06.05.1985

Viele Opernhäuser machen bloß Stimm-Porno

Von Umbach, Klaus

SPIEGEL-Gespräch mit Bonns Generalmusikdirektor Gustav Kuhn über Musiktheater, Stargagen und Subventionen *

SPIEGEL: Herr Kuhn, Sie haben als Dirigent eine neue Schlagtechnik ausprobiert und den Generalintendanten der Bühnen der Stadt Bonn öffentlich geohrfeigt. War das eine demonstrative Geste?

KUHN: Diese Ohrfeige war nicht geplant, sondern spontan. Natürlich weiß ich, daß so ein Ausrutscher kein Mittel ist, irgendein Problem zu lösen. Ich habe mich deshalb auch offiziell entschuldigt, aber ich fühle mich seit dem Handschlag, ehrlich gesagt, entschieden wohler.

SPIEGEL: Welche Probleme hatten Sie als musikalischer Oberleiter der Oper und als Chef des Orchesters der Beethovenhalle Bonn denn mit Herrn Riber?

KUHN: Mein Gott, das ist eine Chronik ohne Ende. Ich hatte mich hier in Bonn auf ein Modell eingelassen, das ich niemals gutgeheißen habe und niemals gutheißen werde. Nicht zuletzt dem Orchester zuliebe, dem ich vorstehe und das rund 60 Prozent seiner Dienste im Opernhaus leistet, lieferte ich den musikalischen Teil zu einem Opernstil, der mir absolut nicht liegt und den ich manchmal rundheraus katastrophal und lächerlich finde.

SPIEGEL: Wieso?

KUHN: Herr Riber kann mir weder als Regisseur noch als Intendant irgend etwas bieten. Er kauft für viel Geld gute Sänger ein und stellt sie wie vor 80 Jahren auf die Bühne, zwischen Kulissen wie in einer Klitsche und mit einer so phantasielosen Unbeweglichkeit wie in einer Schmiere. Wenn diese Sänger dann ihre Arien abgeschmettert haben, flippt das Publikum aus, brüllt und grölt, und der Herr Intendant glaubt dann allen Ernstes, er habe etwas kulturell Sinnvolles geleistet.

SPIEGEL: Aber daran ändern Sie doch mit Handgreiflichkeiten nichts.

KUHN: Natürlich nicht. Die Ohrfeige war ja letztlich auch nur die Entladung meiner inneren Hochspannung, die dieser Herr mit all seinen Unverschämtheiten und seinen widerlichen Methoden verschuldet hatte. Wir hatten gemeinsam den Spielplan mit allen Details bis ins Jahr 1988 festgelegt, wenn unser beider Verträge hier auslaufen. Wir haben danach gemeinsam zu Abend gegessen und die Planung nochmals bestätigt. Wir haben uns danach noch brieflich versichert, daß wir uns beide an alle Abmachungen halten. Und dann kriege ich einen Tag vor der offiziellen Presseveröffentlichung des Programms einen Brief, in dem steht, daß ich aufgrund meines indiskutablen Verhaltens in den letzten Wochen - alles absurde, an den Haaren herbeigezogene Vorwürfe - nur noch das und das und das dirigieren dürfe und mich gefälligst auf völlig neue Termine einzurichten habe.

SPIEGEL: Und da sind Sie nicht in aller Ruhe vorstellig geworden und haben Protest eingelegt, sondern haben zugeschlagen.

KUHN: Ich stecke mitten in den Proben zu Bruckners Siebter Symphonie und konnte erst einmal gar nichts tun. Dann kam die Bombe. Es erschien das gedruckte Programm der neuen Spielzeit, in dem alles haarklein und namentlich aufgeführt ist: jedes Personalratsmitglied, jede Reinmachefrau. Nur Gustav Kuhn, der musikalische Oberleiter, steht

nicht drin. Den habe er leider vergessen, versicherte der Intendant. Das glaubt doch kein Mensch. Als ich diesem Herrn dann in der Ratssitzung begegnete, wo wir unsere Planung den Politikern erläuterten, ging mir einfach die Galle über.

SPIEGEL: Und was sagt Ihr gemeinsamer Arbeitgeber, die Stadt Bonn, dazu?

