06.05.1985

1945: Absturz ins Bodenlose

Von Mettke, Jörg R.

SPIEGEL-Redakteur Jörg R. Mettke über Kapitulation und Besatzung (V): Cottbus *

Beinahe über Nacht ist Cottbus, die Provinzstadt hundert Kilometer südöstlich von Berlin, zur Frontstadt geworden. Der Krieg kriecht unaufhaltsam dorthin zurück, woher er gekommen war - nun also über die Oder und die kaum eine Autostunde entfernte Neiße.

Seit dem Morgen des 16. April 1945 rollt mit Hurra und Heldentod die letzte Offensive der Sowjet-Marschälle Georgij Konstantionowitsch Schukow (1. Belorussische Front) und Iwan Stepanowitsch Konew (1. Ukrainische Front).

Zusammen mit den nördlich der Linie Angermünde - Wittenberge ins Mecklenburgische vorstoßenden Truppen der 2. Belorussischen Front stehen für die Berliner Operation der Roten Armee zweieinhalb Millionen Mann bereit mit gut 40 000 Geschützen und Granatwerfern, 6250 Panzern und 7500 Flugzeugen.

Jeder achte russische Soldat wird sein Leben lassen auf diesen letzten hundert Kilometern bis zur "Höhle der faschistischen Bestie", wie sie Berlin nennen; von den eine Million Mann starken deutschen Verteidigern gehen Hunderttausende in den Tod, die Überlebenden

werden in endlosen Kolonnen in russische Gefangenschaft marschieren.

Am Vormittag des 19. April schickt Generalleutnant Ralf Sodan, damals 64 und "Festungskommandant" des höchst unbefestigten Cottbus, seinen Ersten Ordonnanzoffizier Klaus-Jürgen Meisner mit einem Brief zum Stab des V. Armeekorps, der sich für eine Rückzugspause im Dorf Schlichow östlich von Cottbus einquartiert hat. Er lehne es entschieden ab, deutet Sodan seinem Kurier den Inhalt des Schreibens an, die Stadt ohne reguläre Truppen mit nur fünf hastig ausgehobenen und schlecht bewaffneten Volkssturmbataillonen zu verteidigen.

Wie nahe diese Version vom besonnenen, auf Rettung seiner Heimatstadt bedachten General der Wahrheit kommt, ist indessen sowenig bekannt wie die Reaktion seiner Vorgesetzten.

Sicher ist immerhin soviel: Im Cottbus jener Tage kleben wie andernorts in Deutschland massenhaft mit "Der Festungskommandant" unterzeichnete Durchhalte-Plakate, die jeden Mann und jede Frau zur Schanzarbeit verpflichten. Mit "Schaufel und Picke" sollen die Einwohner "den roten Bestien die Lust nehmen, unsere Stadt anzugreifen". Wenn das den Feinden nicht imponiert, ist Cottbus, ausgerechnet Cottbus, zum "Grab ihrer Massen" bestimmt.

Und sicher ist auch, daß zahlreiche Gräben ausgehoben und Panzersperren errichtet werden, um die der erste Sowjetpanzer später einfach einen fast eleganten Bogen machen wird. Eine Verteidigung "bis zur letzten Patrone" jedoch findet nicht statt: In der Nacht zum 22. April entläßt Sodan seine Handvoll Offiziere in die allgemeine Flucht nach Westen, dem Ami entgegen, die für die meisten in der mörderischen Kesselschlacht von Halbe endet.

Am darauffolgenden Sonntagmorgen ziehen die Soldaten der 3. Gardearmee des sowjetischen Generalobersten Wassilij Nikolajewitsch Gordow singend und in Achterreihen in die Stadt ein. Zwei Tage später erschießt sich der letzte großdeutsche Kommandant von Cottbus im nahen Spreewald.

Eine kampflose Übergabe der Stadt, wie sie entgegen strengem Hitler-Befehl beispielsweise der Oberst und Ritterkreuzträger Rudolf Petershagen als "Kampfkommandant" von Greifswald praktiziert, mag dem "gestandenen preußischen Offizierstyp Sodan" (Meisner) erst gar nicht in den Sinn gekommen sein. Und wenn doch, so wäre sie angesichts der militärischen Lage wohl kaum durchführbar gewesen.

Denn Cottbus fungiert für wenige Tage als Dreh- und Angelpunkt der letzten verzweifelten Verteidigungsillusionen, die den Namen Strategie schon lange nicht mehr verdienen. Unbedingt und "unter allen Umständen" sei der "Eckpfeiler um Cottbus" zum Schutze Berlins zu halten, befiehlt Hitler seinem Generalobersten Gotthard Heinrici, dem Oberbefehlshaber jener Heeresgruppe Weichsel, die längst zum verlorenen Haufen zwischen Spree und Müggelsee geworden ist.

In den Kiefernwäldern und Sumpfniederungen der Niederlausitz, wo manch wendischer Bauer bereits das vorsorglich mit kyrillischen Buchstaben bedruckte Plakat ("In diesem Haus wohnen Slawen - Lausitzer Sorben") neben die weiße Fahne legt, sollen die Trümmer des wieder und wieder geschlagenen Nazi-Ostheeres, sollen versprengte, auf Zugstärke zusammengeschmolzene Regimenter den zum Hunnentier dämonisierten Feind zum Stehen bringen. Als "scharf zusammengefaßte Kräfte" (Hitler-Befehl) werden die derangierten Einheiten von SS-Führern und Durchhalte-Generälen im Südosten Berlins gegen die überall durchbrechenden Russen geworfen und so in letzter Minute in den sicheren Tod getrieben.

Der "Widerstand" dieser "Cottbuser Gruppierung", berichtet Marschall Konew später, wird "erbittert" und nahezu "bis zum letzten Atemzug" geführt: Nur 1700 deutsche Soldaten geraten in Gefangenschaft, obwohl im Verlauf der zweitägigen Gefechte drei Infanteriedivisionen (die 342., 214. und 275.) und "eine Vielzahl selbständiger Truppenteile ... aufgerieben" werden (Konew).

Ein älterer Generalstabsoffizier, der am Abend von Hitlers 56. Geburtstag bis in die Nacht zum 21. April im Führerbunker der Reichskanzlei Dienst tut, notiert in Kriegsgefangenschaft zu demselben Ereignis: "Als ich ... über den Durchbruch der Sowjets bei Cottbus, der zum Zusammenbruch der Ostfront und zur Einschließung Berlins führte, orientieren mußte ... fand er (Hitler) als Erklärung für den sowjetischen Erfolg wieder nur das eine Wort: ''Verrat''."

Doch selbst an solchem "Verrat", nationalsozialistisches Stereotyp schon für die zaghafteste Regung patriotischer Courage, mangelt es in der Stadt Cottbus: kein geheimes antifaschistisches Komitee wie in Greifswald, das den sowjetischen Truppen die weiße Fahne und die Nachricht vom kapitulationswilligen Kommandanten entgegenträgt; keine illegale kommunistische Parteigruppe wie in Dresden, die den Rotarmisten in einem ehemaligen Kinderheim eine Art Befreiungsaltar mit Petroleumlampe und Lenin-Büste herrichtet; kein verschworener Genossenzirkel wie im sächsischen Radeberg, der sich den vorrückenden Russen schon aus dem Straßengraben am Stadtrand beflissen andient mit dem Ruf: "Deutsche Kommunisten! SS kaputt!"

Nur Max Döring, damals 51, Buchbinder, Weber und Kommunist dazu, rettet die proletarische Ehre der Tuchmacher-Stadt, indem er - in zwei Fällen vergeblich - versucht, die Sprengung der Cottbuser Brücken zu verhindern. Der gegnerische

Ring um Cottbus ist zu diesem Zeitpunkt fast geschlossen. Um 22 Uhr verlassen die letzten SS-Panzer die Stadt. Wenig später rückt erleichtert auch der Volkssturm ab.

