22.04.1985

„Wir warten alle auf unser Grab“

SPIEGEL-Redakteurin Mareike Spiess-Hohnholz über die indische Stadt Bhopal nach der Giftgas-Katastrophe _____“ Das Karma lehrt uns, daß wir für Handlungen des „ _____“ vergangenen Lebens im gegenwärtigen büßen müssen, und „ _____“ daher ist alles, was wir sehen, gerecht und ausgewogen. „ _____“ Das Elend, das uns umgibt, muß als religiöses Theater „ _____“ verstanden werden. „ _____“ V.S. Naipaul, indischer Schriftsteller „ *
Karma, das selbstverursachte Schicksal im Hindu-Glauben, war in jener Nacht des Grauens der Wind. Bald nach Mitternacht am 3. Dezember vorigen Jahres blies er aus Nordost 40 Tonnen tödliches Gas vor sich her. Wie ein Leichentuch legte es sich über Teile der Stadt, mordete Menschen im Schlaf und auf der Flucht vor der weißlichen Wolke.
Beim Landeanflug auf die Stadt Bhopal im mittelindischen Madhja Pradesch ragen aus Dunst und Abgasnebeln nur Fabrikschornsteine und die Minarette der Dschamma-Moschee. Drei Kilometer Luftlinie sind es etwa von den Minaretten zum Schornstein der Union Carbide India Ltd., einer Tochter (mit 49 Prozent Eigenanteil) des US-Chemiegiganten Union Carbide, der in Bhopal Insektenvertilgungsmittel fabrizierte.
Westlich der Luftlinie zwischen Moschee und Fabrik liegen die vom Giftgas - angeblich war es das hochtoxische Methylisocyanat (MIC) - am stärksten betroffenen Gebiete: die überwiegend von Moslems bevölkerte Altstadt, die Slums und Shantytowns der niedrigkastigen Hindus und der nicht zur Hindu-Gesellschaft gehörigen kastenlosen Haridschan, der Unberührbaren.
Das Karma traf die, die es eh schon beutelt: Arme, Ärmste, Elendste, die chancenlosen Parias, denen die Hindus allein den Umgang mit Dreck, Fäkalien und Kadavern zubilligen. Gerecht und ausgewogen?
Die größte chemische Katastrophe des Industriezeitalters jedenfalls, sie stellt sich, fast fünf Monate nach Geschehen, zugleich auch als eine Katastrophe des _(Im Hintergrund die Union-Carbide-Fabrik. )
Umgangs von Menschen mit Menschen dar, lebendigen wie toten.
Der fast übermenschlich anmutende Einsatz von Ärzten und medizinischem Personal in den ersten Tagen und Nächten, die Hilfe unzähliger Freiwilliger - das alles scheint vergessen wie ein einmaliger, unwillkommener Ausbruch aus einem schicksalhaft-religiösen Schema.
Im Bhopal von heute herrschen unsägliche Not, Angst und Krankheit, aber zu viele Ärzte schweigen, die Behörden lügen, vertuschen und betrügen.
Da ist zunächst das abstoßende Feilschen der Landesregierung in Bhopal, der Hauptstadt des Staates Madhja Pradesch, um die Zahl der durch das Killer-Gas Umgekommenen. 1400 Tote, heißt es offiziell, was im Parlament von Neu-Delhi höhnisches Gelächter hervorrief. Denn selbst die Zentralregierung, wie in Madhja Pradesch von der Kongreß-Partei des Nehru-Gandhi-Klans gestellt, dementiert die Zahl 2500 nicht mehr.
Schätzungen parteiunabhängiger Personen und Organisationen liegen bei 5000, einige bei 10 000 Toten. Viele Leichen wurden in der Schreckensnacht und in den Tagen danach eiligst verbrannt und vergraben. "Tote und vielleicht auch nur Halbtote", so ein Augenzeuge, "wurden auf Lastwagen geladen und in Massengräbern außerhalb der Stadt verscharrt." Und von den Unzähligen, die in weit entfernte Ortschaften geflohen waren, sind viele gestorben, ohne daß man sie mitgezählt hätte, genau wie jene, die noch Tag um Tag den Folgen des Gasausbruchs erliegen.
