02.09.1985

Die Wunderdroge vom Kurpfuscher

Wie die Geheimdienste mit großem Aufwand wenig erreichen *

Sie heißen Richard Sorge oder Kim Philby, Eli Cohen und Oleg Penkowski. Von ihren Auftraggebern werden sie, wie in der Sowjet-Union oder Israel, mit Denkmälern geehrt, als Helden gefeiert.

Die jeweils anderen, deren Geheimnisse sie erkundet haben, verdammen die Spione als Schurken und Landesverräter. Ihnen ist, so empfindet es US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger nach den jüngsten Agenten-Affären im eigenen Land, nur die Hinrichtung angemessen.

Doch so schnell stirbt sich''s nicht in dem geheimnisvollen Milieu. Und so gefährlich, wie es der Kino-Geheimagent Ihrer Majestät, James Bond, vorführt, lebt sich''s auch nicht.

Selten nur bezahlen Spione ihren Einsatz an der geheimen Front mit dem Leben - wie die legendenumwobene Niederländerin Mata Hari, geborene Margaretha Geertruida Zelle, die liebend Deutschlands Weltkrieg-I-Feinde aushorchte und von den Franzosen 1917 hingerichtet wurde; wie der österreichisch-ungarische Oberst Alfred Redl, Maulwurf zu Diensten des Zaren, der sich 1913 nach der Enttarnung die Kugel setzte; wie die mutmaßlichen Moskauer Atom-Spione Ethel und Julius Rosenberg, die auf einem elektrischen Stuhl in Amerika ihr Leben aushauchten; wie der Israel-Spion Eli Cohen, der an einem syrischen Galgen endete.

Spione leben in Friedenszeiten meist ungefährlich. Sie werden freigekauft, ausgetauscht wie Wertobjekte von Briefmarken-Sammlern.

Ihre Aktionen erinnern zuweilen an das Cowboy-und-Indianer-Spiel von Kindern: KGB-Agenten wachen über CIA-Agenten, die gemeinsam mit Bundesnachrichtendienst (BND), dem israelischen Mossad oder dem britischen MI 5 Moskaus KGB-Agenten beschatten und bekämpfen. Dafür werden Callgirls den Diplomaten auf den west-östlichen Diwan gelegt, Regenschirm-Spitzen vergiftet, alternde Sekretärinnen erhalten Rosen von - östlichen - Kavalieren.

Keine Nation der Welt glaubt ohne Geheimdienst auskommen zu können. Die Hauptarbeit der meist aufgeblähten Behörden erschöpft sich weitgehend darin, einander das Leben zu erschweren. Die Deutschen in ihrer geteilten Nation haben es dabei zu wahrer Meisterschaft gebracht, fügen Pyrrhus-Sieg an Pyrrhus-Sieg.

So blickten die Abwehrspezialisten des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) 1976 auf ein ungewöhnlich erfolgreiches Jahr zurück. Allein von Juni bis Dezember waren 82 DDR-Agenten enttarnt worden - ein Teil kam in Haft, einige konnte Ost-Berlin noch rechtzeitig zurückrufen, andere wühlten fortan als Maulwürfe für den Westen.

Der damalige BfV-Präsident Richard Meier hatte selbst Bewegung in die Szene gebracht: In einem SPIEGEL-Gespräch enthüllte er im Juni 1976, seine Behörde habe nach langer Puzzle-Arbeit "das Typische" der Ost-Berliner Spähmethoden analysiert und "damit den Schlüssel zum Erfolg" in der Hand.

Sein Amt war der Art und Weise auf die Spur gekommen, wie die Ostdeutschen ihren Spionen zu neuen Identitäten als real existierende Bundesbürger verhalfen. Handfester Beweis: Kurz zuvor waren die AA-Sekretärin Helge Berger und vier weitere Geheimnislieferanten aufgeflogen, dazu gleich zwölf Agentenführer, sogenannte Residenten.