Die nächsten zwölf Stunden bis zum Mittag des 22. April verbringt Kommunist Döring brav zwischen Kohlen und Eingemachtem im Keller, um den russischen Einmarsch nicht zu behindern. Doch "die Nacht verlief ruhig", erinnert er sich zwölf Jahre später pünktlich zum Cottbuser Jahrestag der Befreiung.

Der ebenfalls im Osten der Stadt wohnende Telephon-Techniker Willy Heller dagegen notiert in seinem Tagebuch einen weit weniger harmonischen Anbruch der neuen Ordnung: erst Serien von Bombenangriffen, dann Artilleriebeschuß, und schließlich "scheint es überall zu brennen, dunkle Rauchwolken ziehen über unsere Siedlung, der Brandgeruch dringt überallhin".

Erst als gegen Mittag keine Schüsse mehr fallen und schon die ersten russischen Bagagefahrzeuge vor der Gastwirtschaft "Zur Münze" Rast machen, verläßt auch Max Döring sein Versteck: Ein zwölf Jahre lang verborgenes Lenin-Bild, dem erstbesten Posten entgegengestreckt, und die Kenntnis des Wortes "Towarischtsch" reichen aus, Döring als den ersten Cottbuser auszuweisen, der die neuen Herren uneingeschränkt als Befreier erlebt.

"Die Größe des Augenblicks, auf den ich als Kommunist so lange gewartet hatte", so geriet der Mann der ersten Stunde noch Jahre später in Rührung, "ließ meine Stimme versagen."

Doch unvorbereitet trifft ihn diese Wende der politischen wie der persönlichen Angelegenheiten nicht: Handwerksmeister, Geschäftsleute und Kollegen im Arbeiterviertel Sandow, die zum Dritten Reich weniger auf Distanz gehalten hatten, zeigen sich schon während der letzten Kriegswochen auffällig interessiert an der Meinung des stadtbekannten Roten, der 1934 in einem Massen"Hochverratsprozeß" gegen Cottbuser Kommunisten zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt und auch später unter ständiger Polizeiaufsicht gehalten worden war.

Wer Döring beim Wummern der näherrückenden Front fragt, ob man nun Schluß machen, abhauen soll, erhält stets dieselbe Antwort: "Wenn Sie nichts ausgefressen haben, warum wollen Sie Schluß machen?"

Aber nur wenige trauen dem Frieden, der da hinter Konews Panzerspitzen ins Land einzieht. Als der sowjetische Gardemajor Tscherwjakow am Mittag des Eroberungstages seine Kommandantur am Kaiser-Wilhelm-Platz in der Villa eines von den Nazis vertriebenen jüdischen Tuchfabrikanten bezieht, leben in Cottbus (Einwohnerzahl bei Kriegsbeginn: 52 000) nur noch weniger als 10 000 Menschen: 4000 Einheimische und gut 5000 ehemalige Zwangsarbeiter verschiedener Nationalitäten.

Fünfhundert Deutsche läßt Tscherwjakow einen Tag später auf dem Platz vor seinem Amtssitz antreten. Einer, der den Weg dorthin im Eiltempo vor dem Pistolenlauf eines Rotarmisten zurücklegen muß, wird vom Holzhacken mit der frohen Kunde weggeholt: "Du mitkommen, meeting machen."

Es ist Montag nach''m Krieg, zehn Uhr. In Cottbus beginnt unter vier roten Fahnen, davon drei rasch umgefärbte Bettlaken, die sozialistische Demokratie, während in der Berliner Innenstadt noch jeder Häuserblock zum nationalsozialistischen Bollwerk erklärt wird.

Kommandant Tscherwjakow stellt den verängstigten Cottbusern, von denen manch einer bereits den ersten Schritt in _(1942 an der Ostfront mit ) _(Generalfeldmarschall Günther von Kluge. )

Richtung Sibirien getan zu haben glaubt, ihren neuen Bürgermeister vor: er heißt Max Döring.

Auf die Versammelten gehen zweisprachig die Weisungen des "Befehls Nr. 1" nieder, den die russischen Kampftruppen blanko im Gepäck haben und der bereits in mehreren hundert Exemplaren in Cottbus aushängt: Waffen und Munition, Funk- und Sendeanlagen abgeben, Druck- und Vervielfältigungsapparate registrieren lassen, Ausgangssperre, Verdunklung, strengste Anwendung des Kriegsrechts. Nur einmal, ganz am Ende, bittet der Kommandant: "Helfen Sie dem Bürgermeister, sein schweres Amt leichter zu tragen."

Dörings Name war dem sowjetischen Major bereits geläufig, als ihm vom Mann mit dem Lenin-Bild Meldung gemacht wird: Als möglicher Kandidat für die Cottbuser Stadtverwaltung steht er auf jener mageren Liste zuverlässiger Genossen, mit der die Moskauer Kaderabteilung der KPD alle sowjetischen Kommandanten größerer deutscher Ortschaften vorsorglich ausgestattet hat.

Doch Döring, KPD-Stadtverordneter vor 1933, ist nicht nur ein ehrenwerter, sondern auch ein vernünftiger Mann. Buchbinden hat er gelernt, nicht das Verwalten von Städten, und genau das sagt er ohne falsche Bescheidenheit dem russischen Offizier. Überhaupt - was ist das für eine Frage: "Haben Sie Lust, Bürgermeister von Cottbus zu werden?"

Wie kann einer Lust dazu haben, in dieser Zeit und in einer Stadt, die von ihren Menschen verlassen und fast zur Hälfte zerstört ist?

Den schwersten Schlag hatte Cottbus am 15. Februar 1945, zwei Tage nach dem mörderischen Angriff auf Dresden, durch Verbände der Achten US-Luftflotte erhalten, die sich 34 Minuten lang bombenwerfend über der Bahnhofsgegend und den östlichen Stadtteilen austobten. Mindestens 3000 Menschen - andere Zählungen sprechen von 7000 Opfern - starben allein während dieser halbstündigen Aktion "Thunderclap" ("Donnerschlag") in den Trümmern.

Bei Kriegsende sind der Bahnhof, das Krankenhaus, das Rathaus und mehrere Schulen vollständig zerstört, ebenso 475 Häuser mit insgesamt 1900 Wohnungen und fünfzehn Betriebe mit rund 3000 Arbeitsplätzen. Weitere acht Fabriken mit 1700 Arbeitsplätzen weisen schwere Kriegsschäden auf.

Und so wie in der Hauptstadt der Niederlausitz, von der slawischen Minderheit seit alters her einfach "die Stadt" genannt, sieht es auch in den meisten anderen Orten dieser von Freund und Feind verwüsteten Region aus. In Muskau an der Neiße gilt noch ein Viertel der Gebäude als bewohnbar, im Spreewald-Städtchen Lübben nur noch ein Fünftel, und in Guben liegt kaum noch ein Stein auf dem anderen.

Wie Cottbus sind die Städte dieser Kampfzone, in der selbst die Wälder kilometerweit brennen, fast menschenleer. In Weißwasser beispielsweise, dem Zentrum der Lausitzer Glasindustrie, befinden sich beim Einmarsch der Roten Armee noch 75 von ehedem 15 000 Einwohnern. Unter den Stadtkreisen der sowjetischen Besatzungszone mit den stärksten Bevölkerungsverlusten befinden sich neben Frankfurt/Oder zwei lausitzische: Guben und Forst.

Und noch lange nach Kriegsende sickert unaufhaltsam und quantitativ wie qualitativ kaum bezifferbar ein breiter Strom von Menschen und Material Richtung Westen: Produktionsunterlagen und Lagerbestände, Fahrzeuge und Maschinen, Spezialkenntnisse und Spezialisten. "Man ist selbstverständlich bemüht gewesen", erinnert sich ein Fabrikant, früher in Cottbus zu Hause, aus der Distanz von 40 Jahren, "möglichst viel Startkapital - und das war ja damals alles außer Geld - dorthin zu schaffen, wo das Überleben als freier Unternehmer zu erwarten war."