Tausende Witwer, Witwen, Waisen sind so - wegen anstehender Entschädigungen - in Beweisnot, in derselben Beweisnot wie wegen ihrer Krankheiten. Denn die Regierung tue ihr Bestes, "um die grausamen Fakten runterzuspielen bis hin zur totalen Unterdrückung von Informationen", sagt der Bürgerrechtler Inder Mohan.
Auch die in Bhopal arbeitende Umweltschutzgruppe Eklawja beklagt in einem Mitte März veröffentlichten Report: "Die offizielle Untersuchungsmaschinerie verweigert den Bürgern ihr elementares Recht auf Aufklärung."
Fragen nach Rückständen oder schädlichen Reaktionsstoffen des Giftgases in Luft, Wasser, Erde, Pflanzen, Nahrung und Häusern bleiben keineswegs unbeantwortet. Den Anfang machte, am Tag nach der Katastrophe, Indiens Premier Radschiw Gandhi, der sich im Wahlkampf für 90 Minuten nach Bhopal begeben hatte. Er befand: "Bhopal is safe", alles in Ordnung. Nur hatte zu dem Zeitpunkt noch kein Mensch irgend etwas examiniert.
Alles klar, lautet bis heute die Parole der Behörden, "das Wasser ist rein, aber kochen Sie es, bevor Sie es trinken", "das Gemüse ist in Ordnung, aber waschen und kochen Sie es vor dem Verzehr". Detaillierteres liegt nicht vor.
Die Umweltschützer sind mißtrauisch. Warum hat der Indische Rat für Kulturelle Beziehungen Bhopal als einen der Austragungsorte für das World Poetry Festival gestrichen? Seine Begründung: "Es wäre für die ausländischen Dichter nicht ratsam, nach Bhopal zu gehen, angesichts der dort möglichen Verseuchung des Wassers, Gemüses etc.". "Man kann wohl annehmen", so der Eklawja-Vorsitzende Winod Raina, ein Physiker, "daß der Kulturrat in Delhi bessere Informationsmöglichkeiten hat als die armseligen Bürger von Bhopal."
Beängstigender als den Zustand der Umwelt - immerhin haben die Bäume wieder neue Blätter, leuchten die Bougainvilleas wie eh und je in flammenden Farben - sehen die Bhopaler Umweltschützer die gesundheitlichen Leiden der Bevölkerung. Raina: "Was da an Nicht-Aufklärung läuft, ist kriminell."
Die Ärzte Bhopals, Angestellte der staatlichen Krankenhäuser wie privat
praktizierende Mediziner, sind von der Obrigkeit angewiesen, medizinische Daten und Erkenntnisse nicht herauszugeben. Ausgenommen von der Sperre vor Ort ist einzig der Indian Council of Medical Research (ICMR) in Delhi, der alle Untersuchungen zentral sammelt, koordiniert, auswertet - und schweigt. Sechs Monate bis ein Jahr soll es noch dauern, ehe ein Report jenes staatlichen Dienstes zur Gesundheitslage erscheint.
Nicht alle Ärzte halten sich an den Maulkorb-Erlaß. Bevor sie reden, empfehlen sie allerdings jedem, der sich ein Bild machen will, in die Slums zu gehen.
In den Quartieren aus Strohmatten und Lehm, sei es in Dschajaprakasch Nagar, direkt vis-a-vis der Union-Carbide-Werksmauer, in Kasi Camp, in Tschola Kentschi oder in der Railway Colony, wo die kleinen Arbeiter und Angestellten der Eisenbahn wohnen, überall das gleiche Geräusch: rasselnder Husten, Ausspeien, Husten, Würgen.
"Dieses Dschajaprakasch Nagar", sagt Bewohner Gulab Khan, 45, "ist ein Quartier des Todes." In fast jeder Hütte sind in der Nacht, als das Gas kam, Menschen auf der Stelle gestorben. Und jetzt, so Gulab Khan, "sterben wir hier alle eines langsamen Todes".
