31.12.1984

„Leben, wo das Leben ist, basta“

SPIEGEL-Redakteurin Mareike Spiess-Hohnholz über den Kampf zwischen Kraakern und der Stadt Amsterdam *
Die Herbstsaison war Jagdsaison - auch in Amsterdam. Die niederländischen Hausbesetzer, die "Kraaker", hatten die "Jagd auf Touristen" angeblasen. Und die Polizei die ihre auf die Kraaker.
Ahnungslose Reisende, die auf Rundfahrtenbooten die blankgescheuerte, behäbige Pracht der Grachtenhäuser Amsterdams bewundern wollten, sahen sich im September jähen Attacken mit Farbbeuteln ausgesetzt, die auf Decks und Panoramascheiben zerbarsten.
Die Fassaden der Fünf-Sterne-Hotels "Okura" und "Hilton" wurden mit Sponti-Sprüchen besprayt, in den Foyers der Luxushotels "Sonesta" und "Amstel" landeten brennende Fackeln und Stinkbomben, aus den zerschlitzten Reifen etlicher Touristenbusse entwich die Luft. Die Stadtverwaltung suchte die verstörten Reisenden zu besänftigen - mit je einem Hochglanz-Bilderband über das schöne Amsterdam.
Wenn die Kraaker die Touristen peinigen, wollen sie in Wirklichkeit Ed van Thijn treffen. Stellvertretend für die Obrigkeit werfen sie dem sozialistischen Bürgermeister Amsterdams vor, seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren kaum etwas anderes im Sinn gehabt zu haben, als in der Altstadt Schneisen zu schlagen für den internationalen Tourismus - auf Kosten der alteingesessenen Bevölkerung, des studentischen Jungvolks und der lange Zeit tolerierten Hausbesetzergemeinde.
Van Thijn, so die Kraaker, "will das, was er für den Schrott hält, evakuieren und ein falsches Paradies für Touristen aufziehen".
Anders als in Berlin, wo kein einziges Haus mehr besetzt ist (SPIEGEL 46/ 1984), nähert sich in "Kraakstad", wie die Besetzer ihr Amsterdam nennen, der Häuserkampf keineswegs dem Ende, im Gegenteil, er geht erst richtig los.
Die Situation: 150 Grachtenhäuser, an die 10 000 Wohnungen in anderen Stadtteilen sind heute in Kraakerhand.
Jahrelang schwankten die Behörden hin und her zwischen Goodwill und Polizeieinsatz. Als die Kraaker 1980, im Jahr der Krönung der Königin Beatrix, unter dem Motto "Geen woning, geen kroning" (keine Wohnung, keine Krönung) die feierliche Stimmung der Nation mit Barrikaden und Rauchbomben unterhöhlten, wandte die Stadt Besänftigungsstrategien an: Dutzende besetzte Häuser wurden den Besitzern für insgesamt 20 Millionen Gulden abgekauft und an die Kraaker vermietet.
Doch anno 1984 bläst der Wind den Kraakern wieder voll ins Gesicht, wie bei der Räumung des denkmalgeschützten Prestige-Kraakobjekts an der Singel-Gracht Nummer 114, unter dessen prachtvollem Glockengiebel ein Schild mit der Aufschrift prangte: "5x ontruimt nog steeds gewoond - moet het nog duidelijker?" _("5x geräumt und noch bewohnt, muß man''s ) _(noch deutlicher sagen?" )
Ende Oktober rollten 200 Mann Mobiles Einsatzkommando zum sechsten Entsatz an, ein 120 Mann starkes Verhaftungsteam, 500 Polizisten in Bereitschaft, Panzerwagen, Polizeiboot, zwei Hubschrauber, ein Wasserwerfer - als wären die Geusen niederzuwerfen.
Die Kraaker wehrten sich mit Eiern, Feuerwerkskörpern, Farbe, Petroleum, Rauchtöpfen und Öl. Vergebens - gegen Mittag mußten sie abziehen, unter freiem Geleit.
Solche Szenen, glauben die Stadtväter, kratzen an den Rudimenten des einst so reizvollen Images der Stadt. Ein Grund, so Ratsmitglied Gerrit Wolffensperger, weshalb "unsere Strategie gegenüber den Kraakern härter wird".
Ein anderer Grund laut Wolffensperger: "Die Legitimation der Kraaker, die Wohnungsnot, existiert nicht mehr."
Kein Kraaker bestreitet, daß Wohnraum vorhanden ist, nur ist er, wie Kraaker Leo findet, "zu teuer oder zu weit weg". Kraaker Wim: "Mit 722 Gulden Sozialhilfe netto kann ich nicht 2000 Gulden Miete zahlen. Und raus aus der Stadt will ich nicht. Ich will leben, wo das Leben ist, basta."
Die Kraaker wiederum messen ihr erobertes Terrain längst nicht mehr in den Quadratmetern besetzten Wohnraums. Sie haben Freiräume gewonnen, erproben alternative, stadtteilbezogene Kleinformen von Selbstorganisation.
Ihr Name steht inzwischen für politische Aktivisten aller Art: Antimilitaristen, Kernkraftgegner, Feministinnen, Schwule, Lesben, Punker - die gesamte städtische Subkultur mischt in der Kraaker-Szene
mit. Sie verbindet nicht unbedingt eine Ideologie, doch das Credo "frei, also spontan leben", wie es Kraaker formulieren. Und ein Rundrufplan, oberste Dringlichkeitsstufe "paniek", mit dem nach dem Schneeballsystem alle Sympathisanten zusammengetrommelt werden können, wenn''s irgendwo brennt.
Was Kraaker wollen, beschrieb das Autorenkollektiv "Verlag Zündschnur": "Gemeinsam ein Leben einrichten, ein Leben ohne Automatismen, Platz machen für Phantasie und Kreativität. Und dies alles nicht isoliert von den Widersprüchen der Gesellschaft irgendwo auf einem Bauernhof in Nordholland, sondern genau mittendrin."
Und genau da kreuzen sich ihre Wege mit den Touristen, genau da liegt der Grund, daß sie sich einen der einträglichsten Erwerbszweige der Stadt vorgenommen haben.
Einer der Schmerzpunkte bei den Kraakern heißt "Wyers". Das war ein verlassener Fabrikkomplex in der Altstadt, am Nieuwe Zijds Voorburgwal. 1981 wurde er mit Duldung der Stadtverwaltung besetzt. Wyers sollte ein Modell alternativen Lebens und Arbeitens werden, Wohnraum und Arbeitsstätten bieten für 220 Menschen.
Ein Dutzend Kleinbetriebe arbeitete schon, darunter eine Reparaturwerkstatt, eine Bäckerei, ein Friseurladen, ein Cafe, eine Akupunkturpraxis. "So was", sagt Kraaker Henk, der bei Wyers dabei war, "gibt''s nicht wieder."
Doch in diesem Jahr mußten die Wyers-Leute weichen: an der Stelle ihres Dorados wird ein Holiday-Inn-Hotel gebaut. Die Besetzer zogen friedfertig ab, weil, so Kraaker Paolo, ein Jungfilmer, "die Stadt uns ihr Wort gegeben hat, sehr sorgfältig zu überlegen, ob weitere große Luxushotels in die Altstadt kommen".
Zum einen hatten die Kraaker errechnet, daß kein Bedarf mehr sei, zum anderen hatten sie die Entwicklung aufgezeigt, die sich rund um das "Sonesta" am Stromarkt vollzogen hat.
Im Umkreis dieses Hotels, das sich in der Außenhaut dreizehn alter Grachtenhäuser und sogar in einer als Bankett- und Ballsaal genutzten evangelischen Kuppelkirche aus dem 17. Jahrhundert eingenistet hat, sind die vorherigen Bewohner verschwunden. Wo Milch- und Bäckerläden standen, verheißen nun Folklore- und Souvenirshops Erinnerungen an Amsterdam.
Die Behörden erteilten insgesamt zehn Hotel-Großprojekten in der Innenstadt die Baugenehmigung. Der Beigeordnete Wolffensperger: "Über den Bedarf an Hotels bestimmen wir, nicht die Kraaker."
Derzeit zählt Amsterdam über 3,5 Millionen Übernachtungen von Touristen pro Jahr, fünfmal mehr, als die Stadt Einwohner hat. Nach Paris, London und Rom ist die vielfach als "Venedig des Nordens" gepriesene Grachtenstadt die viertgrößte Reiseattraktion in Europa, und das bringt ihr weit über eine Milliarde Gulden im Jahr ein, versorgt 25 000 im Tourismus-Geschäft Tätige mit Lohn.
Der Bürgermeister van Thijn möchte noch mehr Gäste in die Stadt holen. Unermüdlich und überall auf der Welt wirbt er, etwa in Los Angeles bei den Olympischen Spielen, wo van Thijn im Sommer an der Spitze einer 34köpfigen Delegation Amsterdam präsentierte als Kandidat für die Olympischen Sommerspiele 1992.
Drei Millionen Gulden (2,7 Millionen Mark) kostete das PR-Unternehmen inklusive eines Werbefilms über Amsterdam, in dem viele schöne Häuser, stille Grachten zu betrachten waren.
Die Schattenseite Amsterdams wurde nicht gezeigt: die wachsende Zahl Drogensüchtiger, die in der Folge ansteigende Kriminalität, die 25prozentige Arbeitslosigkeit - die Hälfte der Betroffenen sind junge Leute.
Viele von ihnen schlagen ihre Zeit tot in den 200 Hasch- und Marihuana-Cafes Amsterdams, viele mit Kokain und Heroin.
Amsterdams Abstieg vom Paradies der haschenden Hippies zur Heroinhölle vollzog sich in weniger als zwei Jahrzehnten. In dieser Stadt allein brauchen 8000 Süchtige an die 500 Millionen Mark im Jahr für ihren Rausch. Den größten Teil des Geldes besorgen sie sich bei Überfällen, Einbrüchen, Betrügereien, Ladendiebstählen, Prostitution.
Binnen zehn Jahren haben sich die registrierten Autodiebstähle verfünffacht. In derselben Zeit stieg die Zahl der Straßen-Raubüberfälle von 225 auf
2090 pro Jahr an, die der Taschendiebstähle von 1492 auf 6943 im vergangenen Jahr.
Mit Stahlgittern verrammelte Geschäfte verwandeln des Nachts das Bild der tagsüber so belebten Geschäftsstraßen wie Rokin, Kalverstraat und Leidsestraat in Abbilder von Gefängniskorridoren.
Zum Zeedijk, dem Red-Light-Distrikt und Drogenumschlagplatz, geht kein Amsterdamer, dem sein Leben lieb ist, nach Einbruch der Dunkelheit. Immer wieder werden hier Touristen niedergeschlagen und ausgeraubt.
Als im Frühsommer dieses Jahres das amerikanische Magazin "Forbes" über die Gefährdung von Reisenden in Amsterdams Altstadt berichtete, annullierte ein verschrecktes US-Reiseunternehmen einen Acht-Tage-Trip für 400 Personen. Nur der gemeinsamen Überzeugungsarbeit von Stadt, Hotelunternehmen und der Luftfahrtgesellschaft KLM war es schließlich zu danken, daß die Gäste aus Amerika dann doch noch kamen und der fette 1,5-Millionen-Gulden-Brocken nicht verlorenging.
"Sehr unglücklich" ist daher die Amsterdamer Fremdenverkehrszentrale, daß ein deutscher Reiseunternehmer just das schlechte Image der Stadt zum Anlaß für "Kriminal-Safaris" in die Unterwelt nimmt: Statt Tulpen die Blumen des Bösen - das zog.
Den Holländern graust heute vor ihrer Hauptstadt: Drei Viertel von ihnen halten Amsterdam für den unsichersten Ort des Landes. Was Wunder, daß Tausende Amsterdamer ihre Quartiere verlassen. Mitte der 60er Jahre lebten in der Stadt noch 870 000 Menschen, jetzt sind es nur noch um 650 000.
Der Mittelstand, die Besserverdienenden, kehren Amsterdam den Rücken, Leute vor allem, die sich höhere Mieten in den grünen Gartenstädten rund um den Großraum der Stadt leisten können.
Zurück bleiben Rentner, Arbeitslose, Gastarbeiter, Surinamer und Antillianer, Strandgut von Hollands kolonialer Vergangenheit - und 40 000 Studenten.
Ganz Reiche bleiben ebenfalls, jene, die für die superfeinen Grachtenwohnungen Tausende von Gulden Monatsmiete hinblättern können oder Hunderttausende für deren Erwerb. Dem Augenschein nach müssen das viele sein, doch die Häkelgardinen, Kupferlämpchen und die Grünpflanzen in den Fenstern täuschen oft nur das schöne Wohnen vor, in Wahrheit haben dort PR-Agenturen und Anwälte, Multis und Konsulate ihre Büros.
Die Grachtenidylle ist trügerisch. "Eine Stadt voller Chaos und Unfrieden" - so beschrieb der "Haagsche Courant" Amsterdam. Und schuld daran seien die Kraaker.
So wie das konservative Haager Blatt lasten behäbige Bürger in der Grachtenstadt gern den Hausbesetzern den Großteil der Misere und Verrufenheit der Stadt an. "Das ist unfair", sagen Kraaker, "hier werden Ursache und Wirkung vertauscht."
Ursache war die schon seit Kriegsende in Amsterdam herrschende Wohnungsnot. Seither galt das Kraaken - der Name ist hergeleitet von dem krachenden Geräusch, das ein Brecheisen, der Kuhfuß, beim Aufstemmen einer Tür macht - fast schon als gesellschaftsfähig.
Denn das Dach (oder die eigene Zimmerdecke) überm Kopf ist für jeden Bürger über 18 Jahren in Holland ein Rechtsanspruch, der allerdings bei dem herrschenden Mangel nicht eingelöst werden konnte. Der Staat beschloß vor Jahren, mit gerechter Hand zu verteilen, was knapp war, und den Wohnraum per Gesetz privater Spekulation zu entziehen. Das genaue Gegenteil trat ein.
Wohnungen unterhalb eines Mietpreises von 570 Gulden dürfen seit jenem Gesetz nur über die Gemeindeverwaltung vermittelt werden. In Amsterdam sind das zwei Drittel aller Wohnungen. Auf der städtischen Dringlichkeitsliste drängen sich immer noch 50 000 Antragsteller. Die Wartezeit beträgt im Schnitt sieben Jahre.
Derweil kamen die Grundstücksspekulanten keineswegs zu Schaden. Sie kauften Altbauten an den malerischen Grachten auf und stylten sie um zu teuren Luxusetagen. Die meisten Häuser standen unter Denkmalschutz, bei ihnen übernahm die Stadt bis zu 60 Prozent der Renovierungskosten.
Die Aussicht auf schnelle Gewinne zog Mitte der 70er Jahre auch ausländisches, vornehmlich britisches Kapital an. "Englische Krankheit" nannten die Hausbesetzer diese heiße Phase der Spekulation, bei der schon mal ein am Morgen für 100 000 Gulden gekauftes Haus am Mittag für 200 000 und am Abend für 300 000 Gulden den Besitzer wechselte.
Die kapitalstarken Bauherren verdroß es nicht, wenn ihre Objekte jahrelang leerstanden, die rasant steigenden Bodenpreise glichen die Zinskosten rasch wieder aus. Seit 1980 müssen leerstehende Wohnungen zwar der Stadt gemeldet werden, aber schon ein Wachmann konnte als "Bewohner" gelten.
Zur Spekulation der 70er Jahre kam noch die Sanierungswut der Amsterdamer
Stadtväter. Ganze Straßenzeilen der um den alten Stadtkern liegenden Arbeiter- und Kleine-Leute-Viertel wurden abgerissen, aber nicht wiederaufgebaut, die Bewohner ganzer Quartiere vor die Tore der Stadt umgesiedelt. Ihre Häuser blieben leer stehen, weil kein Geld zum Abriß da war.
Das Geld floß in Satellitenstädte wie Bijlmermeer, Betonwüsten, welche Baugesellschaften für 100 000 Menschen ins flache Land hineinklotzten.
Bijlmermeer ist heute verödet, verslumt, Absteigerquartier und Heroinhölle. Viel zu spät war den Planern klargeworden, daß "die Leute eigentlich so gar nicht wohnen wollen", wie ein Gemeinderatsmitglied inzwischen eingestand.
Was Wunder, daß sich meist jugendliche Wohnungssuchende in Abrißhäusern und Spekulationsobjekten nach Wildwestmanier Platz besorgten.
Ihr Treiben ist nicht strafbar: Wer in Holland eine leerstehende Wohnung besetzt und Tisch und Bett hineinstellt, gilt nach niederländischem Recht als Bewohner.
Für die Besitzer der gekraakten Häuser bleibt nur der Weg der privaten Räumungsklage. Doch hierfür mußte ihnen bislang der volle Name der Besetzer bekannt sein - weshalb die Kraaker ihre Familiennamen strikt als Geheimnis hüten, man kennt sich als "Griet von der Prinsengracht" oder "Jan vom Singel".
Ende Oktober wurde in Den Haag mit konservativer Stimmenmehrheit ein Gesetz verabschiedet, nach dem Kraaker fortan mit ihrem Vornamen belangt werden können. Auch bei der Linkskoalition im Amsterdamer Rathaus ist die Toleranzschwelle gesunken.
Seit die Stadt 1982 die Legalisierungspraxis - Kauf und Vermietung besetzter Häuser an die Besetzer - aufgab, sei sie "nicht mehr Verhandlungspartner, sondern Feind", so Kraaker Renee.
Das ist wörtlich zu nehmen: Im vergangenen Juni legten die Hausbesetzer eine Bombe ins Büro der zentralen Wohnungsvermittlungsstelle. Die Explosion zerstörte große Teile der Bewerberkartei.
Kaputt waren auch die Unterlagen für die Staatsliedenbuurt, einen alten Arbeiterbezirk nordöstlich des Grachtengürtels, der als bestorganisierte Kraaker-Gemeinde gilt.
"Herrscht in der Staatsliedenbuurt Anarchie?" fragte die Zeitung "Het Parool" besorgt. Ein deutscher Sponti-Spruch - "Anarchie ist machbar, Herr Nachbar" - beschreibt den Zustand des Bezirks treffender.
In der Staatsliedenbuurt haben Kraaker Hunderte von Abbruch-Wohnungen in den letzten Jahren erobert und mit viel Mühe und Kosten eigenhändig instand gesetzt.
Räumungen in dieser Region, wo die Kraaker vielbesuchte Stadtteil- und Nachbarschaftsfeste organisieren, wären äußerst unpopulär, das wissen die Behörden. Meist schicken sie mit Räumungsklagen einen einsamen Staatsbediensteten. "Der zeigt seine Papiere, und wenn er unsere Übermacht sieht", triumphiert Kraakerin Mariell, "sagt er adieu und macht rechtsum kehrt."
Die Staatsliedenbuurter Kraaker haben eine eigene Zeitung namens "Verzet" (Widerstand), einen Piratensender, ein Kino, ein Theater. Ihr stolzestes Projekt läuft an in einer besetzten Schule, die nicht mehr gebraucht wurde. Um die Höhe der Miete wird zur Zeit mit der Stadt verhandelt.
Auf dem Schulhof haben die Kraaker - "für die Kinder zum Anfassen" - einen Kleintierzoo eingerichtet mit Kaninchen und Meerschweinchen, Ziegen und Schafen, Gänsen, Enten, Hühnern, exotischen Vögeln und sogar einem Frettchen.
Die Problematik ihres Verhältnisses zur Obrigkeit ist den Kraakern in der Schule allerdings bewußt: "Die kann es nicht akzeptieren, daß es auch ohne die Verwaltung, ohne den Staat geht." Kann sie auch nicht.
In dieses kleinbürgerliche Kraakerviertel verirrt sich kaum je ein Tourist. Dennoch fühlen sich auch die Staatsliedenbuurter Besetzer vom ausländischen Besucherschwall bedroht.
Denn die Stadtverwaltung will den berühmt-berüchtigten Zeedijk zur nächsten Saison "leefbaar" (lebenswert) machen. Die Stadt Amsterdam gründete zu diesem Zweck im November zusammen mit Großbanken und Baulöwen ein Konsortium. Die Blitzrestaurierung der mit Brettern vernagelten Giebelhäuser soll bald beginnen. Ein 250-Betten-Hotel der Luxusklasse ist geplant, Amsterdam ist mit 1,8 Millionen Mark dabei.
Die Drogenszene muß dann dort verschwinden. Die Bewohner eines kürzlich geräumten Zeedijk-Hauses, Dealer und Junkies, wurden von den Behörden in leerstehende Staatsliedenbuurter Häuser einquartiert.
"Das haben die bewußt getan, um unser Viertel zu verludern", glaubt Paul. "Die Gemeinde", klagen die Kraaker des Quartiers, "mißbraucht unseren Bezirk als Mülleimer für das, was sie für sozial schwache und unangepaßte Elemente hält und was auch mal unter Dach und Fach gebracht werden muß."
Am 15. Dezember wurde Bürgermeister van Thijn von einem Kraaker-Tribunal
dazu "verurteilt", auf eigene Kosten ganzseitige Zeitungsanzeigen aufzugeben, in denen er sich im Namen der Stadt für das behördliche Mismanagement in der Staatsliedenbuurt entschuldigt.
Er denkt nicht daran. Statt dessen brach van Thijn, begleitet von ein paar Getreuen, bewaffnet mit nichts als einem Regenschirm, Mitte letzter Woche zur Staatsliedenbuurt auf, um dort spazierenzugehen und mit Bürgern zu sprechen.
Im Nu war er von einigen hundert Kraakern und Sympathisanten umringt, wurde geknufft und bespuckt und mußte sich unverrichteter Dinge in die Portiersloge der Städtischen Elektrizitätswerke flüchten, von wo ihn ein Taxi ins Rathaus zurückfuhr.
"Der Winter", so Kraaker Vincent ahnungsvoll, "wird noch heiß."
"5x geräumt und noch bewohnt, muß man''s noch deutlicher sagen?"
Von Mareike Spiess-Hohnholz

DER SPIEGEL 1/1985
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