22.04.1985

Sechs Millionen, da kann ich nur lachen

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über die weltweite Jagd nach dem Auschwitz-Arzt Josef Mengele

Von Wiedemann, Erich

Israelis und Amerikaner hätten ihn schon in den 60er Jahren haben können, sie wollten ihn nicht. Jetzt ist auf den Kopf von KZ-Arzt Josef Mengele die höchste Belohnung aller Zeiten ausgesetzt: sieben Millionen Mark. Die Fahndung konzentriert sich auf Paraguay, wo er jahrelang unter seinem richtigen Namen lebte. *

Sie waren ein sympathisches Paar, der ehemalige KZ-Arzt Josef Mengele und die ehemalige KZ-Insassin Nourit Eddat. Vormittags sah man sie händchenhaltend die Uferpromenade am Lago Nahuel Huapi herunterflanieren, nachmittags bei Kuchen und Tee in der Konditorei am Markt und abends beim Sundowner an der Bar im Hotel.

Der elegante Endvierziger mit den feingliedrigen Chirurgenhänden und dem feinen akademischen Timbre, seine schöne blonde Begleiterin, das turtelnde Glück im Trachtenlook - ein Stoff, aus dem man Heimatfilme macht. Doch die Regie hatte anders disponiert.

San Carlos de Bariloche ist optisch die deutscheste Gemeinde in Argentinien. Die adretten Tirolerhäuschen vor der grandiosen Alpenkulisse der südlichen Kordilleren geben der kleinen Stadt einen Hauch von Berchtesgaden. Hier machten schon in den 20er Jahren die Deutschen aus Cordoba und Buenos Aires Ferien, wenn sie sich wie zu Hause fühlen wollten.

In den 50er und 60ern kamen zunehmend auch Deutsche, die gern unter Deutschen waren, aber Grund hatten, Deutschland zu meiden. Zwischen 1948 und 1953 ließen sich mindestens 20 000 Deutsche in Südamerika nieder, die daheim auf der Fahndungsliste standen oder die absehen konnten, daß sie draufkommen würden.

Unter ihnen war auch Dr. Josef Mengele, der gegenwärtig meistgesuchte Mann zwischen Buenos Aires und Günzburg an der Günz, der Ermordung von etwa 2000 Menschen und der Beihilfe

zum Mord an weiteren 200 000 beschuldigt. Fritz Fischer, wie er sich damals, im Frühjahr 1960, nannte, kam zwei-, dreimal im Jahr zum Wandern und zum Skilaufen nach Bariloche.

Er hatte, wie die Staatsanwaltschaft von Buenos Aires später ermittelte, Nora Aldot alias Nourit Eddat in einer Tanzdiele kennengelernt. Es sah aus wie Liebe auf den ersten Blick. Sie hatten die ganze Nacht durchgetanzt, bis die Sonne über dem schneebedeckten Gipfel des Cerro Catedral aufging. Die Zeugen sagten übereinstimmend aus, man habe leicht sehen können, daß sich da was anbahnte. Es bahnte sich was an, aber nicht, was die Kurgäste von San Carlos de Bariloche erwartet hatten.

Am 12. Februar gegen neun Uhr früh waren die zwei Liebenden Hand in Hand den Berg hinaufgestiegen. Kurz vor Mittag kam Fritz Fischer außer Atem zurück ins Dorf gerannt. Er schrie, es sei etwas Furchtbares passiert. Nora sei ausgerutscht, habe das Gleichgewicht verloren und sei in eine Gletscherspalte gestürzt. Er machte, wie der Hotelwirt aussagte, den Eindruck eines Mannes, für den alle Hoffnungen mit einem Schlag zusammengebrochen waren. Gäste brachten ihn auf sein Zimmer, weil sie fürchteten, er werde sich etwas antun.

Fritz Fischer tat sich nichts an. Er reiste ab. Die Feriengäste, die ihn nicht kannten, legten es ihm als Zeichen tiefsten Schmerzes aus, daß er nicht wartete, bis die sterbliche Hülle der Liebsten geborgen war - aber wirklich nur die, die ihn nicht kannten.

Die routinemäßige ärztliche Untersuchung brachte eine kleine Überraschung. Der Arzt entdeckte auf dem linken Unterarm der Leiche eine eintätowierte Nummer, die bis dahin nicht bemerkt worden war, weil Nora nur Blusen und Kleider mit langen Ärmeln getragen hatte. Da er sich das Phänomen nicht erklären konnte, rief er die Polizei.

Bei der Durchsuchung von Nora Aldots Gepäck fand der Dorfpolizist einen Paß auf den Namen Nourit Eddat mit Noras Bild. Er trug die Nummer 160 697 und war in Tel Aviv ausgestellt. Auf der zweiten Seite fand sich eine Eintragung auf Hebräisch, nach der die Paßinhaberin als Mitarbeiterin der israelischen Handelsmission in Köln gearbeitet hatte.

Es ist nie bewiesen worden, daß Nora Aldot oder Nourit Eddat eine israelische Agentin war, wie Untersuchungsrichter Jorge Luque aus Buenos Aires vermutete. Die argentinische Justiz zeigte wenig Interesse, die Affäre aufzuklären. Die Akten wurden mangels öffentlichen Interesses an einer Strafverfolgung wenige Monate später geschlossen, obwohl die mysteriösen Begleitumstände darauf hindeuteten, daß der Todessturz am Cerro Catedral kein Unfall war.

Als verbürgt gilt soviel: Der graumelierte Herr, mit dem Nourit Arm in Arm am Seeufer von San Carlos de Bariloche spazierenging, war derselbe, der sie anderthalb Jahrzehnte zuvor zwangssterilisiert hatte.

Nourit Eddat war, wie sich anhand der eintätowierten Häftlingsnummer ermitteln ließ, 1944 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau interniert gewesen, als SS-Hauptsturmführer Josef Mengele sich dort als Lagerarzt den Titel "Todesengel von Auschwitz" verdiente. Sie muß in derselben Woche gestorben sein, als in Buenos Aires ein Kommando des israelischen Geheimdienstes Mossad die Spur des ehemaligen Obersturmbannführers im Judenreferat des Reichssicherheitshauptamtes, Adolf Eichmann, aufnahm.