Vor der Katastrophe hat er Gemüse verkauft und damit an guten Tagen fünf bis zwölf Mark verdient. Er zeigt auf seinen Handkarren, sein Betriebskapital: "Ich kann ihn nicht mehr schieben, nach zwanzig Metern geht mir die Luft aus, und meine Brust schmerzt. Was soll aus meinen fünf Kindern werden?"
Alle Männer und etliche Frauen in diesem Elendsquartier sind Tagelöhner, alle stehen vor dem Nichts, wenn ihnen die Kraft zum Arbeiten fehlt. Banno Bi, 20, ist eine der Frauen, die mit dem Drehen von Bidis, das sind billige kleine Zigaretten, hinzuverdient, im Schnitt vierzig Pfennig für 1500 Stück am Tag. Jetzt schafft sie keine einzige mehr.
Ihr 30 Jahre alter Mann Mohammed Ali hat in einer Mühle gearbeitet, jetzt ist er sichtbar zu schwach: Er versucht, ein Fahrrad über einen Abflußgraben zu schieben. Das darüberliegende Brett hat einen Neigungswinkel von v elleich 15 Grad, er m ß aufgeben. Banno Bi, die in der Todesnacht sechs Angehörige verloren hat: "Wir alle hier warten auf unser Grab."
Im bescheidenen Quartier der Unberührbaren der Railway Colony lebt der Straßenkehrer Ram Lal Panna, 50, mit zwei seiner fünf Kinder. Seine Frau Widjawati starb 20 Tage nach dem Gasausbruch unter furchtbaren Qualen in ihrem Heimatort 200 Kilometer von Bhopal entfernt, dahin waren sie geflüchtet. Ram selbst war nach 15 Tagen Krankenhausaufenthalt wieder zu seinem Arbeitsplatz, dem Bahnhof, gegangen. Man teilte ihm "leichte Arbeit" zu, Bahnsteige und Zugabteile zu fegen. "Ich kann selbst das nicht", klagt der Mann, "Tag auf Tag scheint das Leben mich immer mehr zu verlassen, es strömt aus mir heraus."
Seit kurzem hat er Pickel und Beulen am ganzen Körper, seit Monaten brennende Schmerzen im Magen, kein Hungergefühl, er kriegt kaum Luft. Um seine Brust, sagt er, "liegt ein Reifen aus Eisen". Der Betriebsarzt hat ihm empfohlen, Urlaub zu nehmen, aber dann kriegt Ram Lal Panna keinen Lohn, und auf die 65 Mark im Monat kann er nicht verzichten.
Wenige hundert Meter weiter, im Häuschen des Fahrkartenkontrolleurs Khaliuddin Kureschi: Das Familienoberhaupt ist nach gut dreimonatigem Leiden im staatlichen Hamidia-Hospital gestorben, drei Tage nach einer Operation.
"Wir haben nicht mehr genug zu essen", klagt die Witwe Nadschma, 32, Mutter von fünf Kindern. Eines liegt, zusammengekrümmt und reglos, auf dem Boden. Vor ihr steht, schwankend auf spindeldürren Beinen, Sohn Akiluddin, 7. Ihm rutschen die Augäpfel nach hinten in die Augenhöhlen, der Kopf fällt ihm auf die Schulter, er wirkt hirngeschädigt.
"Das hat er seit dem Gas", sagt die Mutter. Tochter Tabussam, 9, klagt über Magenschmerzen, sie ißt kaum noch, ist abgemagert. "Mein Mann ist tot, die
Kinder sind krank, für mich sind die Berge eingestürzt", jammert die Witwe.
Im Slum von Dschajaprakasch Nagar präsentieren die Hüttenbewohner ihre Krankenpapiere. Bei den meisten lautete die Diagnose "Pneumonitis", Lungenentzündung, in Klammern dahinter "dem Gas ausgesetzt in Bhopal". Und dann, wenig später: "Improved", gebessert.
