29.10.1984

DDRLieber ledig

Trotz großzügiger finanzieller Hilfen werden immer weniger Babys geboren. *
Auf den ersten Blick enthält die Plakatstellwand auf dem Markt in Weimar nichts Auffälliges. Fröhliche Werktätige begrüßen Staats- und Parteichef Erich Honecker, auf dem Bild daneben kontrolliert der obligate Werktätige sozialistische Qualitätsarbeit im volkseigenen Röhrenwerk.
"Hohe Ergebnisse", so die Unterzeile der Propagandatafel, sollen freilich nicht nur Arbeiter und Bauern erzielen. Stolz beugt sich, drittes Motiv, eine Mutter über ihr Neugeborenes, als Hinweis auf den Wunsch der DDR-Oberen nach Planerfüllung auch in einem anderen Bereich: Das Plakat soll die Bürger zu vermehrter Fortpflanzung anregen.
Ähnlich wie in der Bundesrepublik sorgen sich auch ostdeutsche Bevölkerungspolitiker um den Fortbestand der Nation. Wurden im Rekordjahr 1980 noch fast 250 000 Babys (Bundesrepublik: 620 000) geboren, sank die Geburtenzahl im vergangenen Jahr auf rund 234 000 (Bundesrepublik: 594 000).
Und Besserung ist nicht in Sicht. Für die 90er Jahre rechnen DDR-Wissenschaftler wegen der sinkenden Zahl von Frauen im gebärfähigen Alter mit einem noch stärkeren Rückgang.
Um den jetzigen Bevölkerungsstand von 16 Millionen zu erhalten, müßte jede DDR-Familie durchschnittlich 2,2 Kinder zur Welt bringen, tatsächlich sind es jedoch nur 1,8. Daher versuchen die ostdeutschen Politiker, ganz wie ihre Kollegen im Westen, den Kinderwunsch mit moralischen Appellen und finanziellen Anreizen zu fördern.
Seit Ende der 70er Jahre propagiert die DDR-Regierung die Familie mit drei Kindern als sozialistisches Ideal. "Aus pädagogischer Sicht", heißt es etwa in einer vom Staatsverlag der DDR herausgegebenen Broschüre für junge Eheleute, "sind ... drei Kinder zu empfehlen, weil sie erst dann ein Kollektiv bilden und sich der Wert des Zusammenlebens mit Geschwistern erst so voll entfalten kann."
Junge Paare in der DDR beeindrucken solche Appelle freilich genausowenig wie ihre Altersgenossen im Westen. Fast zwei Drittel aller jungen Ost-Bürger, so hat eine Studie des Leipziger Instituts für Jugendforschung ergeben, wünschen sich zwei Kinder, knapp ein Drittel der Befragten will lediglich ein Kind, und nur ganz wenige träumen von drei oder mehr Kindern.
Um den Trend zur Kleinfamilie zu stoppen, bietet die Regierung seit Mai Haushalten mit drei und mehr Kindern besondere Vergünstigungen. So erhalten berufstätige Mütter vom dritten Kind an neuerdings 18 statt bislang zwölf Monate bezahlten Baby-Urlaub. Außerdem dürfen sie vom 1. Dezember an für jedes Kind drei Jahre als Beitragszeit in der Rentenversicherung anrechnen. Erkrankt einer der Sprößlinge, kann die Mutter, je nach Kinderzahl, bis zu 13 Wochen im Jahr daheim bleiben und erhält für diese Zeit volles Krankengeld. "In begründeten Fällen", heißt es in der neuen Verordnung, "können die bezahlte Freistellung ... auch der Ehegatte oder die Großmütter in Anspruch nehmen."
Gebärfreudige Eltern müssen zudem den Kredit von 5000 Mark, den jedes DDR-Brautpaar vom Staat bekommt, nach dem dritten Kind nicht mehr zurückzahlen (Volksjargon: "Abbumsprämie"). Und obendrein können sie Zuschüsse für Kinderkleidung und Spielzeug beantragen.
Ob die neuen Geldspritzen freilich ausreichen, den Fortpflanzungstrieb im DDR-Volk nachhaltig zu fördern, scheint zweifelhaft. Zumindest die Erfahrungen der Vergangenheit sprechen dagegen.
