29.10.1984

„Für mich war das ein stehendes Fahrzeug“

SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz im Prozeß gegen Otto Wiesheu in München _____“ Mir san Hund - die andern san a Hund - aber mir san „ _____“ die größeren Hund. „ _____“ Aufkleber am Armaturenbrett des Autos von Otto „ _____“ Wiesheu, damals Vorsitzender der Jungen Union Bayern, im „ _____“ Jahr 1975 „ *
Endlich war er auf der Straße nach ganz oben, als er am 1. April 1983 Generalsekretär der CSU wurde. Jahrelang hatte er warten müssen, das "fragwürdige Vergnügen" genossen, wie Roswin Finkenzeller in der "Frankfurter Allgemeinen" bemerkte, als "Geheimtip" zu gelten. Doch das war nun vorbei. Einen "Apfel von Straußens Stamm" nannte ihn die "Zeit". Er war jetzt "General" und mit seinen 38 Jahren ein Mann, vor dem nichts als Zukunft lag. In der Nacht zum 29. Oktober 1983, knapp sieben Monate später, endete die Straße nach ganz oben auf der Bundesautobahn München-Nürnberg: "Infolge seiner alkoholbedingten Fahruntauglichkeit bemerkte er zu spät, daß bei Kilometer 521,745 der Pkw Fiat, amtliches Kennzeichen: M-TZ 4336, ebenfalls auf der mittleren Fahrspur der Bundesautobahn in gleicher Richtung fuhr und prallte auf den Pkw, dessen Rücklichter eingeschaltet waren, auf."
Ein Toter, ein Verletzter und die Anklage wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung und wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs - das alles in Sekunden und mitten auf der Straße nach ganz oben, nach jahrelangem Warten. Er kann es nicht fassen. Er ist nicht nur auf einen vor ihm fahrenden Wagen geprallt. Der Blitz kann einen treffen, tödliche Krankheit über einen kommen - aber so, nach einem Tag wie jedem anderen, auf der Heimfahrt, auf der Straße?!
Dr. Otto Wiesheu, Rechtsanwalt, Mitglied des Bayerischen Landtags, beurlaubter Generalsekretär der CSU, geschieden, ein Kind, wird am Mittwoch dieser Woche 40 Jahre alt. Und nun ist da ein Riß in seinem Leben, gibt es plötzlich eine Vergangenheit, die ihn in der Zukunft begleiten wird: 13 Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung.
Sein Mandat im Landtag will er behalten. Er werde ja gegen seine Verurteilung das Rechtsmittel einlegen. Noch ist nichts endgültig entschieden. Es kann doch zu einem glimpflicheren Urteil kommen, zu einer zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe, vielleicht sogar zu nicht mehr als einer Geldstrafe.
Er kann es noch immer nicht fassen. Es geht ihm wie den Unzähligen, für die sich auf der Straße von einer Sekunde auf die nächste das ganze Leben verändert; die sich an einem Tag, der doch nur ein Tag wie jeder andere war, jählings dem Vorwurf überantwortet sehen, Tod oder schwere Verletzung verursacht zu haben. Sie können das nicht begreifen. Sie haben doch nicht verletzen, geschweige denn töten wollen.
Es ist eine Sache des Naturells und der Umstände, ob sich die Fassungslosigkeit nach innen wendet - oder ob sie sich nach außen, in die Abwehr und sogar in den Angriff kehrt. Die einen geraten an sich selbst und entdecken die Spur, die in ihr Versagen in dem einen, ihr ganzes Leben verändernden Augenblick führte. Die anderen entdecken sich selbst als das wahre Opfer. Sie haben zwar überlebt, aber der andere, der tot ist oder schwer verletzt, er hat etwas falsch gemacht und einen in seinen Fehler hineingezogen.
Otto Wiesheu wird vor dem Amtsgericht in München als Angeklagter zur Sache gehört. Er ist schmal geworden. Von einer "gedrungenen, zur Massigkeit neigenden Statur" kann jedenfalls derzeit nicht die Rede sein. Während man hört, was er sagt, drängt sich einem auf, was er sagen könnte.
