25.03.1985

„Aufräumen, aufhängen, niederknallen ...“

Die Deutschen in ihrer Kolonie Südwestafrika: Rassenhochmut und Völkermord *
An drei Sonntagabenden ritt der "Hottentottenbastard" Morenga über die Fernsehschirme und stiftete, acht Jahrzehnte nach seinem Tod, Verwirrung bei vielen Deutschen.
In einer Zeit, da sich Jahrestage häufen, die an Krieg und Niederlage, an Bombennächte und Auschwitz-Greuel erinnern, werden die Deutschen nun auch noch mit längst Verdrängtem konfrontiert. Zu lange ist Deutschlands kurze Kolonialgeschichte her, als daß sie noch jemanden groß aufgeregt hätte, nicht mal die Grünen hatten das Thema bisher entdeckt - obwohl es niemals aufgearbeitet, gar bewältigt wurde.
Die Kolonien des Deutschen Reiches waren schließlich noch unter dem Kaiser verlorengegangen, wodurch den Deutschen der schmerzhafte Prozeß der Entkolonialisierung erspart blieb, den unter anderen Frankreich und die Niederlande, England, Belgien und Portugal erlebten.
Nun bringt plötzlich der "Südwestern" Morenga einem breiten Publikum nahe, daß Deutsche des Rassenhochmuts und Völkermords schon lange vor Hitler schuldig wurden. Aus einer Begleit-Dokumentation erfährt der Zuschauer, daß es noch immer Deutsche in Afrika gibt, die jene traurigen Siege gegen die "Kaffern" feiern - dort, wo sie erkämpft wurden, in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia, wo noch knapp 30 000 Deutschstämmige leben und die Vergangenheit pflegen.
Zitat aus dem "Deutsch-Südafrikaner" in Swakopmund: "Daß eine internationale Clique die weiße Rasse vernichten möchte, um dadurch ihre Weltherrschaftsabsichten zu befriedigen, ist vielen bekannt ... Die Methoden reichen von der Antibabypille und Rassenvermischung bis hin zum Mord von Millionen von Menschen durch 'erzeugte' Kriege".
Unter dem Kolonialistenmotto "In Treue fest, Südwest", im Schatten des bronzenen Denkmals eines kaiserlichen Schutztruppen-Reiters schmettern Deutsche guter alter Art in Bierstuben noch Kriegslieder oder die Südwesterhymne "Hart wie Kameldornholz". Es ist angeblich immer noch der "beste Platz für Weiße auf der Welt", wie ein Hotelmanager in Windhuk weiß, denn: "Wo sonst kann ein 18jähriger ohne Berufsausbildung gleich einen Job kriegen, bei dem er ein Dutzend Kaffern zu befehligen hat?"
Es ist die gleiche Mentalität, mit der die Großväter in den Busch zogen, um die Heiden zu "zivilisieren". Deutsch-Südwest, seine Besitznahme, seine Kriege, damals und nochmals zur Nazi-Zeit als Heldenlegenden gefeiert, zählen in Wahrheit zu den schlimmsten Kapiteln der Kolonialgeschichte - in der "Morenga"-Serie wird das nur angedeutet.
Die Geschichte von Deutsch-Südwest begann mit Betrug. Der Bremer Tabackaufmann Adolf Lüderitz kaufte 1883 dem Nama-Häuptling Joseph Fredericks für 260 Gewehre und 600 Pfund die spätere Lüderitzbucht ab. Dazu erwarb er noch einen Küstenstreifen von 20 "geographischen" Meilen - wobei Verkäufer Fredericks, wie aus einer Notiz Lüderitz' zweifelsfrei ersichtlich ist, vorsätzlich nicht darüber aufgeklärt wurde, daß dies etwas anderes ist als eine nautische oder englische Meile - nämlich 7,4 statt 1,6 Kilometer. Proteste der geprellten Schwarzen blieben wirkungslos.
Denn Südwest galt den deutschen Kolonialstrategen, die auf dem Schwarzen Kontinent "Weltgeltung" und "Lebensraum" suchten, als "herrenloses" Land - weil Großbritannien, das jenseits des Oranje in Südafrika saß, darauf keinen Anspruch erhob.
