31.12.1984

Elvis Presley: Talfahrt im Cadillac

Nur zweimal in seiner Karriere mußte Elvis Presley zeigen, worauf sein Weltruhm beruhte: Mitte der fünfziger Jahre, als er mit energischem Schluckauf-Gesangsstil und kreisendem Becken die Teenager in Hysterien und ihre Eltern in wütende Abwehr trieb, und 1968, als ihm allmählich das Publikum wegzulaufen drohte. Mit Elvis-Raritäten auf Platten, mit Büchern und TV-Sendungen wird jetzt der 50. Geburtstag des Idols gefeiert. *
Dieser wabblig aufgedunsene Typ im Glitzeranzug und mit dem lächerlichen Superman-Umhang, der seinen Bewegungsdrang auf der Bühne zügeln mußte, damit ihm nicht die Hose platzte, soll der König des Rock ''n'' Roll gewesen sein?
Dem Heer von Hausfrauen mittleren Alters, die bis zu seinem Tod am 16. August 1977 in Elvis Presleys Shows strömten, ihm zujubelten und in höchster Erregung Schweißtücher vom King als Reliquien mit nach Hause nahmen, war es völlig gleichgültig, daß der Koloß von Memphis seine Auftritte nur noch mit angezogener Handbremse über die Bühne bringen konnte.
Zum Schluß war Elvis ein rundes Stück Nostalgie. Er verkörperte Erinnerungen an die ferne Zeit, als Amerikas Teenager im Stumpfsinn der fünfziger Jahre ihre eigene Power und Herrlichkeit entdeckt hatten - und von der Musik- und Filmindustrie als ein neuer, lukrativer, bis dahin brachliegender Markt entdeckt worden waren.
Warum Elvis so kläglich und tragisch verendete, war nach seinem Tod in einer Flut von Enthüllungsbüchern und Skandalchroniken nachzulesen. Geblieben ist das Bild eines verfetteten Monstrums, das in einem goldenen Käfig gefangen war und schließlich eine satte Meise hatte.
Bekannt ist, daß sich Elvis wie ein Südstaaten-Gargantua mit Junk-Food vollfraß; daß der Karatefan und Waffennarr sich die Langeweile mit chaotischen Gewalttätigkeiten und Schießorgien vom Leib zu halten versuchte; daß er drogenabhängig war und in einer immer reichlich gestillten Pillensucht, im unentwegten Konsum von Aufputschmitteln und Tranquilizern, von Appetitzüglern und Schlaftabletten allmählich verrottete.
Ängste, Zweifel, Schmerzen und Wünsche versuchte Elvis mit den Mitteln der Pharmazie in den Griff zu kriegen. Geld fehlte nie, Stimmungen und Gefühle aber konnte sich Elvis dafür nicht kaufen, er lebte abgeschottet von der realen Umwelt und emigrierte ins eigene Reich der Phantasie. Die Freiheit, alles zu tun, worauf er Bock hatte, entwickelte sich zur Sklaverei.
Daß er so früh, mit 42, zugrunde ging, hat ihm vielleicht die Unsterblichkeit gerettet. Das hilft ihm zwar nicht mehr aus dem monumentalen Kitsch-Grab in Memphis, wo er neben der geliebten Mammi Gladys beerdigt wurde, aber nachdem in den Jahren seit dem Tod die Elvis-Monstrositäten en detail erforscht und aufgetischt worden sind, kann man jetzt die Legende wieder von vorne aufblättern.
Ein Anlaß steht ins Haus, sich noch einmal mit dem sogenannten "wahren Elvis", nämlich dem Teenageridol, Sänger-Original und Rebellendarsteller aus den fünfziger Jahren zu befassen: Elvis wäre am 8. Januar 50 Jahre alt geworden. Und zu diesem runden Datum brachte der RCA-Plattenkonzern eine Kassette mit sechs LPs heraus, Titel: "A Golden Celebration", die Presley-Raritäten präsentiert: Live-Aufnahmen der Fernsehshows, die ihn 1956 auf dem US-Markt etablierten, der Start des Jung-Profis im Studio, private Sangesübungen aus der Militärzeit 1958 in Deutschland, seltene Tondokumente, die teilweise vorher nur als illegale Mitschnitte zirkulierten oder noch nie auf Platten zu haben waren.
Überraschend ist die Sorgfalt, mit der die Firma RCA sich dieser Edition gewidmet hat, dieselbe RCA, die jahrelang hauptsächlich Elvis-Schrott in die Läden brachte und fast jede musikalische Tat ihres Stars doppelt und dreifach verhökerte. Wer auf die immer selteneren Highlights aus der abflauenden Presley-Karriere stoßen wollte, mußte durch einen fast undurchdringlichen Sumpf von Schnulzen waten.