Schon zwei Jahre nach der Blamage mit Günter Guillaume, der durch alle Sicherheitsmaschen geschlüpft und bis ins Kanzleramt an die Seite Willy Brandts vorgedrungen war, schien die westdeutsche Abwehr den Spieß umgedreht zu haben. Reihenweise gingen den Häschern aus Köln von nun an DDR-Späher ins Netz, sofern sie sich nicht nach Osten abgesetzt hatten.

Es kam noch schlimmer für Markus ("Mischa") Wolf, den Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) im DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS): Am 18. Januar 1979, kurz vor Mitternacht, wechselte der Oberleutnant Werner Stiller aus der HVA-Abteilung für Wissenschaft, Technik und Industrie die Seiten. Jahrelang hatte der Vorzeige-Sozialist im MfS Karriere gemacht - und gleichzeitig dem Pullacher BND als Maulwurf gedient. Für seine westdeutschen Auftraggeber sammelte er die Namen von Agenten und so ziemlich alles über die innere Organisation der Staatssicherheit (Stasi).

Als er im Westen sein Wissen und sein Geheimmaterial ausbreitete, gerieten die bundesdeutschen Geheimdienstler ins Schwärmen. "Fast nackt", so freute sich ein Experte, stehe das MfS nun vor seinen Gegnern. Dank Stillers Aussagen gingen nicht weniger als 40 Ostagenten hoch. "Das hat die", freute sich der damalige Kanzleramts-Staatssekretär und Geheimdienst-Koordinator Manfred Schüler, "mächtig wackeln lassen."

Seit vorletzter Woche haben, mit dem Abgang des Abwehrspezialisten Hansjoachim

Tiedge, auch die Kölner ihren Stiller zu verkraften. Gleichgültig ob er schon seit langem als Maulwurf arbeitete oder nicht - nach Tiedges Frontenwechsel stehen die westdeutschen Geheimdienste, die Spionageabwehr voran, nun selber ziemlich nackt da.

Auf "mindestens zwei Jahre" veranschlagte Ende letzter Woche ein Landesinnenminister die Zwangspause für den Verfassungsschutz. Nur - was ist das schon im ewigen Leben der geheimen Zunft. Der Fortgang der Geschichte läßt sich ziemlich präzise voraussagen: Tiedges Wissen wird dem MfS-Chef Erich Mielke helfen, Löcher in seinem Laden zu stopfen; und der Oberspäher Markus Wolf wird es nutzen, die eigene Aufklärung zu optimieren und sein angeschlagenes Renommee aufzupolieren.

Ein Gewinn von begrenztem Wert. Zu den Eigenarten des geheimdienstlichen Verrats gehört, daß die Betrogenen in der Regel sehr genau wissen, was der Betrüger weiß. Entsprechend werden Verfassungsschutz, BND und Militärischer Abschirmdienst (MAD) ihre Methoden ändern, sich reorganisieren und umgruppieren - und gewiß auch schon überlegen, was wohl die andere Seite, wenn sie ihren Überläufer Tiedge erst mal in die Mangel genommen hat, an neuen Gemeinheiten aushecken könnte.

Dann beginnt der uralte Krieg der Maulwürfe von vorn - bis zur nächsten Enttarnung, zur nächsten Affäre. John le Carre, Autor vieler Agenten-Thriller, als ehemaliger Diplomat und Geheimdienstler mit dem Metier vertraut, faßte das Prinzip des Spiels mit den Worten zusammen, "die Erfolge der einen Seite" seien "ganz augenscheinlich immer die Fehler und Versäumnisse der anderen". Das lakonische Fazit des Briten: "Unter dem Strich bleibt daher immer alles gleich." Das spricht für den Unfug der Dienste, die ihre Existenz mit dem alles rechtfertigenden Argument begründen, sie müßten sich schließlich gegen die Ausspähung durch andere schützen. Den Lauf der Geschichte hat Spionage auch im 20. Jahrhundert nicht verändert. Allenfalls brachte sie den handelnden Mächten kurzfristige Vorteile, wenn nicht gerade Fehleinschätzungen den Wert der Geheimberichte auf Null senkten.

