18.03.1985

„Bäuerin würde ich nicht mehr werden“

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über Anna Wimschneider und ihre Lebenschronik „Herbstmilch“ *
Als Anna in die Mädchenjahre kam, erschrak sie eines Tages sehr. Auf ihrer Brust hatten sich "zwei Beulen" gebildet, und die wurden von Woche zu Woche größer.
Weil sie "ganz weich" waren, dachte Anna, "da ist Luft drinnen". So nahm sie eine Nadel, stach hinein, "aber das tat weh". Sie tröstete sich römisch-katholisch: "Der Himmelvater wird schon wissen, warum ich die habe."
Ehe Anna der Busen wuchs, hatte sie freilich schon wie eine erwachsene Frau geschuftet und gerackert. Sie war acht, als ihre Mutter, bei der Geburt des neunten Kindes, starb; auf dem niederbayrischen Einödhof muß die Kleine fortan Magd und Mutter sein.
Die Armut da ist gottserbärmlich, selbst Kartoffeln sind knapp. "Friß nicht so viel, es bleibt ja nichts mehr für die Sau", schimpft der Vater; weil er die Steuern nicht bezahlen kann, erscheint oft der Gerichtsvollzieher: "Dann mußten alle Kinder antreten, da ging er wieder fort."
Anna weint manchmal "so bitterlich, daß meine Schürze ganz naß wurde". Sie muß, mit selbstgemachter Lauge, die Wäsche schrubben, Kühe melken, ihren Brüdern die Hosen flicken, Brot backen und kochen. Um an Schränke und an die Töpfe auf dem Herd heranzukommen, schleppt die kleine Anna immer einen Hocker mit sich herum.
Daneben läuft sie zur weit entfernten Schule, kommt immer zu spät, und der Pfarrer schilt sie jeden Tag. In der Pause durfte sie nicht mit den anderen Kindern spielen - Armuts-Grund: "Weil ich keine Hose anhatte; so lehnte ich an der Wand und schaute zu."
Vom Leben auf dem Lande. Vor allem für ihre Enkelin, eine Münchner Gymnasiastin, hatte die Bäuerin Anna Wimschneider, 65, ihre Erinnerungen niedergeschrieben, ganz privat; in zwei blaue, großformatige Schulhefte, in ordentlicher, steiler Sütterlinschrift.
Und wie das Leben, also der Zufall, so spielt: Über faszinierte Mittelsmänner gelangte die Chronik an den Münchner Verleger Piper; der kann sich inzwischen das Goldhändchen reiben. Denn unter dem Titel "Herbstmilch" sind die "Lebenserinnerungen" der Anna Wimschneider mittlerweile 80 000mal verkauft worden und auf die SPIEGEL-Bestsellerliste geklettert.
"Herbstmilch" ist ein Dokument ganz eigener Art, mit dem Reiz einer Sittengeschichte fremder Völker: Es liefert Anschauungsmaterial, wie das Leben in Deutschland vor 50 Jahren noch sein konnte, nämlich wie vor 500 Jahren, mittelalterlich.
Kinderarbeit ist die Regel, das liebe Vieh hat es bei den meisten Bauern besser als Mägde und Knechte - die werden, statt zur Brotzeit, "zum Maulwurffangen hinausgeschickt". Ein bißchen lustig sein, schreibt Anna Wimschneider, "war auch nicht erlaubt, die Leute sollten ja nur bei der Arbeit müde werden".
Damit Knechte nachwachsen, hält die Kirche die kleinen Leute unter Sündendruck, Streckbank ist der Beichtstuhl. Denn Kindersegen zu "verhüten" gilt als "Todsünde", da fahre man "im Fall eines plötzlichen Todes gleich in die Hölle". Anna Wimschneider: "Meine Mutter ist beim letzten Kind gestorben, weil sie nicht in die Hölle kommen wollte."
Die Beichte kann auch zum Schauprozeß werden. Hörbar für Wartende erhält eine Bäuerin keine Absolution, weil sie nicht länger Gebärmaschine sein will: "Ich bin doch kein Backofen, wo ein Laib herausgezogen und der andere hineingeschoben wird." Als einer seinen Ehebruch gesteht, "das Allerschlimmste", tobt der geistliche Herr und "ruft ganz laut, du bist verloren, dich holt ja der Teufel".
Das Leben, das Anna Wimschneider in verschärfter Form erlernt hat, wird noch schlimmer, als sie mit 20 Jahren heiratet, in ein Nachbardorf. Ihr Mann muß bei seinem Onkel, dem der verrottete Hof gehört, "auf Knien um Zustimmung" zur Ehe betteln; elf Tage später rekrutiert ihn die Hitler-Armee, Anna Wimschneider bleibt mit vier alten, kranken Zauseln zurück.
Der Arbeitstag beginnt dann schon um zwei Uhr morgens; Grasmähen, Stallarbeit, die Alten pflegen, mit dem Ochsengespann und einem Holzpflug aufs Feld. Einmal gehen der Hochschwangeren die Ochsen durch, schleppen sie quer über die Furchen, aber in "wildem Zorn" bändigt sie die Rindviecher und treibt sie zur Arbeit, "bis ihnen die Zunge heraushing".