Schon seit Mitte der 70er Jahre gibt es in der DDR ein ausgeklügeltes System finanzieller Anreize zur Pflege des sozialistischen Nachwuchses. So erhalten junge Mütter seit 1976 insgesamt 26 Wochen
Schwangerschaftsurlaub, vom zweiten Kind an dürfen sie sogar ein ganzes Jahr lang zu Hause bleiben. In dieser Zeit bekommen sie eine Mütterunterstützung, die sich nach dem letzten Nettoeinkommen richtet, mindestens jedoch 300 Mark im Monat.
Eine Frau etwa, die vor der Schwangerschaft monatlich knapp 700 Mark verdiente, erhält 525 Mark pro Monat; gemessen an der Kaufkraft oder der Durchschnittsrente von rund 350 Mark in der DDR, ein stolzer Betrag.
Auch für die spätere Rückkehr in den Beruf hat die stets auf Arbeitskräfte bedachte DDR-Regierung gesorgt. Schwangeren bleibt ihr Arbeitsplatz erhalten, werktätige Mütter mit zwei oder mehr Kindern brauchen nur noch 40 statt der üblichen 43 3/4 Stunden pro Woche zu arbeiten. Frauen, die Kinder im Vorschulalter haben, dürfen zudem Nacht- und Schichtarbeit ablehnen. Fast 90 Prozent aller Jungen und Mädchen über drei Jahren finden Platz in einem der staatlichen Kindergärten.
Doch schon das alte, dichtgeknüpfte Netz finanzieller und sozialer Hilfen konnte die Gebärfreude junger DDR-Frauen nur mäßig stimulieren. Nach einem bescheidenen Baby-Boom Ende der 70er Jahre sinken die Geburtenzahlen seit 1981 wieder.
Trotzdem setzt die Ost-Berliner Regierung bei ihrer Bevölkerungspolitik unverdrossen auf Geldgeschenke - und übersieht dabei die wahren Ursachen der Baby-Baisse: Gerade DDR-Frauen, schreibt die Kölner DDR-Familienexpertin Gisela Helwig, "fürchten vielfach die Belastungen, die sich aus Berufsarbeit und größerer Familie ergeben".
Über 80 Prozent aller Frauen zwischen 15 und 60 Jahren sind berufstätig oder stehen in der Ausbildung. Teilzeitarbeitsplätze sind in der DDR besonders rar und zudem gesellschaftlich unerwünscht; neuerdings versuchen die Betriebe sogar, weibliche Mitarbeiter, die nur halbtags arbeiten wollen, durch bürokratische Tricks zum vollen Einsatz zu bewegen. "Wenn eine Frau nicht ganztags berufstätig ist", begründet die Halberstädter Stadträtin Gisela Nagel den sanften Zwang, "schmälert sie das Volkseinkommen und damit den Gewinn für die Gemeinschaft."
Und natürlich mögen auch die Männer im sozialistischen Deutschland von liebgewordenen Traditionen nicht lassen. Zwar schreibt das DDR-Familiengesetzbuch den Ehegatten vor, "ihre Beziehungen zueinander so zu gestalten, daß die Frau ihre berufliche und gesellschaftliche Tätigkeit mit der Mutterschaft vereinbaren kann". Die Praxis freilich sieht anders aus.
Regelmäßig starten DDR-Frauenzeitschriften Kampagnen gegen das "Paschatum" der Männer - mit bescheidenem Erfolg. Gerade am Wochenende, gestand eine junge Frau bei einer Umfrage des Leipziger Jugendinstituts, "gehen viele Männer in die Gaststätte, zu Sportveranstaltungen oder widmen sich ihren Hobbys, während die Frau alleine die große Wäsche macht oder die anderen Hausarbeiten erledigt".
Da es zudem an Dienstleistungsbetrieben wie Wäschereien oder betrieblichen Einkaufsstätten fehlt, verbringen die meisten Frauen ihre Freizeit beim Einkaufen oder in der Waschküche. Im
Schnitt, so rügt die Broschüre "Junge Leute in der Ehe", widmen die Frauen über 37 Stunden pro Woche der Hausarbeit, während die Männer nur fünfeinhalb Stunden Familiendienst leisten.