Wer dagegen nichts als seine Haut gerettet und deshalb eine weniger ambitionierte Überlebenserwartung hat, fragt sich wie der wider Willen zum Bürgermeisteramt verurteilte Kommunist Döring: "Was soll werden? Überall nur Trümmer, Not und Elend. Wo soll man beginnen?"

Der russische Kommandant hält den Wiederaufbau vor allem für eine Personalfrage: "Du kennst ja deine Genossen", rät er dem Bürgermeister; mit denen zusammen solle er nur erst einmal eine Verwaltung auf die Beine stellen, dann würde sich alles andere finden.

Doch die fähigsten Genossen sind ermordet oder aus den Konzentrationslagern und Zuchthäusern noch nicht zurück. Zudem war die KPD in Cottbus bis 1933 ein eher mitgliederschwacher Verein, der es zwar bei den Reichstagswahlen vom 6. November 1932 auf beachtliche 8,9 Prozent der Wählerstimmen gebracht

hatte, dabei aber vor allem die Sozialdemokratie beerbte, die aus den Wahlen bis einschließlich 1930 mit durchschnittlich 40 Prozentpunkten regelmäßig als stärkste Partei hervorgegangen war.

Entsprechend verbissen hatten sich Kommunisten und Sozialdemokraten in der Niederlausitz bekriegt, derweil auch hier die Nazis allmählich ihr Stimmvieh zum größten Haufen zusammentrieben. "Für die hiesige kleine Thälmann-Truppe", berichtet ein Cottbuser Sozialdemokrat, der sich nach 1945 keiner Partei mehr anschließen mochte, "rangierten wir als Gegner doch weit vor den Nazis - als ''Arbeiterverräter'', ''Sozialfaschisten'' und was sie uns sonst noch alles angehängt haben."

Und den biederen Sozis mit dem gerahmten Gesellenbrief überm Ehebett schauderte es vor den Kommunisten kaum weniger als ihren Chefs und Fabrikherren aus dem deutschnationalen Lager: Als Taugenichtse und Lumpenproletarier galten ihnen die radikalen Vettern, die den Sozialismus beim Bürgertum in Mißkredit brachten, morgens von Stalin-Sprüchen und abends von Schnaps lebten, ihre liederlichen Versammlungen in der Cottbuser Sandgrube an den Weinbergen abhielten und sonntags mit Vorliebe vor den Kirchen aufmarschieren, um den Gottesdienst durch "Rotfront"-Rufe und Heruntersingen der Internationale zu stören.

Noch unbedeutender als in der Stadt war die kommunistische Anhängerschaft während der Weimarer Republik auf den Dörfern des Landkreises Cottbus: Wer es dort lauthals und zu Schalmeienklängen dem "Kaharl Liebknecht" geschworen hatte, gehörte mit Sicherheit zur jungen und gänzlich einflußlosen Dorfarmut. Und selbst gegen Ende der dreißiger Jahre hätten die ländlichen KPD-Wähler des Kreises mit Mühe und Not gerade einen der behäbigen Gasthaus-Säle gefüllt.

Nun also befördert das siegreiche Sowjetrußland, da besteht für Bürgermeister Döring gar kein Zweifel, die deutschen Kommunisten endlich auf den ihnen gebührenden Platz: an die Macht. In manchen Orten - Cottbus gehört dazu - hat Befreiung einen grotesken Hauch von Dornröschen: Das unterdrückte Küchenpersonal der Geschichte fährt, als sei nichts geschehen, dort fort, sich mit ideologischen Watschen zu traktieren, wo es durch die Hitlerei überwältigt worden war.

Sozialdemokraten etwa unter seine Genossen zu rechnen jedenfalls kommt Döring überhaupt nicht in den Sinn, und so beteiligt er auch keinen von ihnen an der Cottbuser Stadtverwaltung, die er sich Ende April vom Kommandanten genehmigen läßt.

Ausschließlich Kommunisten, fünf an der Zahl und alle ohne Verwaltungserfahrung, übernehmen insgesamt neun Rats-Ressorts vom Arbeitseinsatz bis zum Bestattungswesen. Nur für den Gesundheitsbereich verpflichtet Döring mit dem parteilosen Arzt Willi Steinhäuser einen Fachmann; einem alten SPD-Mitglied, das sich in der Nazi-Zeit untadelig mit Hausieren durchs Leben gebracht hat und jetzt mittun will, läßt der Bürgermeister dagegen ausrichten: "Ihr habt''s schon 1918 verpatzt, diesmal machen wir unsere Revolution alleene."

Die neuen Stadträte kommen in diesen Tagen kaum aus den Kleidern: Leichen müssen zusammengetragen, Blindgänger-Bomben aufgespürt, Trümmer beseitigt, Verkehrswege wiederhergestellt, Nazis aus dem öffentlichen Leben sortiert werden. Russische Befehle haben bei der Bereitstellung von Menschen und Material absoluten Vorrang, denn über den Verkehrsknotenpunkt Cottbus läuft der gesamte Nachschub der sich von Süden ins Berliner Zentrum vorkämpfenden Konew-Truppen. Die größten Probleme aber bereitet, daß die Stadt praktisch über keine Lebensmittelreserven mehr verfügt. Um eine Hungerkatastrophe abzuwenden, müssen private Großvorräte aufgestöbert, beschlagnahmt und in einem zentralen Lager zusammengefaßt werden.

Die Suchtrupps des für Ernährungsfragen zuständigen KPD-Mannes Willy Pröllop konzentrieren sich verständlicherweise auf Großhändler, Großbauern und Villenbesitzer, was die Beliebtheit der neuen Stadtverwaltung in diesen Kreisen nicht gerade erhöht. Es tauchen erste Gerüchte über einen privaten Rachefeldzug der Kommunisten auf, die angeblich mit den konfiszierten Eßwaren ausschließlich eigene Parteigänger versorgen. Doch den Vorwürfen mangelt es nicht nur an Beweisen, sondern auch an Logik. Denn tatsächlich gelingt es in Cottbus relativ rasch, wieder eine _("In diesem Haus wohnen Slawen - ) _(Lausitzer Sorben". )

halbwegs geordnete Lebensmittelversorgung in Gang zu bringen. Schon am 26. April kann das erste Brot an alle verteilt werden, wenig später werden Lebensmittelkarten auch für Kartoffeln, Fleisch und Fett ausgegeben. Doch erst Ende Mai sind feste Pro-Kopf-Rationen verfügbar: pro Woche 1000 Gramm Brot, 125 Gramm Rindfleisch, 62,5 Gramm Butter und zweieinhalb Kilo Kartoffeln. Wer schon einen Arbeitsausweis vorlegen kann, erhält außerdem ein halbes Pfund Pferdefleisch.

Allein nicht einmal diese Hungerrationen wären aus beschlagnahmten lokalen Vorräten zu bestreiten gewesen, wenn die Rote Armee nicht von Anfang an Fleisch, Kartoffeln, Getreide und Fett aus ihrem eigenen, freilich auch requirierten Verpflegungskontingent abgezweigt hätte - zur Versorgung der gleichen Deutschen, die in den ersten Kriegsjahren Hunderttausende sowjetischer Gefangener erbarmungslos hatten verhungern lassen und später, als Zwangsarbeiter aus dem Osten "kriegswichtig" wurden, ein spezielles "Russenbrot" überwiegend aus Sägespänen für ihre "Ernährung" erfanden.

Vor allem die Großstädte Berlin und Dresden erhalten einen beträchtlichen Teil ihrer Versorgung aus russischen Armee-Depots. Nach einem Bericht der Berliner Militärkommandantur schaffen die Rückwärtigen Dienste der 1. Belorussischen Front allein in der Zeit vom 12. Mai bis zum 1. August 1945 fast 190 000 Tonnen Lebensmittel zur Versorgung der deutschen Bevölkerung in die Reichshauptstadt.