Die Geburtstagskassette führt nun wieder den "anderen", den "eigentlichen" Elvis vor - den jungen Mann aus Memphis, der Mitte der fünfziger Jahre mit unverschämt langen Koteletten, mit einem bis dahin von Weißen kaum gehörten Schluckauf-Gesang, mit rotierendem Becken und schlackernden Beinen auf die Szene platzte und die westliche Welt damit ins Chaos zu stürzen drohte.
Mit diesem unerhörten Gehabe trieb er einen Keil zwischen die Generationen und provozierte Kinder zum erstenmal zu ungeheuerlichen Zurechtweisungen ihrer fassungslosen Eltern: "Davon versteht ihr nichts, haltet euch da raus." In Deutschland, wo sich alle Kräfte auf den Wiederaufbau und die Herstellung von Nierentischen richteten, wurde dies als
besonders schwerwiegende Beeinträchtigung gemeinschaftlicher Anstrengungen empfunden.
Dieser Elvis war noch nicht der Darling der Hausfrauen, der in einen Schmalztopf gefallen war und sich bequem und widerstandslos von seinem Manager Tom Parker vermarkten ließ, dessen Firma über viele Jahre 50 Prozent aller Presley-Einkünfte kassierte.
Das war vielmehr jener Elvis, der 1954 als 19jähriger Nobody, als Lastwagenfahrer mit einem 40-Dollar-Wochenlohn, als Sohn bitterarmer, von der Depression gezeichneter Südstaaten-Landproletarier in Memphis das Studio des Plattenproduzenten Sam Phillips betrat und, shocking, wie ein Schwarzer sang.
Von einem solchen Mann hatte Phillips bis dahin nur geträumt: "Wenn ich einen Weißen finden würde, der im Neger-Sound und mit dem Neger-Feeling singt, könnte ich eine Milliarde Dollar verdienen." Statt der Milliarde hatte Phillips Ende 1955 dann allerdings nur den Spottpreis von 35 000 Dollar kassiert, als er Elvis von seinem kleinen unabhängigen "Sun"-Label zum Medienmulti RCA transferierte.
Scheinbar auf Anhieb brachte Elvis weiße Country-Musik, schwarzen Gospel und Rhythm & Blues auf einen, auf seinen Nenner - im Rockabilly-Stil. Schon in frühen Songs wie "That''s All Right" und in der virtuosen, albernen Stotter- und Kiekser-Nummer "Baby, Let''s Play House" fand Elvis seine unverwechselbare Gesangs-Manier.
Bill Haley, der große Fade aus dem Norden, hatte den Rhythmus, Elvis hatte Stil: Mit Schluchzern, gelegentlichen Ausflügen ins Falsett oder ironischer Zungenbrecherei zimmerte er sich die von anderen, oft von schwarzen Rhythm-&-Blues-Musikern geschriebenen Songs so zurecht, bis sie schließlich zu Elvis-Originalen wurden.
Vielleicht waren damals alle zu sehr damit beschäftigt, ordentlich zur Presley-Musik abzurocken, um noch wahrnehmen zu können, daß Elvis in erster Linie ein Stilist war, ein effektsicherer Regisseur von Posen und Attitüden und Schöpfer einer Welt schöner Künstlichkeiten, die mit obszöner Wucht in den steifen Muff der Eisenhower-Ära krachten, als sei die Hölle los.
Elvis setzte genial eine ganze Choreographie rotziger Verhaltensmuster in Szene, die wie spontane, instinktiv pubertäre Trotzreaktionen aussahen und Erwachsene in wütende Abwehr trieben. Fast immer spielte er dabei die ironische Distanz zu sich selbst und seiner Darbietung mit. Diese Ironie machte dann oft sogar die Routine-Shows des späteren Hollywood- und Las-Vegas-Kitschiers gerade noch erträglich.
Als der Underdog Elvis sozusagen über Nacht mit Hits am laufenden Band zu Reichtum kam, kaufte er sich erst einmal einen pinkfarbenen Cadillac und ein Haus. Damit erfüllte er sich und seinen Eltern einen Traum aller Durchschnitts-Amerikaner und war fast schon am Ziel seiner Wünsche angelangt.
Danach gab es kaum etwas, wofür es sich noch zu schinden lohnte. Mit dem Cadillac kam auch allmählich der künstlerische, aber nicht der kommerzielle Abstieg. Welche Grenzen sollte Elvis nun noch überschreiten, wofür sollte er noch fighten, wozu waren noch neue Anstrengungen nötig? Elvis ließ seinen gerissenen Manager Parker einen guten Mann sein, der sein Produkt konsequent vermarktete und für den nie abreißenden Geldzustrom sorgte. Damit konnte Elvis seine Howard-Hughes-Existenz und seinen teuren Trivial-Bombast in der Graceland-Villa finanzieren.
