31.12.1984

Geburtshilfe: „Fahrerflucht im Kreißsaal“

Hirnschäden bei Kindern durch ärztliche Kunstfehler während der Geburt Kunstfehlerprozesse und ärztliche Gutachten bringen es immer häufiger an den Tag: Kinder bleiben ihr Leben lang schwer behindert, weil sie bei der Geburt durch Sauerstoffmangel hirngeschädigt wurden. Ärztliche Fehlentscheidungen, programmierte Geburt und riskante Schmerzbetäubung sind die Hauptursachen. *
Die 34jährige Lehrerin Ingrid Lerch aus dem bayrischen Graben ist eine handfeste, entschiedene Person. Niemand käme auf den Gedanken, daß sie "eine große Wunde" erlitten hat, "die immer brennt und schmerzt": Weil Ärzte bei der Geburt ihrer Tochter Evi pfuschten, kam das Kind mit einem schweren Hirnschaden auf die Welt. Die Fünfjährige kann weder laufen noch stehen, sie spricht nicht und wird nie selbständig leben können.
Auch die kleine Britta Krickhahn, an einem Sonntag in Stadthagen geboren, wird ihr Leben lang unter falscher Behandlung im Kreißsaal leiden. "Das hältst du nicht länger aus", dachte die Mutter, Anita Krickhahn, immer wieder, wenn die krampfhaften Schreiattacken ihrer Tochter sie nachts zum fünften, sechsten Mal hochjagten. Nur mit viel Mühe kann die Mutter dem spastisch gelähmten, epileptischen Kind pürierte Nahrung einflößen.
Und ein dritter Fall: "Warum kann ich nicht laufen", fragt die vierjährige Anke ihre Mutter Rosemarie Kaynig, Lehrerin in Ratingen. Der Mutter fällt die Antwort schwer. Sie kann ihrem Kind noch nicht erklären, daß ärztliche Fehler während der Geburt Schuld an der schweren Behinderung sind.
Nach anfänglichen Phasen tiefer Verzweiflung haben die Lerchs, Krickhahns und Kaynigs zwar gelernt, "mit sich und dem behinderten Kind" ohne "große Leidenschaft" umzugehen. Aber damit abgefunden haben sie sich nicht: Kein unabwendbares Schicksal sei es gewesen, das das Glück der Familien zerstörte, sondern inhumane, fehlerhafte Geburtshilfe. Um ihre Kinder wenigstens finanziell zu sichern, fordern die Eltern Schadenersatz und Rente.
"Trotz der zermürbenden Auseinandersetzungen sind immer mehr Eltern bereit, jahrelang gerichtlich zu kämpfen," sagt Peter-Josef Boeck, Vorsitzender des "Arbeitskreises Kunstfehler in der Geburtshilfe" und selbst betroffener Vater.
Die Dortmunder Vereinigung, der auch die Eltern Lerch, Krickhahn und Kaynig angehören, bezichtigt die westdeutsche Geburtshilfe schwerer Mängel. Ein Großteil aller Behinderungen bei Neugeborenen gehe auf unzulängliche oder falsche Betreuung von Mutter und Kind zurück, hieß es Ende Oktober auf einer Pressekonferenz des Arbeitskreises in Frankfurt.
Die Ursachen der Mißstände sieht die Eltern-Vereinigung in Schludrigkeiten im Kreißsaal ebenso wie in risikoreichen Anästhesie- und Entbindungsmethoden: *___Zahlreiche Entbindungen, die mit Wehenmitteln oder ____durch die Sprengung der Fruchtblase unsachgemäß ____"programmiert" werden, enden mit Komplikationen: Das ____Kind muß per Kaiserschnitt, mit Zange oder Saugglocke ____geholt werden. Die Zahl bleibender Schädigungen, so der ____Arbeitskreis, sei dabei bedeutend höher als bei ____spontanen Geburten. *___Die schon Ende der sechziger Jahre als gefährlich ____erkannte sogenannte Parazervikalblockade wird immer ____noch zur Schmerzausschaltung bei der Geburt angewandt. ____Vor den möglichen Folgen der Betäubungsspritze - ____Kreislaufschock und Lähmungen bei der Mutter, ____Sauerstoffmangel beim ungeborenen Kind - warnte bereits ____das Bundesgesundheitsamt. *___Immer wieder werden - so die Erfahrungen des ____Arbeitskreises - Risikofälle, vor allem die sogenannte ____Steißlage, nicht richtig eingeschätzt. Ein häufig ____erforderlicher Kaiserschnitt werde nicht oder oft zu ____spät vorgenommen. Die Folge solcher Verzögerung kann ____wiederum Sauerstoffmangel des Ungeborenen sein.