Eingeborene, die in den Weiten ihre Herden weideten, zählten nicht. Die Namas, wegen ihrer schweren Sprache nach dem holländischen Wort für Stotterer "Hottentotten" genannt, die Hereros, Ovambos und Witboois, sie alle wurden von den Weißen als "Tiere" angesehen, wie selbst ein kaiserlicher Beamter nach einem Besuch in der Kolonie vermerkte.
Ihnen wurden - als Bismarck 1884 auf Wunsch der Kaufleute Südwest offiziell unter den Schutz des Reiches gestellt hatte - sogenannte Schutzverträge aufgezwungen, die aus der Handelsniederlassung eine Kolonie des Reiches machten.
"Deutschland", so hatte Kaiser Wilhelm II. verkündet, "gewährt seinen Schutz ... überall, wo deutsche Niederlassungen auf bisher von einer anderen Macht nicht besetzten Gebieten begründet sind oder werden". Wenn die Wilden den kaiserlichen Schutz nicht wollten, wie die Hottentotten, störte das auch nicht: Ihre Gebiete wurden zu deutschen "Einflußzonen" erklärt.
Die beim Landraub reichlich spät gekommenen Deutschen führten sich gleichwohl "kolonialisationsfähiger" als die traditionellen Beutemacher. In der "Kolonial-Politischen Korrespondenz" vom 20. November 1886 wird die "Überlegenheit" des deutschen Systems gepriesen,
die freilich "erst durch die Tat zu beweisen" sei: "Doch berechtigt gerade hier die Fähigkeit der Deutschen, sich in fremde Rassencharakter hineinzuleben, zu den besten Hoffnungen." Und: "Wir wissen, daß wir durch die dem deutschen Geiste eigene tiefere Behandlung sozialer Probleme auch die Frage der Eingeborenenerziehung weit besser als alle kolonisierenden Nationen lösen werden."
In der Praxis ging dies dann nach dem Motto, daß der willige Neger der beste Freund des Menschen sei, aber wehe, wenn er nicht so wollte wie sein weißer Meister, der den "ungesell'gen Wilden" einlud, "in der Menschen Hütten" einzutreten ("Schule und Kolonialinteresse", 1907). Zitate aus einschlägigen Berichten jener Zeit: *___"In Afrika konnte und wollte man die Prügelstrafe als ____Erziehungs- und Strafmittel gegen die unkultivierten, ____aller Ehrbegriffe baren Farbigen nicht entbehren" ("Vom ____Niemandsland zum Ordnungsstaat"). *___"Milde gegen den Farbigen ist Grausamkeit gegen den ____Weißen" ("Die Behandlung der Eingeborenen in den ____deutschen Kolonien", 1907). *___"Dem scherzenden Befehl wird der Neger willig sich ____beugen, wenn in der Ferne die Rute winkt" (ebenda).
In wissenschaftlichen Arbeiten wurden Negerhirne mit jenen von Affen verglichen, Herero-Köpfe auf die "Möglichkeit einer Klassifizierung in der zoologischen Reihe" untersucht, Dissertationen über "das Haar des Buschweibs" verfaßt.
Als unerhört wurde empfunden, wenn die Kaffern sich gar gegen die Segnungen der Zivilisation wehrten - das ging nicht an, denn "schließlich wäre es nicht nur Rassen- und Volksselbstmord, wenn man die fruchtbarsten und ausgedehntesten, zur Zeit noch dünn bevölkerten Gebiete des Erdballs ausschließlich den niedriger stehenden farbigen Rassen überlassen wollte, sondern es müßte dies geradezu zum Untergang der Kultur und Zivilisation führen" (Carl Ballod: "Die wissenschaftlichen Anschauungen der Kolonialpolitik").
"Frech gewordene Barbaren", wie es in einem Schutzkorps-Lied hieß, wurden zu Paaren getrieben, und das las sich dann so:
"Einige schwarze Teufel kletterten in die Bäume und gaben von oben verhängnisvolle Steilschüsse ab ... Wütig wie angeschweißte Raubtiere, stürmten die Neger, die an dem Tage wie die Rasenden waren, heran ... tierisch tückisch glühten ihre Augen, im weit aufgerissenen Maule schimmerte das weiße Tigergebiß ... der Negerschädel krachte vom schmetternden Kolben ..." (Johannes Dose: "Ein alter Afrikaner").