Aber die Sieger geben nicht nur, sie wollen vor allem nehmen: nicht nur die berühmten Uhren und Fahrräder, deren dem deutschen Menschen so schmerzlicher Verlust jede zünftige Nachkriegsgeschichte über leibhaftige Begegnungen mit "dem Iwan" ziert, sondern alles, was der vier Jahre lang von der Wehrmacht verheerten Sowjet-Union zum Wiederaufbau des eigenen Landes verwendbar erscheint.

Die ersten Lok-Züge verlassen Cottbus bereits Anfang Mai Richtung Osten: Hunderte von beschlagnahmten deutschen Lokomotiven, zu langen Zügen aneinandergekoppelt und von deutschen Eisenbahnern unter Dampf gehalten, die gerade noch in Tag- und Nachtschicht Munition an die nahe Front gekarrt hatten. Gleichzeitig beginnen Spezialeinheiten der sowjetischen Eisenbahntruppen mit der Demontage zahlreicher Reichsbahn-Werkstätten und ganzer Schienenstränge auf fast allen zweigleisigen Strecken.

In Cottbus sind es in erster Linie Webstühle und andere Textilmaschinen, die in den unbeschädigten Fabriken als Kriegsbeute demontiert werden. Das meiste davon freilich verrostet schon auf dem Sammelplatz nahe dem notdürftig reparierten Bahnhof, weil Güterwagen ebenso fehlen wie geeignete Hallen.

Zur traumatischen Demütigung durch die Sieger werden die ersten Besatzungswochen für die geschlagenen Deutschen freilich erst dadurch, daß "der Russe" auch ihre Frauen mit Gewalt nimmt und sich Hitlers hochmütiges Herrenvolk auf beinahe alttestamentarische Weise durch massenhafte Vergewaltigung seiner Töchter und Gattinnen unterwirft.

Diese sexuelle Plünderung, die aufs geradebrechte Stichwort "Frau komm" Nazi-Anbeterinnen ebenso trifft wie Antifaschistinnen, ist bis heute weder von sowjetischen noch von ostdeutschen Historikern auch nur in ihrer tatsächlichen Größenordnung benannt worden. Obgleich bei gegenseitiger Greuel-Aufrechnung die mahnende Frage des KPD-Zentralkomitees in seinem ersten Nachkriegsaufruf vom 11. Juni 1945 immer noch Bestand hat, was wohl mit dem deutschen Volk geschehen wäre, würde "Gleiches mit Gleichem vergolten", so ist doch die schwere Hypothek nicht zu leugnen, die gerade mit den zahllosen Vergewaltigungen den deutschen Kommunisten als eifrigsten Fürsprechern eines künftigen deutsch-russischen "Bruderbundes" aufgeladen wurde.

In der Niederlausitz gedeiht der ohnmächtige Haß auf die feindlichen Kriegs-Männer besonders, weil sie dem diffamierenden Mongolen-Klischee der NS-Propaganda scheinbar so sehr entsprechen. Konews Front war 1943 aus dem sowjetischen Steppenmilitärbezirk hervorgegangen und hielt deshalb besonders viele Soldaten asiatischer Herkunft unter Waffen.

Eine Gutsbesitzerin aus dem Cottbuser Umland hat in ihrem Tagebuch nicht nur die Vorgänge jener Apriltage festgehalten, sondern zugleich etwas von dem psychischen Schock konserviert, den der jähe Rollenwechsel zum wehrlosen Opfer für die deutsche Oberschicht bedeutete:
" Direkt vor der Kirche wimmelt es von Offizieren mit "
" mongolischen Gesichtern. Unter satanischem Schimpfen "
" werden wir aufgefordert, weiterzugehen. Wir machen kurz "
" entschlossen kehrt. Nun beginnt die Einkreisung und "
" Erniedrigung. Wir werden schließlich zur Strecke gebracht "
" und in ein Haus getrieben; vier junge Mädchen sind die "
" Opfer. Will sich eine versagen, hat sie sofort die "
" Pistole auf der Brust. Wir zittern vor Angst! Annemies "
" grelle Worte "Nein, nein, nicht noch mal" schallen durch "
" das Haus. Ihre Mutter fällt erstarrt auf die Knie und "
" betet laut. Langsam schleicht sich eine nach der anderen "
" an ihren Platz, geknickte Blüten. Endlich dürfen wir "
" gehen, die Besiegten auf der ganzen Linie. "

Die so empfinden, können so wenig gerecht sein wie die Täter. Was den verstörten kreuzprotestantischen Dörflern da wie ein Regiment des Bösen erscheint, diese Truppe mit den "mongolischen Gesichtern", hat noch kurz zuvor wiederholt Bekanntschaft mit der deutschen Panzergrenadierdivision "Brandenburg" gemacht - der sogenannten "Blutdivision", die sich schon bei ihren Einsätzen in Jugoslawien und der Sowjet-Union rühmte, prinzipiell keine Gefangenen zu machen.

Daheim in der Lausitz hält sie es nicht anders: Lazarette der 2. Polnischen Armee, die unter Konews Kommando kämpft, werden von ihr ebenso bis zum letzten Mann liquidiert wie sowjetische

Verwundetentransporte und Verbandsplätze.

Vielleicht am eindrucksvollsten hat Konrad Wolf, der renommierte, 1982 verstorbene DDR-Regisseur dieses sprach- und verständnislose Aufeinanderprallen in seinem Spielfilm "Ich war neunzehn" (Defa 1968) dargestellt, am Beispiel einer jungen Frau etwa, die sich verzweifelt in die sowjetische Kommandantur eines märkischen Städtchens flüchtet, weil sie "lieber mit einem als mit allen schlafen will", und der Rotarmistin, die der Deutschen zusammen mit ihrem Haß auch ihre Kriegserlebnisse ins Gesicht schleudert: die Ausrottung ganzer Dörfer durch die SS, die Millionen von Mordopfern und Überlebenden der Lager, die größenwahnsinnigen Todesurteile für ganze Nationen Osteuropas.

"Ich war neunzehn" ist ein sensibler, stark autobiographisch gefärbter Film; Wolf kehrte im April 1945 als Oberleutnant der Roten Armee aus dem russischen Exil zurück.

In dem sowjetischen Monumentalfilm "Befreiung" von Jurij Oserow (Mosfilm 1969 bis 1971) dagegen, dessen fünf abendfüllende Teile erst gerade wieder vom DDR-Fernsehen ausgestrahlt wurden, tritt der Soldat des Großen Vaterländischen Krieges stets und ausschließlich als Bannerträger des Humanismus auf. Als der T-34-Panzer mit der Nummer 636, der von der Schlacht am Kursker Bogen im Juli 1943 durch alle Folgen bis nach Berlin rollt, dort mit Kettenschaden in eine Kneipe karriolt, werden die verängstigten Wirtsleute samt zweier Töchter im heiratsfähigen Alter von der honetten Besatzung erst mal zu einem Imbiß gebeten.

Unter der Wirkung von russischem Speck und deutschem Schnaps beginnen die Mädchen alsbald, den Befreiern schöne Augen zu machen. Aber die - ksoschaleniju, leider - müssen noch weiter in Richtung Reichstag.

Auch so konnte es sein, aber oft genug war es anders.

Im sonst sehr präzisen Cottbuser Tagebuch des gläubigen Katholiken und Anti-Nazis Heller klafft dieses anderen wegen Ende April, Anfang Mai eine Lücke von fünfzehn Tagen. Als sie durchlebt und durchlitten sind, kommen sie Heller vor "wie ein böser, furchtbarer Traum", dessen Details sich genauerer Beschreibung als eben dieser entziehen: "Immer wieder Todesangst, wenn die plündernden Russen uns den Pistolenlauf an die Schläfe setzten. Die furchtbaren Demütigungen, wenn die brutalen Soldaten meine geliebte Frau Johanna vergewaltigten."

