03.06.1985

PAPST-ATTENTATSibyllinische Signale

Im römischen „Jahrhundertprozeß“ gegen die Hintermänner des türkischen Papst-Attentäters Ali Agca tritt der Killer als Kronzeuge und Heiland auf. *
Der Hauptangeklagte Sergej Antonoff saß wie ein erschrockenes Tier im Käfig der Anklage, auch die beiden mitangeklagten Musa Serdar Celebi und Ömer Bagci wirkten verloren, während Mehmet Ali Agca, Kronzeuge der Anklage, seinen Auftritt im "Jahrhundertprozeß" ("La Stampa") sorgfältig inszenierte.
Von zwei Carabinieri geführt, trat der Papst-Attentäter vor die beiden Richter und die 16 Schöffen, richtete sich das Mikrophon auf Mundhöhe und hob in ordentlichem Italienisch (das ihm ein Rotbrigadist in vierjähriger Haft beigebracht hatte) mit gewichtiger Stimme an: "Das Papst-Attentat ist an das dritte Geheimnis der Jungfrau von Fatima geknüpft. Ich bin die Reinkarnation von Jesus Christus. Ich kündige das Ende der Welt an ..."
Der mitangeklagte 27jährige Türke, der am 13. Mai 1981 Papst Johannes Paul II. nach einer Generalaudienz auf dem Petersplatz mit zwei Schüssen aus einer Browning-Pistole lebensgefährlich verletzt hatte, war damit am Ende. Das hohe Gericht, der Vatikan und die im Gerichtssaal durch 570 ausländische
Journalisten (darunter zwei sowjetische) vertretene Weltöffentlichkeit können nun sehen, wie sie die "sibyllinischen Signale" des Killers (so das italienische Fernsehen RAI) deuten.
Der Vorsitzende Richter Severino Santiapichi, 58, der Agca bereits zwei Monate nach dem Verbrechen zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt hatte, machte einen Versuch, den Prozeß gegen die angeblichen bulgarischen Hintermänner und Komplicen Agcas ordnungsgemäß in Gang zu halten: "Wir sind hier nicht auf einem arabischen Basar, wo alles auf morgen verschoben werden kann." Er gab Agca "eine Viertelstunde Zeit, dann fahren wir fort".
Aber Ali Agca war zu weiteren Auskünften nur bereit, wenn der Vatikan ihn nicht dementiere. Was immer das heißen sollte - jedenfalls zog sich der Heilige Stuhl mit einem "Kein Kommentar" aus der Affäre.
Einige Tage vor dem Prozeß hatte der Papst dem bulgarischen Staatsratsvize Georgi Dschagaroff in einer Privataudienz zugesichert: "Ich bete jeden Tag für einen positiven Ausgang und dafür, daß diese Angelegenheit nicht den Namen eines Landes und eines slawischen Volkes belastet."
Die Papstworte interpretierte vor allem die nach Rom angereiste sogenannte "Ostfront" aus Bulgarien als eine positive Wende in dem Prozeß. Die zwei Dutzend Bulgaren in der "Bunkeraula" des Hochsicherheitsgerichts im Norden von Rom - Richter, Konsuln, Staatsanwälte, die Schwester des Angeklagten Antonoff sowie seine 14jährige Tochter, dazu zahlreiche Herren in graugrünen Ostkonfektionsanzügen - schauten nach dem irrwitzigen Auftritt Agcas erleichtert drein. Antonoffs Anwalt, Professor Giuseppe Consolo: "Die Anklage gegen meinen Mandanten, die sich allein auf Agcas Aussage stützt, ist jetzt weniger glaubhaft denn je."
Selbst Ermittlungsrichter Ilario Martella, 50, der die Anklage gegen fünf Türken und die drei Bulgaren - Antonoff sowie die Botschaftsangehörigen Todor Ajwazoff und Scheljo Wassilieff - vorbereitet hat, zieht in seinem 1400 Seiten dicken Untersuchungsbericht die Glaubwürdigkeit Agcas in Zweifel: "Es hat sich herausgestellt, daß Agca nicht selten Unwahrheiten erzählt, wenn es darum geht, die von ihm genannten Komplicen zu belasten."
Trotz dieser Einschränkung diente allein das Geständnis des Attentäters der Anklage als Gerüst. Während seines Prozesses im Juli 1981 hatte Agca mehrmals beteuert, allein und ohne Komplicen gehandelt zu haben. Zehn Monate später erst erzählte er in seiner Einzelzelle des Hochsicherheitsgefängnisses in Ascoli Piceno dem Ermittlungsrichter Martella, es gebe drei bulgarische Hintermänner. Mit ihnen habe er, in der Wohnung des römischen Balkanair-Vertreters Antonoff, das Attenat vorbereitet. Seine Komplicen seien am Tag der Tat auf dem Petersplatz dabeigewesen.