Denn die Eingeborenen, mit ihren Herden in ihrem Lebensraum bedroht, hatten begonnen, sich gegen die deutsche Landnahme zu wehren. Heinrich Göring, erster Reichskommissar in Deutsch-Südwest und Vater des späteren Reichsmarschalls Hermann Göring, sein Nachfolger, der spätere Gouverneur Theodor Leutwein und Hauptmann Kurt von Francois, erster Kommandeur der Schutztruppe, aber sahen in der Zurückweisung deutschen "Schutzes" offene Feindseligkeit und bestraften sie entsprechend.
1893 beging Francois das erste Massaker unter den Hottentotten des Captains Hendrik Witbooi: Nächtens überfiel er den Kral Hornkranz und machte die Schlafenden nieder: 150 Männer, Frauen und Kinder.
Der "Wilde" Witbooi führte mit Gouverneur Leutwein eine jahrelange Korrespondenz, in der er zwar die besseren Argumente hatte, doch gegen die besseren Gewehre der Deutschen kam er damit nicht an. Auszüge: _____" Witbooi an Leutwein am 20. August 1894: Mein lieber " _____" Kaiserlich deutscher Gesandter Major Leutwein! " _____" Daß ich dem deutschen Kaiser nicht unterstellt sein " _____" will, das ist doch keine Sünde, Schuld oder Ehrlosigkeit, " _____" die Sie berechtigte, die Todesstrafe gegen mich " _____" auszusprechen. Ich bitte Sie nochmals, " _____" lieber Freund, nehmen Sie den guten und wahren " _____" Frieden an; greifen Sie mich nicht an und lassen Sie mich " _____" in Frieden. " _____" Leutwein an Witbooi: " _____" Daß Du Dich dem Deutschen Reich nicht unterwerfen " _____" willst, ist keine Sünde und keine Schuld, aber es ist " _____" gefährlich für den Bestand des deutschen Schutzgebietes. " _____" Also, mein lieber Kapitän, sind alle weiteren Briefe, in " _____" denen Du mir Deine Unterwerfung nicht anbietest, nutzlos. " _____" Ich hoffe indessen, daß Du mit mir darin " _____" einverstanden bist, daß wir den Krieg, der bei Deiner " _____" Hartnäckigkeit leider nicht zu vermeiden ist, menschlich " _____" führen und hoffe ferner, daß derselbe kurz sein werde. " _____" Witbooi an Leutwein: " _____" In Ihrem gestrigen Brief behaupten Sie, ich habe " _____" wehrlose Menschen in Swakop getötet. Was sagen und denken " _____" Sie von den vielen unschuldigen Seelen und dem Blut der " _____" einfältigen und wehrlosen Menschen, die auf Hornkranz " _____" liegen? Blut im Schlafe liegender Menschen, von Frauen, " _____" von an der Mutterbrust liegenden Säuglingen haben Sie " _____" vergossen. Ich sage Ihnen, das Blut Ihrer Leute, von dem " _____" Sie sprechen, und das Blut meiner Leute, von dem ich " _____" spreche, das kommt auf Ihre Verantwortung, denn Sie haben " _____" mich ohne meine Schuld angegriffen. " _____" Leutwein an Witbooi: " _____" Mit den gegenseitigen Anklagen kommen wir nicht " _____" weiter. Daß Hornkranz anders hätte angegriffen werden " _____" können, ist möglich. Sicher ist aber, daß Ihr von dort " _____" vertrieben werden müßt, wenn das deutsche Schutzgebiet zu " _____" Ruhe und Frieden kommen soll. Ebenso sicher ist, daß ich " _____" keine Ruhe und keinen Frieden für das deutsche " _____" Schutzgebiet voraussehen kann, solange Ihr Euch dem " _____" deutschen Kaiser nicht unterworfen habt. "
Als hinreichend Verstärkungen eingetroffen waren, griff der Gouverneur Witbooi an und schlug ihn nach verlustreichem Kampf. Ein Denkmal mitten in Windhuk erinnert an die deutschen "Helden". Endlich unterstellte sich der geschlagene Witbooi dem Schutz des Kaisers, seine Krieger dem Kommando der Schutztruppen.
