13.05.1985

SEKTENBiß ins Nagelbett

In Berlin wird gegen eine Satanssekte ermittelt, die ihre Schützlinge mit Sexzwängen, Ekeltraining und Gedankenkontrolle zu höherem Bewußtsein führen will. *
Das Trampeln schwerer Schuhe" riß die Sektenmitglieder aus "friedlichem Morgenschlummer". Eine "Horde Polizei", so klagten die Heimgesuchten hinterher, habe den "Thelema-Orden des Argentum Astrum" überfallen und die Abtei des Berliner Magie-Vereins gefilzt, vom Tempel bis zum Klo.
Die zwanzig Beamten, die vergangenen Herbst das Charlottenburger Mietshaus der "ordensartig organisierten Religionsgesellschaft" (Vereinssatzung) durchsuchten, fanden zwar nicht die vermuteten Haschbestände, dafür aber Einschlägiges "über die Droge Sekte" (ein Fahnder).
Im Kellerraum der Berliner Kult-Kommune klaubten die Schupos Ritualwerkzeuge vom Altar, Dolch und Kurzschwert - nach alliierten Bestimmungen unbefugter Waffenbesitz. Diverse Sektenutensilien, ebenfalls konfisziert, weckten bei den Ermittlern den Verdacht, der Orden verstoße durch seine "Ziele, Methoden und Praktiken" gegen Menschenwürde und Recht.
Das sah die Staatsanwaltschaft genauso. Sie ermittelt seitdem gegen den Chefideologen des Ordens, den gelernten Fernsehmechaniker Michael Dietmar Eschner, 36, wegen des Verdachts der Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung.
Das Verwaltungsgericht bestätigte bei zwei weiblichen Sektenmitgliedern die Streichung der Sozialhilfe, weil das Leben im Orden "nicht der Zielrichtung des Bundessozialhilfegesetzes" entspreche. Und der Berliner Innensenator prüft derzeit, ob die belastenden Erkenntnisse zu einem Verbot des Vereins ausreichen.
Die absonderliche Glaubensgemeinschaft betreibt mit drastischen Methoden die Umprogrammierung ihrer Eleven zu einem höheren Bewußtsein. Privatbesitz und Außenkontakte sind verpönt, die Thelema-Oberen erzwingen Disziplin durch Gehorsamseid und Schlafentzug, verordnen Geschlechtsverkehr und Ekeltraining - vom Kotverzehr bis zur Selbstverstümmelung.
Der Vereinszweck gibt sich satanisch. Die Satzung gebietet "die Verbreitung der Lehren des 'Liber Al vel Legis' - Gesetz von Thelema - wie es Aleister Crowley am 8., 9. und 10. April 1904 von 12.00 Uhr bis 13.00 Uhr gegeben wurde". Crowley, "der verderbteste Mann der Welt" (Sektenwerbung), steht für die Verkehrung der christlichen Werteordnung.
Der Münchner Sektenexperte Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack hält den 1947 verstorbenen englischen Satanisten und Sexualmagier, Leitbild auch des amerikanischen Hippie-Mörders Charles Manson, für den "Stammvater der dunkelsten Varianten des religiösen Untergrunds". Crowleys Credo ("Ich bin eine Hölle von einem Heiligen Guru") wurde in der sizilianischen "Abtei Thelema" mit Satansriten, religiösen Sexorgien und Tieropfern eingelöst.
Labile Jugendliche, fürchten Berliner Strafverfolger, könnten auch durch den Absolutheitsanspruch der Ordensoberen in Abhängigkeit geraten. Unter der Vorspiegelung, zu einer neuen Persönlichkeitsstufe zu gelangen, setzten sich die Kandidaten klaglos einer Mixtur aus Psychostreß, Okkulthokuspokus und Gehirnwäsche aus. Die "Umkonditionierung", so ein Fahnder, überschreite noch die "Selbstkasteiung des Mittelalters."
Polizeibeamte schildern in Untersuchungsberichten "ein Sozial- und Sexualverhalten, wie es nicht einmal bei tierischen Primaten zu beobachten" sei.
Kult-Kommunarde Eschner, Anfang der siebziger Jahre wegen Betrugs und Unterschlagung in anderen Branchen zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, vergibt in hauseigener Hierarchie Sekten-Dienstgrade, vom Zelatoren bis zum Ipsissimus. Die "praktische bewußtseinsverändernde Arbeit" des Ordens vermittelt er als "okkulte Wissenschaft so systematisch und wissenschaftlich" wie "die Chemie" - Scharlatanerie mit einem Schuß Wissenschaft, neben religiösem Abrakadabra ein Psycho-Cocktail mit Meditation, "Astralreisen", Verhaltenstraining in der Gruppe und allerlei "Kabbala".
Die angestrebte Umkonditionierung reicht bis zur Gedankenkontrolle. Renitenz gegenüber Ausbildern wird vom "Beißer" mit schmerzhaften Bissen ins Daumennagelbett bestraft - eine "Hilfestellung zur besseren Selbstbeherrschung". Der Einübung von Selbstdisziplin, angestrebt etwa durch das Verbot, eine Woche lang das Wort "ich" zu gebrauchen, wird mit der Rasierklinge nachgeholfen.