Die Vorwürfe des Arbeitskreises gründen sich nicht nur auf die persönliche Betroffenheit von über 400 Mitgliedern. Auch manche Kapazität unter den Geburtshelfern kritisiert, daß Medikamente und technische Steuerung, die der werdenden _(Rechts: Kardiotokograph, der die ) _(kindlichen Herztöne und die Wehen ) _(aufzeichnet. )
Mutter Sicherheit geben sollen, nicht selten die Entbindung erst zum Notfall machen.
"Obwohl Frauen oft gesagt wird, sie sollten während der Schwangerschaft keine Medikamente einnehmen, werden ihnen vom Arzt offensichtlich wahllos Arzneimittel verabreicht, sobald die Wehen einsetzen", heißt es in einem Arbeitspapier, das die Weltgesundheitsorganisation zu ihrem Symposium über "Arzneimittel in der Schwangerschaft und bei der Entbindung" veröffentlichte.
Ein "heißes Eisen", so der maßgebliche deutsche Perinatologe Professor Erich Saling, sei die unsachgemäß programmierte Geburt: Die Geburt kommt dabei nicht von allein in Gang, sondern wird durch Gabe des Hormons Oxytocin und durch Sprengung der Fruchtblase "terminoptimiert" (Ärztejargon). Allerdings wird dabei oft dem natürlichen Geburtstermin vorgegriffen, die Geburtswege sind noch nicht reif.
Von der Möglichkeit, den Zeitpunkt der Entbindung bestimmen zu können, zeigten sich Gynäkologen vor allem in den 70er Jahren fasziniert. Über die Hälfte der Geburten am Bremer Zentralkrankenhaus wurde 1975 mittels Oxytocin-Dauertropfinfusion eingeleitet, berichtete der Bremer Gynäkologe Diether Langnickel damals im "Deutschen Ärzteblatt". Die Geburtsdauer verkürze sich so von durchschnittlich 7,6 Stunden auf 4,5 Stunden; die Entbindungen kumulierten zwischen acht und sechzehn Uhr, "das heißt in einer Zeit, in der alle klinischen Bereiche voll arbeiten".
Einer der eifrigsten Verfechter der programmierten Geburt, der Münchner Gynäkologe Guido Mutke, stellte gar die Frage, ob man "beim heutigen Stand des Wissens und der Möglichkeiten" die Geburt überhaupt noch dem Zufall überlassen sollte.
Ob die gebärende Frau "sich nicht als Objekt unserer Lust am Experimentieren" fühlen müsse, fragte damals schon der Tübinger Gynäkologe Professor Erwin Rimbach, der sich in seiner langjährigen Praxis bis heute nur zweimal für die programmierte Geburt entschieden hat.
Eine normale Entbindung sei schließlich "keine Operation, sondern ein elementares psycho-dynamisches Ereignis", meinte Rimbach. Die Aufmerksamkeit gelte im programmierten Entbindungsbetrieb eher den Geräten als der werdenden Mutter.
Wie der West-Berliner Saling sahen bald auch andere Kollegen "den Bogen überspannt" - zumal die Programmierer unumwunden zugaben, was ihre Methode noch mit sich brachte: "Mehr Kaiserschnitte, mehr Zangen- und Vakuum-(Saugglocken-) Extraktionen" (Langnickel).