Diesen "Gebesserten" fehlt oftmals die Kraft, ins Krankenhaus zu gehen, um sich nochmals untersuchen zu lassen. "Meine Frau Schakina", berichtet Gulab Khan, "schafft den Weg ins Krankenhaus nicht. Ich selbst bin hin- und zurückgekommen, aber danach konnte ich mich drei Tage nicht vom Boden erheben."
Der alles untersuchende medizinische Forschungsrat ICMR ist präsent: An alle Hütten der vom Gas betroffenen Regionen haben Mitarbeiter Schildchen mit dem Aufdruck ICMR und einer Registriernummer anbringen lassen, jede Wohneinheit ist erfaßt.
Versorgt sind die Bewohner damit noch lange nicht. Gelegentlich kommen Ärzte vorbei. "Selten", sagt Gulab Khan, "und wenn sie mal kommen, haben sie kaum Arznei dabei." Banno Bi: "Sie lungern herum, machen sich Notizen. Untersuchen tun sie niemanden."
Sie zeigt die Medikamente, die sie kürzlich einmal bekamen: eine Flasche Vitamin-B12 mit Folsäure, gegen Blutkrankheiten, dazu zwei Tütchen abgezählter weißer und roter Pillen unbekannter Zusammensetzung.
Einer der wenigen Ärzte Bhopals, der Auskunft gibt, behauptet: "Der ICMR gibt ihnen die billigsten, nutzlosesten Medikamente. Die staatlichen Hospitäler haben keine ordentlichen Arzneien mehr, die Regierung in Bhopal lehnt Medikamentenhilfe ab, denn Annahme hieße ja, das Ausmaß der Krankheiten zuzugeben."
Wie skandalös sich die Behörden in Bhopal aufführen, zeigte sich am Fall des Medikaments Natriumthiosulphat. Dieses Mittel soll von Union-Carbide-Experten in den USA spontan per Telex als Gegengift empfohlen worden sein. Doch da sich die Firmenleitung in Bhopal in der Zwischenzeit mit der US-Führung geeinigt hatte, das ausströmende Gas sei MIC, machte die Empfehlung keinen Sinn, denn das Mittel wird bei Vergiftungen mit Cyanid, einem Salz der Blausäure, eingesetzt. Cyanid tötet sofort.
Erste Obduktionen ergaben - sichtbar am kirschroten Blut der Toten -, daß Cyanid im Spiel war, und sei es, daß es sich erst im Körper der Betroffenen, durch Kontakt mit Schwefel etwa, verwandelte. Jedenfalls tippte auch der Münchner Toxikologe Max Daunderer, der kurz nach dem Desaster in Bhopal eintraf, auf Cyanid-Vergiftungen und behandelte über hundert Patienten erfolgreich mit Natriumthiosulphat.
Doch ein Teil der Bhopaler Ärzteschaft lehnte die Therapie auf Empfehlung der Behörden und der Weltgesundheitsorganisation WHO ab, weil die an der MIC-Version festhielten.
Zu dem Zeitpunkt war allerdings eine Sendung des Medikaments, ausreichend für 500 Injektionen, von Union-Carbide-Medizinern in den USA nach Bhopal unterwegs. Sie verschwand spurlos, jüngere Ärzte des Hamidia-Hospitals wollen auch wissen, wie: "Die Injektionen sind an die Elite, vor allem an Minister, verteilt worden."
Wäre dieses Medikament rechtzeitig und großflächig eingesetzt worden, hätten möglicherweise Leben gerettet, Folgeschäden gemindert werden können. Eine Ärztegruppe, die sich Medico Freundeskreis nennt, teils in Bhopal gearbeitet hat und in Bangalore ansässig ist, berichtet: "Erst nach einer fatalen Lücke von zwei Monaten ist die Entscheidung, Natriumthiosulphat nicht zu verabreichen, offiziell zurückgenommen worden." Danach sei das Mittel allerdings "nicht in der erforderlichen Menge vorrätig" gewesen. In der vorvergangenen Woche empfahl der ICMR die begrenzte Anwendung des Medikaments unter strikter Kontrolle, doch ob es jetzt noch nützt, ist unter Medizinern umstritten.
