25.03.1985

SPIEGEL Gespräch„Männer wollen Frauen mütterlich halten“

Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen über Frauen in der Politik
SPIEGEL: Frau Mitscherlich-Nielsen, Ihr neues Buch heißt "Die friedfertige Frau". Beschreibt das Wort "friedfertig" die Frauen als unpolitische Wesen?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Ganz so einfach sehe ich das nicht. Ich versuche, eine ganz bestimmte Psychologie zu beschreiben, wie sie sich aufgrund einer traditionsbedingten Erziehung bei den meisten Frauen niedergeschlagen hat. Die Frau paßt sich dem an, was in unserer Gesellschaft unter fraulich, nämlich auf die Familie beschränkt, verstanden wird, und sie tritt nicht ein in Aufgaben gesellschaftlicher Natur. Und wenn sie politisch ist, dann neigt sie dazu, sich den gängigen Wertvorstellungen der jeweiligen Partei anzupassen.
SPIEGEL: Um nicht aufzufallen?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Um in Frieden mit ihrer Partei zu leben. Wenn sie sich genügend gestützt fühlt durch die Identifikation mit ihrer Partei, kann sie bestimmte Standpunkte vertreten, die gegen eine andere Partei gerichtet sind. Aber sie bleibt meistens parteikonform. Sie kann also friedfertig und politisch zugleich sein.
SPIEGEL: Frau ist schön brav oder versteckt sich im trauten Heim - da können ja die Politiker ruhig schlafen.
MITSCHERLICH-NIELSEN: Wenn man genau hinguckt, ist natürlich die Frau auch innerhalb der Familie nicht so friedfertig. Sie kann auch recht aggressiv werden; darüber wissen die Töchter viel zu erzählen. Sie ist also im großen und ganzen unpolitisch, wenn auch innerhalb der Familie nicht immer unbedingt friedfertig.
SPIEGEL: Enthält dann Ihr Titel nicht eigentlich einen massiven Vorwurf an die Frauen, die so sind, oder an die Männer, die Frauen so haben wollen?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Das tut er, ohne Zweifel. Es ist der Vorwurf gegen eine falsche Friedfertigkeit - eine Anpassungsbereitschaft, eine allzu große Neigung, Frieden deswegen zu bewahren, weil sie den Verlust von Liebe vermeiden wollen. Im tieferen Grund ihrer Seele sind Frauen nicht friedfertiger als Männer, nicht weniger aggressiv, aber sie äußern ihre Aggressionen anders. Positiv meine ich mit "friedfertig" aber auch, daß Frauen oft liebesfähiger sind als Männer.
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, daß 1985 - nach Friedensdemonstrationen, angesichts grüner Frauen im Bonner Parlament - Ihr Vorwurf einer falschen Friedfertigkeit noch berechtigt ist?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Ja, ich denke trotz allem, daß sich viel zu wenige Frauen für Politik interessieren. Immer noch zu wenige mischen sich in die Geschäfte der Männer ein, die - wie man sieht - wirklich nicht zum Besten stehen. Demnächst werden wir uns ja möglicherweise alle selbst in die Luft sprengen. Und wenn Frauen in die Politik gehen, bringen sie nur selten Neues, gehen nicht gegen bestehende Machtstrukturen auch innerhalb der Parteien an.
SPIEGEL: Aber wir entnehmen den Reaktionen der Bonner Parteien, daß denen der Schreck ins Gebein gefahren ist. Die CDU legt "Leitsätze" zur Frauenpolitik vor, die sich stellenweise lesen wie ein feministisches Manifest.
MITSCHERLICH-NIELSEN: Sicherlich ist die Zahl der Frauen, die verstanden haben, worum es in der Beziehung zwischen den Geschlechtern geht, gewachsen. Und sie stehen ganz anders kritisch der bisherigen Welt gegenüber, das ist für mich gar keine Frage. Ich will aber erreichen, daß sich Frauen noch tiefergehende Gedanken machen, was eigentlich innerseelisch in ihnen vorgeht. Viele Frauen beginnen zwar umzudenken, aber ich versuche ihnen zu sagen: Gebt nicht zu schnell euren Kampf auf, es gibt noch sehr viel zu tun.