Nach Aktenlage darf man auch vermuten, daß beide, sowohl Mengele wie auch Nourit Eddat, in den letzten Tagen, die sie miteinander verbrachten, genau wußten, mit wem sie es zu tun hatten. Unklar

ist nur, wer zuerst erfuhr, daß der andere es wußte.

Adolf Eichmann wurde drei Monate nach Nourit Eddats Tod von israelischen Agenten gekidnappt und neun Tage später in einer "Bristol Britannia" nach Jerusalem geschafft. Das transatlantische Protestgewitter, das nach der Entführung über dem jüdischen Staat niederging, war Mengeles Rettung. Mossad-Chef Isser Harel, der den Einsatz persönlich geleitet hatte, mußte das zweite Sonderkommando, das dem KZ-Arzt Mengele hart auf den Fersen war, vom La Plata zurückrufen.

Doch das wußte Josef Mengele nicht. Er kündigte seine Praxis in der Calle Virrey Ortiz 970 in Buenos Aires, wo er zunächst unter seinem richtigen Namen,

dann als Dr. Helmuth Gregor-Gregori praktiziert hatte, und zog im August 1960 um nach Paraguay.

Dort, so hieß es in Israel, habe man seine Spur verloren. Das war eine Notlüge. Denn auch der Mossad wußte: Josef (neuerdings: Jose) Mengele war bereits am 27. November 1959 in Paraguay eingebürgert worden, nachdem der russische Baron Alexander von Eckstein, ein Major der paraguayischen Armee, und der Kaufmann Werner Jung, vormals Vorsitzender der paraguayischen Auslands-NSDAP, für ihn gebürgt hatten.

Mengele lebte noch mindestens drei Jahre in der paraguayischen Hauptstadt Asuncion. Die Israelis kannten alle seine Pseudonyme und alle seine Anschriften: die Wohnung in der Avenida General MacArthur, das Haus in der Avenida Republica Dominicana, die Pension Astra in Asuncion und den Hof des Bauern Alban Krug in Hohenau am Rio Parana, wo er zuletzt wohnte, bevor er - 1970 - endgültig untertauchte.

Israels Premier, David Ben-Gurion, aber wollte nach dem weltweiten Protest gegen die völkerrechtswidrige Eichmann-Entführung den israelischen Sympathiebonus keiner weiteren Belastungsprobe aussetzen. Außer der deutschen Bundesregierung, die sich durch die Vorlage immer neuer Auslieferungsanträge in Asuncion nachhaltig unbeliebt machte, zeigte über 20 Jahre lang keine öffentliche Körperschaft ernsthafte Neigung, den Mann vor Gericht zu bringen, der in dem Verdacht steht, er habe Kinder zu Testzwecken reihenweise verhungern lassen oder durch Injektionen in die Augen umgebracht.

Bis Anfang dieses Jahres. Das "Mengele-Tribunal" in Jerusalem, das im Februar über den mutmaßlichen Massenmörder symbolisch Gericht hielt, hat neues Interesse geweckt. Die mediengerechte Präsentation der Grausamkeiten, mit denen sich der Dr. med., Dr. phil. Mengele im Umfeld der Gaskammern als "Doktor des Todes" qualifizierte, haben das Jagdfieber inzwischen auf Hochtemperatur gebracht.

Einstweilen blieb der Gesuchte ein Phantom. Fritz Fischer alias Walter Hasek alias Karl Geuske alias Dr. Helmuth Gregor-Gregori alias Dr. Henrique Wollmann alias Fausto Rindon alias Jose Aspiazi alias Lars Ballestroem alias Ernst Sebastian Alvez alias Friedrich Edler von Breitenbach alias Dr. Dr. Josef Mengele hat, außer in Buenos Aires, Asuncion und der deutschen Siedlung Hohenau, stets nur flüchtige Spuren hinterlassen.

Es ist zweifelhaft, ob er überhaupt zu identifizieren ist, wenn er gefunden würde. Es gibt keine Fingerabdrücke und kein brauchbares Fahndungsphoto. Das letzte mit Sicherheit authentische Bild wurde gemacht, als er um die 50 war. Heute wäre er 74 Jahre alt. Die neueren Bilder, die im Umlauf sind, gelten unter Kriminalisten als allesamt gefälscht. Einen Schluß aber lassen die verfügbaren Hinweise immerhin zu: Mengele lebt. Oberstaatsanwalt Hans Eberhard Klein aus Frankfurt, der auf deutscher Seite die Ermittlungen leitet, hat, wie er sagt, dafür sogar einen "zwingenden physischen Beweis". Und der Beweis stammt aus Paraguay.

Der New Yorker Rechtsanwalt Gerald Posner hat die glaubwürdigen Spuren gesichtet. Er hat eine ungeschönte Quellensammlung von 25 000 Seiten angelegt, die einzige aktuelle Mengele-Dokumentation, die sich nicht überwiegend auf Mutmaßungen stützt, sondern auf überprüfbare Belege und Beobachtungen - mit einer den Umständen entsprechenden Streuungsunschärfe.

Posner hat Hunderte von Zeugen in Südamerika vernommen. Er hat den Faden

da aufgenommen, wo die Mengele-Vita in die Mengele-Fama mündet, und er ist zu der Überzeugung gekommen, daß Mengele seit Jahren keinen festen Wohnsitz mehr hat, sondern ständig zwischen mehreren Standorten hin- und herpendelt.

Die Posner-Papiere belegen in ihrem historischen Teil, daß Josef Mengele im Sommer 1949 - wie viele andere prominente NS-Größen - mit einem in Genua ausgestellten Paß des Internationalen Roten Kreuzes (Paßnummer 10051) nach Buenos Aires reiste. Posner hat auch Querverbindungen zwischen einflußreichen Nazis in verschiedenen Teilen Südamerikas belegt.