Zwischen 180 000 bis 200 000 Menschen - ein Viertel der Bevölkerung Bhopals - waren dem Gas ausgesetzt, 25 000 von ihnen haben große Mengen eingeatmet. Haider Ali Insaf, Moslem und Besitzer einer Privatklinik in Bhopal, hat Tausende der Opfer behandelt, anfangs auch ganz Arme zum Nulltarif, "aber die bleiben nun weg, wir können sie nicht endlos kostenlos durchziehen".
Insaf sieht als schwerwiegendste Folge des Gasunglücks die Schädigungen der Atemsysteme von Betroffenen. Eine Patientengruppe habe auf das Gas mit asthmaähnlichen Symptomen reagiert. Eine andere, gefährdetere, mit Lungenödemen - dabei wird die beim Einatmen etwa 120 Quadratmeter große Gesamtoberfläche der Lungenbläschen reduziert, was mit Lungenfibrose und Lungenemphysem tödlich enden kann.
Ob das Gas in den nächsten Monaten und Jahren vielleicht weitere 25 000 Opfer fordert, das will, aus gutem Grund, kein Mediziner sagen. Ein Lungenfacharzt: "Was für einen Sinn soll es denn haben, wenn wir 25 000 Leute wissen lassen, daß sie, wann sie, wie sie sterben werden?"
Weniger fatal als anfänglich angenommen sind offenbar die Auswirkungen auf die Augen der Opfer. Zwar meldete im Februar das "Tata Institute of Social Sciences", 1064 Menschen seien erblindet. Doch das wurde von der Regierung Madhja Pradeschs umgehend
dementiert: "Kein Fall von Erblindung." Man einigte sich auf "vorübergehende Sehverluste".
Die vielen anderen Beschwerden der Slum-Bewohner - Hauterkrankungen, Magenbrennen, Leber- und Milzschmerzen - kann sich der Leiter des staatlichen Hamidia-Hospitals, Professor N.R. Bhandari, nicht recht erklären. Der Chef der Klinik, in der bis jetzt 80 000 Gasopfer behandelt wurden, teils noch behandelt werden, meint: "Die Armen schieben jetzt alles aufs Gas."
Mediziner der Eklawja-Gruppe werfen Kollegen wie Bhandari vor, sie wollten die Probleme "verdrängen, den 3. Dezember ganz schnell vergessen machen". Diesen Vorwurf erheben auch zwei Ärztinnen, die Ende März mit ihrem Bericht über spezifische Leiden der vom Gas betroffenen Frauen das offizielle Schweigen durchbrachen, weil "alles zu spät ist, wenn der ICMR irgendwann einmal geruht, zu informieren".
Die indische Gynäkologin Rani Bang, 34, ausgebildet an der New Yorker Johns Hopkins University, und die amerikanische Ärztin Mira Sadgopal, 40, beide seit langem in Indien praktizierend, arbeiten seit der Gaskatastrophe in einem schäbigen Verschlag, einer "Feldklinik", und haben 55 Frauen aus den am schlimmsten getroffenen Slums Dschajaprakasch Nagar und Kasi Camp betreut.
Rani Bang spricht von "gynäkologischen Epidemien" in Bhopal. Nach ihren und Frau Sadgopals Erhebungen leiden 79 Prozent der Untersuchten an Unterleibsentzündungen, 46 Prozent an exzessiven Menstruationsblutungen.
Im Urteil der Medizinerinnen sind diese Beschwerden darauf zurückzuführen, daß die Frauen hohen Dosen des Giftgases ausgesetzt waren. Bei Bhopaler Kollegen stießen sie indes auf Unglauben. Bhandari: "Das alles ist üblich bei Frauen der Unterschicht."
Unbestritten ist immerhin, daß in Bhopal neuerdings jedes vierte Kind tot geboren wird, das ist doppelt soviel wie im indischen Durchschnitt. Fast jedes dritte kommt mit Untergewicht auf die Welt - Banno Bi in Dschajaprakasch Nagar hat so eines, am 22. Dezember geboren, aber noch so winzig wie eben auf die Welt gekommen. Sie hat das Mädchen Reschma Gas getauft - "sie ist ein Produkt des schrecklichen Gases".