Beim Militär vollzog sich Elvis'' Image-Metamorphose vom Bürgerschreck und Jugendverderber in den "guten", anständigen All American Boy. Er paßte sich der sterilen US-Umwelt an und nährte sich in den sechziger Jahren hauptsächlich an den Fleischtöpfen Hollywoods, wo er sich als Hauptdarsteller in einer Serie unsäglicher Spielfilme honorieren ließ. Am Anfang hatte er noch Ambitionen gezeigt, seinen Idolen James Dean oder Marlon Brando nachzueifern, aber bald bewegte er sich in lähmender Routine meist durch drei Filme pro Jahr. Bei der Jugend war Elvis mit diesen Nonstop-Geschmacklosigkeiten endgültig als Idol abgemeldet.
Für Mammis Elvis hatte die Gegenkultur-Generation der späten sechziger Jahre nur noch ein müdes Achselzucken
übrig. Die neuen Idole waren die Beatles und die Rolling Stones, Bob Dylan und eine neue Riege von Hasch- und Hippie-Popstars.
Um sein schwindendes Renommee aufzupolieren und magerer werdende Einkünfte wieder zu verbessern, mußte Elvis noch einmal zeigen, was er drauf hatte. Nach seinem ehrgeizigen und energischen Start in den fünfziger Jahren stand er zum zweiten- und letztenmal in seiner Karriere unter dem Druck, es wirklich bringen zu müssen. Mit bloßer Routine war nun kein Blumentopf mehr zu gewinnen.
So kniete sich Elvis 1968 wieder einmal nach langer Bühnenabstinenz in einen Auftritt vor Publikum. In schwarzem Leder, konzentriert bis in die Haartolle, sang er in einer Fernsehshow des Senders NBC wie um sein Leben. Rotzig, aggressiv, voller Kraft und unter Hochspannung präsentierte er noch einmal seine frühen Rock-''n''-Roll-Hits. Wie er beispielsweise den Song "One Night" herausschrie und dabei Dimensionen der Besessenheit und des Wahnsinns streifte, ist auf der letzten der zwölf Plattenseiten von "A Golden Celebration" nachzuhören. In dieser Form könnte Elvis heute noch ganze Popstar-Hundertschaften in Grund und Boden singen.
Mit seinem explosiven TV-Comeback hatte sich Elvis den Weg zurück in die Konzertarenen geebnet. Seine Premiere absolvierte er allerdings an einem Ort, der ein neues Wegdümpeln in seichtes Fahrwasser programmierte: In Las Vegas, wo der besessene Spieler Parker zu Sonderkonditionen zocken durfte, stellte sich Elvis vor das marzipangesichtige Mittelstandspublikum, dem der Anblick der leibhaftigen Legende allein schon das Eintrittsgeld wert war.
So begann der endgültige Abstieg Elvis'' zur tragischen, hochbezahlten Rummelplatzattraktion, und manchmal wirkte er schon selbst wie einer seiner zahlreichen Imitatoren, die nach seinem Tod den Mythos Elvis gnadenlos versilberten.
Zum Geburtstag ist nun in der Bundesrepublik eine Elvis-Biographie des Musikjournalisten Barry Graves herausgekommen, die subjektiv und sachlich das Phänomen dieses Jahrhundert-Popstars beschreibt. _(Barry Graves: "Elvis - King der ) _(verlorenen Herzen". Albina Verlag ) _(Berlin; 148 Seiten; 29,80 Mark. )
Das Fernsehen feiert den Elvis-Geburtstag in den kommenden Wochen auf allen Kanälen. Nachdem das ZDF 1984 schon eine Elvis-Spielfilmreihe ausgestrahlt hat, werden am 12. Januar das Kinostück "Seemann Ahoi!" und im Sommer vier weitere Hollywood-Flachwerke nachgereicht. Bis zum März bringt die ARD drei Filme ins Programm, darunter "Rhythmus hinter Gittern" ("Jailhouse Rock") aus dem Jahr 1957.
Einen Gipfel der Peinlichkeit will das Erste Deutsche Fernsehen allerdings am kommenden Freitag mit einem bunten Abend, Titel: "Hallo Elvis", besteigen.
Statt den Meister selbst ausführlich in Dokumenten vorzuführen, werden deutsche Kleinkünstler Elvis-Lieder schänden - Howard Carpendale etwa, Peter Schilling, Stefan Waggershausen und, kein Witz, Helga Feddersen.
Barry Graves: "Elvis - King der verlorenen Herzen". Albina Verlag Berlin; 148 Seiten; 29,80 Mark.

DER SPIEGEL 1/1985
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