Aber noch verweigerte das Hirtenvolk der Hereros den Deutschen die Unterwerfung. Unter Einfluß der Briten, die das Treiben der Deutschen in Afrika mißtrauisch verfolgten, hatten die Hereros sogar einen ersten Schutzvertrag aufgekündigt. Sie lehnten es strikt ab, ihr Weideland zu verkaufen. Da jedoch "die ganze Zukunft der Kolonie in dem allmählichen Übergang des Landes aus den Händen der arbeitsscheuen Eingeborenen in diejenigen der Europäer begründet liegt" (Leutwein), mußten die Wilden zur Räson gebracht werden.
Die Deutschen rückten ihre Grenzen immer weiter ins Herero-Weideland vor und "pfändeten" Vieh der Farbigen, das diese Grenze überschritt. Rinderpest und Dürrejahre dezimierten die Herden der Hereros und beraubten das rund 80 000 Menschen zählende Volk seiner Lebensgrundlage. Nach jahrelangen Scharmützeln und der Hinrichtung des Häuptlings Nikodemus durch die Deutschen brach im Januar 1904 der große Herero-Aufstand aus. Oberhäuptling Samuel Maharero in seinem Aufruf zur Rebellion: "Laßt uns lieber von den Deutschen aufgerieben werden, als daß sie uns all unser Land nehmen!"
Maharero wies seine Krieger an, nur gegen deutsche Männer zu kämpfen, Frauen und Kinder sowie "Engländer, Bastards, Buren und Missionare" zu schonen. Ihren Schlachtruf schrieen die Rebellen auf deutsch: "Wem gehört Hereroland? Uns gehört Hereroland!"
Der Aufstand, dem in den ersten Tagen 120 deutsche Siedler und Soldaten zum Opfer fielen, wurde zum blutigsten und langwierigsten Kolonialkrieg des Reiches - und er artete zum Völkermord aus.
Denn der Generalleutnant Lothar von Trotha, den der Kaiser an Stelle des "schwächlichen" Leutwein mit dem Oberbefehl im Herero-Feldzug betraut hatte, sah es als sein Kriegsziel an, "die Herero-Nation als solche zu vernichten".
Während die Hereros Frauen und Kinder stets schonten, sie zuweilen sogar zu den deutschen Linien eskortierten, waren die Deutschen, wie sich ein Missionar entsetzte, "von Blutdurst gegen die Hereros erfüllt, man hört nichts anderes als aufräumen, aufhängen, niederknallen bis auf den letzten Mann".
Die Schutztruppe, darunter auch Kamelreiter-Kompanien, machte keine Gefangenen, sondern erschoß auch verwundete
Farbige. In ganz Südwest griff Lynchjustiz gegen verdächtige Schwarze um sich, sogar Frauen wurden gehängt. Im Berliner Reichstag kam es zu erbitterten Debatten um die "barbarische Art" der deutschen Kriegführung, so der Sozialdemokrat August Bebel, wogegen der Direktor der Kolonialabteilung, Dr. Stuebel, erklärte, dies könne gar nicht sein, da "der deutsche Charakter überhaupt nicht zu Grausamkeiten oder Roheiten neigt". Bebel wiederum verglich den General von Trotha mit einem "Metzgerknecht" - was dessen Worte und Taten durchaus belegen.
Im August 1904 schlug er die Herero-Hauptmacht mit überlegenen Truppen, zwölf Maschinengewehren und 30 Geschützen am Waterberg. Die Überlebenden ließ er in die Kalahari-Wüste treiben mit der erklärten Absicht, daß "die wasserlose Wüste vollenden soll, was die deutschen Waffen begonnen hatten - die Vernichtung des Hererovolkes".
Der "Große General des mächtigen Kaisers v. Trotha" erließ eine Proklamation an die Geschlagenen, die so schloß: "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen."
In der Kalahari verdursteten die Hereros zu Tausenden. Die Überlebenden verstreuten sich über entlegene Gegenden oder flüchteten auf britisch beherrschtes Gebiet. Von 80 000 Hereros blieben etwa 15 000 übrig.