Und sein Archiv enthält starke Indizien für die Annahme, daß amerikanische Geheimdienstbeamte die Nazi-Fluchthilfe-Organisation gefördert haben, die über die sogenannte Klosterroute außer Mengele Hunderte, vielleicht Tausende von belasteten NS-Notabeln nach Südamerika brachte. Nur, wo Josef Mengele sich heute versteckt hält, das weiß auch Gerald Posner nicht. Und er müßte es eigentlich wissen.

Es gibt nur drei Menschen, die es wissen können - vorausgesetzt, daß sie Gelegenheit hatten, ihre Kenntnisse ständig zu aktualisieren:

- Mengeles Ehefrau Martha, die heute zurückgezogen ein Appartement in der Via del Parco 4 in Meran bewohnt;

- Hans Sedlmeier, früher Prokurist in der Landmaschinenfabrik Karl Mengele und Söhne in Günzburg, der erklärt hat, er werde das Geheimnis um den Sohn des Chefs mit ins Grab nehmen, und

- Paraguays deutschblütiger Präsident Alfredo Stroessner, der im Juli als Staatsgast in Bonn erwartet wird.

Hans-Ulrich Rudel, Ex-Flieger-As und Handlungsreisender (AEG, Hochtief, Phoenix-Rheinrohr), der sich zu Mengeles und Stroessners Freundeskreis zählte, hat gewiß auch gewußt, wo Mengele war. Aber Rudel ist tot.

Paraguay liegt immer noch im Zentrum der Fahndung. Das Innenministerium in Asuncion hat zwar glaubhaft versichert, daß es Mengele die paraguayische Staatsbürgerschaft 1979 wieder aberkannt habe. Aber in Paraguay sind mit Wissen der Behörden eine Menge Leute untergeschlüpft, die keinen paraguayischen Paß besitzen - der De-Gaulle-Attentäter Georges Watin, der schöne Konsul Hans Hermann Weyer und viele häßliche Deutsche, die vor dem Staatsanwalt oder vor dem Finanzamt davongelaufen sind.

Trotz gewisser Bemühungen seiner Regierung, das Image eines Nazi- und Ganovenparadieses loszuwerden, ist Paraguay vom geographischen und politischen Zuschnitt noch immer die bevorzugte Fluchtburg für zwielichtiges Volk - und für Schlimmeres. Seit ringsum in _(unten: Zwillinge Perla und Elizabeth ) _(Tusker, die von Mengele zu medizinischen ) _(Experimenten mißbraucht wurden. ) _(Oben, rechts: Simon Wiesenthal, 3. v. r. ) _(Telford Taylor, Chefankläger im ) _(Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozeß; )

Südamerika demokratisiert wird, ist Stroessners Soldaten- und Polizistenrepublik für die Branche noch unentbehrlicher geworden.

Von den ernst zu nehmenden Mengele-Spuren verlieren sich mehr als zwei Drittel im Länderdreieck Argentinien-Brasilien-Paraguay, in der wegelosen Wildnis des Gran Chaco, da, wo Piranha und Anakonda sich gute Nacht sagen.

Ein französischer Geschäftsmann, der von der Redaktion "aus Sicherheitsgründen" als Robert N. vorgestellt wurde, berichtete Anfang März im "Lyon-Matin", Mengele lebe zur Zeit auf dem Luftwaffenstützpunkt Pratts Gill im Chaco-Gebiet, nicht weit vom Rio Pilcomayo.

Mag sein, daß es sich wieder nur um ein Gerücht handelt. Bemerkenswert aber ist: Nur wenige Wochen zuvor war einem westdeutschen Kaufmann im Hafen von Asuncion eine mannshohe Kiste mit der Aufschrift "Günzburg - Filadelfia via Asuncion" aufgefallen. Filadelfia liegt genau an der Stelle, wo von der Trans-Chaco-Straße die Piste nach Pratts Gill abzweigt.

Unter den Deutschen im südlichen Südamerika ist die Jagd auf Mengele nicht populär. Nachdem die westdeutsche Botschaft in Asuncion ihr erstes Auslieferungsersuchen in Sachen Mengele überreicht hatte, malten Unbekannte auf die Frontwand des Gesandtschaftsgebäudes: "Jüdische Botschaft, Hände weg von Mengele, wir befehlen!"

Natürlich war Südamerika auch zur Zeit der Diktatorenblüte kein "Nazi-Kontinent". Noch nicht mal Dauer-Diktator Stroessners Paraguay ist ein Nazi-Land. Aber deutschnationale Irrungen haben in den Lederhosenklubs und den Sauerkraut-Tavernen von Asuncion, La Paz, Buenos Aires und Santiago de Chile unbestreitbar einen guten Humus. Nirgendwo sonst konnte sich Mengele so sicher fühlen, nirgendwo sonst zeigt sich die "Auschwitzlüge" in so vielen Variationen wie in den deutschen Traditionsvereinen Südamerikas.

"Sechs Millionen, da kann ich doch nur lachen", sagt Emil Rieber, Weinbauer aus der deutschen Siedlerkolonie Independencia in Südost-Paraguay. "In ganz Europa gab es nicht halb so viele Juden."

Die Riebers haben aus dem Nichts das größte Weingut Paraguays geschaffen. Ihr "Duque de Suabia" (Herzog von Schwaben) wird in den ersten Häusern von Asuncion getrunken. In der alten Heimat ist Emil Rieber das letztemal vor zwanzig Jahren gewesen. Und nach dem, was er in der Deutschen Welle darüber hört, will er auch nicht wieder hin.

Emil Rieber hat in all den Jahren nur eine einzige gute Nachricht über die Deutschen vernommen. Das war, als ein aufrechter Südamerika-Deutscher dem Bundeskanzler Willy Brandt seine Ostpolitik mit Tätlichkeiten lohnte. Nicht, daß er Nazi wäre. "Es gab auch Sauereien unter Hitler", sagt Rieber. Die Sache mit den Juden fand er überhaupt nicht in Ordnung. Emil Rieber ist bloß Patriot, sagt er. Einer von jenen Patrioten vielleicht, die "noch bei Ludendorff stehen und Hitler noch vor sich haben", wie Werner Finkelstein, ein emigrierter deutscher Jude, vom "Argentinischen Tageblatt" es ausdrückt.