KUHN: Natürlich hat man mich ermahnt, daß sich so etwas nicht wiederholen dürfe. Aber gleichzeitig hat man mir bestätigt, daß die Rechtslage - nämlich meine Befugnisse betreffs Oper - eindeutig für mich spricht. Schließlich hätte man mir ja fristlos kündigen können und hat es nicht getan. Der Pressesprecher der Stadt hat sogar angemerkt, eigentlich habe Herr Kuhn durch Herrn Ribers Eigenmächtigkeiten die erste Ohrfeige bekommen.

SPIEGEL: War die Watschen nun ein Schlag gegen Herrn Riber oder der Anschlag auf einen ganz bestimmten Opernstil?

KUHN: Sie war beides. In ihr hat sich letztlich auch mein ganzer Frust entladen, daß hier eigentlich niemand so recht durchschaut, was in Bonn - und wahrlich nicht nur in Bonn - als Oper angeboten und verkauft, ja, was eigentlich gespielt wird.

SPIEGEL: Und was wird Schlimmes gespielt, wenn der Intendant Riber bedeutende Sänger engagiert und seinen Abonnenten den begehrten Belkanto beschert?

KUHN: Miese Oper. Sehen Sie, es gibt zwei Arten von Oper. Die eine ist kulinarisch und repräsentativ und kann, wenn sie sehr gut gemacht wird, mit einer Platte voll exquisitem französischen Käse nebst einer Flasche erlesenem Rotwein verglichen werden. Das kann Bonn nicht bieten, dafür ist es immer noch zu provinziell. Und daneben gibt es eine Art Opernkäse, der nur noch stinkt, weil sich da ein Stimmbesitzer, wie ich solche Sänger nenne, durch seine Arien fummelt, wie sich der Littbarski durch ein paar Beine mogelt. Dann erwischt dieser Stimmbesitzer ein paar hohe Töne wie der Littbarski das Tor, und das Publikum brüllt sich einen weg und glaubt, Oper erlebt zu haben. In Wahrheit hat es die Prostitution einer Stimme erlebt und nichts davon begriffen, was Oper wirklich sein kann und sein sollte: nämlich ein durchdachtes und gestaltetes Kunstwerk, wo - unter anderem - der Sänger immer auch Schauspieler sein muß.

SPIEGEL: Und ausgerechnet an der Bonner Oper, wo Sie musikalischer Oberleiter waren, werden für Spitzenstars angeblich 25 000 Mark und mehr Abendgage bezahlt. Da haben Sie ja bei der Preistreiberei der Stimmprostitution mitgemacht?

KUHN: Ja, gerade Bonn gilt bei allen deutschen Intendanten als das Haus, wo man mit den Gagen besonders klotzt. Deshalb habe ich auch mal diese Verträge einsehen wollen, um zu überprüfen, ob die Gerüchte stimmen. Aber nein, ich durfte nicht, Herr Riber hat es mir einfach ausgeschlagen. Das gehe mich nichts an. So wird hier Oper gemacht.

SPIEGEL: Gerade die singenden Top-Stars verkaufen in der Regel doch wohl nur Spitzentöne, kaum aber nennenswertes schauspielerisches Engagement?

KUHN: Na ja, es gibt schon Spitzensänger, die auch hervorragende Schauspieler sind. Nur: Das Jahresgehalt eines jungen Schauspielers, der durchaus auch Hauptrollen spielt, entspricht ziemlich genau der Abendgage eines solchen Wundertiers.

SPIEGEL: Da derlei Supergagen auch noch weitgehend aus Steuermitteln bezahlt werden - zu den Bonner Subventionen steuert sogar der Bund 70 Prozent zu -, müßten Sie eigentlich darauf verzichten. Wäre das nicht konsequent? _(Paul Stern, Jean-Claude Riber, Nadine ) _(Denize, Peter Hofmann. )

KUHN: Konsequent wäre dies: Für eine Oper wie die Bonner, wo in der fast achtjährigen Amtszeit des Intendanten keine einzige Uraufführung stattgefunden hat oder bevorsteht, wo vom Sommer bis 25. Dezember 1984 nur ein einziges Stück, nämlich "Salome" von Richard Strauss, auf dem Spielplan stand und ein so schwieriges Stück wie Mozarts "Don Giovanni" in drei Tagen Probenarbeit durchgepeitscht wurde, weil dem Regisseur Riber nicht mehr einfiel - für ein solches Theater sollte man die Subventionen streichen. Für die reinen Spektakel mit den Stimmbesitzern sollten allenfalls subventionierte Räume zur Verfügung gestellt werden. Es kommt schließlich auch kein Mensch auf die Idee, die Gage von Bernd Schuster oder Karl-Heinz Rummenigge aus Steuermitteln zu subventionieren.