Ich hatte getrunken, könnte er sagen, ich hätte mich nicht ans Steuer setzen dürfen. Ich war nicht mehr in der Lage, ein Fahrzeug sicher zu führen, wie Sie, Herr Staatsanwalt, mir vorwerfen. Und
ich stimme Ihnen auch zu, wenn Sie vortragen, daß ich das bei gewissenhafter Selbstprüfung hätte erkennen können. Ich selbst werfe mir das vor, nicht nur hier vor Gericht. Und ich werfe mir das auch nicht etwa nur deshalb vor, weil mein Versagen für meine Laufbahn als Politiker Folgen haben kann.
Meine Erinnerung an das, was geschah, könnte Otto Wiesheu fortfahren, ist dürftig. Ich hatte getrunken. Ich habe bei dem Aufprall eine Gehirnerschütterung davongetragen. Doch das, woran ich mich erinnere, sieht anders als der Sachverhalt aus, den die Staatsanwaltschaft annimmt. Ich meine, mich zu erinnern, daß das Fahrzeug, auf das ich auffuhr, stand. Und ich meine auch, daß es nicht beleuchtet war.
Nur ein Gutachten, könnte Otto Wiesheu schließlich sagen, bestätigt meine Erinnerung. Die Würdigung der Gutachten ist Sache des Gerichts. Und ich bin überzeugt davon, daß die Sachverständigen, die zu einem für mich negativen Resultat kommen, nach bestem Wissen und Gewissen vortragen werden. Doch der eine Sachverständige, der meine Erinnerung bestätigt, hat die Unfallsituation nachstellen können. Seinem Gutachten liegt ein Versuch zugrunde, der gefilmt wurde, der also nachprüfbar ist. Dieses Gutachten hat ein besonders stabiles Fundament. Ich richte meine Aussage nicht auf dieses Gutachten ein. Dieses Gutachten bestätigt nur, woran ich mich zu erinnern meine.
So könnte Otto Wiesheu sich einlassen, doch so läßt er sich nicht ein. Er hat am Abend des 28. Oktober mit Mitarbeitern der Landesleitung getrunken. Er hat einen Fahrer. Der ist an diesem Tag zum Sicherheitstraining gewesen, aber inzwischen schon wieder zu Hause. Es wäre möglich, ihn kommen zu lassen. Doch in den folgenden Tagen wird der Fahrer sehr beschäftigt sein: "Ich hab' mir also gedacht, ich fahr' doch lieber selbst." Außerdem hat sich Otto Wiesheu fahrtüchtig gefühlt. Er ist Alkohol gewohnt. Es sei nicht so, daß man in der Politik "monatelang trocken umeinandlaufen kann". Er fährt auf die Autobahn, zunächst hält er die rechte Spur, dann geht er auf die mittlere und hängt sich an ein anderes Fahrzeug an.
Dieses Fahrzeug schert "ziemlich plötzlich" nach links aus - und Otto Wiesheu entdeckt vor sich ein Hindernis, "auf der Fahrbahn stehend", ein "schwarzer, dunkler Klotz" ist plötzlich vor ihm im Licht seiner Scheinwerfer. Er meint, er sei in eine bereits bestehende Unfallsituation hineingefahren. Wie schnell er gefahren ist, kann er "nimmer" sagen, unter 100 nicht, aber auch nicht 200. Im übrigen "fahre ich diese Strecke seit zehn Jahren". Er hat sich "wohl gefühlt", wie er hinter dem anderen Wagen herfuhr, das war keine "Hetzjagd". Er versucht noch, nachdem er gebremst hat, gleichfalls nach links auszuweichen - doch dann weiß er erst wieder, daß er auf der Fahrbahn steht.
Daß der Tote, der da liegt, "mit mir in Zusammenhang ist, das habe ich zunächst nicht angenommen". Er zieht die Leiche an den Fahrbahnrand. Und dann macht er sich zurück, in Richtung München, auf den Weg. "Ich muß schaun, daß nicht noch mehr passiert", nur daran erinnert er sich. Er will die aufkommenden Fahrzeuge warnen. "Ich hatte den festen Eindruck, daß dieses Hindernis unbeleuchtet war", sagt er. Wie dicht er dran war, als er es sah: "Ich hatte kein Distanzmeßgerät bei mir, Herr Nebenklägervertreter!"