Im vorwiegend ländlichen Paraguay präsentiert sich Demokratieverständnis ganz anders als im vergleichsweise kosmopolitischen Argentinien. Für den Gastwirt Arthur Kuschel und seine Frau Adele aus Hohenau am Rio Alto Parana zum Beispiel liegt Utopia politisch etwa auf halbem Wege zwischen der Bundesrepublik und Paraguay, ein bißchen dichter bei Paraguay vielleicht. Der Stroessner, meint Kuschel, sei schon ein guter Kompromiß. "Wir lieben den Mann, weil er uns viel Gut''s gebracht hat."

Zeitgeist hin, Zeitgeist her. Viele Deutsche kommen ja gerade von drüben, weil für sie die Welt hier noch heil ist, weil Individuum und Leistung noch zählen - wie Anton Köschinger aus Ingolstadt, der im Busch bei Puerto Stroessner mit dem Verkauf von Bier, Radi und Weißwurst sein Glück zu machen hofft.

In Hohenau und Obligado wird fast ausschließlich deutsch gesprochen und überwiegend deutsch gedacht. Die "Deutsche Nationalzeitung" hat hier prozentual mehr Leser als in irgendeiner Stadt in Deutschland. Hier heißen mehr Männer Adolf, als dem guten Ruf eines deutschstämmigen Gemeinwesens guttut. In der Familie Rinke gibt es gleich vier: Hermann-Adolf, Dieter-Adolf, Paul-Adolf und Ernst-Adolf.

"Der alte Rinke war ein überzeugter Nationalsozialist, und er wollte, daß man das wußte", sagt Gemeindepfarrer Steinhilber. Man hat nicht mal den Eindruck, daß Rinkes Söhne das als Hypothek empfinden. Es hatte schon seinen Grund, daß Jose Mengele oder "Don Fritz", wie er im Dorf hieß, sich hier verkroch, als ihm der Boden in Asuncion zu heiß wurde. Das kleine Häuschen von Alban Krug auf der Anhöhe gleich neben der alten Metzgerei war, soweit es sich feststellen läßt, sein letzter fester Wohnsitz. Hinter Hohenau verliert sich seine Spur im Trüben. Soviel ist sicher:

Hier in "Klein-Deutschland", wo jeder jeden kennt, ist er nicht. Es gibt hier eine Menge Leute, die ihn für weit weniger als sieben Millionen ans Messer liefern würden.

Die Mengele-Fahndung läuft auf vielen Schienen, aber kommt nicht voran. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft, die 26 Jahre lang unter dem Aktenzeichen 22 Js 77/59 Akte um Akte mit unverifizierbaren Hinweisen füllte, kann sich vor freiwilligen Helfern nicht retten.

Fast alle südamerikanischen Regierungen haben Mengele zur Fahndung ausgeschrieben. Nach vierzig Jahren Phlegma ist jetzt plötzlich die Jagd auf. Das Signal kam aus Washington. In den Vereinigten Staaten, so formulierte es Senator Alfonse D''Amato letzten Monat, ist Sühne für Auschwitz "eine Angelegenheit von nationaler Priorität". Senator D''Amato hat das Thema Auschwitz schon jetzt für seinen Wahlkampf in New York okkupiert, dem Bundesstaat, in dem mehr Juden leben als in Israel.

Nach Schätzungen von Allan Ryan, dem ehemaligen Direktor des Office of Special Investigations (OSI), wanderten in den ersten Nachkriegsjahren mindestens 10 000 Kriegsverbrecher in die Vereinigten Staaten ein. Davon wurden bisher noch keine hundert zur Verantwortung gezogen.

Der Anwalt John Loftus, zu Jimmy Carters Zeiten Fahnder im Justizministerium, behauptet, "komplette Führungskader von Nazi-Marionettenregierungen" im Baltikum seien "systematisch in die Vereinigten Staaten eingeschleust" worden. Und alle wußten es, sagt Ryan. "Aber der Kongreß tat nichts, die Behörden taten nichts, die Presse tat nichts."

Die US-Amerikaner hätten reichlich Gelegenheit gehabt, Josef Mengele der Gerechtigkeit zuzuführen, wenn sie gewollt hätten. Das erstemal 1947, als zwei GIs ihn in Wien verhafteten, ließen die Leute vom "Counter Intelligence Corps" (CIC) ihn wieder laufen, weil ihn die Briten als Agenten brauchten. Dann 1949, als er, ganz offensichtlich mit Wissen der Augsburger CIC-Dienststelle, in Günzburg wohnte. Anfang der sechziger Jahre, als Mengele unter seinem Namen im Haus seines Freundes Werner Jung in Asuncion lebte - nicht weit von der amerikanischen Botschaft.

Noch 1978 berichtete der damalige US-Botschafter, Robert White, ans State Department, der Gesuchte sei mehrmals im "Weißen Pferd", einer Doornkaat-Kneipe downtown Asuncion, gesehen worden. Keine Resonanz. Washington wollte ihn offenbar nicht.

Ähnlich wie Botschafter White ging es auch seinem israelischen Kollegen, Benjamin Weiser Varon, der in den sechziger Jahren mehrmals Positionsmeldungen über Mengele nach Jerusalem übermittelte. Die Regierung von Israel, so mußte er sich sagen lassen, wünsche es nicht, "daß ihre Diplomaten Jagd auf Nazis machen". Vielleicht aus Verdrossenheit über die Folgewirkungen der Eichmann-Entführung, vielleicht auch einvernehmlich mit der Regierung von Paraguay, die in den Uno-Abstimmungsschlachten zur Nahost-Frage stets überdurchschnittlich viel Verständnis für die israelische Sache zeigte.

Rabbi Morton Rosenthal von der Anti-Defamation League, sagte am 19. März dieses Jahres vor einem Untersuchungsausschuß des US-Senats: "Amerikanische Geheimdienstbeamte in Lateinamerika

machten über Mengele keine Meldungen an Washington, weil sie nie Anweisung dazu hatten. Selbst wenn einer Informationen über Nazi-Verbrecher hatte, wurden diese nicht weitergegeben, weil das Hauptquartier einfach nicht interessiert war."

