18.02.1985

SCHACHLächerliche Figur

Warum wurde die Weltmeisterschaft abgebrochen? Fast alles, was vorigen Freitag in Moskau verbreitet wurde, sollte über den wahren Grund hinwegtäuschen. *
Der Weltmeister verlor zwei Partien nacheinander und sah kaum noch eine Chance, seinen Titel zu verteidigen. Er fühlte sich krank und wollte den Wettkampf beenden.
Zweimal ereignete sich dies in der Schachgeschichte: im April 1921, als der Deutsche Emanuel Lasker in Havanna gegen den Kubaner Jose Raul Capablanca spielte, und in diesem Monat bei dem Moskauer Titelkampf zwischen zwei sowjetischen Profis, dem russischen Weltmeister Anatolij Karpow, 33, und seinem jüdisch-armenischen Herausforderer Garri Kasparow, 21.
Aber der Deutsche und der Sowjetrusse handelten in der gleichen Situation grundverschieden. Lasker gab auf und verlor den Titel. Karpow erreichte, daß am Freitag vergangener Woche der Kampf (beim Stand von 5 zu 3 Punkten für ihn) abgebrochen und annulliert wurde. Er wird im September beim Stand von Null zu Null neu begonnen.
Verkündet wurde die geradezu regel- und rechtswidrige Entscheidung im Moskauer Hotel "Sport" von Florencio Campomanes, dem Präsidenten des Weltschachbundes. Der Filipino tat so, als habe er eine einsame Entscheidung getroffen. Karpow behauptete in der Pressekonferenz gar, der Präsident habe gegen seinen Willen gehandelt.
Doch das war nur eine schlechte Show, an der Herausforderer Kasparow nicht beteiligt war. Der stürmte aus der 17. Reihe im Parkett erst auf die Bühne und dann ins Foyer, um seinen Protest zu Protokoll zu geben: "Karpow hat bekommen, was er wollte."
Weltbund-Präsident Campomanes und Weltmeister Karpow verwickelten sich in Widersprüche, und am Ende schien nur noch offen, ob Karpow den Abbruch von vornherein oder erst nachträglich gebilligt hat.
Doch weder das eine noch das andere ist richtig, eine Fülle von Indizien straft den Weltmeister Lügen. Er hat den Abbruch nicht etwa nur gebilligt, sondern selbst herbeigeführt.
Sogar Campomanes sprach davon, er habe auch wegen des "Wohlbefindens der Spieler" gehandelt. Ein sowjetischer Schachfunktionär hatte der amerikanischen Nachrichtenagentur upi zuvor schon versichert: "Karpow ist sehr müde und ausgebrannt. Er braucht eine Pause." dpa verbreitete sogar eine Version, Karpow stehe "kurz vor einem Nervenzusammenbruch".
Daß der Weltmeister physisch und psychisch am Ende war, hatten die Zuschauer bereits wahrgenommen, als noch gespielt wurde. Der "Zeit"-Reporter Wolfram Runkel etwa notierte, als zur vorletzten Partie erst Kasparow und dann Karpow auftraten: "Drei Minuten vor 17 Uhr erscheint mit elastischen Schritten ein vor Kraft schier berstender Beau, schreitet über die Bühne, als betrete er einen Boxring. Punkt fünf kommt ein gebeuteltes, gebeugtes, müdes Hutzelmännchen."
Der Wettkampf war offensichtlich in eine dritte, letzte Phase gekommen. In der ersten hatte Karpow vier von neun Partien gewonnen; in der zweiten spielten beide Spieler gleich schlecht und langweilten mit Remispartien (insgesamt 40 von 48); am Ende, vor allem in den beiden letzten Partien, vermochte der Weltmeister nicht mehr mit dem Herausforderer mitzuhalten. Dazu der Hamburger Schachprofi Gisbert Jacoby: "Karpow verlor weit unter seinem Niveau."
Als Weltmeister Lasker 1921 in eine ähnliche Situation geraten war und nach 14 von vereinbarten 24 Partien aufsteckte, führte er seine Niederlage auf Klima und Krankheit zurück: "Ich sah auf das Schachbrett wie in einen Nebel, und mein Kopf schmerzte verdächtig." Insbesondere verwies Lasker auf die "Wirkung des heißen grellen Sonnenlichtes, bei dem es schwierig ist, harte Geistesarbeit zu leisten".
Er zog sich den Spott des neuen Weltmeisters und vieler Schachfreunde zu, die ihm nicht recht glauben wollten. Capablanca etwa fand, Lasker sei dabei, "Weltmeister im Erfinden von Ausreden zu werden", und monierte, er gebe die Schuld "sogar der Sonne, obwohl wir nachts spielten".
Aber Lasker wahrte seinen Ruf als fairer Sportsmann. Er gestand später, daß er selbst bei bester Gesundheit "mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit" verloren hätte, und schloß ein Buch über das Match mit einem "dreifachen Hurra für den neuen Weltmeister".
Karpow hingegen dürfte sich um den Rest der Sympathien gebracht haben, die wegen seiner Doppelexistenz als aktives KP-Mitglied und als Devisenmillionär wie auch wegen seiner langweilenden Partien ohnehin nur gering waren.
Allzu ungehemmt nutzte Karpow die Chance, als Weltmeister die Schachfunktionäre zu bewegen wie Türme und Läufer. Unsportlich handelte er schon vor Beginn, als er durchsetzte, daß bereits im September angefangen wurde (Kasparow: "Das hat meine Vorbereitungspläne zerschlagen") und daß nur in seinem Wohnort Moskau und nicht auch an einem anderen Ort gespielt wurde.
Der Neubeginn im September bringt für Karpow nur Vorteile, für Kasparow fast nur Nachteile. Der angeschlagene Weltmeister kann sich erholen. Auch kommt ihm eine Regeländerung zugute: Der nächste Kampf ist befristet. Zwar wird wiederum derjenige Weltmeister, der 6 Partien gewinnt. Aber nach 24 Partien wird der Titel dem zugesprochen, der häufiger gewonnen hat - bei 23 Remis-Partien würde ein einziger Sieg genügen. Und bei Gleichstand auch nach 24 Partien bliebe Karpow Weltmeister.
Am vergangenen Freitag mochten einige Schachfreunde in Moskau und andernorts die Hoffnung nicht aufgeben, Karpow werde den Präsidenten noch zurückpfeifen und die Annullierung des Titelkampfes annullieren lassen.
Doch die Reue käme zu spät. Ganz gleich, ob der Weltmeister den Titel im Jahr 1985 verliert oder noch ein oder zwei Jährchen länger behält - für Karpow gilt nach dem Eklat der vergangenen Woche, was Weltmeister Lasker vor sechs Jahrzehnten geschrieben hat:
"Ein Weltmeister, der nicht die Welt hinter sich hat, ist eine lächerliche Figur." _(Im Säulensaal des Moskauer ) _(Gewerkschaftshauses. Am Tisch: ) _(Weltmeister Karpow und Herausforderer ) _(Kasparow. )
Im Säulensaal des Moskauer Gewerkschaftshauses. Am Tisch: Weltmeister Karpow und Herausforderer Kasparow.

DER SPIEGEL 8/1985
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