28.01.1985

ÖSTERREICHVerlorener Sohn

Wiens Verteidigungsminister begrüßte einen entlassenen Kriegsverbrecher mit großem Verständnis. Nun kriselt es in der Koalition. *
Der Bundeskanzler war konsterniert. "Zunächst wollte er das alles gar nicht glauben", seufzt der Kabinett-Chef des sozialistischen Regierungschefs Fred Sinowatz.
"Das alles" war in der Tat ein starkes Stück: Der österreichische Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager stand vorigen Donnerstag persönlich am Flugplatz Graz-Thalerhof, als eine italienische Militärmaschine den begnadigten österreichischen Kriegsverbrecher Walter Reder aus Italien in die Heimat zurückbrachte.
Der Minister aus dem Lager der Freiheitlichen Partei begrüßte den ehemaligen SS-Sturmbannführer wie einen verlorenen Sohn ("ganz Österreich ist froh") und eskortierte ihn zwecks medizinischem Check-up in die Sanitätsstation der Bundesheerkaserne Baden bei Wien.
Dieser "Affront für alle demokratisch Empfindenden" (so das SPÖ-Zentralorgan "Arbeiter-Zeitung") leitete die bisher schwerste Zerreißprobe der ohnehin angeschlagenen Regierungskoalition von Sozialisten und Freiheitlichen ein.
Doppelt peinlich wird der Kotau des obersten Republikverteidigers vor einer NS-Symbolfigur im Rückblick auf zwei Jahrzehnte pausenloser Bemühungen des Wiener Ballhausplatzes um "eine Lösung des rein humanitären Falles Reder".
Der "Fall" hatte am 29. September 1944 im Apennin südlich von Bologna begonnen. Damals befehligte der 28jährige Linzer Reder - ein Ritterkreuzträger, der im Jahr zuvor den linken Unterarm verloren hatte - die Aufklärungsabteilung der 16. SS-Panzergrenadier-Division im Kampf gegen die italienische Partisanenbrigade "Stella Rossa", die mit ihren Anschlägen den deutschen Besatzern empfindliche Verluste zufügte.
Im Zuge einer fünftägigen Vergeltungsaktion kam es Anfang Oktober zum "Massaker von Marzabotto", dem größten Kriegsverbrechen auf italienischem Boden: Die Deutschen zerstörten das Kleinstädtchen bis auf die Grundmauern, schossen die Bewohner nieder oder ließen sie in verbarrikadierten Häusern bei lebendigem Leib verbrennen. Insgesamt sollen 1830 Zivilisten den Tod gefunden haben.
Reder wurde im Mai 1945 von US-Truppen gefangengenommen und den Engländern übergeben, die ihn ihrerseits an die Italiener auslieferten. 1951 verurteilte ihn ein Militärgerichtshof in Bologna zu lebenslangem Zuchthaus. Das oberste Militärgericht in Rom sprach den Angeklagten zwar später vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung frei, weil Reder die Operation nachweislich aus einem 40 Kilometer entfernten Unterstand geleitet und somit Marzabotto gar nicht betreten hat, bestätigte jedoch die Strafdauer. Neue Begründung: Eine durch Reder sehr wohl angeordnete Erschießung von sechs italienischen Partisanen.
Der Österreicher landete in der Festung Gaeta bei Neapel, wo er mit dem deutschen Kriegsverbrecher Herbert Kappler, ehemals Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Rom, Zelle an Zelle saß. Seine Gnadengesuche an den italienischen Staatspräsidenten blieben ohne Antwort.
Als dem 69jährigen krebskranken Kappler 1977 mit Hilfe seiner Frau die Flucht in die Bundesrepublik gelang (er starb 1978), blieb Reder allein zurück.
Inzwischen war die Akte "Reder" im Wiener Außenministerium zu einem dicken Bündel angeschwollen. Jeder Rom-Besuch eines österreichischen Politikers gipfelte in der Bitte um die baldige Entlassung des "alten Mannes von Gaeta". Neben Bundeskanzler Bruno Kreisky intervenierte sogar Bundespräsident Rudolf Kirchschläger.
Es ginge, argumentierten die Wiener Fürbitter unisono, um keinerlei Persilschein oder gar um die Rechtfertigung eines sicherlich schuldigen Kriegsverbrechers, sondern einzig und allein um menschliche Nachsicht. So viele Jahre nach Kriegsende wäre die Zeit reif, um Gnade vor Recht ergehen zu lassen.
Genau dieser humanen und unverdächtigen Haltung, die den italienischen Ministerpräsidenten Craxi letztlich überzeugt haben dürfte, widersprach Frischenschlager mit seinem seltsamen Begrüßungs-Auftritt: "Da sind wir im nachhinein total unglaubwürdig geworden", ärgert sich ein hoher Diplomat des Wiener Außenministeriums.
Selbstverständlich wird Kanzler Sinowatz nichts unversucht lassen, um die unglückselige Demonstration seines Verteidigungsministers als harmlosen Ausrutscher eines politischen Greenhorns hinzustellen - ein Zerfall der SPÖ-FPÖ-Koalition käme ihm denkbar ungelegen, weil die Sozialisten weder allein regieren können noch auf die Kooperation mit der Christdemokratischen Volkspartei vorbereitet sind.
Frischenschlager aber versucht sich bereits an einer Bagatellisierung. Er sei, meint er bieder, bloß "aus technischen Gründen" und zwecks "diskreter Behandlung" der Angelegenheit selbst nach Graz gefahren.
"Wir können im guten Fall hoffen, daß die Welt auch so freundlich ist, uns die operettenhafte Ungeschicklichkeit zu glauben", sagt "AZ"-Chefredakteur Manfred Scheuch. In Österreich nimmt niemand Frischenschlagers Erklärungen ernst. Seine Partei - die sogenannte "Dritte Kraft", die bei den Wahlen 1983 knappe fünf Prozent der Stimmen kassierte und nur davon lebt, daß sie der SPÖ das Regieren ermöglicht - steht ohnehin im Ruf der Rechtslastigkeit.
Mangels einer parteibildenden Tradition des österreichischen Liberalismus geriet sie gleich bei ihrer Gründung zu einem Sammelbecken von allem, was ultrarechts stand. Ihre ersten Kader rekrutierten sich aus ehemaligen Gefangenen _(Am 10. Juli 1984 in Bonn. )
des Entnazifizierungslagers Glasenbach bei Salzburg. 20 Jahre lang wurde die FPÖ von dem ehemaligen Waffen-SS-Mann Friedrich Peter geleitet, der einer Sondereinheit angehörte, die zwischen 1941 und 1942 an Judenmorden in der Sowjet-Union beteiligt war.
Bis heute gelten mindest 40 Prozent der FPÖ-Basis als alte und neue Nazis. Der oft versprochene ideologische Umbau durch den Parteichef und Vizekanzler Norbert Steger (Lieblingsspruch: "Braun war unsereins nur in den Windeln") hat gerade erst angefangen.
Das Präsidium der Salzburger FPÖ stellte sich denn auch sofort mannhaft hinter den Verteidigungsminister, dessen Rücktritt Ende voriger Woche von vielen Seiten gefordert wurde. Als wär''s eine patriotische Meisterleistung gewesen, beglückwünschten die Präsiden ihren Mann dazu, Walter Reder empfangen zu haben - als "letzten österreichischen Kriegsgefangenen".
Am 10. Juli 1984 in Bonn.

DER SPIEGEL 5/1985
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