SPIEGEL: Mit diesen Sparvorschlägen werden Sie alle Kämmerer und die Mehrheit des Volkes auf Ihrer Seite haben.

KUHN: Moment mal, Irrtum, ich will keinesfalls die Subventionen für Kultur streichen, ganz im Gegenteil: Kultur, die ja kein Anhängsel, sondern etwas Substantielles im Leben ist, kann nicht hoch und üppig genug unterstützt werden. Nur müssen die Subventionen einen Sinn haben. Kein vernünftiger Mensch würde den Opernzirkus in der Arena von Verona, den einmal anzuschauen ja ganz amüsant sein kann, ernsthaft für Kunst halten. Das ist Spektakel und muß sich zumindest über die Umweg-Rentabilität weitgehend selbst finanzieren. Genauso finde ich es grotesk, daß Millionen Steuermittel in manche Bonner Aufführungen geflossen sind, vor denen man nur verschämt, verbittert oder amüsiert die Augen schließen konnte. Herr Riber, ein paar Ministeriale in großer Robe und ein Teil des Publikums feierten dann sich und das Fiasko als Kulturereignis - nicht zuletzt, weil Herr Barzel, als er noch in war, auch im Smoking angetanzt war und den Abend als überwältigendes Erlebnis bezeichnete.

SPIEGEL: Wer und was sollte denn Ihrer Meinung nach subventionsberechtigt sein?

KUHN: Bühnen, die Experimente wagen, die wieder und wieder neue Möglichkeiten ausprobieren, die alte Trampelpfade verlassen, die das Publikum anregen und vielleicht auch mal anstrengen. Opernregie muß nicht um jeden Preis gegen den Strich gebürstet sein, aber sie darf um keinen Preis jenen Konventionskäse bieten, dessen Einfallsarmut zum Himmel stinkt.

SPIEGEL: Ist die Bonner Einfalt, die Sie so in Harnisch bringt, nun ein Einzelfall?

KUHN: Leider nicht. Aber die Mißstände und Mißverhältnisse sind hier besonders augenfällig ausgeprägt. Da Bonn Bundeshauptstadt ist und der Bund über das Bauministerium ja auch viele Millionen zum Bühnenetat beisteuert, damit die gebotene Kultur einer Metropole würdig ist, guckt man einfach nach anderen Hauptstädten wie Paris, Wien, London, engagiert die Sänger, die dort auftreten, und glaubt dann allen Ernstes, man habe das Format und Gewicht von Londons Covent Garden oder von der Wiener Staatsoper. Das ist kindisch, und die Folgen sind entsprechend.

SPIEGEL: Herr Kuhn, würden Sie so weit gehen wie Pierre Boulez, der 1967 in einem SPIEGEL-Gespräch die Forderung aufstellte: "Sprengt die Opernhäuser in die Luft!"?

KUHN: Nein, sicher nicht. Das war ein sehr provokativer Imperativ, der aufwühlen und aufwirbeln sollte und der ja auch eine höchst anregende Diskussion auslöste. Nein, ich sage noch einmal: Ich bin nachdrücklich dafür, die Oper zu erhalten und zu subventionieren, nur sinnvoll und gezielt.

SPIEGEL: Wäre das in München, bei der Bayerischen Staatsoper, der Fall?

KUHN: Zweifellos. Hier konnte ich schon als junger Dirigent "Capriccio" von Richard Strauss dirigieren, in der denkwürdigen Inszenierung von Hartmann; hier dirigiere ich die Strauss-Oper "Feuersnot" mit einem hauseigenen und über Jahre unveränderten Ensemble; hier gibt es auch einen großartigen "Cardillac" von Paul Hindemith, dirigiert von Wolfgang Sawallisch und inszeniert von Jean-Pierre Ponnelle. Das alles ist für mich vorbildlich.