Den Termin des deutschen Überfalls auf die UdSSR am 22. Juni 1941 erfuhr Stalin Wochen vorher: von seinen Agenten Richard Sorge in Tokio und Rudolf Rössler in der Schweiz, vom britischen Botschafter in Moskau sowie, nicht ganz so genau, aus der Westpresse.

Der Sowjet-Diktator schlug die Warnungen in den Wind und vertraute seinem Kumpanen Hitler, mit dem er sich knapp zwei Jahre zuvor Polen geteilt hatte. Ob er freilich den deutschen Einmarsch hätte stoppen können, wäre er in seinem Handeln den Meldungen der Spione gefolgt, ist zweifelhaft.

Daß ihm die Agenten Rado ("Dora") und Rössler ("Lucie") aus der Schweiz später die Dislozierung der deutschen Truppen vor Stalingrad und danach Einzelheiten des Unternehmens "Zitadelle", der Panzerschlacht bei Kursk, zufunkten, daß die kommunistische Spionageorganisation "Rote Kapelle" aus Berlin deutsche Aufmarschpläne nach Moskau durchgab - das alles mag Stalin und seinen Generalen wertvolle Entscheidungshilfe gewesen sein. Doch den Krieg im Osten hätte die Rote Armee zu diesem Zeitpunkt auch ohne Spione gewonnen. Und im Westen wäre die deutsche Niederlage auch dann besiegelt gewesen, hätte Hitler Erkenntnisse über die alliierte Invasion in der Normandie ernst genommen.

Rechtzeitig informiert waren die Sowjets auch über den amerikanischen Nuklearangriff auf Japan. Schon in der Depressionszeit der 30er Jahre hatte das idealistische Cambridge-Quartett Anthony Blunt, Guy Burgess, Kim Philby und Donald MacLean beschlossen, für die Sowjets zu spionieren. MacLean avancierte 1944 zum Sekretär des angloamerikanischen Geheimkomitees zum Bau der Atombombe. Er verriet den Sowjets die Pläne zur Zerstörung von Hiroschima und Nagasaki; als die US-Abwehr Verdacht schöpfte, fing der leitende Geheimdienstler Philby die warnende Botschaft ab - bisher schlimmste Niederlage für den britischen Geheimdienst.

Solche Meisterspione beflügelten erst recht in der bipolaren Nachkriegswelt, als Ost und West mit ihren Geheimdiensten aufeinander losgingen, die Phantasie der Öffentlichkeit. Der größte Erfolg der US-Spionage: Sowjet-Oberst Oleg Penkowski lieferte, bis zu seiner Enttarnung 1962, jahrelang Hunderte von Dokumenten aus Moskau, darunter die Pläne, Kuba mit Raketen auszurüsten.

Doch ob die Philbys und Penkowskis die Politik ihrer Auftraggeber entscheidend beeinflußt haben, ist umstritten. Die sowjetische Raketenpolitik auf Kuba jedenfalls wurde erst zum Politikum, als US-Spionageflugzeuge den Photo-Beweis lieferten. Die folgende heiße Konfrontation der Supermächte mündete schließlich in den Ost-West-Dialog.

Spionage mit Satelliten und Elektronik hat längst den Schlapphut-Agenten

alten Schlages in den Schatten gestellt. Die moderne Fernaufklärung bietet den Vorteil höchster Präzision. Ihre Ergebnisse können zudem der gegnerischen Seite, in Krisen oder beim Verhandlungspoker, offen präsentiert werden - als Signal, daß keiner dem anderen etwas vormachen kann. Früher hätten solche Hinweise zu hektischer Suche nach Spionen und Verrätern geführt.