Der ehemalige zweite Vereinsvorsitzende Marcus Jungkurth: "Man bestraft sich sozusagen wie ein ungehorsamer Hund, so hat Crowley das auch formuliert, dann schneidet man sich. Das macht man etwa eine Woche, danach sehen beide Arme aus wie Gehacktes." Eschner schwächt ab: "Halb so wild, wie es aussieht. Das blutet kaum, ist aber nützlich."
Ein vereinsspezifisches Ekeltraining, das laut Eschner nur "theoretisch" durchgenommen wird, bei dem aber nach Aussagen Ehemaliger schon mal
"direkt in den Mund uriniert" wurde, soll die Selbstüberwindung fördern.
Die Strategien werden in sekteneigenen Publikationen erläutert; alle Bücher erscheinen in dem von der Eschner-Gefährtin Siegrid Kersken-Canbaz gegründeten "Kersken-Verlag" (Stammkapital: 100 000 Mark), dessen Druckerei dem Orden die wirtschaftliche Existenz garantiert.
Obwohl der inzwischen auf die Mitglieder überschriebene Betrieb satzungsgemäß deren materielle Lebensbedürfnisse sicherstellen soll, haben Sektenangehörige, wie Behördenermittlungen ergaben, finanzielle Unterstützung aus öffentlichen Mitteln beantragt.
Die Sozialhilfe, inzwischen gekappt, hat so grundlegende Ergüsse wie die von Eschner herausgegebenen "geheimen sexualmagischen Unterweisungen des O.T.O." bezuschußt. Dort finden Leser "die vollständigen Details der tantrischen Techniken, mit denen Adepten wie Aleister Crowley ihre überragenden magischen Erfolge erzielten" - etwa die: "Die Jungfrau soll das Feuer und den Priester mit ihren Händen entflammen und dabei sagen: 'Accendat in nobis Therion ignem sui amoris et flammam aeternae caritatis.'"
In der Sektenpraxis, schildert eine Ehemalige, ging es auch schon spontaner zu: Der Guru habe "sich hingesetzt, und ich mußte mich praktisch auf ihn raufsetzen. Es spielte überhaupt keine Rolle, ob ich erregt war oder nicht". Fellatio als Kult-Genuß: "Anschließend", beschreibt die "Oberpriesterin" ihren Part, "hast Du mich gerufen, um Dir einen zu lutschen."
Unter Hinweis auf den rigiden Gehorsamseid, ließ eine Betroffene protokollieren, habe es Eschner immer wieder fertiggebracht, "daß jeder mit jedem ins Bett ging und daß jeder mit jedem Praktiken oral oder anal durchführte" - mal zu Ausbildungszwecken vor der ganzen Gruppe, mal unter der Decke. Die Folge: Schon bald nach Eröffnung der Abtei registrierte die Polizei Tripper im Tempelorden.
Wie weit fortgeschritten der Prozeß der Entmündigung einzelner Sektenmitglieder und wie groß ihr Abhängigkeitsverhältnis in diesem Beziehungschaos bereits war, belegen Tagebuchblätter, die zur Selbstkontrolle und zur Selbstrechtfertigung für die Gruppe geschrieben wurden. In einem Stimmungstief und wegen schierer Vergeßlichkeit ("... fiel mir siedendheiß ein, daß ich Dich heute aufs Vögeln ansprechen sollte") hatte sich ein weiblicher Sektenlehrling selber "Konsequenzen ausgedacht": stundenlange Meditation, "Sonntag 4 X Vögeln nachholen" sowie "eine Ausarbeitung über meine Ängste schreiben und analysieren".
In Briefen an den Berliner Senat haben sich Eltern Betroffener über den "lebensfeindlichen und menschenverachtenden Orden" beklagt, in dem es laut Eschner inzwischen "demokratisch wie in einem offenen Haus", nach Elternmeinung "seit Juli 1983 praktisch wie in einem Gefängnis" zugeht.
Schon Anfang letzten Jahres hatte der Berliner Sektenbeauftragte Pfarrer Thomas Gandow in einem Gutachten über die "neosatanische Ordensgründung" gefordert, der Verein müsse "von Amts wegen gelöscht oder gar verboten werden". Auch Andreas Hilliger, Senatsbeauftragter für "Jugendsekten und Psychokulte", empfiehlt staatliches Durchgreifen. Das "quantitative Problem" sei zwar gering, doch in der "psychischen Pression nach innen und der totalen Isolation nach außen" seien die Berliner Thelemiten "vergleichslos im ganzen Spektrum".
Einfach dichtmachen können die Behörden den Tempel nicht. Rechtlich strittig ist, ob sich Eschner, der auf "das freiwillige Dulden bzw. Befolgen" seiner Befehle verweisen kann, als Initiator "solcher primitiven und perversen Verhaltensweisen" (Ermittlungsbericht) überhaupt strafbar macht.
Auch aussagewillige Mitglieder, die dem Satanstempel entkommen sind, verzichten auf Strafanzeige. Teilweise akzeptieren sie Eschners Psychoanforderungen noch im nachhinein als Mittel zur Selbstverwirklichung, oder sie fürchten sich, weil sie ihrem Chef-Magier auch "Ferntötungen nach afrikanischem Voodoo-Ritual" zutrauen.
Von allen Mitgliedern hat Eschner bei Aufnahme in den Orden eine Haarsträhne archiviert.

DER SPIEGEL 20/1985
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