SPIEGEL: Sie trauen dem Frieden also nicht. Dabei hat doch Herr Geißler auf einer Podiumsdiskussion so schön angekündigt, im Jahr 2000 wäre mit Hilfe der Union die Gleichberechtigung endgültig verwirklicht.
MITSCHERLICH-NIELSEN: Was immer Herr Geißler darunter versteht. Ich bin überzeugt, daß Herr Geißler das, was er für Gleichberechtigung hält, im Grunde, wenn er ehrlich ist, schon mehr _(Marion Schreiber, Jürgen Leinemann, in ) _(Frau Mitscherlich-Nielsens Frankfurter ) _(Wohnung. )
oder weniger als verwirklicht betrachtet. Für ihn ist es schon zuviel des Guten. Viele Männer glauben heute noch, daß die Gleichberechtigung schon verwirklicht sei, seit die Frauen das Wahlrecht haben.
SPIEGEL: Sie halten diese neue Frauenoffensive der Union also nicht für ehrlich?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Die CDU ist ja mit einer ganzen Galerie von Schritten, Scheidungsrecht, Paragraph 218, Witwenrente, Bafög, gegen das, was schon von Frauen erreicht wurde, energisch angegangen.
SPIEGEL: Und alles unter dem Stichwort "die sanfte Macht der Familie".
MITSCHERLICH-NIELSEN: Es war absurd, was da von Blüm und der CDU für ein Frauenbild gezeichnet wurde. Ein absolut regressives Frauenbild, das um die Jahrhundertwende schon falsch und verlogen war.
SPIEGEL: Aber Blüm lag schön im Trend - alle wollen doch offenbar eine sanfte Republik und einen sanfteren Umgang miteinander.
MITSCHERLICH-NIELSEN: Die wollen einen sanften Umgang miteinander, damit alles so bleibt, wie es bisher gelaufen ist. Um an der Macht zu bleiben, wollen sie die Frauen mütterlich halten, unabhängig davon, was inzwischen geschieht - ob Atombomben gebaut werden, ob Männer ihre Kriege führen oder unsere Regierung ihre wirklich asoziale Politik a la Reagan fortsetzt. Hauptsache Mütterlichkeit.
SPIEGEL: Ja, aber nun hat der CDU-Vorstand Geißlers Leitsätze gebilligt, und der Minister erzählt landauf, landab, er habe einen Lernprozeß hinter sich.
MITSCHERLICH-NIELSEN: Sein Pech ist aber, daß die Frauen jetzt viel offener kritisch gegen die Verlogenheit und gegen das Gewohnheitsunrecht, das ihnen und anderen Schwachen angetan wird, vorgehen. Geißler hat sich ja neulich mal den Frauen im Fernsehen gestellt: Es ist ein Vergnügen, zu beobachten, wie die Frauen jetzt anfangen, den Mund aufzumachen.
SPIEGEL: Geißler behauptet auch, daß ihm diese Auseinandersetzungen ein Vergnügen seien. Glauben Sie ihm das?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Nein. Auch wenn es ihm nicht bewußt sein mag, trickst er. Aber es ist klug von ihm, sich den Frauen zu stellen. Mit Sicherheit aber ist es ihm nicht angenehm. Er muß schon ziemlich schlucken, um das auszuhalten. Und er begibt sich dabei in keine ungefährliche Situation.
SPIEGEL: Worin besteht denn für Geißler da die Gefahr?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Weil sich diese Sendungen doch sehr viele Leute ansehen. Und eine solche energische, aber auch genaue Darstellung der verschiedenen Aspekte, wie sie die Frauen lieferten, wirkt schon vorbildhaft. Früher hieß es doch immer, Frauen könnten nicht denken. Merkwürdigerweise sind es aber bei diesen Diskussionen die Frauen, die sehr viel intelligenter und genauer die Sachverhalte darstellen können, die eindeutig Situationen durchschauen und sie auch kontrovers scharf belichten.
SPIEGEL: Und emotionsgeladen dazu. Wenn Frauen das im Bundestag tun, beschweren sich die Unionsherren, daß die Rednerinnen so "kreischen".