Nicht erst seit am 16. März Madhulika Schiwalkar in Bilaspur mit einem mißgebildeten Kind niederkam, fürchten sich Bhopals Frauen - etwa 3000 waren zur Zeit des Gasausbruchs schwanger - vor Mißgeburten.
Frau Schiwalkar war am 3. Dezember in Bhopal und damals im fünften Monat schwanger. Ihr Kind, das 48 Stunden nach der Geburt starb, hatte keine identifizierbaren Sexualorgane, zwei Löcher anstelle von Augen, finger- und zehenlose Arme und Beine, die Haut wirkte verbrannt und wies Risse auf.
Obgleich Deformationen üblicherweise in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten angelegt werden, will M. S. Rehman, Klinikchef in Bilaspur, einen Zusammenhang zwischen den Mißbildungen und dem Gasausbruch nicht ausschließen: "Wenn sich das nachweisen läßt, ist das eine sehr ernste Sache."
Erwartete Mißbildungen könnten zwar, durch Fruchtwassertests und Ultraschall, im Mutterleib festgestellt werden, aber Bhopaler Kliniken haben die nötige Ausrüstung nicht. Totgeborene Kinder, deren Untersuchung vielleicht Aufschluß geben könnte über eine eventuelle Schädigung, werden an Medizinische Institute nach Delhi oder Bombay geschickt, die Ergebnisse werden nicht vor Juli erwartet. Da werden dann viele der betroffenen Frauen schon niedergekommen sein.
An der Universität Bhopal hat Professor Goswami an Gas-Patienten Chromosomenschäden festgestellt, die genetische Auswirkungen auf kommende Generationen haben könnten. "Eine Schwangere", so Goswami, "kann jetzt schon ein mißgebildetes Kind bekommen. Aber über latente Effekte wissen wir vielleicht die nächsten zehn Jahre gar nichts."
Bhopal ist eine schleichende Katastrophe - aber die Frage nach den Schuldigen und nach Ausgleich für die Opfer bleibt noch unbeantwortet.
Zu Dutzenden waren (im Dezember 1984) amerikanische Top-Anwälte in Bhopal eingeflogen. 24 170 Daumenabdrücke und Unterschriften sammelten sie bei den des Schreibens und Lesens meist nicht mächtigen Slumbewohnern ein, als Einwilligung, daß sie die Hinterbliebenen und Verletzten in gigantischen Schadensersatzprozessen gegen Union Carbide in den USA vertreten (und 35 Prozent der Kompensationssummen für sich abzweigen). Die Anwälte, darunter der Star Melvin Belli, versprachen ihren Klienten "Tausende und Tausende US-Dollar noch vor dem Holi-Fest".
Das Fest war am 7. März, die Gasopfer werden wohl noch lange auf die Dollar warten müssen. Dutzende von Klagen mit Forderungen auf 250 Milliarden Dollar sind mittlerweile beim Richter John Keenan im New Yorker District Court zusammengezogen worden. Vorige Woche begann dort das Hearing zur Frage, ob US-Gerichte überhaupt zuständig sind. Bis zur Entscheidung darüber dürften Monate vergehen. Darum wohl empfahl Richter Keenan dem Multi, "als Zeichen menschlichen Anstands" für die Opfer fünf bis zehn Millionen Dollar an Soforthilfe zu zahlen, dies würde nicht als Anerkennung einer Verantwortung gewertet. In einem Brief an den Richter erkannte der Konzern "die Bedeutung der Soforthilfe" an und bot fünf Millionen Dollar.
Die indische Regierung, die sich per Gesetz zum Sachwalter aller Bhopal-Opfer _(Gegen den Chemie-Multi Union Carbide am ) _(100. Tag nach der Gaskatastrophe. )
gemacht hat, hängte sich, sehr zum Leidwesen einiger amerikanischer Anwälte, an die New Yorker Prozesse an. Dieser Alleinvertretungsanspruch wird ihr von Betroffenen mittlerweile vor dem Obersten Gericht in Delhi bestritten, weil er den Verfassungsgrundsatz der freien Anwaltwahl verletze.