Doch der letzte Exzeß in diesem Kriege steht Cottbus noch bevor: Drei Tage lang dauern die offiziellen Siegesfeiern der in die Stadt gelegten Besatzung - vom 9. bis zum 11. Mai. An die Bevölkerung ergeht strikter Befehl, die Wohnungen nicht zu verlassen; auf den Straßen dagegen wird Ilja Ehrenburgs "Rechtfertigung des Hasses" lichterlohe Wirklichkeit: Zahlreiche Cottbuser Kaufhäuser und Kirchen, die bis dahin unversehrt geblieben waren, erfüllen nun ihren letzten Zweck als Freudenfeuer.

Unmittelbar darauf wird ein Teil der russischen Truppen ausgewechselt, und Cottbus erhält einen neuen Kommandanten. Der läßt erst mal wieder zum "meeting" antreten - diesmal im Kino "Kammerlichtspiele" - und verspricht, Plünderungen und Vergewaltigungen würden nun aufhören: "Was jetzt noch geschieht, wird von Verbrechern getan, die sich in Uniformen der Roten Armee herumtreiben."

Eine politische Neuigkeit hat der Kommandant außerdem noch mitzuteilen: "Rußland bringt die Demokratie nach Deutschland, nicht den Bolschewismus." Die bis dahin ungeteilte kommunistische Machtausübung anstrebenden Parteifreunde von Bürgermeister Döring freilich sind auf die überraschende Ankündigung vorbereitet. Ihnen ist der neue Kurs von Partei und Besatzungsmacht bereits einige Tage zuvor erläutert worden: von inzwischen in Cottbus eingetroffenen Abgesandten der "Initiativgruppe Ackermann".

Insgesamt drei solcher Initiativgruppen aus emigrierten KPD-Funktionären und vom Moskauer "Nationalkomitee Freies Deutschland" antifaschistisch geschulter Kriegsgefangenen waren noch während der letzten Kriegstage in die sowjetisch besetzten Gebiete geflogen worden. Die mit den weitestgehenden Vollmachten ausgestattete und durch die spätere Entwicklung bekannteste hört auf den Namen und das Kommando des KPD-Politbüromitglieds Walter Ulbricht.

Die für Teile Brandenburgs und Sachsen mit dem Schwerpunkt Dresden zuständige Gruppe leitet der KPD-Mann Eugen Hanisch, Parteiname "Anton Ackermann", zuletzt Chef des Moskauer Senders "Freies Deutschland". Ihre zwanzig Mitglieder sind zum kleineren Teil erfahrene kommunistische Funktionäre, wie Hermann Matern, der bis dahin die KPD-Parteischule in Schodnja bei Moskau geleitet hat, und Fred Oelssner, der unter dem Decknamen Larew der Deutschland-Abteilung des Moskauer Rundfunks vorstand.

Das Gros geht nach Dresden, wo Matern wenig später als Stadtrat für Allgemeine Verwaltung und Personalpolitik eingesetzt wird. Nach den vom KPD-ZK

ausgegebenen "Richtlinien" für diese Kader ist streng darauf zu achten, daß "in der Regel" das "Personalamt" mit einem Genossen besetzt wird, "der in den letzten Jahren außerhalb Deutschlands als antifaschistischer Funktionär gearbeitet hat". Diese Regelung soll sicherstellen, daß nur solche Parteimitglieder in die neuen Verwaltungen gelangen, die weder der Kollaboration mit den Nazis verdächtig sind noch sich Abweichungen von der Parteilinie schuldig gemacht haben.

Jetzt geht es vor allem darum, die im Lande gebliebenen, mangels Schulung ideologisch verwilderten Kommunisten - die Illegalen, die befreiten KZler, die inneren Emigranten - mit dem taktischen Konzept der Moskauer Parteileitung vertraut zu machen. Und das fordert nun nicht mehr, wie in den letzten Tagen von Weimar und noch bis 1934, proletarische Revolution und Sozialismus durch die Arbeiter-Einheitsfront von unten, sondern - erst mal - eine "antifaschistisch-demokratische Umwälzung": Mittelstand, Bauern und Fabrikanten, Christen, Liberale, Konservative und Sozialdemokraten - alle sollen sich wieder getrennt organisieren dürfen, wenn auch "nur auf antifaschistischer Grundlage" (Ulbricht).

Was die Instruktoren aus dem Exil indessen als erste spontane Organisationsstrukturen in den befreiten Gebieten antreffen, ist von dieser Konzeption des stalinistischen Emigrations-ZK oft weit entfernt. Schon bald muß Walter Ulbricht nach Moskau melden, daß es viele Genossen gibt, "die den Aufgaben des antifaschistisch-demokratischen Aufbaus und der dazu notwendigen Sammlung der Kräfte nicht genügend Rechnung tragen".

In der rechtfertigenden Retrospektive von DDR-Historikern handelt es sich vornehmlich um "''linke'' Überspitzungen", die es "zu korrigieren galt". Eine über die Cottbuser Verhältnisse weit hinausgehende Variante beispielsweise findet sich in Güstrow, wo sich ein Komitee aus Kommunisten, Sozialdemokraten und Parteilosen den Befreiern gleich als "neue Sowjetmacht" vorstellt.

Doch die Einheitsfront vor Ort und von unten, jahrelang die zentrale KPD-Forderung - jetzt ist sie unerwünscht und der "Schritt der Genossen ... falsch". Es sei nämlich 1945, so eine spätere SED-offiziöse Darstellung dieser Vorgänge, keineswegs darum gegangen, "die Einheit der Arbeiterklasse um jeden Preis herzustellen".

Sehr gefragt dagegen ist jede Einübung von Einheitlichkeit bei der Wiederaufbau-Arbeit, in den neuen Verwaltungsorganen, beim Ingangbringen der Betriebe und des öffentlichen Lebens. Hier soll sich das Fußvolk erst einmal bewähren und wieder Tritt fassen; die Organisationsfrage indessen bleibt, wie gehabt, das weite Feld für Funktionärs-Finasserien.

Immerhin: Als Genossen werden die Sozis nun akzeptiert, nachdem der sowjetische Stadtkommandant erst mal Demokratie statt Bolschewismus angesagt hat. Die vier nach Cottbus abgeordneten Mitglieder der "Initiativgruppe Ackermann" regen einen Zehnerausschuß an: Je fünf ehemalige Mitglieder von SPD und KPD bilden von nun an eine Art politisches Berater-Gremium der Stadtverwaltung.

Bereits am 13. Mai wandelt sich der Döringsche Stadt-Sowjet zur kommunalen Volksfront-Regierung. Der Bürgermeister bleibt ebenso auf seinem Posten wie die kommunistischen Stadträte Walter Wagner (Verwaltung) und Otto Fritschka (Städtische Betriebe und Einrichtungen), aber es kommen die beiden Sozialdemokraten Gerhard Trogisch (Soziale Fürsorge) und Friedrich Greschenz (Bildungswesen) sowie vier Parteilose aus dem bürgerlichen Lager hinzu. Sie alle sind der Kommandantur zu jeder Tages- und vor allem Nachtzeit rechenschaftspflichtig, erhalten dafür

aber "das Recht, als ''Herr Rat'' angeredet zu werden".

Als die Besatzungsmacht wenig später der Aufstellung einer uniformierten, jedoch unbewaffneten, "auch nicht mit einem Polizeiknüppel" versehenen Ordnungstruppe zustimmt, kommt noch ein Polizei-Ressort hinzu. Polizeichef wird der ehemalige Sozialdemokrat Arthur Lehmann. Ende Mai arbeiten in 23 Abteilungen der Stadtverwaltung bereits 400 Arbeiter und Angestellte.