Von Otto Wiesheus Naturell wissen wir nichts, aber er ist Politiker, und das ist für ihn in dieser Situation ein verhängnisvoller Umstand. Er wirbt nicht um Verständnis, es steht ja keine Wahl an. Er muß sich durchsetzen. Er hat sich fahrtüchtig gefühlt. Die Strecke fuhr er seit zehn Jahren. Natürlich hätte er seinen Fahrer kommen lassen können, aber er hat Rücksicht genommen - er hat sich fahrtüchtig gefühlt, fahrtüchtig, fahrtüchtig. Man wird doch noch unter Alkohol fahren dürfen, solange man sich fahrtüchtig fühlt.
In seiner Aussage geht er mit keinem Wort darauf ein, daß er am Steuer saß und nicht am Steuer hätte sitzen dürfen. Er ist der Politiker, der sich der "Stimmungsmache" erwehrt, der nur eine Kritik kennt, die der "politischen Gegner", und gegen die muß man sich durchsetzen, um die wirbt man nicht, denen gegenüber darf man nichts zeigen, was als Schwäche ausgelegt werden könnte. Wie man sich fühlte und fühlt, fahrtüchtig oder unschuldig, das ist durchzusetzen.
Die eintrainierte Haltung des Politikers Wiesheu ist für den Angeklagten Wiesheu ein Verhängnis. Und das Verhängnis vergrößert ein zweiter Umstand - der Zustand des Fiat 500, auf den Otto Wiesheu in der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober 1983 gegen 2.30 Uhr aufprallt. Ob der Fiat stillsteht oder, wenn auch langsam, fährt, ob er beleuchtet ist oder nicht: Dieser Wagen ist für einen Mann, den seine Fassungslosigkeit nicht nach innen wendet, sondern nach außen in die Abwehr und den Angriff kehrt, eine unwiderstehliche Versuchung.
In diesem Wagen sind um zwei Uhr nachts der Rentner Josef Rubinfeld, 67, und der damals 41 Jahre alte Taxifahrer Friedrich Giland, beide in Polen geboren, zu einer Fahrt in die Heimat aufgebrochen. Die will Josef Rubinfeld noch einmal sehen. Er will auch Auschwitz besuchen. Dort kamen seine Angehörigen um. Außer ihm hat nur eine Schwester überlebt.
Der gebraucht gekaufte Wagen ist überfüllt mit Geschenken, mit Lebensmitteln, Kleidung, Putz- und Waschzeug, mit Autoersatzteilen, Farbeimern, Koffern, Taschen und Kartons. Und über allem ragt noch ein Dachträger mit zusätzlicher Last, zum Beispiel zwei Paar Ski, befestigt unter anderem mittels eines ausgedienten Expanders. Die Reifen des überladenen Autos stehen nach außen, als versuche es einen Spagat.
Der Zustand des Wagens ist schlimm, doch einmal, als dieser Zustand wieder von einem Zeugen beschrieben wird, unterläuft es Otto Wiesheu, zu triumphieren. "Der war hinten voll, vorne voll und oben voll", ruft er aus. Der Wagen muß einfach gestanden haben, und unbeleuchtet dazu. Doch Otto Wiesheu sollte das Wort "voll" in diesem Prozeß nicht in den Mund nehmen. Denn daß er damals "voll" war, haben fast alle Zeugen ausgesagt. Die Gehirnerschütterung wird dazu beigetragen haben, daß er so wirkte. Doch nur einer Gehirnerschütterung wegen stinkt man in der Regel nicht nach Alkohol. Auch läßt der Alkoholbefund, den der Sachverständige Professor Wolfgang Eisenmenger vorträgt, nicht den geringsten Zweifel.