Da die vorzeitige Sprengung der Fruchtblase Infektionen fördern kann, wurden der Gebärenden - falls die Geburt sich hinauszögerte - vorsorglich Antibiotika verabreicht. Einen Teufelskreis konnten auch die durch hoch dosierte Wehenmittel viel schneller aufeinander folgenden, zu starken Wehen auslösen: Die Frau kam nicht ohne Betäubungsmittel aus. Diese Mittel aber dämpfen oft nicht nur den Schmerz, sondern auch die Wehen - die Dosis der Wehenmittel wird gesteigert. Nicht selten müssen dann zu heftige Kontraktionen mit Medikamenten wieder gebremst werden.
Untersuchungen aus den USA zeigten auch Gefahren für das Kind: Nach medizinisch nicht angezeigter programmierter Geburt müssen Babys öfter auf die Intensivstation verlegt werden. Beim Einsatz von Wehenmitteln liegt die Rate der Herzfrequenzstörungen der Kinder während der Geburt bei über elf Prozent, fünfmal so hoch wie ohne Oxytocin.
Studien am Kinderneurologischen Zentrum in Mainz (deren wissenschaftlicher Aussagewert allerdings begrenzt ist) deuteten auf einen Zusammenhang zwischen der Gabe von Wehenmitteln und Hirnschäden bei Kindern hin: Fast die Hälfte von 602 hirngeschädigten Kindern war unter der Einwirkung von Wehenmitteln geboren worden.
Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat deshalb 1978 die Anwendung des Oxytocin auf besondere Fälle beschränkt, bei denen eine künstliche
Einleitung erforderlich sein kann, beispielsweise Zuckerkrankheit der Mutter, Unverträglichkeit der Rhesusfaktoren von Mutter und Kind oder Unterversorgung des Babys durch eine kranke Plazenta.
In den Verdacht schädigender Nebenwirkungen beim Kind sind auch jene wehenhemmenden Mittel geraten, die bei drohender Frühgeburt über längere Zeit verabreicht werden: Leberfunktionsstörungen und Unterzuckerung (die unter Umständen zu Hirnschäden führt) können die Folge sein. Die Zahl der untergewichtig geborenen Kinder ging durch den Einsatz der Mittel nicht zurück.
Auch westdeutsche Gynäkologen beteuern neuerdings, wie die Ärztezeitschrift "Selecta" berichtete, sie würden geburtseinleitende Medikamente nur nach "sorgfältiger Prüfung" einsetzen. Doch die Daten einer Stichprobe an westdeutschen Kliniken sprächen "eine deutlichere Sprache": "Sie weisen darauf hin, daß Geburtstermine recht intensiv gesteuert werden" ("Selecta"). Tatsächlich ist die Zahl der Sonntagskinder (die schlecht in den Dienstplan passen) drastisch gesunken - es sind nur noch halb so viele wie vor der Ära der gesteuerten Geburt.
Mit den Folgen des "programmierten Unsinns" (Saling) müssen Ulla und Peter-Josef Boeck, Vorsitzender der Elternvereinigung, nun fertig werden.
Nach einer komplikationslosen Schwangerschaft, auf eine möglichst natürliche Entbindung durch Kurse vorbereitet, war die 26jährige Ulla Boeck am Morgen nach dem errechneten Geburtstermin im August 1978 in die Frauenklinik der Städtischen Krankenanstalten in Dortmund gekommen. Doch statt es bei der routinemäßigen Kontrolluntersuchung zu belassen, schlossen die Ärzte sie an den Wehentropf an. Die Geburt wurde eingeleitet, die Fruchtblase gesprengt. Über keine dieser Maßnahmen wurden die werdenden Eltern aufgeklärt.
Nachmittags um vier verordnete der junge Assistenzarzt Lorenz Fleitmann gegen die mit Oxytocin angeheizten Wehenschmerzen eine Parazervikalblockade. Zuvor hatte Ulla Boeck bereits das in der Geburtshilfe ebenfalls umstrittene Schmerzmittel Dolantin bekommen.