Die Heimat-Welle rauscht - ohne Absicht und Wissen hat Anna Wimschneider sie um ein ganz unheimeliges Buch bereichert. Ihre wundersam knappe, lakonische Sprache kriegt mühelos Grausiges und Groteskes in den Griff, hellsichtig, frank und frei, ohne Klischees und Seufzerbrücken - eine Neue Naive?
Die Reise zur literarischen Debütantin führt ins weißblaue Weihrauch-Dreieck Altötting-Passau-Vilshofen, in ein Dorf nahe Pfarrkirchen. Niederbayern, Annas Heimat, trägt am Ruf, das Armenhaus des Freistaates zu sein, es gilt als bigott, im Gegensatz zum barocken Oberbayern.
Der Wimschneidersche Hof ist mittlerweile modernisiert,
Vieh und Felder sind verkauft; Anna und ihr Gatte Albert - er kehrte aus dem Kriege mit einer schweren Halsverwundung zurück - leben da wie Philemon und Baucis, heiter und gelassen.
Albert, ein beredter und belesener Mann, erträgt den unerwarteten Ruhm seiner Anna mit galantem Spott, als "Prinzgemahl im Hintergrund". Ein halbes Dutzend Fernseh-Teams hat die beiden schon heimgesucht, bei Talk-Shows, so in Bremen und Baden-Baden, war Anna, völlig locker und witzig, der Star - eine Naive?
Sie ist ein Gewächs vom starken Stamme, von furchtloser Güte und gnadenlosem Durchblick. Vom Bücherlesen hat sie nie viel gehalten, sie wollte "immer sehen, sehen, wie alles ausschaut". Albert, ihr Interpret: In der Einöde gab es nicht viel zu sehen, da habe man nichts "übersehen".
Die beiden sind bis zum heutigen Tage Außenseiter im Dorf geblieben, Zugezogene, er ein "ausgesprungener Pfarrer", sie eine arme Bauerntochter. "Armut", sagt Albert Wimschneider, "war ein Schicksal, dagegen konnte man nichts tun." Isolierung schärfte das Auge für die Umwelt.
Mit dem frischen Blick eines reisenden Fremden betrachtet Anna Wimschneider, erstmals in ihrem Leben auf großer Fahrt, nun auch das neue Deutschland und findet manches närrisch; etwa daß sich Leute Fichten statt Obstbäume in ihre Vorgärten pflanzen - "da ham's doch nur Schatten, sonst gar nix".
Ihr "größtes Erlebnis" war ihr erster Flug, zur Talk-Show nach Bremen. Furchtlos hat sie ihn angetreten, voller Neugierde, und ihn voll genossen; beschreibt sie das Schweben über silberweißen Wolken, klingt es frisch wie am ersten Tage.
"Es gibt nichts zum Fürchten", sagt Anna Wimschneider, auch der Sensenmann erschreckt sie nicht mehr. Jahrelang war das Krankenhaus ihre zweite Heimat, zweimal schon erhielt sie die letzte Ölung, Asthma vor allem plagt sie. "Ich war am Verrecken", erzählt sie, "die Zunge ist mir herausgehängt, die Hände waren schwarz." Im Traum hörte Albert ihren Hilfeschrei.
Er ist stolz auf seine Anna, er archiviert die vielen Leserbriefe, unter ihnen einen, in dem eine Frau gesteht, "Herbstmilch" habe sie vom Selbstmord abgebracht. Es freut ihn auch, wie Anna ihr Leben mit ihm schildert.
Die Liebe hatte, unter dem ländlichen Sittendruck, zaghaft begonnen, nur List half weiter, damit Anna ihren "Freund mit ins Bett nehmen" konnte. Er kam ans Kammerfenster, schreibt Anna Wimschneider, und dann hat er "mit mir schlafen dürfen. Es war ein großes Erlebnis, und ich mochte ihn immer lieber".
Im stillen Kämmerchen legen sie dann ihre einzige, lädierte Schallplatte auf ein altes Grammophon, den Kuckuckswalzer, ihr "Liebeslied". Jahre später haben sie den Kuckuckswalzer nochmals angeschafft, "aber so echt klang er doch nicht mehr wie damals, denn die neue Platte hatte keinen Sprung".
Bei der Eheschließung, 1939, sprechen dann schon die braunen Herren mit. Der Standesbeamte "leierte was von der Ehe in der neuen Zeit, wo wir dem Führer alles zu verdanken haben". Die Hochzeitsleute erhalten Hitlers "Mein Kampf" und ein kostenloses Monatsabonnement des "Völkischen Beobachters".
"Die Zeitung", schreibt Anna Wimschneider, "bedeckte den halben Tisch, und die Schlagzeilen bedeuteten nichts Gutes. Elf Tage später mußte mein Mann einrücken." Furchtlos schlägt sich die Alleingelassene mit den lokalen Nazi-Bonzen herum, nach dem Kriege kauft ihr ein Sammler "Mein Kampf" ab, "mitsamt den Kriegsauszeichnungen von meinem Mann, da war aufgeräumt".
Am Abend des Lebens, schreibt Anna Wimschneider zum Schluß ihres Buches, sei endlich ein Wunsch in Erfüllung gegangen, den sie seit ihrer Kindheit hatte: "Ich kann mich nun ausschlafen, ich darf schlafen, solange ich mag."
Nachsatz für Grün-Schnäbel: "Wenn ich noch einmal zur Welt käme, eine Bäuerin würde ich nicht mehr werden."
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 12/1985
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