Hunderttausende aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße vertriebene Menschen flüchten in diesen Wochen durch die Stadt. Tausende von ihnen bleiben in Cottbus hängen.

Ende Mai sind bereits wieder knapp 29 000 Einwohner registriert; bis Ende 1945 wird die Zahl auf 46 000 anwachsen. Die Versorgung mit Strom, Gas und Wasser funktioniert wieder, die ersten Notbrücken über die Spree sind geschlagen, und es gibt mittlerweile mehr Läden als zu essen.

Tagebuchschreiber Heller hat das Telephongeschäft aufgegeben und arbeitet bis zur physischen Erschöpfung im Ernährungsamt. Am 28. Mai, als in Cottbus wie in der gesamten sowjetischen Besatzungszone die Moskauer Zeit eingeführt wird und die Bürger die Uhren, sofern sie noch welche haben, eine Stunde vorstellen müssen, notiert er: "Ich versuche, die Ömühle in der Stadt in Gang zu bringen. Es ist viel ungeschlagener Leinsamen da. Aber die Russen haben alle ledernen Transmissionsriemen gestohlen, und an neues Leder ist nicht zu denken."

Die spärlichen offiziellen Quellen zur frühen Cottbuser Nachkriegsgeschichte freilich rühmen ausschließlich die "uneigennützige Hilfe" der Rotarmisten, die mit ihren Lastwagen die ersten Rohstoffe für die Spinnereien heranschaffen. Im Juli langt die Arbeit in den Tuchfabriken dennoch erst wieder für 400 Menschen, weniger als ein Zehntel der Beschäftigungszahl vor dem Kriege. Kaum weniger deprimierend ist das Produktionsergebnis von 12 000 Metern Tuch, gerade ein Drittel der schon hundert Jahre zuvor erreichten Leistung.

Doch mehr läßt sich aus dem bißchen Zellwolle nicht weben, das die Aufkäufer im sächsischen Wolfen einhandeln konnten; für mehr aber reicht auch die knappe Energie nicht aus, obwohl der Strom für Privathaushalte noch mehrere Stunden am Tag abgeschaltet wird.

Im nahe gelegenen Braunkohlebetrieb Welzow, damals noch im Besitz der Anhaltischen Kohlewerke, erreicht die Leistung im selben Zeitabschnitt gerade 3600 Tonnen. Und so fahren viele Belegschaften noch lange an jedem zweiten Wochenende geschlossen in die umliegenden Wälder, um dort Holz zu schlagen und damit die Betriebe vor allem den Winter über am Laufen zu halten.

Als erste politische Partei kommt unterdessen in Cottbus die Sozialdemokratie wieder auf die Beine. Anfang Juni liefert der von hundert Gründungsgenossen einmütig zum Vorsitzenden bestimmte Gerhard Trogisch die Mitgliederlisten zur Prüfung bei der Ortskommandantur ab.

Die deutliche Sprache der ersten öffentlichen Erklärung der Cottbuser SPD, die weitgehend Formulierungen Gustav Dahrendorfs vom Berliner SPD-Zentralausschuß (ZA) übernimmt, offenbart ein durch die gemeinsam erlittene Verfolgung geprägtes politisches Selbstbewußtsein. Danach darf sich auch die neue SPD-Ortsgruppe "als Verkörperung der besten Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung" fühlen: Nichts verbinde sie "mit der letzten Phase der politischen Praxis der alten SPD", aber auch "nichts ... mit der Emigrantenpolitik". _(Aus dem Film "Befreiung". )

Noch vor den örtlichen Kommunisten, die sich erst eine Woche später wieder offiziell organisieren und zu Wort melden, gehen die Cottbuser Sozialdemokraten auf den landesweiten Aufruf des KPD-ZK vom 11. Juni ein, der ausdrücklich den "Weg, Deutschland das Sowjetsystem aufzuzwingen", verwirft.

Das von der KPD vorgeschlagene Aktionsprogramm findet ebenso ihre "rückhaltlose und vorbehaltlose Unterstützung", wie sie auch bereit sind, "über alle Fragen der Einheit mit unseren kommunistischen Freunden zu sprechen". Während der programmatische ZA-Aufruf vom 15. Juni den "Sozialismus" zur Tagesaufgabe erklärt und die Verstaatlichung von Banken, Bodenschätzen und Schlüsselindustrien verspricht, vermeidet die taktisch gemäßigte KPD-Erklärung jede Aussage über ein künftiges sozialistisches Wirtschaftssystem und fordert lediglich die Enteignung der "Nazibonzen und Kriegsverbrecher", die Beseitigung des Großgrundbesitzes und die Kommunalisierung von Verkehrsbetrieben, Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerken.

Einigkeit mit dem Berliner Zentralausschuß um Dahrendorf, Max Fechner und Otto Grotewohl besteht in Cottbus auch - "wenn es denn sein kann" - im Wunsch nach "organisatorischer Einheit der Werktätigen". Dieser mit ausgestreckter "Bruderhand" gemachte Vorschlag trägt einmal dem bei der SPD-Basis verbreiteten Fusionsbegehren Rechnung, zum anderen beruht er auf der trügerischen Hoffnung, der künftigen Einheitsorganisation dank der größeren Mitgliederstärke eine sozialdemokratische Prägung geben zu können.

Doch das "Brüder-in-eins-nun-die-Hände" der SPD findet bei den kommunistischen Funktionären kein Echo - weder in Berlin noch anderswo. Zwischen dem 17. und dem 29. Mai versuchen ZA-Vertreter viermal, mit Arthur Pieck, dem im Gefolge der Roten Armee nach Deutschland zurückgekehrten Sohn des KPD-Chefs Wilhelm Pieck, über "die Frage der organisatorischen Einheit" ins Gespräch zu kommen - vergebens: Die kommunistischen Genossen sind stets verhindert.

Auch in Cottbus schlagen SPD-Beauftragte einen Monat später der KPD-Ortsgruppe die Gründung eines die Fusion vorbereitenden Ausschusses vor, doch die Kommunisten winken freundlich ab. "Unsere Devise damals hieß ''Klarheit vor Einheit''", erinnert sich ein ehemaliger KPD-Funktionär, der Cottbus später im Unfrieden mit seinen Genossen verließ: "Wir haben den sozialdemokratischen Freunden immer gesagt, daß es zunächst auf überzeugende Arbeit für die Stadt und die Menschen ankommt."

Manchmal freilich, wenn es weniger offiziell zugeht, führen sie mit einzelnen Sozis auch andere Gespräche - wie beispielsweise mit dem Reichsbahner Alfred Schulz, dem die Sowjets Mitte Juni den imposanten Titel eines "Stellvertreters des Organisators des Cottbuser Eisenbahnwesens" verleihen.

Arbeitersportler Schulz, unter dem Spitznamen "Barry" ein in der Niederlausitz populärer Fußballspieler, gehört zu den Teilnehmern der SPD-Gründungsversammlung. Seine kommunistischen Freunde aus dem Arbeiterkiez Sandow, die jetzt alle etwas geworden sind, versuchen ihn immer mal wieder abzuwerben: "''Komm doch bei uns, Barry'', haben die oft gesagt, ''da kannste noch mal Staatssekretär im Verkehrsministerium werden oder vielleicht sogar Minister.''"

Als Vorläufer der Einheitsblocks etabliert sich Ende Januar schließlich auch in Cottbus ein Antifa-Komitee aus Vertretern von SPD und KPD.

Erst später stoßen CDU-Leute und Liberaldemokraten dazu; mit der Zulassung dieser Parteien läßt sich die sowjetische Militäradministration wesentlich mehr Zeit. Zwar behaupten SED-Quellen für die Cottbuser CDU-Ortsgruppe eine Gründung im Juni 1945, tatsächlich findet sie jedoch erst am 29. August im Gasthof "Deutsches Haus" statt, organisiert von Willy Heller und weiteren 19 Christenmenschen beider Konfessionen.