Gegenüber Martella packte Agca auch über die türkische Faschistenorganisation "Graue Wölfe" aus, deren Mitglied er seit seinem 19. Lebensjahr ist. Zwei seiner "Brüder", Celebi und Bagci, hätten ihm vier Tage vor der Tat die Attentatswaffe und einen Teil des Killerlohns nach Mailand gebracht. Das Geld - drei Millionen Mark - soll der in Bulgarien lebende türkische Drogenhändler Bekir Celenk, dessen Auslieferung Sofia den italienischen Behörden verweigert, zur Verfügung gestellt haben.
Das späte Geständnis erklärte sich Richter Martella damit, daß Agca die Hoffnung aufgegeben hatte, von seinen "mächtigen Freunden" (Agca) befreit zu werden.
Die Verteidigung der drei Bulgaren hingegen will in dem auf etwa ein Jahr angesetzten Prozeß nachweisen, daß Agca seine bulgarischen Komplicen erst "aus der Tasche zog" (Consolo), nachdem er lange Gespräche mit dem inzwischen wegen einer anderen Sache angeklagten katholischen Gefängniskaplan Mariano Santi geführt hatte und in seiner Zelle von zwei hohen Beamten des italienischen Geheimdienstes besucht worden war. Die geheimnisvollen Besuche hat das italienische Innenministerium inzwischen bestätigt.
Erst Monate später hat Agca in einem Photoalbum mit 56 Bildern, das ihm Ermittlungsrichter Martella vorlegte, die drei jetzt angeklagten Bulgaren identifiziert. Ihre Verteidiger argumentieren, die drei Nummern der Photos (1, 2, 20) seien leicht zu behalten und könnten vom Gefängniskaplan oder den Geheimdienstleuten eingeflüstert worden sein.
Im September 1982 war in "Reader's Digest" der Bericht der amerikanischen Journalistin Claire Sterling erschienen, in dem die verbiesterte Antikommunistin die "bulgarische Fährte" rekonstruierte.
Trotz des weltweiten Wirbels, den der Artikel auslöste, blieb der Balkanair-Chef in Rom, am 25. November 1982 wurde er verhaftet. Der Botschaftsangehörige Wassilieff hatte die italienische Hauptstadt am 27. August nach Ablauf seines zweijährigen Vertrages verlassen. Der Botschaftskassierer Ajwazoff, Anfang November zu einer Überprüfung der Kassenbücher nach Sofia gerufen, erhielt am 26. November vor seinem Rückflug auf dem Flughafen Sofia die Meldung, daß in Rom ein Haftbefehl auf ihn warte. Ajwazoff kehrte deshalb nicht nach Italien zurück.
Der Tip an Sofia stammte vom italienischen Außenministerium: "Welches Interesse", so fragte die italienische Zeitung "il manifesto", "hatte das italienische Außenministerium, die Verhaftung eines bulgarischen Diplomaten zu verhindern, wenn die Beweise für die Schuld wirklich hart sind?"
Aus diplomatischen Kreisen der italienischen Hauptstadt wurde inzwischen bekannt, daß Außenminister Giulio Andreotti die nach der Antonoff-Verhaftung abgekühlten Beziehungen zwischen Italien und Bulgarien mittlerweile wieder "mühsam geflickt hat und sicherlich nicht will, daß die Arbeit umsonst war".
Im Klartext soll das wohl heißen, daß Italien, dessen Richter in diesem Prozeß über ein auf vatikanischem Boden begangenes Verbrechen urteilen müssen, kein Interesse daran hat, die "pista bulgara" um jeden Preis aufrecht zu erhalten.
Dieselben Diplomaten weisen auch darauf hin, daß inzwischen in Moskau nicht mehr der ehemalige KGB-Chef Andropow herrscht - laut Claire Sterling einer der möglichen Auftraggeber des Attentats auf den unbequemen polnischen Papst -, sondern Gorbatschow.
Der hat den italienischen Premier Craxi und seinen Außenminister Andreotti in der vergangenen Woche als erste westeuropäische Regierende seit seinem Amtsantritt im Kreml zu einem Gespräch empfangen.

DER SPIEGEL 23/1985
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