Ein Kardiotokograph (CTG), ein Gerät, das die Wehen und den Herzschlag des ungeborenen Kindes registriert, zeigte danach starke Schwankungen an. Das CTG steht in nahezu jedem westdeutschen Kreißsaal - aber nur 50 Prozent aller Fachärzte können damit richtig umgehen, wie der Aachener Sachverständige, Professor Hugo Jung, in der Sache Boeck später vor Gericht bemerkte.
Der anhand der CTG-Aufzeichnung erkennbare Sauerstoffmangel hätte sofort bekämpft werden müssen, meinte im Prozeß der Gutachter Wolfgang Fischer, Gynäkologie-Professor in Essen. Die Oxytocin-Zufuhr hätte gestoppt werden müssen, ein rascher Kaiserschnitt wäre nötig gewesen, um das Kind unbeschadet zu retten.
Doch der Assistenzarzt, der in der entscheidenden Zeitspanne allein mit einer Hebamme mehrere Geburten in der Endphase betreuen mußte, traf die falsche Entscheidung. Fleitmann entschloß sich, die Geburt mit Hilfe einer Saugglocke - mit der das Kind am Kopf aus dem Mutterleib gezogen wird - zu beenden. Die Prozedur mißlang. Auch ein Versuch mit der Geburtszange schlug fehl. Der erst danach herbeigerufene Oberarzt "entwickelte" dann, um acht Uhr abends, das Kind innerhalb weniger Minuten mit der Saugglocke: ein bewußtloses, schwer hirngeschädigtes Mädchen.
Die kleine Sabine, mittlerweile sechs Jahre alt, ist ein Pflegefall für ihr ganzes Leben. Weil große Teile ihres Gehirns zu lange nicht mit Sauerstoff versorgt worden sind, wird sie, trotz intensiver Therapie, nie sprechen, laufen, greifen können.
"Ich hatte Angst, in wenigen Jahren zu vergrämen", erinnert sich Boeck an die erste Zeit nach Sabines Geburt. Da die Boecks nicht gewillt waren, die offenkundigen Behandlungsfehler als schicksalhaft hinzunehmen, zugleich auch ihrer Sabine wenigstens materiell die Zukunft sichern wollten, strengten sie im Namen des Kindes einen Prozeß gegen die Klinik
und den Assistenzarzt an. "Um zu zeigen, daß es sich hier nicht um Paragraphen handelt, sondern um ein Menschenleben" (Boeck), brachte der Vater Sabine zur Verhandlung im Dezember 1983 mit in den Gerichtssaal.
Der zivile Schadenersatzprozeß wurde durch alle Instanzen bis zum Bundesgerichtshof gewonnen. Im Strafprozeß wurde Assistenzarzt Fleitmann wegen seiner Unerfahrenheit vom Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung freigesprochen. Das Revisionsverfahren beim Bundesgerichtshof brachte jedoch am 20. Dezember eine überraschende Wende: Der Freispruch von Fleitmann (jetzt Oberarzt an der Dortmunder Frauenklinik) wurde aufgehoben; die Richter gaben zu erkennen, daß bei der Wiederaufnahme des Strafverfahrens die Handlungsweise Fleitmanns und seines damaligen Oberarztes strenger zu beurteilen sei.
Die spektakuläre Kunstfehler-Auseinandersetzung brachte die unter Gynäkologen ohnehin umstrittene programmierte Geburtsmethode auch ins öffentliche Gerede. Auch über die längst bekannten Gefahren der Parazervikalblockade wurde bald nicht mehr nur in Fachkreisen diskutiert.
Das Bundesgesundheitsamt gab eine warnende "Empfehlung" zur Anwendung der lokalen Betäubungsmethode heraus - ein weiterer, aufsehenerregender Schadensfall hatte dazu beigetragen.
Nach einer programmierten Geburt im Kreiskrankenhaus Detmold war 1978 ein schwerstbehindertes Mädchen auf die Welt gekommen. In jahrelangem Bemühen konnten die Eltern Leonie und Günther Hagemeister und der Großvater nachweisen, daß die Parazervikalblockade schuld am Hirnschaden der kleinen Mona-Marleen war. Die Mutter war bei dieser Betäubung von Gebärmutter und Muttermund in einen Schockzustand gefallen.