MITSCHERLICH-NIELSEN: Indem Frauen lernen, kritisch zu denken, ohne ihre Emotionalität so unterdrücken zu müssen, daß sie wie der durchschnittliche männliche Politiker zur Charaktermaske erstarren, können sie sich meines Erachtens auch ganz anders durchsetzen als Männer. Sie scheuen nicht vor emotionalen Dingen zurück. Davor haben die Männer große Angst.
SPIEGEL: Helmut Kohl wohl nicht. Der ist doch auch immer emotional.
MITSCHERLICH-NIELSEN: Indem er dauernd lächelt oder Vorwürfe macht, beleidigt ist oder gemüthaft, volksnah sich gibt.
SPIEGEL: Das ist doch schon viel, oder?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Mir scheint, daß er nur drei, vier ganz bestimmte Reaktionsweisen für die Öffentlichkeit demonstriert. Ich habe den Eindruck, daß er, wie viele Politiker, emotional an der Oberfläche bleibt.
SPIEGEL: Eben doch nur ein Mann, der Gefühle abwehrt?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Das meine ich. Wie so oft werden Männer von vornherein erzogen, auf diese rigide männliche Behauptungslinie zu gehen. Sie dienen sich zäh von einer Position zur anderen hoch, stecken alle Fußtritte weg und lernen nicht, ihre Fähigkeiten weiter auszubauen. So haben sie oft immer nur eine ganz bestimmte eingeengte Möglichkeit der Reaktion.
SPIEGEL: Kohl vermeidet so, daß ihm etwas nahegeht?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Ja, das glaube ich. Mir scheint das pseudohaft und reichlich schlecht geschauspielert. Allzu viele Politiker sind mit der Enge ihrer Seele identifiziert.
SPIEGEL: Hat sich denn das männliche Verhalten in den zehn Jahren seit Beginn der neuen Frauenbewegung gar nicht geändert? Machen die Männer noch immer so angewiderte Gesichter, sobald eine Frau in der Öffentlichkeit das Wort ergreift?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Wenn sie''s könnten, würden sie''s ganz bestimmt tun. Aber sie trauen sich nicht mehr.
SPIEGEL: Weil es nicht mehr "in" ist, weil sie sonst Wählerinnen verlieren oder zu Hause Frauen haben, bei denen sie es auch nicht mehr riskieren können?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Diese Politiker werden zu Hause meistens noch eine Frau haben, mit der sie''s wahrscheinlich im großen und ganzen tun. Nein, sie trauen sich deswegen nicht, weil sie Wählerinnen verlieren, weil inzwischen doch ein bißchen zu viele Frauen in der Politik stecken. Und weil sie auch Angst vor der emotionalen Angriffslust der Frauen haben.
SPIEGEL: Die ist ja nicht nur größer geworden bei den jüngeren, in der Frauenbewegung erprobten Politikerinnen. Auch "alte Bonnerinnen" wie Anke Fuchs und Hildegard Hamm-Brücher fahren neuerdings die Herren Kollegen ganz schön an. Haben die alle bei Alice Schwarzer gelernt?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Dazu bedarf es keiner einzelnen Identifikationsfigur. Man braucht viel geistige Anregung, aber es ist auch notwendig, daß Frauen sich untereinander ermutigen,
ein Stück weiterzudenken, bestimmte Tricks zu durchschauen und entsprechend zu handeln.
SPIEGEL: Denken ist eines, tun ist etwas anderes.
MITSCHERLICH-NIELSEN: Ja, aber bei der Aufklärung als Grundlage der Französischen Revolution war auch erst das Denken da. Und was die Praxis angeht - man lernt langsam. Ich gehöre ja nun der älteren Generation an und weiß, wie schwer es war, sich durchzusetzen, auch bei Kongressen, Konferenzen und so weiter, wenn man etwas sagte, was nicht konform war mit dem Denken und der Art des Sprechens der Männer.
SPIEGEL: Wir reden verabredungsgemäß, vereinfachend, immer von "den" Frauen und "den" Männern. Gibt es aber nicht große Unterschiede? Sind etwa Akademikerinnen emanzipierter als Verkäuferinnen?
