31.12.1984

NS-BAUTENTeure Kälte

Nürnberg hat den Goldenen Saal der NS-Reichsparteitagsbauten originalgetreu restauriert - museale Kulisse für eine Dauerausstellung über „Faszination und Gewalt“ des Nazi-Regimes. *
Kein Prospekt preist den Ort, kein Stadtplan vermerkt die historische Stätte, kein Wegweiser führt Touristen an den Schauplatz heran. Und doch pilgern jährlich über eine Million Besucher zum Zeppelinfeld in Nürnberg, das die Einheimischen so nennen, seit dort 1909 Graf Zeppelin mit einem seiner Luftschiffe landete.
Es ist aber nicht die Luftfahrt-Nostalgie, die so anziehend wirkt: Die Attraktion geht von den Überbleibseln jener mächtigen Bauwerke aus, die Adolf Hitlers Nazi-Partei in den dreißiger Jahren auf der ehemaligen Zeppelinwiese in der Frankenmetropole errichten ließ - als Kulisse für die Reichsparteitage der NSDAP.
An den Resten und Ruinen des nie vollendeten Propagandaprojekts defilieren Veteranen der U. S. Army ebenso vorbei wie deutsche Altnazis und Neofaschisten, die Hitlers ehemalige "Führertribüne" als eine nationale Kultstätte betrachten. Gelegentlich dient das Aufmarschgelände, ganz artfremd, einem Open-air-Musikfestival.
Nun aber will die Stadtverwaltung den Touristen einige Bauwerke als "Nürnbergs Beitrag zur Wahrheit der Geschichte" vorzeigen. Seit Mitte November läuft auf dem Zeppelinfeld eine Dauerausstellung über "Faszination und Gewalt" des NS-Regimes, die als "Multivisionsschau" ein geballtes Stück zeitgeschichtlicher Aufklärung bietet. Dokumentarfilme und computergesteuerte Ton-Dia-Vorführungen über 15 Projektoren sollen den Besuchern, wie Nürnbergs Kulturreferent Hermann Glaser angekündigt hat, die "Kontraste zwischen der nationalen Traumfabrik der Reichsparteitage und der nationalen Todesfabrik der Konzentrationslager" vermitteln.
Als "Stätte ständiger Mahnung", so Nürnbergs Oberbürgermeister Andreas
Urschlechter, dient der Goldene Saal, einst Kernstück der Haupttribüne, in dem Hitler Monumentalplastiken seines Lieblingsbildhauers Arno Breker aufstellen und "hochgestellte Persönlichkeiten" empfangen wollte. Den klotzigen Bau haben die Nürnberger originalgetreu restaurieren lassen, einschließlich der blau-goldenen Mosaikdecke in Hakenkreuz-Ornamentik. Das kostete einige hunderttausend Mark und soll die Ausstellungsbesucher die "Kälte totalitären Bauens spüren" lassen.
Die kostspielige Aufklärungsarbeit - auch Hitlers "Führertribüne" wurde frisch gemauert und getüncht - entspringt dem Wunsch der Nürnberger, sich offensiv mit der NS-Hypothek ihrer Stadt auseinanderzusetzen. Denn mehr als durch Lebkuchen und Rostbratwürstel, durch Albrecht Dürer und Hans Sachs ist Nürnberg als "Symbol des
Nationalsozialismus" (Glaser) bekannt, und das nicht erst seit dem Militärtribunal der Alliierten nach der Kapitulation 1945.
In Nürnberg trieb der fränkische Gauleiter und "Stürmer"-Herausgeber Julius Streicher seine widerliche Judenhetze, wurden 1935 die sogenannten Rassengesetze beschlossen, veranstaltete die NSDAP regelmäßig ihr Parteitagsspektakel.
Als Hitler 1933 die Dürer-Stadt "für alle Zeiten" mit der jährlichen Heerschau beauftragte, die aller Welt und vor allem den Deutschen die große deutsche "Volksgemeinschaft" vorführen sollte, machte er Nürnberg zum Zentrum der braunen Bewegung und ihrer ideologischen Selbstdarstellung.
Mit Massenaufmärschen, Kampfspielen und Waffengepränge wurde militärische Macht demonstriert, und bei der Organisation des Besucherandrangs mit Reichsbahn-Sonderzügen sammelten die Veranstalter nebenbei "nicht zu unterschätzende Erfahrungen auf dem Gebiet des Kriegstransports", so Hitler im Jahre 1942.
Vom Höhepunkt der Reichsparteitage, dem "Lichtdom" aus 130 Flakscheinwerfern, unter dem sich 30 000 Fahnenabordnungen
der NSDAP-Ortsgruppen versammelten, waren auch auswärtige Diplomaten wie der britische Botschafter Sir Nevile Henderson beeindruckt. Der Brite fand den Anblick "gleichzeitig feierlich und schön, als ob man sich in einer Kathedrale aus Eis befindet".
Wenn alles so schön weitergegangen wäre, wäre auch die Bautenkulisse nicht - bis auf einige Tribünen und Aufmarschalleen - halbfertig stehengeblieben.
Hitler und sein Architekt Albert Speer planten ein "Gigantenforum, wie es die Erde noch nicht gesehen hat". Bis 1945 sollten auf einer Fläche von rund 18 Quadratkilometern Kolossalbauten mit einem Fassungsvermögen von einer Million Menschen entstehen.
Die "Stadt der Reichsparteitage" hätte, wie es Hitler vorschwebte, ihr "ewiges Gepräge" bekommen; Speers Granit-Klötze sollten nach Führers Vision "hineinragen gleich den Domen unserer Vergangenheit in die Jahrtausende der Zukunft". Und Architekt Speer stellte dazu seine "Theorie vom Ruinenwert" auf: Noch im Verfallszustand nach Abertausenden von Jahren sollten die Reichsparteitagsbauten von der Größe des nationalsozialistischen Imperiums künden und darin "den Vorbildern der griechisch-römischen Antike gleichen".
Die Amerikaner, die dem Spuk ein Ende machten und Nürnberg am 20. April 1945, Hitlers 56. Geburtstag, besetzten, nutzten das Reichsparteitagsgelände, soweit sie es nicht bombardiert hatten, für eigene Aufmärsche. Der Platz vor der Ehrentribüne wurde Baseball-Arena, die Große Straße zu Rollfeld und Parkplatz.
Dem im Sommer dieses Jahres ausgeschiedenen US-Standortkommandanten General Robert Drudik wurde, von US-Offizieren in Nürnberg, allerdings nachgesagt, er habe an den "NS-Bauresten einen Narren gefressen". Seit Drudiks Amtsantritt wurde auf dem Zeppelinfeld täglich das Sternenbanner aufgezogen; laut Nato-Truppenstatut haben die Amerikaner ein Nutzungsrecht für das ehemalige Nazi-Gelände.
Als der General das gesamte Zeppelinfeld einzäunen lassen wollte, mußten ihm die Nürnberger diesen Plan mühsam ausreden. Sie wollten das Areal als Ausstellungsgelände nutzen, zweifeln aber inzwischen selber am pädagogischen Effekt der Aufklärungsaktion. "Viele Besucher", erwartet der Nürnberger Museumspädagoge Thomas Wunder, "kommen doch nur, weil sie den Goldenen Saal bestaunen wollen."

DER SPIEGEL 1/1985
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