Jetzt ist das Hauptquartier interessiert. Die Vereinigten Staaten haben, wie Justizminister William French Smith im Februar bekanntgab, neben Justiz und State Department "den ganzen Apparat unserer Dienste" - FBI, CIA, die Abwehr der U. S. Army, die Drogenfahnder von der Drug Enforcement Administration - in die Suche eingeschaltet.

Als Erklärung für das Mengele-Rodeo bieten Washingtoner Intellektuelle zwei konkurrierende Thesen an. Erste These: Die amerikanische Regierung will sich mit der Jagd auf Mengele symbolisch Ablaß für die Sünden der Vergangenheit kaufen. These zwei: Die israelische Regierung will mit Hilfe ihrer US-Lobby Schuldbewußtsein wecken, um die Diskussion über die Schuld zu übertönen, die Israel im Libanon auf sich geladen hat.

Ohne öffentliches Mandat mit auf der Mengele-Jagd sind Idealisten aus Israel, Österreich, Frankreich, der Bundesrepublik und den USA, die Gerechtigkeit auf eigene Rechnung suchen. Im ersten Glied Simon Wiesenthal, Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, der sein Lebenswerk mit der Ergreifung Mengeles krönen möchte, und das Ehepaar Beate und Serge Klarsfeld - er bekannt durch seine Rolle als Nebenkläger im bevorstehenden Prozeß gegen den ehemaligen Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie, sie prominent geworden durch die historische Backpfeife, die sie dem CDU-Kanzler und Ex-PG Kurt Georg Kiesinger verabreichte. Sie reiste wegen Mengele nach Paraguay.

Mit angetreten sind Abenteurer, Nachrichtenhändler und Kopfgeldjäger. Wer ihn lebend fängt, ist saniert fürs Leben. Die hessische Landesregierung erhöhte kurz vor dem Beginn des Tribunals von Jerusalem die ursprüngliche Belohnung von 50 000 Mark auf eine Million. Eine anonyme Gruppe von Amerikanern erhöhte um eine Million Dollar. Kurz darauf lobte die "Washington Times" - Inhaber: die Sekte des koreanischen Gurus San Myung Mun - eine weitere Million aus. Ende März forderte Senator Edward Kennedy vom Kongreß noch mal eine Million.

Wenn dem Kennedy-Antrag stattgegeben wird, steigt die Belohnung von sieben auf zehn Millionen Mark, die höchste Kopfprämie der Kriminalgeschichte. Es steht nicht zur Debatte, ob die Methode dem Ernst der Sache gerecht wird, ob es gut ist, Gerechtigkeit für die Opfer von Auschwitz auf dem Weg über ein Preisausschreiben zu suchen. Die Belohnung ist im Zweifelsfall sachdienlich. Und das reicht.

Das Geschäft ist im full swing. Der israelische Multimillionär Samuel Flatto Scharon, der selbst per Haftbefehl gesucht wird, hat eine Fangexpedition nach Zentralafrika ausgerüstet, um sich die Millionen zu verdienen. Die Londoner Leibwächter-Leasing-Gesellschaft Saladin Security erbot sich, Mengele gegen 20 000 Pfund Sterling Vorkasse exklusiv für den SPIEGEL zu fangen.

Bei Isaac Friedmann, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde von Asuncion, haben in den ersten zwei Märzwochen acht Mengele-Jäger um Tips nachgesucht. Aber Friedmann weiß nichts. Und wenn er was wüßte, so sagt er auf Jiddisch, würde er es für sich behalten: "Was brauch ich an Partner, um zu machen den Rebbach?" Die Jäger sitzen im "Prinz von Bayern" oder im "Chico Chop" und erzählen sich alte Judenwitze und neue Mengele-Gerüchte.

Viele wollen ihn gesehen haben, aber niemand ist ihm nahe genug gekommen, um ihn greifen zu können. Und einige, von denen man annimmt, daß sie ihm

nahe genug gekommen sind, leben nicht mehr. Die zwei brasilianischen Juden zum Beispiel, die im Sommer 1965 am Ostufer des Rio Alto Parana nördlich von Puerto Presidente Stroessner mit durchschnittenen Kehlen angetrieben wurden, nachdem sie auf der paraguayischen Seite angeblich eine heiße Spur entdeckt hatten.

Die Israelis hören es nicht gern. Aber Tatsache ist: Bei der Jagd auf alte Nazis ist es zu fatalen Fehlleistungen gekommen. Ex-Mossad-Chef Isser Harel berichtete im Februar vor dem Mengele-Tribunal, seine Männer hätten in den sechziger Jahren mehrere Kriegsverbrecher, unter ihnen den lettischen Faschistenführer Herbert Cukurs, erschossen, nachdem der Eichmann-Prozeß nichts als Ärger gebracht hatte.

Ergänzend zu diesem Komplex findet sich in einem CIA-Dossier vom 7. Juni 1974 der Hinweis, "israelische Terroristen" hätten 1973 in Paraguay einen Deutschen namens Federichi oder ähnlich, den sie für Mengele hielten, totgeprügelt und seine Ehefrau zum Krüppel geschlagen.

Nur einmal, im Frühjahr 1964, war er ihnen zum Greifen nahe. Eine Gruppe von Männern drang nachts mit gezogenen Pistolen ins Hotel Tirol del Paraguay in Capitan Miranda ein, um Mengele, der hier das Wochenende verbringen wollte, aus dem Bett zu holen. Doch das Appartement Nummer 26, in das er sich zurückgezogen hatte, war leer. Mengele war offenbar gewarnt worden.

Wer die Männer waren, hat man nie erfahren - vielleicht Kopfgeldjäger, vielleicht israelische Agenten, vielleicht das legendäre "Komitee der Zwölf", eine Gruppe ehemaliger Auschwitz-Häftlinge, die sich an Mengele rächen wollten, wie Simon Wiesenthal sagt. Vielleicht.