MITSCHERLICH-NIEL-SEN: Ich würde annehmen, daß die Akademikerinnen prozentual mehr zum Denken angeleitet werden als die Verkäuferinnen zum Beispiel. Aber was man so manchmal hört, und wenn man auf Versammlungen der Frauenbewegung mit den verschiedenen Leuten diskutiert hat, dann fand ich es erstaunlich, wie gerade auch unter den Arbeiterinnen das Bewußtsein ihrer Situation als Frau durchaus vorhanden war. Auf der anderen Seite sind Akademikerinnen oft sehr viel konservativer und reaktionärer als andere Schichten unserer Bevölkerung und benutzen ihr Denken dazu, um an den brisanten Themen und Konflikten unserer Gesellschaft und ihres persönliches Lebens vorbeizureden.
SPIEGEL: Die Frauenbewegung ist ja plötzlich aus den Schlagzeilen raus.
MITSCHERLICH-NIELSEN: Den Eindruck hat man, obwohl sie untergründig weiterwirkt. Sie wissen so gut wie ich, daß es innerhalb der Frauenbewegung viele Strömungen gibt, daß ein Teil auf die trickreichen Männer hereingefallen ist, die sanfte Mütterlichkeit mitgemacht hat oder ins magische Denken - Astrologie et cetera - zurückgefallen ist. Aber die Frauenbewegung hat sehr viel getan. Auch für mich war sie von großer Bedeutung. Diese gewisse Aggressivität, die auch mir schwerfiel, weil ich ja ganz anders erzogen worden bin, die hat mir großen Spaß gemacht. Und ich denke, die ist weiter nötig.
SPIEGEL: Welche Rollen spielen da die Grünen? Haben die eine Veränderung in die Politik getragen, insbesondere die Frauen bei den Grünen?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Ich glaube schon, obwohl die grünen Frauen von sich sagen, sie seien keine Feministinnen.
SPIEGEL: Viele sind wohl Feministinnen geworden.
MITSCHERLICH-NIELSEN: Ohne Frage haben die Grünen ja überhaupt unkonventionelles Denken, nämlich das, was viele dachten, aber nicht aussprachen, hineingebracht. Das ist die erste unkonventionelle Partei, die nicht nur an diesen starren, unangenehmen und falschen männlichen Strukturen hing. Die haben in der Tat einen Einbruch geschaffen, mögen die noch so in sich zerstritten sein und in sich Schwierigkeiten haben. Nun konnten sie es in Bonn doch auch noch schaffen, daß in den Fraktionsvorstand nur Frauen gewählt wurden.
SPIEGEL: Hat dieses Feminat Beispiel-Charakter, oder ist es nicht doch nur Exotik? Nach einem Jahr rotieren die Damen, und dann kommen wieder die Männer.
MITSCHERLICH-NIELSEN: Man wird abwarten müssen, ob die grünen Frauen wirklich Identifikationsfiguren geworden sind. Aber viele haben Mut gefaßt. Sonst hätten nicht zehn Prozent und mehr plötzlich die Grünen gewählt, darunter sehr viele Frauen.
SPIEGEL: Worin besteht für Sie diese Affinität zwischen den Frauen und den Grünen?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Einfach darin, daß es innerhalb der Grünen Frauen gelang, an die Macht zu kommen. Wo, in welcher Partei sonst? Und indem sie deutlich machten, daß die bisherige Politik, sei es nun in der Rüstung, sei es im Umgang mit der Natur, auf Vernichtung hinführt. Das haben Männer gemacht, die Frauen würden anders vorgehen.
SPIEGEL: Es geht also auch um neue Inhalte, nicht um andere Formen. Sind Umwelt und Frieden spezifisch weibliche Inhalte?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Für mich ist das spezifisch Weibliche, daß die Frau nicht nur dazu erzogen wurde, sich anzupassen, sondern daß sie auch dazu erzogen wurde, sich einzufühlen und den Mitmenschen als ebenso interessant wie sich selber zu empfinden. Daß sie gelernt hat, sich nicht nur mit Ellenbogen durchzusetzen. Wenn man Einfühlung in den anderen hat und nicht immer im anderen seinen Feind sieht, wenn man also nicht immer nur Sündenböcke sucht, wozu die Männer neigen, dann ist auch eine Grundlage für Frieden gegeben. Denn Krieg ohne Projektion, ohne Sündenbocksuche, ohne Hierarchie, ohne Sadismus und Masochismus, ohne Quälen und Gequältwerden - den gibt es ja nicht.