Das Schicksal der Hereros trieb die Hottentotten erneut zum Aufstand. Sie töteten 40 deutsche Siedler. Als Hendrik Witbooi fiel, übernahm Jakob Morenga die Führung der Aufständischen. Der Sohn eines Hottentotten und einer Herero-Frau hatte in einer Missionarsschule Afrikaans, Englisch und Deutsch gelernt, war von einem Missionar angeblich sogar nach Europa mitgenommen worden. Er entwickelte sich zu einem hervorragenden Taktiker.
Morenga vermied den Fehler der Hereros, sich den überlegenen Waffen der Deutschen in offenem Kampf zu stellen, er führte mit wenigen hundert Kämpfern einen Partisanenkrieg. Schutzkorps-Patrouillen wurden aus dem Hinterhalt überfallen und vernichtet. Als er bei Wasserfall einmal die Pferde einer ganzen deutschen Kompanie erbeutete, schickte er dem Kompanieführer am nächsten Morgen einen Brief, in dem er ihn "ersuchte, in Zukunft seine Pferde besser zu füttern, denn so abgemagerte Schinder könne er nicht gebrauchen".
Die Deutschen setzten einen Kopfpreis von 1000 Mark auf den "Banditen" aus, doch brauchte es zwei Jahre und eine Verstärkung der Schutztruppe auf 16 000 Mann, bis Morenga nach verlustreichen Kämpfen auf britisches Gebiet getrieben werden konnte.
Einer britischen Internierung entzog er sich nach anderthalb Jahren durch Flucht und bereitete eine Wiederaufnahme des Kampfes vor. Die Deutschen erhöhten seinen Kopfpreis auf 20 000 Mark. Im September 1907 stellte eine britische Expedition, der ein deutscher Verbindungsoffizier zugeordnet war, Morenga und seine letzten Getreuen am Rand der Kalahari-Wüste. Er fiel im Kampf.
Die Aufstände kosteten insgesamt fast 2000 Deutsche das Leben - Siedler, gefallene und durch Krankheiten umgekommene Soldaten. Die Zahl der Opfer unter den Farbigen ist nicht bekannt. Zehntausende fielen bei den Kämpfen, Zehntausende verdursteten oder verhungerten in der Wüste, Tausende starben in deutschen Konzentrationslagern (damals schon so genannt) oder nach der Deportation in anderen deutschen Afrika-Kolonien wie Togo und Kamerun, deren tropisches Regenwaldklima sie nicht vertrugen.
Südwest, mit 835 000 Quadratkilometern anderthalbmal so groß wie das Reich, war nun endlich ganz deutsch und warf nach Gold- und Diamantenfunden auch Gewinn ab: 1909 zahlte die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika, von der Deutschen und der Dresdner Bank sowie Adligen und Kaufleuten zur Ausbeutung der Kolonie gegründet, ihren Anteilseignern 64 Prozent Dividende.
Exportiert in die Kolonie wurde vor allem hochprozentiger Alkohol, der zeitweilig zwei Drittel der Ausfuhr bestritt. Der hamburgische Afrika-Händler und Kolonialpolitiker Adolph Woermann, im Rum- und Gin-Geschäft führend, begründete dies so: "Ich meine, daß es da, wo man Zivilisation schaffen will, hier und da eines scharfen Reizmittels bedarf."
Der Traum vom großen Reichtum aus Südwest endete jäh im Ersten Weltkrieg, als 1915 Buren und Briten die Schutztruppe entwaffneten und das Land besetzten. Die meisten Deutschen wurden interniert und nach Kriegsende nach Hause geschickt.
Doch viele kehrten bald zurück, zumal in Südafrika die deutschfreundlichen Buren das Sagen hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen 20 000 deutsche Neusiedler -, die oft dem Geist der alten Kolonialherrschaft verfielen.
In einem Lesebuch "Heimat Südwest", 1969 von der "Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Schulvereine in Südwestafrika" herausgegeben, dichtet ein James Krüss:
"Ich sah abends Riesenmotten. Ich sprach tags so manchen Baas. Ich sah Nama (Hottentotten), ich sah Kaffern (Damaras)."

DER SPIEGEL 13/1985
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