SPIEGEL: Und wie stellen Sie sich die Kriterien vor, nach denen subventioniert werden sollte oder nicht?

KUHN: So gefährlich, weil mißverständlich, der folgende Vergleich auch sein mag: Man sollte irgendwie auswählen wie beim Film, ob und in welcher Höhe man unterstützt. Niemand käme doch je auf die Idee, einen Pornofilm zu subventionieren, aber viele Opernhäuser machen bloß Stimm-Porno.

SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, daß sich da ein vernünftiges Auswahlprinzip realisieren läßt und daß ausgerechnet den Rennern des Repertoires mit den Primadonnen und ihrem hohen C die Subventionen entzogen werden? Dann wäre ja wohl bald auch die Karriere des Gustav Kuhn am Ende?

KUHN: Ach, wissen Sie, seit der Ohrfeige rufen ständig Leute hier an und sagen mir, nun wäre es aus mit meiner Karriere, oder ich hätte meine Karriere selbst begraben. Auch der Bonner Intendant hat in einem Interview gedroht, er werde mir fortan in meiner Karriere entscheidend schaden. Da kann ich wirklich nur herzhaft lachen. Wenn er das wörtlich so gemeint haben sollte, hätte er die Ohrfeige sogar wirklich verdient. Aber im Ernst: Ich will nicht behaupten, daß mich meine Karriere nicht interessiert. Das wäre unehrlich und falsch. Aber ich will sie nicht machen um jeden Preis, nicht um den Preis der ewigen Anpassung und der quälenden Tatsache, daß ich mich im Orchestergraben um ernsthafte Arbeit an einer Oper bemühe,

während diese oben auf der Bühne gleichzeitig entstellt oder veralbert oder ad absurdum geführt wird.

SPIEGEL: Werden Sie nicht auch außerhalb Bonns, etwa bei den Salzburger Festspielen, wo Sie schon mehrfach aufgetreten sind, zur Anpassung gezwungen? Leiden Sie da nicht?

KUHN: Salzburg ist ein heikler Fall. Das, was Mozart und Richard Strauss und die Regiepotenz eines Max Reinhardt in dieser Stadt angelegt haben, ist ein großartiges Kapital und eine phantastische Grundlage zu ernster und anspruchsvoller Arbeit mit der Kunst. Auch heute wird hier immer wieder versucht, den Vorstellungen und Ansprüchen der Gründerväter gerecht zu werden. Aber Salzburg ist mittlerweile ein Industriefestival, und dieser Umstand droht alles zu ruinieren. Gehen Sie doch mal in den Sommermonaten durch die Gassen ...

SPIEGEL: ... was wir, wenn möglich, tunlichst vermeiden ...

KUHN: ... dann sehen Sie nur noch die grünen und gelben Plattenlabels zwischen den Würsten und Unterhosen. Das ist eine reine Industrieschlacht, und wo die Industrie zuschlägt, hat es die Kunst immer schwer.

SPIEGEL: Was sagt denn der Karajan-Schüler Gustav Kuhn dazu, daß das Konterfei Karajans am häufigsten zwischen Würsten und Unterhosen zu sehen ist? Ist nicht der Maestro aller Maestros der Hauptsündenbock am Niedergang Salzburgs?

KUHN: Wissen Sie, es ist mir zu billig, nun auch noch in die beliebte Kerbe zu hauen und Karajan als den großen Vermarkter der Stadt und ihrer Festspiele anzuprangern. Ich bin Karajan zu oft persönlich begegnet, habe ihm als Musiker aus der Zeit, da er der Niki Lauda des Dirigierens war, zu viel zu verdanken, daß ich in diesem Punkt objektiv sein könnte. Karajan ist an dem, was aus Salzburg geworden ist, weder unschuldig noch alleine schuld.

