29.10.1984

OPECRegelt sich

Mit Förderkürzungen will das Ölkartell Opec einen von Norwegen ausgelösten Preiskrieg stoppen. *
Saudi-Arabiens Ölminister hatte den Termin schon vor Monaten exakt vorausgesagt.
In der zweiten Oktoberhälfte, prophezeite Scheich Ahmed Saki el-Jamani im August, sei wohl eine Sonderkonferenz der Opec fällig. Während dieses Treffens sollten die Mitgliedsländer, so empfahl
der weitaus erfahrenste Energiepolitiker des Kartells, ihre offiziell erlaubte Fördermenge dem veränderten Bedarf anpassen; nach oben, versteht sich.
Tatsächlich findet vom Montag dieser Woche an in Genf eine außerordentliche Opec-Sitzung statt. Doch es geht nicht, wie Jamani prophezeit hatte, um höhere Förderquoten, sondern um niedrigere.
Daß die 13 Mitglieder der Öl-Organisation kurz vor Winteranfang zu einer solchen Krisensitzung zusammengetrieben würden, hatten bis Anfang vorletzter Woche auch alle anderen Experten nicht erwartet. Nach Ansicht der meisten Marktbeobachter *___sind Gesamtangebot und -nachfrage im internationalen ____Ölhandel derzeit etwa gleich groß; *___sind die Vorratstanks in den Verbraucherländern so ____mäßig gefüllt wie seit Jahren nicht mehr; *___wird der saisonal steigende Heizölbedarf im kalten ____Norden zu höheren Einkäufen bei der Opec führen.
Doch es kam anders. Mitte dieses Monats versetzte ein Branchen-Zwerg den einst fast allmächtigen Ölklub über Nacht in Panikstimmung. Die norwegische Staatsgesellschaft Statoil, die bislang immer brav den Preisbeschlüssen des weit größeren Nordsee-Ölverkäufers British National Oil Corporation gefolgt war, senkte überraschend und im Alleingang den Preis für ihre Ölausfuhren. Der Abschlag betrug 1,50 Dollar, Norwegen-Öl gibt es jetzt für 28,50 Dollar pro Barrel.
Die Briten, die sich in jüngster Zeit stets "wie ein 14. Opec-Mitglied" ("Financial Times") verhalten hatten, zogen zwei Tage später mit einer Preissenkung von 1,35 Dollar nach.
Bereits einen Tag später reagierte dann ein offizielles Opec-Mitglied. Ohne die anderen Kartell-Kompagnons zu konsultieren, setzte die nigerianische Militärregierung den Preis für ihr Öl noch stärker als die beiden Nordsee-Anrainer herab. Nigeria-Öl, das zuvor ebenso teuer wie das britische und das norwegische war, kostet nun 0,50 bis 0,65 Dollar weniger als qualitativ gleicher Stoff aus dem Nordsee-Boden.
Die besonders devisenhungrigen Westafrikaner wußten aus Erfahrung, daß sie eine Preisoffensive der europäischen Ölexporteure rasch kontern mußten. Aus Kartell-Disziplin hatten die Nigerianer bis zum Februar 1983 ihr Öl, das ähnlich leicht und schwefelarm ist wie der Nordseestoff, um 1,50 Dollar je Barrel teurer angeboten als Briten und Norweger. Sie verloren damals so viele Kunden an die Europäer, daß schließlich 80 Prozent der Förderkapazität ungenutzt blieben.
Wegen einer globalen Ölschwemme versuchten die Nordsee-Produzenten dann auch noch, ihren Absatz durch eine Preissenkung von 3,50 Dollar auszuweiten. Die Nigerianer schlugen daraufhin mit einem Preisabschlag von 5,50 Dollar zurück, und im März 1983 senkte das gesamte Kartell seinen Richtpreis von 34 auf bis heute gültige 29 Dollar.
Nach dem Tarif-Schnitt der Nigerianer vom vorletzten Donnerstag schien ein neuer allgemeiner Preisrutsch unausweichlich. Auf den sogenannten Spot-Märkten, auf denen freie Partien gehandelt werden, gaben die Notierungen sofort um bis zu zwei Dollar je Barrel nach.