Hat der Fiat gestanden? War er unbeleuchtet? Sechs Sachverständige erstatten Gutachten, aus deren Summe sich zwingend ergibt, daß der Wagen, wenn auch langsam, fuhr, daß er beleuchtet war (und auch nicht bei eingeschaltetem Warnblinklicht stand). Professor Max Danner, 54, sieht das anders. Der Rechtsanwalt Dr. Robert Peter, der die Schwester Josef Rubinfelds als Nebenklägerin vertritt (noch nie haben wir einen so ausgezeichneten, zugleich maßvollen und entschiedenen Nebenkläger erlebt), lehnt Professor Danner wegen Besorgnis der Befangenheit ab. Otto Wiesheu ist bei der Allianz versichert. Professor Danner gehört der Generaldirektion der Allianz an.
Professor Danner erklärt sich für unbefangen. Er habe zur Schadensregulierung
bei der Allianz keinen Kontakt. Er leite bei der Allianz ein selbständiges Zentrum, das sich mit der grundsätzlichen Klärung wichtiger technischer Fragen befasse. Das Gericht verwirft die Ablehnung. Der Pfarrer ist zwar Mitglied der Kirche, doch als Sachverständigen zu der Frage, ob Gott existiert, kann man ihn hören. Die Allianz sollte dafür sorgen, daß Professor Danners Engagements nicht zu mißverständlichen Situationen führen, die dem Slogan "... hoffentlich Allianz versichert" einen neuen Sinn geben müßten.
Professor Danner hat einen Crash-Versuch unternommen, der ein "grundlegendes Fragenproblem" zum Inhalt hatte und aus dem ein "genereller Bericht" hervorging, "der auch der Nachwelt noch Erkenntnisse geben wird". Die Erstattung seines Gutachtens ist ein Temperamentsausbruch, der alles hinwegzufegen sucht, was an widersprechenden Ergebnissen vorgetragen worden ist.
Professor Danner spricht von den anderen Sachverständigen fleißig als den "Kollegen", um inhaltlich auf das bösartigste mit ihren Erkenntnissen umzuspringen (was ein klammheimlicher Versuch, einen der "Kollegen" durch listiges Lob herauszubrechen, noch illuminiert). Das Auto stand, es war unbeleuchtet - und als Otto Wiesheu mit seinem Mercedes 380 SE, "zugelassen auf den 'Bayernkurier'", aufprallte, befand sich Josef Rubinfeld nicht in seinem Fiat. Die Versuchsanordnung hat den Unfall perfekt nachgestellt und nachvollzogen. Gewisse Widersprüche - dazu kann Professor Danner nichts sagen, darauf hat sich sein Auftrag nicht erstreckt. Im Falle dieses Falles, daran bleibt kein Zweifel, weiß Danner alles - man hat ihn nur nicht nach allem gefragt.
In seinem Schlußwort deutet Otto Wiesheu an, daß etwas in Gang gekommen ist in ihm, aber vielleicht hat man ihn auch nur auf die katastrophale Wirkung seiner Aussage hingewiesen. Was sein Gefühl, er sei fahrtüchtig gewesen, angeht, so sehe er das jetzt anders. Auch müsse man als Politiker natürlich nicht immerzu Alkohol trinken. Nach der Verurteilung - er wird in die Berufung gehen, das Landtagsmandat berührt das nicht, politische Arithmetik liegt in der Luft, eine Bewährungsstrafe, eine Geldstrafe gar, das ließe sich doch überleben.
Er hält daran fest, daß sein Opfer den Unfall mitverschuldet oder sogar überwiegend verschuldet hat, und man ließ ja in der Sitzung sogar anklingen, daß der Getötete vielleicht von einem anderen Fahrzeug getroffen und getötet worden sein könnte. Da sind wir wieder. Man muß doch auch einmal (einmal, zum ersten Mal?) betrunken Auto fahren können - ohne an einen überladenen Kleinwagen zu geraten, der einem keine Chance läßt und auf den man auch ohne Alkohol hätte prallen müssen.
Mir san Hund - die andern san a Hund - aber mir san die größeren
Hund. Aufkleber am Armaturenbrett des Autos von Otto Wiesheu, damals
Vorsitzender der Jungen Union Bayern, im Jahr 1975
Von Mauz, Gerhard

DER SPIEGEL 44/1984
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