Die Kongreß-Zentralregierung will, trotz der Klage in New York, einen außergerichtlichen Vergleich nicht ausschließen. Denn vor Gerichten, indischen wie nordamerikanischen, müßte unweigerlich die Mitverantwortung der Kongreß-Regierung Madhja Pradeschs zur Sprache kommen. Und die ist beträchtlich.
In seinem schmucken Bungalow in Bhopal zieht P. M. Butsch, einstiger Stadtplaner im Rathaus, seinen alten, umfangreichen Entwicklungsplan vor ("Ich bin der Gestalter des modernen Bhopal"). Der Plan trat 1975 in Kraft.
Im 15. Kapitel steht zu lesen, daß giftige Industrien, solche für Insektizide und Pestizide beispielsweise, weit nordöstlich vor die Stadt zu placieren seien, denn so könnten der im Oktober bis März vorherrschende Nordostwind und der von April bis September wehende Südwest schädliche Stoffe an der Stadt vorbeiblasen.
Butsch war es, der der Union Carbide, die zunächst nur ein Testlabor in Bhopal betrieb, die Produktionsaufnahme für Insektizide am Laborplatz mitten in der Stadt untersagte. Das Management aber hatte enge verwandtschaftliche und freundschaftliche Kontakte mit der Regierung: Butsch wurde strafversetzt, ein Jahr später durfte die Chemiefirma mit der Arbeit beginnen.
"Der Entwicklungsplan", so Butsch heute, "war verbindlich, so verbindlich wie ein Gesetz. Gegen ihn zu verstoßen kommt einem kriminellen Akt gleich."
Der Stadtentwicklungsplan schloß auch ausdrücklich Wohnsiedlungen im Bereich gefährlicher Industrien aus. Dennoch erhielten all jene, die sich in der Hoffnung auf Arbeit und Tagelohn rund um die Werksmauern in ihren Lehmhütten niedergelassen hatten, von der Regierung Besitztitel.
Der Untersuchungsbericht der indischen Regierung über die Ursachen des Unglücks ist bislang noch nicht fertiggestellt. Ein Report des Gift-Konzerns schiebt alle Schuld auf das indische Management und die Arbeiter in Bhopal, auch wollte Konzernchef Warren Anderson "Sabotage nicht mehr ausschließen".
Festzustehen scheint bisher: *___Die Sicherheitsanlagen waren von der Ausstattung her ____nicht ausreichend
und dazu kriminell schlecht gewartet (gleichwohl hatten die Kontrollbehörden noch zwei Monate vor der Gaskatastrophe bescheinigt, die Firma beachte die gesetzlichen Bestimmungen); *___Union Carbide hat die Behörden über die Gefährlichkeit ____der in Bhopal lagernden Substanzen nicht unterrichtet. ____Es gab keinen Plan für den Notfall.
So plädiert denn Warren Anderson für einen außergerichtlichen Vergleich. "Ein Prozeß befriedigt niemandes Bedürfnisse", spricht Menschenfreund Anderson, denn: "Man muß was erreichen, das den Menschen Hoffnung und etwas Entschädigung gibt für das Unglück, und das ist kein Prozeß."
Eine Million Dollar hat Union Carbide gleich nach dem Unglück als Soforthilfe gezahlt. Nach Meinung von Sachverständigen dürfte eine außergerichtliche Schadensregelung maximal eine Milliarde Dollar kosten, davon sei ein guter Teil durch Versicherungen gedeckt (im Fall einer Liquidation beläuft sich der Nettowert des Konzerns auf rund fünf Milliarden Dollar).
Wieviel Geld an die Opfer ausgezahlt wird und wie, dürfte noch auf lange Zeit ungeklärt bleiben. In jedem Fall würden die Regierenden in Delhi und Bhopal von der Schadensersatzsumme zunächst einmal die beträchtlichen eigenen Unkosten abziehen, darunter die für Reisekosten, für die Lebensmittel- und andere Nothilfen wie für Entschädigungen, die in Bhopal zusätzlich zur Millionenspende angeblich geleistet wurden. Wie das gehandhabt wurde, läßt für die Zukunft nichts Gutes erwarten.