Ursprünglich hatten russische und KPD-Blockstrategen die Wiederbelebung des Zentrums als christlicher Partei im Sinn. So wird Heller, von dem früheres Engagement in der katholischen Arbeiterbewegung bekannt ist, zunächst noch als Vertreter des alten Zentrums, dem er jedoch nie angehörte, ins Komitee gebeten. Und als "Zentrums"-Redner beteiligt er sich auch an der ersten öffentlichen Kundgebung, die das Antifa-Komitee am 30. Juni auf dem Cottbuser Marktplatz ausrichtet.

Diese Veranstaltung, gewissermaßen die Uraufführung der neuen antifaschistischen Koalition vor einer tausendköpfigen Kulisse von zumeist NS-Mitläufern, beginnt für die Kommunisten mit einem Eklat. Als nach den Begrüßungsworten von Bürgermeister Döring, der sich zur Feier des Tages mit weißen Gamaschen und einem steifen Hut ausstaffiert hat, als erster Redner der Kommunist Alfred Donath auftritt, entsteht Unruhe auf dem Platz:

Eine Gruppe von gerade heimgekehrten KZlern, noch im Häftlingsdrillich, glaubt in Donath einen besonders üblen Kapo wiederzuerkennen, der im Lager politische Gefangene schikaniert und mit der SS zusammengearbeitet hat. Doch die Vorwürfe werden vom Podium ignoriert und die Protestanten schließlich abgedrängt.

Der Arzt, der die Anschuldigungen vorgebracht hat, kommt später im Cottbuser Polizeigefängnis unter nie geklärten Umständen zu Tode; Donath dagegen steigt zum Kreisrat auf.

Wo die Definition des von allen beschworenen Antifaschismus so offenkundige Schwierigkeiten bereitet, scheint es um so wichtiger, wenigstens das böse Gegenteil per amtlicher Bekanntmachung verbindlich anzudeuten.

Im Frühsommer läßt der zum Oberbürgermeister aufgerückte Döring überall

Plakate mit der tröstlichen Zusicherung kleben, zur Errichtung des neuen Deutschland wolle die neue Obrigkeit "kein Zuchthaus oder Konzentrationslager ... zu Hilfe nehmen". Aber: "Wer den Aufbau ... sabotiert oder sich ihm gegenüber passiv verhält, wird als Faschist betrachtet und dementsprechend behandelt werden."

Damit nun beginnt nichts Geringeres als die Fundamentierung eines neuen Bildes vom Staatsfeind nach dem alten KPD-Klischee vom Parteifeind: Fortan kann "Faschist" auch einer sein, der nie Nazi war; sogar der Anti-Nazi kann es sein, sofern seine Vorstellungen von der politischen Architektur des Aufbaus nur weit genug von der herrschenden abweichen.

Der in den meisten Antifa-Ausschüssen bis dahin einvernehmlich und eindeutig gebrauchte Faschismus-Begriff verkommt ganz allmählich zum politischideologischen Totschlagsinstrument. Vom Westen her leistet der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher später mit seiner Beschreibung der Kommunisten als "rotlackierte Nazis" einen durchaus ebenbürtigen Sozi-Beitrag zu dieser Entwicklung.

Für das Cottbus des Jahres 1945 bedeutet diese erste kommunistische Akzentverschiebung im antifaschistischen Konsens zweierlei: Einerseits gerät die Säuberung des öffentlichen Lebens von ehemaligen Nazis rasch ins Stocken; zum anderen fühlen sich weniger prominente NSDAP-Mitglieder zum hemmungslosen Opportunismus gegenüber dem neuen Regime geradezu eingeladen.

Im Oktober ist die Stadtverwaltung trotz der kategorischen Anweisung des sowjetischen Stadtkommandanten, den Personalbestand möglichst gering zu halten, auf über 1300 Mitarbeiter aufgebläht. Davon gehören 158 der SPD an, 85 der KPD, vier der CDU und einer der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD).

Schon Ende Mai hat eine Nachprüfung durch die Ortskommandantur ergeben, daß trotz einschlägiger Verbote mindestens 44 ehemalige Nazis im Dienst der Stadt stehen. Obwohl der Bürgermeister beteuert, die Leute würden sofort entlassen, muß bereits im November auf Anordnung der inzwischen gebildeten Provinzialverwaltung für Brandenburg mit Sitz in Potsdam erneut gezählt werden: Diesmal sind es schon 105 Ex-Nazis, die dabei entdeckt werden.

War es im Juni das braune Personal des Stadttheaters, der Wäscherei und der Feuerwehr, auf das angeblich nicht verzichtet werden konnte, so sind es nun Chemiker, Förster und Bautechniker. Kaum ein brandenburgischer Bezirk zeigt sich bis Anfang 1946 beim Erfinden immer neuer Ausnahme-Begründungen so erfindungsreich wie die Cottbuser Verwaltung. Und mitunter stellen kommunistische Funktionäre den enttarnten Mitgliedern der Nazipartei auch besonders wirkungsvolle und jedenfalls kaum widerlegbare Persilscheine aus: Sie seien einst im KPD-Auftrag in die Hitler-Bewegung "eingeschleust" worden.

Auch im Volksbildungsbereich, für den die SED-Geschichtsschreibung so großen Wert auf die Feststellung legt, kein Nazi-Lehrer sei dort weiterverwendet worden, zeichnet sich Cottbus durch einen peinlichen Fehlstart aus: Von den 135 Pädagogen, die am 1. Oktober den Unterricht für 4000 Kinder aufnehmen, müssen 79 schon ein Vierteljahr später wegen früherer Zugehörigkeit zur NSDAP gefeuert werden.

Immerhin werden sie entfernt. Und es bleibt auch festzuhalten, daß solche Erscheinungen keineswegs in eine allgemeine Restauration oder gar Renazifizierung einmünden, sondern viel eher Ausdruck einer mächtigen und später oft geleugneten Kontinuität im Volksleben der Deutschen sind, die in Wahrheit eben keine "Stunde Null" erleben - jedenfalls keine, nach der alles ganz anders ist.

Gegen dieses elementare Beharrungsvermögen sind alle Veränderungen nur mühsam durchzusetzen. Das herausragende Beispiel dafür wie auch für den Veränderungswillen des Antifa-Bündnisses in der sowjetisch besetzten Zone ist zweifellos die im September 1945 in Angriff genommene Bodenreform.

Bei den Lausitzer Sorben, die Wenden nun nicht mehr heißen wollen und deren nationale Organisation "Domowina" als erste von den Russen wieder zugelassen wird, erzählt eine Sage davon, daß der Teufel einst Mitleid mit den armen Bauern verspürte. Daher habe er kurzerhand ihre Feudalherren eingesammelt und in einen großen Sack gesteckt. Doch mitten über der Niederlausitz sei ihm die Sache leid geworden: Er habe den Sack einfach ausgeschüttet und "so Junker gesät von Calau bis Drebkau".

Allein im Landkreis Cottbus gehören bei Kriegsende 31 Gutsbesitzern - den von Natzmers und von Winterfelds, den von Pücklers und von Wackerbarths - fast ein Drittel der landwirtschaftlichen und mehr als zwei Drittel der forstwirtschaftlichen Nutzfläche. In den Rest müssen sich 7850 Klein- und Mittelbauern teilen.

Obwohl kaum eine KPD-Forderung unter Einheimischen wie unter Flüchtlingen so populär ist wie die nach der entschädigungslosen Einziehung allen Großgrundbesitzes über 100 Hektar, bleiben Spontan-Enteignungen die Ausnahme. Lediglich dort, wo die Besitzer geflohen sind, organisieren viele Bürgermeister die Bestellung der Felder nach der Devise "Wer sät, soll auch ernten".

