29.10.1984

Im Ring frei

Erstmals darf sich ein Häftling in Deutschland beim Boxkampf bewähren. Zu jedem Kampf erhält Schwergewichtler Charly Graf Urlaub. *
Auf dem weißen Bademantel prangt in schwarzen Lettern "Waldhof", der Name des Mannheimer Proletarierviertels, aus dem der Boxer stammt. Zum Kampftag in der Frankfurter Festhalle aber kam der Schwergewichtler in einer grünen Minna der Ludwigsburger Justizvollzugsanstalt. Zwei ständige Begleiter, die bis zum Ring trotteten, sollten des Boxers Rückkehr ins Gefängnis sofort nach seinem Fight sicherstellen.
Die Ausführung zum Faustkampf verlief ohne Zwischenfall. Hafturlauber Charles Graf, 32, an jenem Abend 101 Kilo schwer, verhielt sich tadellos. Das war für ihn so wichtig wie sein hochverdientes Unentschieden gegen den 10 Jahre jüngeren Düsseldorfer Thomas Classen, der als Profi ungeschlagen ist.
Denn nur, wenn er sich - für die Justizbehörden - ausgezeichnet führt, und wenn er - für die Veranstalter - im Ring nicht verliert, darf Graf im Boxgeschäft weiter mitmischen.
Der Mannheimer mit der gegenwärtigen Postanschrift "Justizvollzugsanstalt Ludwigsburg" hat nichts anderes gelernt, als zu boxen. Er wird wegen verschiedener Vergehen vom Glücksspiel bis zur Körperverletzung voraussichtlich noch zwei Jahre absitzen müssen. Mutige Beamte aus dem baden-württembergischen Strafvollzug gestatten Graf die Ausübung seines Sports, obwohl sie wissen, wie verrufen Boxen heutzutage ist.
Auf den teuren Plätzen am Ring sitzen bisweilen Herren, deren Wert übriggebliebene Fans aus besseren Boxzeiten auf "10 000 Jahre Haft" taxieren. Bordellbesitzer, Manager von Nachtklubs und Spielhallen verwandeln Berufsboxveranstaltungen zu Zunfttreffen der deutschen Halbwelt.
Sie zieht auch Männer in ihren Sog, die im Ring ihr Geld verdienen. Leichtgewichts-Europameister Rene Weller hatte in Frankfurt außer dem starken englischen Herausforderer George Feeney die Belastung eines Verfahrens wegen Hehlerei im Nacken. Gegen den Briten rettete der schöne Rene mit letzter Kraft einen hauchdünnen Punktsieg.
Weller verkörpert als einziger zugkräftiger Hauptkämpfer Deutschlands triste Boxgegenwart. Das ist zu wenig, weil sich derzeit sogar die goldene Box-Vergangenheit verdunkelt: Bubi Scholz, der sein Leben lang die halbseidene Szene so konsequent gemieden hatte wie Alkohol und Nikotin während seiner aktiven Laufbahn, sitzt in Untersuchungshaft. Er erschoß im Vollrausch, so die Anklage, seine Frau und steht im Januar wegen Totschlag vor Gericht.
Auch der Häftling Charly Graf reinigt die deutsche Boxszene nicht. Sogar die wohlmeinenden Befürworter seiner Ludwigsburger Boxausflüge in die Freiheit fürchten einen Charly-Graf-Rummel, etwa Schlagzeilen wie "Zuchthäusler will Deutscher Meister werden". Graf soll im Winter um den Titel kämpfen. Der Mann aus dem Knast füllt den Veranstaltern die Kasse.
Grafs Anstaltsleiter, aber auch sein Pfarrer und sein Trainer erleben, wie gut das Boxen dem Eingesperrten bekommt. Andererseits sehen sie auch Gefahr für den Mann, der nur im Ring frei ist, aufziehen: Die Sensation könnte die Resozialisation ausknocken. Ein in Deutschland bisher einmaliges Experiment könnte scheitern, weil die Umwelt nicht bereit ist, es als normal anzusehen.
In den USA ist Boxen als Mittel zur Wiedereingliederung von Straftätern längst erprobt und anerkannt. Zahlreiche Anstalten geben ihren Insassen Gelegenheit zum Training und zu Wettkämpfen. Psychologen meinen, daß Frustrationen unter Aufsicht kanalisiert und Aggressionen abgebaut werden.
Gefängnisstaffeln treten in den USA zu Vergleichskämpfen gegeneinander an. Urlaub zum Boxen in der freien Welt ist möglich: Bobby Lee Hunter gehörte - zunächst unter Bewachung, dann gegen sein Ehrenwort, pünktlich in die Strafanstalt zurückzukehren - zur US-Mannschaft für die Panamerikanischen Spiele.
Niemals nach draußen durfte hingegen der Profi James Scott. Der kahlköpfige schwarze Moslem verbüßt wegen Mordes eine lebenslange Haftstrafe im Hochsicherheitsgefängnis von Rahway, dem Mittelpunkt der amerikanischen Boxerei hinter Gittern.
Rund 40 Amateure und 8 Profis trainieren in der im US-Bundesstaat New Jersey gelegenen Anstalt. Hinter ihren Mauern konnte sich Scott in die Weltrangliste im Halbschwergewicht durchboxen. Seine Gegner reisten nach Rahway. Weil das Fernsehen die wichtigsten Kämpfe live übertrug, verdiente Scott 110 000 Dollar. Die geschlagenen Besucher behaupteten, daß die Gefängnisatmosphäre sie eingeschüchtert habe.
Da wagte sich Dwight Braxton aus Philadelphia in die Höhle des "Rahway Rockers". Ihn konnte die rauhe Stimmung nicht schrecken. Denn er hatte dort selbst als Häftling geboxt. Er besiegte
Scott und wurde bald darauf Weltmeister. Inzwischen verlor Braxton den Titel zwar wieder. Aber aus dem Teufelskreis von Armut, Drogensucht und Verbrechen hat er sich gelöst.
Männer seines Schlages schicken ihre Kinder in gute Schulen und lassen sie einen "bürgerlichen" Beruf lernen. Forderungen nach einem Boxverbot aber verstehen sie nicht und behaupten: "Die können nur von satten Wohlstandsbürgern kommen, die ihren Weg nach oben längst hinter sich haben."
Tatsächlich wird in der Diskussion über den "legalisierten Todschlag" im Ring etwas vergessen: Im Boxsport haben immer Menschen eine Chance gesucht, die anderswo schwer mithalten konnten.
Wenige nehmen wahr, daß auch in Deutschland noch heute Randgruppen im Ring Anerkennung suchen. Kinder von Gastarbeitern, die in der Schule hoffnungslos benachteiligt waren, kompensieren ihre Enttäuschung in Sportvereinen, und besonders beim Boxen.
Deutschlands begabteste Jungprofis sind die Brüder Ralf und Graziano Rocchigiani sowie Jose Varela, Kinder von Gastarbeitern. Die Europameisterschaft im Superweltergewicht holte sich letzten Monat der Münchner Georg Steinherr; der "Hammer Schorsch" hat eine deutsche Mutter und einen schwarzen Vater.
Zu dieser Minderheit gehört auch Charly Graf, Sohn der Arbeiterin Elisabeth Graf und des US-Gefreiten Charles Blackwell, der in die Staaten zurücckommandiert wurde, als sein Sproß gerade laufen lernte. Mit vier Jahren forderte Charly seine Mutter auf, sich zu schminken, damit sie auch so schön braun aussehe wie er. Später mußte er erfahren, daß seine Hautfarbe ihn zum Außenseiter stempelte.
Anerkennung fand der Junge aus der Waldhöfer Barackenwohnung im Sport. Graf beteiligte sich - in Straßenschuhen - an Jugendmeisterschaften im Gewichtheben und wurde nach nur 18 Amateurkämpfen Berufsboxer. "Der ist eine Million Dollar wert", sagte der Großveranstalter Joachim Göttert. Den "Cassius Clay von Waldhof" nannten ihn Fans.
Graf schlug sechs sogenannte Aufbaugegner k.o., ehe er gegen den jugoslawischen Veteranen Ivan Prebeg selbst ausgezählt wurde - weniger aufgrund von Schlagwirkung, sondern weil ihm nach fünf Runden die Puste ausgegangen war. Das große Naturtalent hatte nach den leichten Siegen das Training vernachlässigt. Die Niederlage drückte Grafs Marktwert und stoppte seinen Eifer. Er verschwand aus dem Trainingscamp und vermasselte sich seine Bundeswehrzeit durch wiederholte "eigenmächtige Abwesenheit" von der Truppe.
Graf trieb es immer wieder nach Mannheim zurück. Wo er nach der Volksschule als Hilfsarbeiter geschuftet hatte, fand er nun Jobs im Nachtlokalmilieu. Es gab kaum noch bezahlte Kämpfe im Ring, dafür Schlägereien. Grafs Name wechselte von den Sportseiten in Polizei- und Gerichtsberichte.
Nach zweieinhalb Jahren im Gefängnis platzte Mitte 1982 ein geplantes Comeback, weil Graf wenige Tage vor der Veranstaltung verschwand. Sein zweiter Versuch zur Rückkehr in den Ring glückte dank günstiger Umstände. Ein Beamter der Ludwigsburger Strafvollzugsanstalt, dem Graf seinen Wunsch vorgetragen hatte, wieder zu boxen, ist mit Eugen Gruber befreundet. Der Kfz-Mechaniker hat als Stuttgarter Lokalmatador 148 Amateurboxkämpfe ausgetragen. Gruber mußte jetzt wegen neuer Schutzbestimmungen seine aktive Laufbahn beenden, denn der "Box-Opa" ist in diesem Jahr 37 geworden und hat die Altersgrenze überschritten.
Gruber wollte aber seinem Sport verbunden bleiben und war deshalb sofort bereit Trainer und Sparringspartner für Graf zu sein. Weil Gruber laut Polizeijargon "absolut sauber" ist, darf er zweimal wöchentlich zum Sondertraining ins Gefängnis. Graf und Gruber arbeiteten so unermüdlich, daß die Anstaltsleitung einem Kampf in Stuttgart zustimmte.
Der endete mit einer Sensation. Graf fällte den bislang unbesiegten holländischen Schwergewichtsboxer Andre van den Oetelaar in der zweiten Runde mit einer mächtigen Rechten. Elf Wochen später in Frankfurt gelang Graf zwar kein Volltreffer, aber bei seinem Unentschieden gegen Classen stellte der Hafturlauber fest, daß er nun Luft für sechs Tempo-Runden zu je drei Minuten hat. Er begann im letzten Gang wie Muhammad Ali in seinen besten Tagen zu tanzen. Die Zuschauer spendierten zur 4000-Mark-Gage 2000 Mark zusätzlich.
Begeistert brüllte einer aus den ersten Reihen: "Charly, wir holen dich raus." Ein anderer, der vorgab, Graf gut zu kennen, kommentierte: "Quatsch, als Boxer ist der nur im Knast was wert. Wenn der rauskommt, versackt er sofort im süßen Leben." Die Gefahr besteht, weil die Versucher am Ring sitzen. Doch Charly Graf gelobt Standhaftigkeit, auch außerhalb des Boxrings.

DER SPIEGEL 44/1984
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