24.12.1984

FILMWeltkrieg als Western

„Die rote Flut“. Spielfilm von John Milius. USA 1984. 113 Minuten; Farbe. *
Vierhundert Millionen Chinesen sind von den Sowjets, so ist in einem Nebensatz zu erfahren, schon umgebracht worden; Europa, außer England, drückt sich feige, während Russen und Kubaner in den USA landen. Sie haben sich (wohl um den Reise-Etat klein zu halten) Charterflugzeuge gemietet, erschießen Geiseln, verbrennen Bücher (ersatzweise wohl auch Comics), vergewaltigen Mädchen und, was das Schlimmste ist: besetzen ein Auto-Kino. Ade, freie Welt.
So schwachsinnig, nein noch schwachsinniger beginnt der Film "Die rote Flut": In einer High-School erzählt ein Geschichtslehrer, wie tatarisch die Tataren einst über ihre Feinde herfielen - da schaut er aus dem Fenster, und die Russen sind da. Als erstes erschießen sie den Lehrer, prompt gibt es schulfrei. Eine Handvoll Schüler rettet sich in die Berge. Dort wollen sie abstimmen, was zu tun ist, doch der Ernstfall ist zu ernst fürs Demokratiespielen, ein Führer muß her, der sagt, wo's lang geht.
Zuerst fährt man noch mal in die Stadt, wo Daddy hinter Stacheldraht sich entschuldigt, daß er manchmal hart war - aber jetzt könnten die Kids doch sehen, wozu es gut gewesen sei. Dann fährt man zu einem Tankstellenmenschen, holt Bohnen (blaue wie weiße), Cola und Flinten, dann zu einem knorrigen Farmer, der offensichtlich bei John Wayne die Durchhaltephonetik gelernt hat.
Der Bauer holt seine Enkeltöchter aus dem Keller und verschenkt seine Pferde; er will nicht, daß die Russen mit ihnen machen, was Russen eben so mit Enkelinnen und Pferden machen. Richtig! Sie nehmen den Mädchen die Uhren und den Pferden die Unschuld weg. Oder umgekehrt.
Die Jungs und Mädchen ziehen sich ins Gebirge zurück und gewinnen eben mal schnell den dritten Weltkrieg. Als Werwölfe. Nach dem Motto: Wenn das der Führer wüßte. Auf dem Weg zum Endsieg lernen die Highschüler so sämtliche Tugenden, die man als Demokrat in einem Krieg gegen Russkies und Rothäute aus Kuba braucht. Erst wird Blut getrunken, das macht hart; dann werden Gefangene in den Bauch geschossen, das ist gerecht; dann werden Verräter umgebracht, das ist notwendig.
Wenn die gute Sache gesiegt hat, sind die meisten Werwölfe zwar tot, aber sie kriegen eine Gedenktafel in der Naturschutzparklandschaft. Und das sieht klasse aus.
Während des ganzen Films fragt man sich verzweifelt, warum die rote Flut die USA so zaghaft umspült. Die Antwort kann nur lauten: Offenbar sind die sowjetischen Strategen heimliche Cineasten und haben so viele Western gesehen, daß sie die USA einnehmen wollen wie einst die Indianer Alamo. Man kann es versklavten Commies auch nicht verdenken, wenn sie sich wünschen, daß ihnen Hamburger, Hot Dogs und Fried Chickens unversehrt in die Hände fallen.
Der Film, offensichtlich zur moralischen Aufrüstung gedacht, verfehlt sein Ziel auf das bedenklichste und ist richtig wehrkraftzersetzend. Denn was braucht der Westen, was braucht die freie Welt Raketen, Neutronenbomben und Laserkanonen, wenn es doch reicht, daß ein paar Schüler nach der Schule statt zum Football zum Partisanenkrieg gehen?
Für Football bleibt übrigens trotz angespannter Kriegslage auch noch Zeit. In den Nachmittagspausen. Abends ißt man beim Lagerfeuer Hirsch mit Bohnen, die Mädchen müssen nicht mehr Geschirr waschen, weil sie auch herumballern können. Eigentlich gar nicht so schlecht, so ein Weltkrieg.
Wäre der Film (John Milius hat sich damit ernsthaft eine Oscar-Anwärterschaft für das ekligste Kinowerk erdreht) nicht so ätzend bescheuert, wäre er ein Signal für den martialischen Geist der Reagan-Ära. Aber so? Das dann doch nicht.
Hellmuth Karasek
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 52/1984
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