Die Cottbuser Kreis-Bodenkommission besteht aus drei Sozialdemokraten und zwei Kommunisten. Unter ihrer Anleitung werden in 91 Dörfern des Landkreises Gemeinde-Bodenkommissionen gewählt, in denen landlose und landarme Bauern die Mehrheit der Mitglieder stellen. Diese Zusammensetzung, urteilt der DDR-Historiker Klaus Frey, "gab die Gewähr, daß die unmittelbar an der Verwirklichung der Bodenreform interessierten Kräfte auch den entscheidenden Einfluß ausüben konnten".

Für die Realität dieser von oben angeordneten Revolution bedeutet das freilich

auch, daß sich in den Dörfern entfesselte Begehrlichkeit, Neid, alte Antipathien, Flüchtlingselend, sozialistische Agitation und bäuerliche Bedächtigkeit zu einer explosiven Stimmung mischen. Doch nur selten erhebt sich während dieser allgemeinen Landnahme eine Stimme zur Verteidigung der Gutsbesitzerfamilien, die rechtlich wie tatsächlich auf verlorenem Posten stehen und oft innerhalb von 24 Stunden Haus und Hof verlassen müssen mit der Auflage, mindestens 50 Kilometer vom enteigneten Besitz entfernt Wohnung zu nehmen.

Binnen weniger Wochen ist das Herrenland der Cottbuser Umgebung verteilt, sind die Güter parzellenweise aufgesiedelt - früher als irgendwo sonst in der Mark Brandenburg.

Die Cottbuser Sozialdemokraten verantworten die Bodenreform voller Überzeugung ebenso mit wie die Übernahme solcher Industriebetriebe in treuhänderische Verwaltung, deren Eigentümer als Kriegsverbrecher oder führende Nazi-Parteigänger eingestuft werden. "Wir SPD-Leute empfanden uns bei alledem als führende Kraft", beschreibt Alfred Schulz im Rückblick die Stimmung am Ende jenes Schicksalsjahres 1945: "Wir waren der festen Überzeugung, daß die Zukunft der Stadt von uns bestimmt wird und nicht von den paar Kommunisten."

Tatsächlich ist die SPD im Dezember 1945 mit fast 2400 eingeschriebenen Mitgliedern die mit Abstand stärkste Partei in Cottbus. Die KPD hat in derselben Zeit nicht einmal halb soviel Mitstreiter zusammengebracht; die LDPD stagniert bei 200, die CDU sogar bei nur 100 Mitgliedern.

Dieses Überlegenheitsgefühl vor allem erklärt die Entscheidung einer Unterbezirkskonferenz jener Tage, sich grundsätzlich für die Vereinigung mit der KPD zu einer Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands auszusprechen. In Cottbus jedenfalls werden die Sozialdemokraten nicht Opfer einer kommunistischen Gewalttat namens "Zwangsvereinigung", wie sie die westdeutsche SPD seitdem nicht müde wird zu behaupten. Möglicherweise aber werden sie das Opfer ihrer Naivität und Selbstüberschätzung.

Als der Zusammenschluß zu Pfingsten 1946 im "Volkshaus" zelebriert wird, gehen nur fünfzehn Sozialdemokraten unmittelbar vor der Abstimmung aus Gewissensgründen aufs Klo. Von denen, die sich drinnen im Saal die "Bruderhand" reichen, Kommunisten wie Sozialdemokraten, hoffen nicht wenige, den jeweils anderen Partner alsbald kräftig über den Tisch zu ziehen.

Wer da wenig später zieht und wer gezogen wird, ist hinreichend bekannt: Jene ehemaligen Sozialdemokraten, die über den aufkommenden Kalten Krieg zwischen den Kriegsalliierten und die sich dadurch immer deutlicher abzeichnende Teilung Deutschlands zum innerparteilichen Gegner, zum Parteifeind werden, füllen bald die Zuchthäuser der russischen Zone. Als der aus der SPD kommende Cottbuser Gesundheitsstadtrat Heinz Luck, dessen Kontakte zum einheitsfeindlichen "Büro Dr. Schumacher" in Hannover allgemein bekannt sind, im kleinen Kreis die Meinung äußert, nicht nur der westliche, auch der östliche Imperialismus gehöre bekämpft, wird er schon einen Tag später zum Verhör geholt, von dem er nie wieder zurückkehrt.

Bis zum heutigen Tage ist den Regionalhistorikern der Cottbuser SED-Bezirksleitung eine differenzierte, den Widersprüchen gerecht werdende Darstellung des politischen Neuanfangs in Cottbus sowenig gelungen wie die Aufarbeitung jener Vorgänge bei und nach der lokalen Vereinigung der Arbeiterklasse, die in Wirklichkeit zu einem Bruchstück ihrer nationalen Spaltung wurde.

Noch immer gelten ihnen die damals "entlarvten" Genossen als niederträchtige "Agenten des SPD-Ostbüros" und konspirierende "Anhänger der Schumacher-Clique". Und noch immer wird dafür als Beweis einzig eine vertrauliche Erklärung des Hitler-Häftlings Trogisch zitiert, die das Bezirksparteiarchiv aufbewahrt: "Wir werden stets bleiben, was wir sind, nämlich SPD-Genossen innerhalb der Einheitspartei ... Wir werden alle wichtigen Kommandostellen ... festhalten und die übrigen, die wir noch nicht haben, an uns reißen."

Trogisch, der 1947 nach West-Berlin flüchtete, ist nicht mehr am Leben. Auf der Kommandohöhe der Bezirkshauptstadt Cottbus, hoch über inzwischen 100 000 Einwohnern, steht heute als 1. Sekretär ein anderer ehemaliger Sozialdemokrat: Werner Walde, der es bis zum Kandidaten des SED-Politbüros brachte. In seiner Residenz erinnert noch einiges an 1945, aber manches ist inzwischen auch ganz anders:

In diesem Jahr soll im Schloßpark von Branitz vor den Toren der Stadt des 200. Geburtstages seines Schöpfers Fürst Hermann von Pückler gedacht werden. In der Museumsdarbietung ist der preußische Lebemann längst vom üblen Bauernleger zum glänzenden Landschaftsgärtner und Freund des aufsässigen Heinrich Heine aufpoliert worden. Und auch das einstens streng proletarische Sahne-Schichteis der fünfziger Jahre heißt wieder Pückler-Eis, wenn auch vorläufig noch ohne "Fürst".

Nur der letzte Besitzer von Branitz, Graf August Sylvius von Pückler, 81, mag nicht vergessen, wie seine Mutter und seine Schwester 1945 aus dem Schloß gejagt wurden. Aus der Bundeshauptstadt Bonn grollt er unversöhnlich: "Das sind und bleiben Räuber, da will ich nicht mehr hin."

Ende _(Historischer Handschlag auf dem ) _(Vereinigungsparteitag von SPD und KPD im ) _(April 1946; oben: Werbung für ) _(Parteien-Zusammenschluß 1945. )

[Grafiktext]

ANGRIFF AUF BERLIN Wittenberge Angermünde Elbe BERLIN Halbe Frankfurt Guben Lübben Cottbus Herzberg Neiße Oder Küstrin 1. Belorussische Front (Marschall Schukow) Oder 1. Ukrainische Front (Marschall Konew) Görlitz Bautzen Dresden Elbe TSCHECHOSLOWAKEI Hauptstoßrichtung der sowjetischen Truppen vom 16. April bis 25. April 1945 Frontverlauf am 16. April 1945 am 18. April 1945 am 25. April 1945 Das Deutsche Reich in den Grenzen. von 1937 BERLIN Kartenausschnitt Kilometer

[GrafiktextEnde]

1942 an der Ostfront mit Generalfeldmarschall Günther von Kluge. "In diesem Haus wohnen Slawen - Lausitzer Sorben". Aus dem Film "Befreiung". Historischer Handschlag auf dem Vereinigungsparteitag von SPD und KPD im April 1946; oben: Werbung für Parteien-Zusammenschluß 1945.

DER SPIEGEL 19/1985
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1945: Absturz ins Bodenlose