Der Sauerstoffmangel "um den Zeitpunkt der Geburt herum hat das kindliche Gehirn dauerhaft geschädigt", erklärte als Sachverständiger Professor Horst von Bernuth aus Bethel vor Gericht. Den Ärzten wurde vor allem angelastet, daß sie die Patientin Hagemeister nicht über die Risiken ihrer Maßnahmen aufgeklärt hätten.
Krankenhausträger und Arzt, im März dieses Jahres vom Oberlandesgericht Hamm zu 100 000 Mark Schmerzensgeld verurteilt, gingen aus "grundsätzlichen Erwägungen" in Revision zum Bundesgerichtshof.
Schon im Sommer 1982 hatte Professor Georges Fülgraff, damals Staatssekretär im Bonner Gesundheitsministerium, im Bundestag auf eine Anfrage zur programmierten Geburt geantwortet: "Eine willkürliche nichtindizierte Anwendung des Arzneimittels Oxytocin, insbesondere auch eine Anwendung ohne die erforderliche Aufklärung der
Schwangeren, verstößt regelmäßig gegen das geltende Strafrecht."
Zwei Jahre später machte das Bundesgesundheitsamt auch auf die "potentiellen Gefahren" der Parazervikalblockade (PCB) aufmerksam: Die "nicht leicht erlernbare Methode" bedeute, "auch wenn sie ''lege artis'' (kunstgerecht) durchgeführt wird, ein nicht zu vernachlässigendes Risiko für das Kind".
Das bei der PCB ins gefäßreiche Muttermund-Gewebe injizierte Betäubungsmittel, beispielsweise Novocain, geht sehr schnell in den Blutkreislauf der Mutter über - und möglicherweise direkt in den Kreislauf des Kindes. Auf diese Weise könne "der Gasaustausch zwischen Mutter und Kind beeinträchtigt" werden, warnte das BGA. Die Geburtshelfer wurden deshalb "aufgefordert, den Entschluß zur Anwendung dieser Methode sorgfältig zu prüfen".
Aufgrund von Hochrechnungen publizierter Angaben über Todesfälle in der Geburtshilfe schätzt der Dortmunder Arbeitkreis, daß in den vergangenen 15 Jahren "zumindest einige hundert Kinder in Zusammenhang mit der PCB bei oder nach der Geburt gestorben" seien.
Die Zahl der Kinder, die als Folge einer PCB mit einer Behinderung leben müssen, betrage ein Vielfaches der Todesfälle, meint der Eltern-Arbeitskreis. Statistiken hierüber gibt es nicht.
Nur bei der Entbindung eines im Mutterleib schon abgestorbenen Kindes kommt für erfahrene Kliniker wie Professor Saling eine PCB in Betracht. Höchstens ein-, zweimal im Jahr wendet Saling in der Frauenklinik Neukölln die Methode "auch bei lebendem Kind" an: wenn andere Mittel nicht in Frage kommen und die Frau stark leidet. "Aber dann mache ich die PCB selber." Mit künstlichem Wehenhormon oder durch Fruchtblasen-Eröffnung eingeleitet werden an Salings Klinik nur "zwischen ein und drei Prozent" aller Geburten, "auf Wunsch der Patientin".
Dabei ist der Perinatologe mit der Indikation "Terminüberschreitung" zurückhaltend: "Wenn ich nur irgendwelche Zweifel habe, warten wir lieber noch eine Woche."
Doch so strikt sind längst nicht alle Geburtshelfer. "Leider", so bedauert Professor Hans-Jürgen Kitschke von der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf, "wird die PCB in Hamburg immer noch gemacht." Aus der jüngsten Krankenhausstatistik der Hansestadt geht hervor, daß die (ohne Anästhesisten durchführbare) Betäubungsmethode 1982 noch bei 114 Schwangeren angewandt wurde.