SPIEGEL: Mit Ihrer Forderung nach intelligenter und notfalls auch unbequemer Regie im Opernhaus stehen Sie unter den Musikern ziemlich allein. Gerade die Dirigenten beschweren sich doch sehr oft darüber, daß die Regie zuviel Aufmerksamkeit erregt. Haben Sie denn eigentlich am Pult nicht genug damit zu tun, die Noten zu lesen, das Orchester zusammenzuhalten und den Kontakt mit der Bühne zu kontrollieren?

KUHN: Passen Sie auf: Man sagt mir zum Beispiel eine gewisse Affinität zu Mozart nach. Wenn ich nun in einem mittleren deutschen Opernhaus in eine normale Repertoirevorstellung der "Zauberflöte" gehe, dann finde ich das musikalisch dort durchweg in Ordnung. Selbst wenn ich in Details anders dirigieren würde, so wird hier doch Mozart geboten, wie es Mozart gebührt und der Musik gerecht wird. Aber was gleichzeitig in diesem mittleren Opernhaus an Regie gezeigt wird, das ist einfach hanebüchen. Da schnalle ich ab. In jedem vergleichbaren Schauspielhaus wäre eine solche Qualität absolut indiskutabel und der Schauspieldirektor am nächsten Morgen entlassen.

SPIEGEL: Also sind die Operndirigenten Ihrer Meinung nach weit besser als die Opernregisseure?

KUHN: Ja, absolut. Das Dirigenten-Niveau ist ungleich höher. Sehen Sie, ehrlich gesagt: Der interpretatorische Freiraum eines Dirigenten ist doch überhaupt nicht sensationell groß, der Spielraum recht bescheiden. Ob ich ein Allegro so oder so schnell anlege, das ist am Ende für das, was mit der Oper ausgesagt und dem Zuschauer und -hörer nahegebracht werden soll, relativ unwichtig.

SPIEGEL: Gehen Sie oft in die Oper?

KUHN: Jedenfalls oft genug, um mir ein Urteil bilden zu können. Bitte, ein Beispiel, nehmen wir Wagners "Walküre", Schlußszene, Feuerzauber. Der Dirigent im Graben kriegt das in der Regel ordentlich hin, das Feuer und den Zauber. Aber auf der Bühne stehen da _(Bei der "Rheingold"-Verfilmung. )

häßliche braune Attrappen herum, Wotan und Brünnhilde stehen unbeholfen dazwischen, und ein billiger Rundscheinwerfer, der noch für eine mittlere Diskothek zu mies wäre, beleuchtet die ganze Katastrophe. Das halten manche Regisseure für eine Inszenierung.

SPIEGEL: Wenn Ihnen dieser ganze Opernkäse so sehr stinkt, bleibt Ihnen doch nur die Alternative, selbst Regie zu führen oder sich ganz aus dem Opernhaus zurückzuziehen und nur noch Konzerte zu machen?

KUHN: Ich werde nur noch mit Regisseuren zusammenarbeiten, die ich schätze, oder versuchen, selbst Regie zu führen. Den Anfang mache ich in Palermo mit der "Zauberflöte", 1987 beginne ich in Bologna mit Wagners "Rheingold" und werde in den folgenden Jahren den kompletten "Ring des Nibelungen" versuchen.

SPIEGEL: Und da schreckt Sie nicht ab, was der Regisseur Karajan dem Dirigenten Karajan angetan hat? Schwebt Ihnen ein Gesamtkunstwerk nach Karajanschem Vorbild und Zuschnitt vor?

KUHN: Ich hoffe, in der Regie genauso zu sein, wie ich es dann als Musiker auch versuche: experimentierfreudig und stets auf der Suche nach Neuem und Unverbrauchtem, dabei aber mit großem Respekt vor dem, was der Komponist vorgelegt hat. Ich möchte, sehr kurz gesagt, die Musik durch die Bühne nicht bebildern, sondern belegen - mal durch Kongruenz, mal durch Kontrast.

SPIEGEL: Und eine Selbstbeschränkung auf das Konzertleben kommt für Sie nicht in Frage?

KUHN: Nein, ich liebe Theater. Wäre es nicht zu vermessen, würde ich am liebsten auch auf der Sprechbühne Regie führen. Menschen formen und Charaktere zeichnen - das ist wunderbar. Ich brauche die Oper, ich liebe Stimmen, und ich liebe Chöre. Auf Mozart-Opern, diese vollkommensten Ausdrucksformen menschlichen Geistes, könnte ich niemals verzichten.

SPIEGEL: Wären Sie denn als reiner Konzertdirigent freier, und würden Sie sich womöglich wohler fühlen?

KUHN: Sicher haben Sie im Konzert, das liegt in der Natur der Sache, in manchem sehr viel leichtere Bedingungen und auch entsprechend weniger Ärger. Aber die Macht der Schallplattenkonzerne, des international verflochtenen Managements und einer überall herumwieselnden Kulturlobby wirkt sich hier genauso verheerend aus. Ich könnte vom Konzert wunderbar leben und brauchte dann nicht unter solch unzumutbaren Dingen, wie sie sich zum Beispiel hier in Bonn abspielen, zu leiden. Aber das wäre mir zu bequem. Ich finde es wichtig, den Leuten wirklich zu zeigen, was im Musiktheater eigentlich möglich und nötig ist.

SPIEGEL: Es ist nicht ganz ohne Pikanterie, daß Sie einerseits so vehement gegen den staatlich subventionierten Opernbetrieb Sturm laufen, andererseits in Bonn aber an genau diesem System mit angeblich über 250 000 Mark für sechs Monate genausoviel verdienen wie der Bundeskanzler in einem ganzen Jahr.

KUHN: Ich weiß, daß in dieser Hinsicht völlig groteske Vorstellungen und völlig falsche Zahlen durch die Welt geistern. Die Wirklichkeit sieht völlig anders aus, und ich würde mich glücklich schätzen, hier in Bonn auch nur ein Viertel von dem zu kassieren, was der Bundeskanzler real verdient.

SPIEGEL: Aber immerhin leben Sie teilweise von den Subventionen, die Sie anprangern. Also doch Kompromißler?

KUHN: Nein. Ich habe bereits Konsequenzen gezogen und auf meine Arbeit als Dirigent in der Bonner Oper sowie auf zwei Fünftel meines hiesigen Gehalts verzichtet. Aber ich gehe noch weiter: Wenn man mir in der Oper Bonn wenigstens in etwa die Bedingungen einräumen würde, die ich für künstlerisch sinnvoll und notwendig halte, wäre ich gern bereit, sogar auf zwei Drittel meines Gehalts zu verzichten. Dies ist mein ernsthaftes Angebot an die Stadt.

SPIEGEL: Herr Kuhn, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*KASTEN

Gustav Kuhn *

ist als Bonner Generalmusikdirektor Chefdirigent des Orchesters der Beethovenhalle und war bis vergangenen Donnerstag auch musikalischer Oberleiter der Oper. Um den Bühnen der Bundeshauptstadt ein weltstädtisches Image zu ermöglichen, steuert die Bundesregierung seit 1980 regelmäßig 70 Prozent der Subvention (Etat 1984/85: 44 Millionen Mark) bei. Generalintendant Jean-Claude Riber hat das Haus zu einem Treffpunkt teurer Gesangsstars gemacht. Der gebürtige Salzburger Gustav Kuhn, 39, Dr. phil., studierte am Mozarteum und an der Wiener Musikhochschule und wurde Schüler von Hans Swarowsky, Bruno Maderna und Herbert von Karajan. In Istanbul begann er mit 25 seine "atemberaubende internationale Karriere" ("Die Deutsche Bühne"), die ihn inzwischen an die Wiener Staatsoper, die Mailänder Scala, die Pariser Oper und Covent Garden London geführt hat. Er war Gast bei den Berliner Philharmonikern und den Festspielen von Salzburg und Glyndebourne. In Bonn kam es bald zu Spannungen zwischen dem Dirigenten und Riber, dessen Inszenierungen mehrfach als "gescheitert", "Nicht-Regie" oder "Olympiade im Händeringen" verrissen wurden. Vorletzte Woche spitzte sich der Streit zu: Im Bonner Kulturausschuß gab der GMD dem Generalintendanten vor den Augen der Ratsmitglieder eine schallende Ohrfeige.

Paul Stern, Jean-Claude Riber, Nadine Denize, Peter Hofmann. Bei der "Rheingold"-Verfilmung.

DER SPIEGEL 19/1985
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