SPIEGEL: Die Politik hat einen Punkt erreicht, wo die Entscheidungen darüber, wie man weitermacht, überlebenswichtig sind - in der Umweltfrage, in der Friedensfrage, im Umgang mit der Dritten Welt. Gleichzeitig fordern Frauen ihren Anteil an der Macht und wollen ihre Eigenschaften mit einbringen. Sehen Sie darin eine Chance?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Ja, denn von der Situation zwischen den
Geschlechtern ist zum Beispiel auch die Rüstungsmentalität abhängig. Wenn der Mann nach wie vor die Frau unterdrücken muß, dann kann man damit rechnen - das ist meine berufliche Erfahrung -, daß ähnliche Verhaltensweisen in der Politik vorherrschen, zum Beispiel in der Unterdrückung anderer Völker, Minderheiten oder Andersdenkender. Auf jeden Fall werden dann Hierarchien und Herrschaftsstrukturen aufrechterhalten.
SPIEGEL: Und Sie meinen, die politische Bewegung der Frauen kriege so auch besondere Schubkraft?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Davon bin ich für die Nachdenklichen unter den Frauen überzeugt. Sehr schwierig ist es für diejenigen, die nie aufgehört haben, untergründig ihre Mütter zu hassen.
Denn sie sind ja in einer Rivalität von Frauen untereinander erzogen: um den Mann. Solange sie noch um die Männer rivalisieren und nicht genügend Solidarität untereinander haben, werden sie sich den Männern anpassen und die bisherige Politik der Männer unterstützen.
SPIEGEL: Was müßte passieren, daß die Frauen in die Lage kommen, ihre Mehrheit, die sie ja tatsächlich haben, politisch einzusetzen? Können Sie sich Themen vorstellen oder Situationen, wo die 52 Prozent der Bevölkerung weiblichen Geschlechts sich einig sind?
MITSCHERLICH-NIELSEN: Das, glaube ich, ist so leicht nicht zu erreichen. Kritisches Denken und kritische Offensivität werden nur langsam bei der Masse der Frauen durchsickern. Es ist schon weit mehr eingedrungen, als es noch in meiner Generation der Fall war.
Aber ein gemeinsames Thema sehe ich noch nicht. Das klappt doch nicht einmal in der Rüstungspolitik. Sie sollte doch die Frauen längst auf die Beine gebracht haben. Frauen aller Länder, vereinigt euch - schön wär''s!
SPIEGEL: Dennoch, so friedfertig wie die Männer die Frauen gewohnt waren, sind sie lange nicht mehr, und es ist schwer vorstellbar, daß sie es wieder werden könnten.
MITSCHERLICH-NIELSEN: Aber ich glaube, daß trotz der "Leitsätze" des Herrn Geißler alle Versuche unternommen werden, ihr Aufbegehren zu unterdrücken. Manche Strukturen zur Unterdrückung der Frauen und ihrer Emotionalität haben ja mehr als 1000 Jahre patriarchalische Vergangenheit. Die bestimmen auch heute noch die Erziehung.
Man sollte also nicht zu optimistisch sein. Die Reaktion lauert überall, in der Familie und in der Gesellschaft, im Berufsleben. Sie müssen als Frau dauernd an der Front sein, immer wachsam sein. Die Reaktion ist außerordentlich trickreich.
SPIEGEL: Frau Mitscherlich-Nielsen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*KASTEN
Margarete Mitscherlich-Nielsen *
ist Ärztin und Psychoanalytikerin am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut. Die 1917 im dänischen Graasten geborene Wissenschaftlerin arbeitete seit 1951, zunächst in Heidelberg, mit ihrem späteren (1982 verstorbenen) Ehemann Alexander zusammen; bekanntestes Gemeinschaftswerk war "Die Unfähigkeit zu trauern" (1967). Ihre erste Arbeit über Geschlechterbeziehungen, "Männer - zehn exemplarische Geschichten", veröffentlichte die Autorin 1980. Jetzt erscheint "Die friedfertige Frau" im Verlag S. Fischer.
Marion Schreiber, Jürgen Leinemann, in Frau Mitscherlich-Nielsens Frankfurter Wohnung.
Von M. Schreiber und J. Leinemann

DER SPIEGEL 13/1985
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