Die programmierte Geburt, so Kitschke, sei weithin auf dem Rückzug - "weil die Frauen heute aufgeklärter sind, sie wissen, worum es geht". Daß jedoch viele Frauenärzte mit dem Programmieren von Geburten weiterhin großzügig sind, belegen nicht nur Stichproben wie die der Mediziner- Zeitschrift "Selecta". Die Hamburger Hebamme Karin Schoberth, heute niedergelassen, weiß aus ihren Erfahrungen auf Entbindungsstationen, daß werdende Mütter immer wieder zur - nicht erforderlichen - künstlichen Einleitung der Geburt ermuntert werden: "Sie wollen das Kindchen doch heute noch haben?"
Die werdenden Mütter, so rät Professor Wolfgang Humke vom Ludwigshafener St.-Marien-Krankenhaus, sollten sich deshalb vom Geburtshelfer im Vorgespräch "glaubhaft" versichern lassen, "daß der Kreißsaal rund um die Uhr besetzt ist, an Wochenenden wie an Feiertagen, daß ein natürlicher und kein programmierter Geburtsbeginn angestrebt wird, daß bei kindlicher Gefährdung die Anwesenheit des Pädiaters (Kinderarztes) ... selbstverständlich ist".
Im Aktenschrank der Dortmunder Eltern-Initiative wächst die Zahl der dokumentierten Fehlentscheidungen im Kreißsaal. 700 Eltern, die sich betroffen fühlen, haben sich mittlerweile dort gemeldet - nur "die Spitze eines Eisbergs", wie Boeck annimmt. Von den rund _(Bei der Versorgung eines Neugeborenen. )
30 000 Kindern, die jedes Jahr in Westdeutschland mit körperlicher oder geistiger Behinderung auf die Welt kommen, haben nach Schätzung des Arbeitskreises etwa die Hälfte ihren Schaden bei der Geburt erlitten - nach Meinung vieler Ärzte eine zu hoch gegriffene Zahl.
Viele Eltern, so begründet Boeck die jedenfalls hohe Dunkelziffer, wüßten kaum etwas über die Zusammenhänge von Geburtsproblemen und später auftauchenden Behinderungen. Oftmals scheuten sich die Eltern nachzuforschen, aus Angst vor der "Autorität in Weiß" und vor aufreibenden juristischen Auseinandersetzungen.
Ein während der Geburt durch Sauerstoffmangel erworbener Schaden, so Professor Saling, gehöre "zu den schwersten Belastungen, die man sich in unserem Leben überhaupt denken kann". Und auch vor Kollegen war der Perinatologe, Anhänger einer technisch perfekten Geburtsüberwachung, mit dem heiklen Thema nicht zimperlich: Das "fachliche und menschliche Versagen einzelner Kollegen", so Saling zur Eröffnung des 11. Kongresses für Perinatale Medizin, habe "Fehler, die zu Recht angeprangert worden sind", verursacht.
Doch die meisten Ärzte leugnen und vertuschen, wenn ihnen vermeidbare Fehler vorgeworfen werden. Bei den mittlerweile rund 300 Kunstfehler-Auseinandersetzungen, die dem Eltern-Arbeitskreis zugetragen wurden, gab es nur zwei, drei Fälle, in denen der Arzt von sich aus seine Verantwortung zugab. Erst nach und nach sind Mediziner auch bereit, gegen Kollegen zu gutachten.
"Schläge, die ganz tief sitzen", mußten Eberhard und Anita Krickhahn, Eltern der schwer geschädigten Britta, hinnehmen. Nach der tagesfüllenden, zermürbenden Pflege des Kleinkindes mußte sich das Hausmeister-Ehepaar abends mit den "niederschmetternden" Briefen der Ärzte auseinandersetzen: Die Geburtshelfer des Kreiskrankenhauses nahmen, wie es im Urteil heißt, "jedwede Versäumnisse, die ursächlich für die schwere Gehirnschädigung ... sein könnten, in Abrede".