Immer mehr Ehen werden geschieden, weil die Männer die ihnen vom Gesetz auferlegten Haushaltspflichten vernachlässigen. Schon jetzt kommen in der DDR auf jeweils 1000 Einwohner drei Scheidungen, in der Bundesrepublik sind es nur 1,9.
Fast die Hälfte aller gescheiterten Ost-Ehen hielt nicht länger als fünf Jahre. Gerade Frauen im gebärfähigen Alter trennen sich überdurchschnittlich häufig von ihrem Partner, also bevor das staatlich erwünschte Plansoll von drei Kindern erfüllt ist.
Auch der Mangel an großen, familienfreundlichen Wohnungen bremst den Drang zur Großfamilie. Eltern mit zwei und mehr Kindern oder ledige Mütter, die nach dem Gesetz bei der Wohnungsvergabe bevorzugt werden sollen, müssen oft jahrelang auf eine angemessene Bleibe warten.
Die 21jährige Quedlinburger Krankenhausangestellte Waltraud P. etwa haust mit ihrem Lebensgefährten und ihrem fünf Monate alten Kind in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung. Nur mit Trauschein, teilten ihr die Behörden mit, hätte sie Chancen auf eine größere Wohnung.
Doch mit dem Heiraten möchte die Krankenschwester noch etwas warten - aus gutem Grund: Nur alleinstehende junge Mütter erhalten nämlich schon ab dem ersten Kind Unterhalt vom Staat, falls ein Krippenplatz fehlt oder solange sie sich um ihr krankes Baby kümmern.
"Wenn ich meinen Freund heiraten würde", verrät die Ost-Berliner-Fernschreiberin Gisela M., "bekäme ich kein Geld für die Zeit, in der ich meine kranken Kinder pflege." Obwohl sie mit dem Maurer Heinz P. schon seit Jahren zusammenlebt und zwei Kinder hat, bleibt sie deshalb lieber ledig.
Der "Single-Trick" hat sich inzwischen auch in offiziellen DDR-Kreisen herumgesprochen. Um die Ehemuffel zur Einsicht zu bewegen, appellieren die DDR-Behörden an das Gewissen der ledigen Eltern. "Bedauerlich ist", heißt es etwa in der DDR-Broschüre für junge Ehepaare, "daß gelegentlich eine Eheschließung bewußt unterbleibt bzw. hinausgeschoben wird, um zusätzliche Leistungen der Gesellschaft zu erlangen. Diese Haltung ist nicht gerechtfertigt."
Daß DDR-Eltern ihre Kinder lieber selbst aufziehen, hat freilich nicht nur finanzielle Gründe. Oft muß in den staatlichen Kinderkrippen eine Betreuerin für zehn bis 20 Säuglinge sorgen. Außerdem fehlen für fast ein Drittel der Kleinkinder Plätze. Zwar bieten vor allem in den Großstädten immer häufiger Tagesmütter über Kleinanzeigen ihre privaten Dienste an. Diese "Leihmütter" aber kosten im Monat zwischen 200
und 250 Mark, sieben- bis achtmal soviel wie ein Krippenplatz.
Noch ein weiteres Problem bremst bei vielen DDR-Frauen den Wunsch nach weiteren Kindern: die Schwierigkeit, eine Ausstattung für das Baby zu beschaffen.
DDR-Kaufhäuser wie das "Centrum" in Dresden bieten zwar billige Baby-Erstausrüstungen für weniger als 100 Mark an. Aber "von den Zellstoff-Windeln", klagt die Dresdner Elektrotechnikerin Anne P., "bekommen viele Babys Ausschlag". Baumwollwindeln gibt es in der DDR, wenn überhaupt, meist nur in Großpackungen zu 120 Mark, von "Pampers"-Wegwerfwindeln können die jungen DDR-Muttis nur vor dem West-Fernseher träumen.
"Am besten", rät die Dresdner Elektrotechnikerin schwangeren Genossinnen, "fängt man mit der Suche nach Baby-Wäsche gleich an, wenn man den positiven Bescheid der Schwangerschaftsuntersuchung hat."

DER SPIEGEL 44/1984
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