Wiesenthal will den Gesuchten erst neulich wieder im Hotel Tirol in Capitan Miranda geortet haben. Doch das wird vom Management energisch bestritten. "Der Mann ist nie hiergewesen", sagt Inhaber Armand Reynards. Genaugenommen kennt er überhaupt keinen Mengele. Dabei war Armand Reynards während des Krieges bei der SS-Division "Wiking" - wie auch Josef Mengele.

Die Spuren, Hinweise und Zeugenaussagen, die sich bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt zu Aktenbergen türmen, lassen sich in drei Kategorien einteilen: in plausible (Kategorie eins), weniger plausible bis dubiose (Kategorie zwei) und vollkommen absurde, deren Motive nicht allein durch Einfalt und Leichtgläubigkeit zu erklären sind (Kategorie drei).

Was die Arbeit der Fahnder so schwierig macht: Auch trübe Quellen müssen ausgefiltert werden. Und auch aus seriösen Quellen fließen bisweilen unseriöse Mengele-News.

Die Faszination des Bösen hat die Mengele-Legende um eine Fülle von makabren und phantastischen Facetten bereichert. Der dänische Arzt Bjarne Berbom etwa wollte ihn als Leibarzt von Staatschef Stroessner identifiziert haben. Tuvia Friedmann vom Dokumentationszentrum für NS-Verbrechen in Haifa glaubt beweisen zu können, daß Mengele "regelmäßig" in die USA reist, um sein Millionenvermögen zu verwalten.

Er züchtet Bienen, trinkt ausschließlich "Bahama-Bier", spielt immerzu mit Schäferhunden, hilft Stroessner bei der Ausrottung von Indianern, hat Krebs, vier Leibwächter, einen Mercedes 280 SE und gilt, wie die CIA vor Jahren herausfand, allgemein als "netter Kerl ... der häufig ein Kartenspiel namens Scat spielt".

Er ist außer in drei Dutzend Orten in Paraguay und Argentinien angeblich schon in fast allen lateinamerikanischen Ländern gesehen worden, außerdem in den USA, in der Schweiz, in Kanada, Spanien, Portugal, Griechenland und Italien; als Mönch verkleidet in seinem Geburtsort Günzburg und als Mitarbeiter der bundesdeutschen Botschaft in Asuncion - nur in Loch Ness noch nicht. Das alles gehört in die Glaubwürdigkeitskategorie drei.

Der brasilianische Fernsehreporter Adolfo Cicero will ihn beobachtet haben, wie er bei Eldorado am Rio Parana in Begleitung von Leibwächtern aus einem Motorboot namens "Wiking" stieg. Beinahe hätte er ihn dabei auch gefilmt - wenn nicht die Sonne gerade so ungünstig gestanden hätte.

Die aktuellste Tatarenmeldung stand Anfang März in dem portugiesischen Wochenblatt "O Crime". Der Gesuchte, so wollte "O Crime" erfahren haben, sei Anfang Februar dieses Jahres in Lissabon tot aufgefunden worden, möglicherweise erschossen von Rauschgifthändlern.

Simon Wiesenthal verdächtigte Mengeles Günzburger Angehörige, absichtlich eine falsche Fährte gelegt zu haben. Die Lösung war viel einfacher: "O Crime" hatte längst überholte Berichte des "Special Narcotic Team" der CIA über einen deutsch-südamerikanischen Drogenhändler namens Mengele und die Meldung über eine 1980 von Mengele in Portugal verschickte Weihnachtsgrußkarte zu einem Lokalreißer verrührt. Die Sache kam raus, Blamage auf der ganzen Linie.

Roger Therond, Generaldirektor der Pariser Illustrierten "Paris-Match", kam Anfang 1983 gerade noch mal davon, als er 26 fertig umbrochene Illustriertenseiten mit einer Mengele-Reportage und einem Mengele-Interview im letzten Moment aus dem Blatt warf.

Ob die Intervention des Ehepaars Klarsfeld ihn dazu veranlaßte, den vermeintlichen Knüller zu kippen, wie Beate Klarsfeld behauptet, oder die Aussicht auf einen noch größeren Knüller, ist Redaktionsgeheimnis. Immerhin gibt die zeitliche Koinzidenz zwischen der Liquidation der Mengele-Story und dem Erwerb von Heidemanns Hitler-Tagebüchern durch "Paris-Match" zu denken.

In der italienischen Illustrierten "Oggi" kam - der echte oder getürkte - Mengele doch noch zu Wort. "Oggi" füllte im März 1983 zehn Seiten mit angeblichen Mengele-Einlassungen über Eichmann, sich selbst, die Judenfrage und die Auschwitz-Lüge, die Autor Hubert Lassier beim Bier im Busch notiert haben wollte.

Auschwitz, so war zu erfahren, sei ein Luxuslager - wörtlich "Luxuslager" - gewesen, mit Krankenhaus, Konzertsaal

und Bordell. Gaskammern? Nie gehört. Selbst wenn sie gewollt hätten - sie hätten ja nicht mal den Brennstoff gehabt, um all die Leichen zu vernichten. "Fragen Sie mal im Pariser Krematorium nach, wieviel Petroleum man benötigt, um eine einzige Leiche zu verbrennen."

Er, Mengele, jedenfalls habe nicht einen einzigen Menschen umgebracht. Er habe keine Juden in die Gaskammern geschickt (weil es ja keine gab), sondern nur Häftlinge für Arbeitseinsätze ausgewählt. Ja, ganz im Gegenteil, er habe vielen Häftlingen sogar das Leben gerettet. Und für seine Experimente habe er ausschließlich zum Tode verurteilte Gewaltverbrecher benutzt.

Dem Text beigefügt waren ein Photo des Interviewers in Gesellschaft eines unidentifizierbaren Mannes mit Schlapphut sowie eine Schriftprobe, die in der Tat auffällige Ähnlichkeit mit der Handschrift aus Mengeles Personalakten hat.

Schon das offensichtliche Bemühen des Gejagten, seinen Jägern keinen Beleg für seine Existenz zu liefern, spricht gegen die Echtheit des Interviews. Dafür sprechen könnte die Authentizität der zum Teil kaum bekannten biographischen Details, soweit sie überprüfbar sind. Und noch mehr der ausgefeilte dialektische Duktus des Dialogs. Konrad Kujau jedenfalls hätte das nicht hingekriegt.

Wenn es kein Mengele-O-Ton war und Hubert Lassier das Interview auch nicht erfunden hat, dann war jemand am Werk, der im Stoff steht und der ein Interesse daran hat, das Thema Auschwitz und das Thema Mengele historisch und politisch neu aufzuarbeiten. Vielleicht Simon Wiesenthals großer Unbekannter, der schon ein paarmal falsche Spuren gelegt haben soll, um von der richtigen Spur abzulenken.

Der Text ist auf weiten Strecken identisch mit dem Text der einzigen von Mengele autorisierten Erklärung zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. 1960 hatte Josefs Bruder Alois, Ehrenbürger von Günzburg und Miteigentümer der Mengele-Unternehmen, seinen Prokuristen Sedlmeier nach Asuncion geschickt, um aus berufenem Munde zu erfahren, "ob der Bebbo was verbroche hat".

In der Erklärung, die Sedlmeier der Familie übermittelte, hieß es unter anderem: "Ich persönlich habe niemanden getötet, verletzt oder körperlich geschädigt." Er, Josef Mengele, habe keinen Juden für die Gaskammer selektiert, sondern für Arbeitseinsätze in der Rüstungsindustrie. Wie bei Lassier.

Bruder Alois hat in den letzten Jahren vor seinem Tode entlastende Aussagen ehemaliger KZ-Häftlinge gesammelt. Einheitlicher Tenor: Mengele hat uns das Leben gerettet. Siehe Lassier.

Auch der damalige Hygienearzt in Auschwitz, Dr. Münch, stellte dem Chef zehn Jahre danach einen Persilschein aus. Mengele habe für seine Experimente nur Häftlinge benutzt, die ohnehin dem Tode geweiht waren. Siehe Lassier.

Tatsache ist: Außer Mengele haben noch ein paar Dutzend andere Selektionsärzte Dienst an der Rampe von Birkenau getan. Er war einer von vielen, die mit "menschlichem Lebendmaterial" experimentierten, wie es im KZ-Jargon hieß. Gut möglich, daß deshalb die Zahl seiner Opfer um eine Nullstelle zu hoch angesetzt ist. Strafrechtlich macht das keinen Unterschied und moralisch schon gar nicht.

Mystifizierung und Jägerlatein haben die Fahndung nicht eben erleichtert. Unter den hauptberuflichen Fahndern ist umstritten, ob etwa die Tips des durchaus verdienstvollen Simon Wiesenthal in ihrer Gesamtheit die Fahndung eher behindert oder gefördert haben. Die unprofessionelle Hast, mit der der Nestor der Nazi-Jäger seine Hinweise ohne Ansehen der Quellen über Justiz und Medien ausstreut, hat ihm den Verdacht eingetragen, Publicity gehe ihm mitunter über Fahndungserfolg.

Im März letzten Jahres zum Beispiel hatte ein Wiesenthal-Zeuge den Gesuchten angeblich als Gast des Rentners Peter Fast in Asuncion geortet. Aber Peter Fast ist schon zehn Jahre tot, sein Grabstein ist zu besichtigen.

"Ich habe Fehler begangen", sagt Wiesenthal, "einfach, weil ich ein paarmal zu spät gekommen bin." Er habe Mengele mehrmals um Haaresbreite verpaßt, in Meran, in Torremolinos, auf den Bermudas. Aber es lag nicht allein an der fehlenden Fortüne. Simon Wiesenthal hat auch Netze ausgeworfen, wo gar kein Fisch war.

Einem von ihm beauftragten Reporter, so erzählt Wiesenthal in seinem Buch "Doch die Mörder leben", sei der Gejagte auf der Insel Kithnos bei Kreta im letzten Moment entkommen. Reporter Ottmar Katz, der in der Sache für Wiesenthal recherchierte, erklärt dagegen, er habe Wiesenthal damals wahrheitsgetreu berichtet, der Mann, den er auf Kithnos aufgespürt habe, sei nicht Mengele gewesen. Und die Insel Kithnos liegt auch nicht bei Kreta, sondern südöstlich von Athen. "Simon Wiesenthal", sagt Ex-Botschafter Benjamin Weiser Varon, "war immer ein Nazi-Jäger, aber nie ein Nazi-Fänger."

Doch Wiesenthal war selbst KZ-Häftling. Man kann von ihm nicht die sachliche Distanz erwarten, mit der die Juristen

der Nachkriegsgeneration an den Fall Mengele herangehen.

Dieser Bonus wurde den zwei israelischen Mengele-Jägern Tuvia Friedmann und Josef Alster nicht gewährt, die Ende Januar in Günzburg erschienen, um Oberbürgermeister Rudolf Köppler zu veranlassen, den Stadtrat für eine Beteiligung an einer Mengele-Sonderfangprämie zu gewinnen. Nur so könne "die sündige Stadt die Schande tilgen, den Erzverbrecher und Massenmörder gedeckt zu haben". Die Israelis vermochten sich nicht durchzusetzen. Der Stadtrat lehnte den Zuschuß ab.

Die Herren schieden verstimmt. Wenn Mengele nicht in diesem Jahr gefunden werde, so drohte Tuvia Friedmann zum Abschied den Ratsherren, werde der Herr Günzburg verderben, "wie er Sodom und Gomorrha verdorben hat".

Die Stadtväter blieben gelassen. Sie lehnen die Kollektivschuldthese ab. Und eine Stadt mit einem sozialdemokratischen Oberbürgermeister, dessen Vater von den Nazis wegen Wehrkraftzersetzung erschossen wurde, braucht sich mit solchen Anklagen wohl auch nicht auseinanderzusetzen. Man könne die Günzburger ebensowenig für Mengele verantwortlich machen wie die Salzburger für Mozart, hieß es. Und daß irgendjemand dort Mengele gedeckt habe, ist nicht zu belegen.

Nicht, solange nur materielle Protektion gemeint ist. Wie gut für die Günzburger, daß das 1983 erschienene Buch "a'' Stückle Hoimat" aus der Feder des Günzburger Schulmeisters und Heimatforschers Josef Baumeister gerade vergriffen war, als die Herren Friedmann und Alster an der Günz weilten. Das Werk enthält unter anderem eine Grußadresse "An Dr. Josef Mengele", in der es mundartlich verschlüsselt, aber dennoch unzweideutig heißt:

"Deitsche send an Deitschland g'hanga, so wia Du as jongr Ma', weil dr Kriag drneaba ganga, klagt ma' Di ond's Volk heit a''. "

Und wer ist daran schuld? Der Jud. Die Mengele-Ode läßt da keine Zweifel:

"Hat et scho dr Luther böllat: "Zendat d'Senagoga a'!"Vom Kathedr hat ma's g'schellat, daß dr Jud bloß "juda" ka''! " Vo Zegeinr ond Semita haba seltmaul ibral gsait: Boide seiat Parasita, ibr dia koi Volk se frait."

Und in seiner Lebenshilfe für "Jonge Deitsche" spricht der Dichter:

"Fir mi send dia, wo''s deitsche Volk verdammat viel mendr noch wia d'Nazi allmitnand, weil dia vom Deitsche heit no Zahlonga verlangat, au wenn se's, wia se sagat, vo Verbrechr hand!"

Josef Baumeister sagt über den Gesuchten: "Er war schon in der Schule für seine guten Taten bekannt. Kann denn ein Mensch so zum Untier entarten?" Nein, Lehrer Baumeister hat die frühe Mengele-Vita studiert, und er ist zu dem Schluß gekommen: "Der Mengele Bebbo ist eine tragische Figur." Und so dächten viele in Günzburg. Der damalige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hat wohl gewußt, was er sagte, als er Günzburg ein "Verschwörernest" nannte.

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft glaubt, daß Mengele noch heute von seiner Familie finanziell unterstützt wird. Doch die gegenwärtigen Firmeninhaber, Karl-Heinz und Dieter Mengele, beide Neffen von Josef Mengele, streiten das ab und verweigern im übrigen die Aussage. "Und das", so sagt Oberstaatsanwalt Hans Eberhard Klein, "müssen wir respektieren, denn das ist ihr gutes Recht."

Es darf mit Fug angenommen werden, daß Günzburg aus Josef Mengeles Leben nicht gestrichen ist. Als sein Vater begraben wurde, lag auf dem Grab ein Kranz ohne Namen, nur mit dem Aufdruck "Ein Gruß aus der Ferne".

Nicht ausgeschlossen, daß unter dem weltumspannenden Firmendach des schwäbischen Landmaschinenmultis - 1200 Mitarbeiter, eine Viertelmilliarde Umsatz - auch für den verlorenen Sohn ein trockenes Plätzchen reserviert ist. Die Annahme dagegen, daß "der Massenmörder vom Profit seines Unternehmens lebt", wie die "Sozialdemokratische Pressekonferenz" der Bayern-SPD im Februar suggerierte, ist sicher so nicht richtig. Im Handelsregister wurde Josef Mengeles Name nie geführt. Aber er ging gewiß nicht leer aus, als seine Brüder Karl und Alois das Erbe des Firmengründers Karl Mengele antraten.

Martha Mengele könnte dazu was sagen. Nach dem Tode ihres ersten Mannes, Karl Mengele junior, heiratete sie am 25. Juli 1958 in Uruguay dessen Bruder Josef, der sich zuvor auf Druck seines Vaters von seiner Frau Irene (heute wohnhaft in Freiburg) hatte scheiden lassen. Niemand in Günzburg glaubt, daß es eine Liebesheirat war. Möglich, daß Josef Mengele durch die Ehe mit der Witwe seines Bruders de facto dessen Firmenanteile übernahm. De facto, aber eben nicht handelsrechtlich. Damit ist die Transaktion juristisch irrelevant.

Doch die Gerechtigkeit hat noch eine Chance. Dafür bürgt Josef Lindemann, der Friedhofswärter des deutschen Begräbnisvereins in Asuncion.

Josef Lindemann ist ein alter Nazi-Fresser von der Saar. Er flüchtete 1937 aus Sankt Ingbert nach Südamerika, nachdem er in der "Bewegung Freie Saar" gegen den Anschluß ans Reich gekämpft hatte. Er schlug sich jahrelang mit allerlei zweitklassigen Jobs durch. Und, zugegeben, er gehörte nicht zu den Spitzen der feinen deutschen Gesellschaft in Asuncion, obwohl er mit den weitaus meisten gut Freund war.

Heute ist er ein geachteter Mann. Denn er entscheidet darüber, wo die verstorbenen Deutschen auf dem deutschen Friedhof an der Avenida Mariscal Lopez beerdigt werden. Für seine Freunde hatte er stets einen Platz an der Sonne, gleich vor der kleinen Kapelle. Die anderen liegen im Schatten.

Der Carlos Duisberg zum Beispiel. "Ein unverbesserlicher ... na ja, nichts Schlechtes über die Toten. Einmal hat er mich zu sich zitiert und zur Rede gestellt, weil ich für einen Juden gearbeitet hatte. Jetzt liegt er da."

Auch Lindemann ist davon überzeugt, daß Josef Mengele in Paraguay lebt. Er glaubt nicht, daß er lebend gefangen wird. Doch er ist guter Hoffnung, daß sie ihn hierherbringen werden, wenn er tot ist, weil sie ihn in Deutschland kaum begraben werden.

Und dann naht die Stunde von Josef Lindemann. Der Mengele kommt in die letzte Reihe ganz hinten an der Friedhofsmauer. Das hat sich Josef Lindemann geschworen.

unten: Zwillinge Perla und Elizabeth Tusker, die von Mengele zu medizinischen Experimenten mißbraucht wurden. Oben, rechts: Simon Wiesenthal, 3. v. r. Telford Taylor, Chefankläger im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozeß;

DER SPIEGEL 17/1985
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Sechs Millionen, da kann ich nur lachen