Doch die Krickhahns, die über Armenrecht klagten, gaben nicht auf. Nach vier Jahren rechtlicher Auseinandersetzung, im März 1981, sprach ihnen das Landgericht Bückeburg Schadenersatz und Schmerzensgeld zu. Nach weiteren dreieinhalb Jahren, im November 1984, erreichten die Krickhahns in einem außergerichtlichen Vergleich ein Schmerzensgeld von 80 000 Mark sowie eine lebenslange Rente für ihr Kind.
Die Erkrankung des Mädchens, so Gutachter Professor Fischer, sei keineswegs "schicksalhaft und tragisch", wie die Beklagten behauptet hatten, sondern
"vorwerfbar und schuldhaft". Zwar sah es das Gericht als nicht nachgewiesen an, daß Anita Krickhahn während der Wehen eine falsche Spritze erhalten hatte. Doch habe der betreuende Arzt "die zu erwartende, erforderliche Sorgfalt ... in ungewöhnlich hohem Maße verletzt": Trotz alarmierender Herzfrequenz-Muster des Ungeborenen habe er mit der Schnittentbindung viel zu lange gewartet.
"Wir sind kein Kampfverband gegen Ärzte", betonen die Mitglieder des Arbeitskreises, "wir erwarten aber, daß der Arzt bei einem solchen Fehler umgehend seine Versicherung einschaltet." Die meisten Gynäkologen reagierten jedoch mit "einer Art von Fahrerflucht".
"Diese Leute haben keine Ahnung von der Sorge und der Verzweiflung, mit der man das behinderte Kind am Leben erhält", meint Axel Prehl aus Leutenbach. Der Ingenieur ist Vater einer durch die Parazervikalblockade "100prozentig hilflosen" (so der amtliche Terminus) Dreijährigen.
Auch im Fall Prehl kamen die Gutachter, darunter der Ulmer Gynäkologie-Professor Christian Lauritzen, zu dem Schluß: "Ärztliche Behandlungsfehler sind festgestellt." Die werdende Mutter habe "viel zu viel an Medikamenten" erhalten, die mit "schwersten Risiken behaftete" PCB hätte nur "nach ausdrücklicher Einwilligung" verabreicht werden dürfen, und schließlich sei, angesichts der bedrohlich gewordenen Lage, "nicht rasch genug gehandelt worden".
Die Gerichte neigen neuerdings dazu, öfter der Argumentation der Eltern zu folgen und die verantwortlichen Ärzte zur Rechenschaft zu ziehen. Das zeigen zunehmende Erfolge bei den rechtlichen Auseinandersetzungen.
Doch nicht wenige Eltern zahlen einen hohen Preis für die Beharrlichkeit, mit der sie für ihr geschädigtes Kind die materielle Zukunft zu sichern versuchen. Nach fünfjährigem Kampf vor Gericht wurde Leonie und Günther Hagemeister, den Eltern der geschädigten Mona-Marleen, im April dieses Jahres zwar Recht zuerkannt. Aber Leonie Hagemeister zerbrach am Leid über ihre Tochter und den Zynismus der Ärzte.
Professor August-Wilhelm Schmidt, gynäkologischer Chefarzt des Kreiskrankenhauses Detmold, revanchierte sich mit einer Strafanzeige wegen "falscher Verdächtigung" und "übler Nachrede", als der Lehrer auf weitere Schadensfälle an der Detmolder Klinik gestoßen war. Mit einem Brief an Hagemeisters Dienstvorgesetzten versuchte der Gynäkologe, dem Beamten berufliche Schwierigkeiten zu bereiten.
Während des schier endlosen Verfahrens mußte die Mutter, eine gebürtige Engländerin, mehrmals in psychiatrische Behandlung. Heute lebt das Kind in einem Heim für Schwerbehinderte. Leonie Hagemeister ist zu ihrer Mutter nach Carlisle zurückgekehrt.
Rechts: Kardiotokograph, der die kindlichen Herztöne und die Wehen aufzeichnet. Bei der Versorgung eines Neugeborenen.

DER SPIEGEL 1/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 1/1985
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Geburtshilfe: „Fahrerflucht im Kreißsaal“

Video 02:15

Neuer Spider-Man-Trailer Jetzt hat er auch noch Flügelchen

  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen