29.10.1984

KARIKATURENEmanzipiert wider Willen

Die Karikaturistin Marie Marcks hat ihre eigene Kindheit und Jugend gezeichnet. *
Bei ihrem Namen geraten Feministinnen ins Schwärmen: Nicht nur, daß sie beruflich in eine männliche Domäne eingebrochen ist - sie hat ihren Beruf auch noch neben einem Fulltime-Job als Ehefrau (zweimal) und Mutter (fünffach) ausgeübt.
Noch heute ist Marie Marcks unter den politischen Karikaturistinnen die bekannteste, und sie gehört zur Vorbild-Generation jener heute über 50jährigen Frauen, für die Krieg und Entbehrungen zum Aufbruchsignal für ihre Unabhängigkeit wurden.
Jetzt hat Marie Marcks ihre Autobiographie vorgelegt, natürlich auch gezeichnet, und die ist, bei aller Privatheit im einzelnen, zum Dokument einer exemplarischen Jugend in Hitler-Deutschland geworden. _(Marie Marcks: "Marie, es brennt!" ) _(Frauenbuch Verlag, München; 96 Seiten; ) _(29,80 Mark. )
Die Kindheit in Berlin wurde bald überschattet vom Einbruch brauner Ideologie in den Schulalltag: Aufmärsche und Uniformen, Liederkult und Denunziantentum, Arbeitsdienst und Sonnenaufgangsversammlungen, Unterordnung und Aufbegehren.
In Marie Marcks'' wohlhabendem Elternhaus - der Vater war Architekt, die Mutter besaß eine Kunstschule - lief das politische Gegenprogramm. Ihre Intelligenz bewahrte die Tochter vor ernsten Anfechtungen, wenngleich sie sich als Kind, das dazugehören wollte und doch nicht konnte, in einem Dilemma befand.
Tagebucheintragung vom Oktober 1939: "Immer, wenn ich gerade aufnahmebereit bin, komme ich nach Hause und alles ist futsch." Im Juli 1941 notierte sie: "Manchmal wankt in mir alles,
was ich mir mühsam erobert habe, mein ganzer Patriotismus.
Die politische Satirikerin Marcks zeigt sich in ihrem Buch als präzise Erzählerin, sowohl in den pastellfarbenen Zeichnungen, die trotz ihres kindlich-kargen Strichs Gesichtsausdruck und Körperhaltung differenziert darstellen, wie auch in dem diese Zeichnungen umgebenden Text. Dazwischengestreut sind originale Tagebucheintragungen und Kinderzeichnungen, die Ausbombung, Evakuierung und viele Umzüge überstanden haben.
Zu besichtigen sind heute fast vergessene Szenen aus einer Großstadtkindheit: der Leiermann im Hinterhof und die in Papier eingewickelten fliegenden Groschen; die Invaliden aus dem Ersten Weltkrieg, die ihre Zündhölzer anbieten; die Pferdegespanne in den Baugruben.
Und es gibt die Vorboten der nahen Katastrophe: die Hetze gegen jüdische Mitschüler und Lehrer; die bei einem Ausflug in Pommern gesichteten Lastwagen, "vollgeladen mit Männern, die guckten wie Vieh zwischen den Latten durch"; die ersten Verwundetentransporte vom Frankreichfeldzug, die mit Tee versorgt wurden: "Das war der Beitrag der Mädchen zum Sieg." Die Sicht des Kindes mit ihrer scheinbaren Verharmlosung macht die Schrecken der Nazizeit nur noch monströser.
Ein Mitschüler nach dem anderen wird eingezogen und fällt. "Anfangs zogen wir jedes Mal auf den Sonnwendhügel und sangen für jeden zum Abschied ein Heldenlied. Aber später wurde gewartet, bis sich ein paar angesammelt hatten." Die Daheimgebliebenen ließen sich einreden und -singen, daß es eine "Gnade des Fallendürfens" gebe.
Das Kriegsende erlebt Marie mit den Eltern und ihrer ersten Tochter in der Evakuierung. Nach mehreren Umwegen der Aufbau einer Existenz als Zeichnerin in Westdeutschland, die Heirat mit der Jugendliebe - ebenfalls einem Zeichner -, die materiellen Sorgen, die Scheidung.
Tagebucheintragung vom Herbst 1952: "Ohne es zu wollen, bin ich einen Weg gegangen, der mich, wie man so schön sagt, frei gemacht hat. Ich kann genug, um mit der Tochter überall durchzukommen. Aber das Glück ist weg."
Emanzipation wider Willen: Als in den 50er Jahren der gesellschaftliche Konsens die "Trümmerfrauen" wieder "an der Seite des Mannes", also in Küche und Kinderzimmer, sehen wollte, hat Marie Marcks, mit wenigen Unterbrechungen, weiterhin ihr eigenes Geld verdient.
Erinnerungen haben es so an sich, daß sie gelegentlich den Weichzeichner bevorzugen. Vor Vergoldung bewahrt diese Lebensgeschichte allerdings schon die Zeit, in der sie spielt, und noch mehr der Scharfblick der späteren Karikaturistin.
Als die noch nicht schulpflichtige Marie an der Hand ihrer Kinderfrau durch Berlin geht, beobachtet sie, wie ein Mädchen zum Bierholen gezwungen wird. Text: "Das Mädchen brachte rennend und schluchzend das Bier und kriegte noch mal eine schreckliche Ohrfeige. Es hatte schon einen winzigen Busen."
Marie Marcks: "Marie, es brennt!" Frauenbuch Verlag, München; 96 Seiten; 29,80 Mark.

DER SPIEGEL 44/1984
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