Die Regierung Madhja Pradeschs will nur um die 1400 Tote gelten lassen, weil sie die zugesagte Entschädigungssumme von 10 000 Rupien, etwa 2300 Mark, bisher in 1400 Fällen an Hinterbliebene gezahlt haben will.
Eine Bhopaler Bürgerinitiative mit Namen "Kampffront im Giftgasfall" sandte ein 50 Mann starkes Überprüfungsteam aus und stellte fest, so der Kampffrontchef Anil Sadgopal: "Höchstens vierhundert haben das Geld gekriegt, andere sind betrogen worden."
Etwa so: Man ließ die damals geblendeten Opfer per Daumenabdruck den Empfang von 10 000 Rupien quittieren, händigte ihnen aber nur 1000 aus. Genauso soll mit Empfängern kleinerer Beträge - 2000 Rupien für Schwer-, 1000 für Leichtgeschädigte - verfahren worden sein.
Tausende sind bisher leer ausgegangen, etwa Parwati, 28, die ausgemergelt und hustend mit ihrem Baby vor ihrer Hütte in Dschajaprakasch Nagar hockt.
Sie war in der Nacht der Katastrophe mit ihrem Mann und Kindern nach Berasija, 15 Meilen von Bhopal entfernt, geflohen. Schwer krank wurde ihr zwölfjähriger Sohn von dort ins Hamidia-Hospital zurückgebracht, wo er starb. Ehemann Radsch holte die Leiche des Jungen, um sie in Berasija zu verbrennen, dann starb auch er.
Weil beide im Dorf bestattet wurden, hatten sie nicht das Privileg, als Gas-Tote in den zentralen Bhopal-Computer eingespeist zu werden. Parwati steht vor dem Nichts, gefangen im bürokratischen Niemandsland.
Auch dem Straßenfeger Ram Lal Panna, dem Unberührbaren, geht es so. Er hat zwar eine Bestätigung von den fünf Dorfältesten, daß seine Frau als Todkranke in ihr Heimatdorf kam und dort 20 Tage später gestorben sei. Das Schreiben nützte nichts, "achtzehnmal", so Ram, "war ich bei einem Beamten, ich habe kaum noch Hoffnung".
Für die Anerkennung eines Toten verlangen die Behörden einen Totenschein. Der kostet 100 bis 200 Rupien, das Geld hatten viele nicht. Dazu die Bestätigung eines Leichenschauhauses - die fehlt vielen, weil sie inmitten der Panik, die dem Gasausbruch folgte, ihre Toten schnellstens beseitigten: die Hindus und Haridschan per Verbrennen auf den Scheiterhaufen, die Moslems per Bestattung auf ihren Friedhöfen.
Fraglich, wer von denen, die kürzlich starben oder in der nächsten Zeit sterben werden, als Opfer des Union-Carbide-Gases anerkannt wird. Die Witwe Nadschma mit ihren fünf Kindern fragt: "Was, wenn sie mir sagen, der eigentliche Todesgrund bei meinem Mann war ein altes Leiden?"
Über die Hindu-Religion, der mehr als 80 Prozent aller Inder huldigen, schreibt der in der Karibik lebende Inder V. S. Naipaul, sie enthalte "nirgends die Idee eines Vertrages von Mensch zu Mensch".
Bhopal könnte der Beweis sein.
Das Karma lehrt uns, daß wir für Handlungen des vergangenen Lebens
im gegenwärtigen büßen müssen, und daher ist alles, was wir sehen,
gerecht und ausgewogen. Das Elend, das uns umgibt, muß als
religiöses Theater verstanden werden. V.S. Naipaul, indischer
Schriftsteller
Im Hintergrund die Union-Carbide-Fabrik. Gegen den Chemie-Multi Union Carbide am 100. Tag nach der Gaskatastrophe.
Von Mareike Spiess-Hohnholz

DER SPIEGEL 17/1985
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