Nach Ansicht vieler Marktkenner konnte es nur noch eine Frage von Stunden oder allenfalls Tagen sein, bis auch andere Öllieferanten innerhalb und außerhalb der Opec ihre Preise senken würden. Entsprechend hektisch organisierte Opec-Anführer Jamani seine Gegenwehr.
Anfang vergangener Woche trommelte der Saudi fünf Kartell-Kollegen in Genf zu einer Besprechung zusammen. An dem halboffiziellen Treffen nahmen erstmals auch Vertreter von Ländern teil, die nicht der Opec angehören. Die Ölminister Mexikos und Ägyptens berieten in schöner Harmonie mit den Opec-Abgesandten, wie der Preisrutsch noch zu stoppen sei.
Jamani erklärte sich bereit, die Förderung seines Landes - mit vier bis fünf Millionen Barrel täglich die weitaus höchste im Kartell - vorübergehend um 1,5 Millionen Barrel pro Tag zurückzunehmen. Die anderen Opec-Vertreter gelobten - ohne sich allerdings auf genaue Quoten für ihr Land festzulegen - ebenfalls für Produktionskürzungen einzutreten.
Jamani machte sich dann auf den Weg nach Lagos, um die Nigerianer zu einer baldigen Korrektur ihres Ölpreises zu bewegen. Anschließend reiste er nach Oslo weiter, um dort die "wirklichen Motive" für das unerwartete Vorpreschen der Norweger zu erforschen.
Die sind so rätselhaft nicht. Die Preissenkung der Norweger hängt mit dem Einsatz verbesserter Raffinerie-Technik in den westlichen Industrieländern zusammen. In modernen Konversions-Anlagen lassen sich aus preisgünstigem schwerem Rohöl weit mehr hochwertige leichte Produkte wie Benzin gewinnen als in alten Raffinerien.
Durch die technische Umstellung ging die Nachfrage nach dem einst hochbegehrten leichten Rohöl stark zurück. Die früher nur sehr schwer absetzbaren minderwertigen Rohöle vergrößerten ihren Marktanteil.
Die Opec-Länder versäumten es, die Preise für die jeweiligen Ölsorten der veränderten Nachfrage anzupassen. So kam es, daß Leichtöl-Lieferanten wie Norwegen, die kaum über schweres Öl verfügen, einen immer höheren Anteil ihres Öls nicht zum offiziellen Preis verkaufen konnten, sondern mit einem Abschlag von ein bis zwei Dollar auf den Spot-Märkten anbieten mußten.
Finanziell war das für diese Länder nicht schmerzlich. Denn ihre Öleinnahmen kassieren sie in Dollar. Der Kurs der US-Währung aber ist in den vergangenen anderthalb Jahren steil nach oben geschossen. Für die Deutschen wie für alle anderen Verbraucher außerhalb der USA wurde das Öl dadurch immer teurer (siehe Graphik). Bei den Ölförderern sorgte die Dollar-Hausse trotz sinkender Dollar-Preise für höhere Einnahmen in der eigenen Währung.
Doch die Norweger fürchteten, Stammkunden zu verlieren. Sie senkten daher ihren offiziellen Preis.
Mit ihrer Ankündigung, die Fördermenge zu senken, haben Jamani und seine Verbündeten den von den Norwegern eingeleiteten Abwärtstrend der Preise erst mal stoppen können. Das Kartell, das in dieser Woche neue Förderquoten offiziell festschreiben will, hofft nun, daß mit dem ersten Frost in Nordamerika und Europa seine Preisängste ausgestanden sein werden.
"Das regelt sich in ein paar Wochen", machte Mana Said el-Uteiba, Ölminister der Vereinigten Arabischen Emirate, sich und seinen Kartellbrüdern Mut. _(umgerechnet nach dem jeweiligen ) _(Dollarkurs in Mark )
[Grafiktext]
ÖLPREIS UNTER DOLLARDRUCK Entwicklung der Opec-Preise je Barrel Rohöl in Dollar und Mark Index: 1. Juni 1973 = 100 Dollar pro Barrel Mark pro Barrel
[GrafiktextEnde]
umgerechnet nach dem jeweiligen Dollarkurs in Mark

DER SPIEGEL 44/1984
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