gefordert, das habe seine Möglichkeiten aber weit überstiegen. Alfred Nau ist tot, er kann Fischer nicht widersprechen.
Schon einmal, 1979, kamen die IG-Metaller mit ihrer zwar legalen, aber dennoch etwas merkwürdigen Spendenpraxis in Bedrängnis. Die sozialdemokratische Fraktion des finnischen Gewerkschaftsbundes hatte den damaligen IG-Metall-Chef Eugen Loderer gebeten, sie im Wahlkampf um den Vorsitz der nördlichen Arbeitnehmerorganisation zu unterstützen. Der Sozialdemokrat Loderer sagte zu, 100 000 Mark zu sammeln.
Aus unerfindlichen Gründen baten die Finnen, das Geld nicht direkt, sondern zunächst an die schwedischen Genossen nach Stockholm zu überweisen. Dort holten sie die Summe in kleinen Scheinen schwedischer Währung ab.
Doch auf dem Flugplatz Stockholms stoppten Zöllner die Geldtransporteure. Eine solche Summe Bargeld nach Finnland zu exportieren war verboten. Das Geld wurde konfisziert und erst ausgezahlt, als der Wahlkampf längst vorüber war. Die finnischen Geldbeschaffer, die ihre Spender zunächst nicht nennen wollten, gerieten sogar in den Verdacht, von der CIA geschmiert worden zu sein.
Schließlich offenbarten die diskreten Finnen als Geldquelle die IG Metall. Doch die Gewerkschaftsfunktionäre leugneten auf Anfrage, da sie nichts von Loderers Genossen-Hilfsaktion ahnten und der IG-Metall-Chef gerade in Japan herumreiste.
Als Loderer nach seiner Rückkehr den Geldtransfer bestätigte, geriet er auch noch bei den eigenen Leuten in schlimmen Verdacht. Seine Vorstandskollegen, die den Spezialtopf nicht kannten, wollten wissen, wo Loderer die 100 000 Mark lockergemacht hatte.

DER SPIEGEL 48/1984
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