Von deren konspirativem Wirken mag dennoch auch heute niemand lassen. In Heerscharen sind die geheimen Kundschafter und ihre unvermeidlichen Counterparts, die Enttarner, wie eh und je rund um den Globus unterwegs.

Zwar führten Enthüllungen über Attentatsversuche der CIA auf ausländische Politiker, Umsturzpläne und Details über Menschenversuche mit bewußtseinsverändernden Drogen Mitte der 70er Jahre in den USA zu einer Diskussion, ob die Dienste nicht abzuschaffen seien. Präsident Jimmy Carter ließ Hunderte von Agenten feuern und empfahl die Reduzierung von Geheimoperationen, bei denen nicht selten geschossen oder gemordet wurde. Doch auch heute noch gewinnt US-Präsident Ronald Reagan aus den Informationen der CIA sein Know-how über das Sowjet-Volk. Täglich erhält er ein CIA-Dokument mit der Wertung der Weltereignisse.

Solche Papiere freilich sind oft wertlos. Einer der kenntnisreichsten CIA-Experten für deutsche Fragen ließ sich vorzeitig pensionieren. Er hatte erkannt, wie seine Berichte von den Geheimdienst-Oberen, aus Rücksicht auf die politischen Verhältnisse, umgeschrieben wurden - kritische Bemerkungen über Helmut Kohl fehlten ebenso wie vorsichtig positive Wertungen der Grünen und der Friedensbewegung.

Bei den Sowjets und ihren Partnern machen die alten Agenten-Methoden dagegen noch einen gewissen Sinn. Die ökonomische Entwicklung des Ostblocks hinkt hinter der der kapitalistischen Welt her. Deshalb hat sich Moskau vor allem auf Wirtschaftsspionage im zivilen und militärischen Bereich verlegt - dessen Geheimnisse lassen sich mit Fernaufklärung nicht auskundschaften.

So konnten sich die Sowjets die Konstruktionszeichnungen des britischfranzösischen Überschallclippers "Concorde" beschaffen. Der sowjetische Nachbau TU-144 hatte freilich nicht behebbare Mängel und mußte stillgelegt werden. Dies wiederum, streut die geheime Zunft, sei ein gelungener Coup der britischen Gegenspione - sie hätten in die für Moskau bestimmten Blaupausen Fehler eingezeichnet.

Rußlands Raumfahrt sparte Millionen Rubel für die Entwicklung eines Weltraumanzugs - durch illegalen Erwerb eines US-Modells für nur 180 000 Dollar. Gesamtbilanz der Industriespionage laut einem Sowjet-Dokument vom 9. Juli 1982, das die Unterschrift des stellvertretenden Ministerpräsidenten Leonid Smirnow trägt: 1980 erbrachten die Späher Einsparungen von 407 Millionen Rubel - doppelt soviel wie im Jahr zuvor, aber keine Riesensumme.

Derlei Kundschaftertätigkeit hat den Sowjets nicht zum technologischen Durchbruch verholfen. Auch der Einfluß klassischer Politspionage auf das Verhalten der Supermächte wird überschätzt.

Was wäre zum Beispiel anders gelaufen, wenn westliche Späher den Bau der Berliner Mauer oder den Sowjet-Einmarsch in Afghanistan genau vorausgesagt hätten? Über die Intervention des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei 1968 wußte der BND sogar vorher Bescheid - na und? Was bringt es im Ernst, wenn CIA-Geheimdienstler nach dem Tod eines Sowjet-Führers auf den _(Sowjetischer Nachbau des ) _(englisch-französischen ) _(Überschall-Verkehrsflugzeugs "Concorde". )

richtigen Nachfolger tippen? Oder sieht ein Verhandlungsergebnis am Ende wirklich deshalb ganz anders aus, weil die eine Seite einen Informanten hatte, der sie über die Positionen und Schachzüge der anderen unterrichtete?

Kanzler Helmut Schmidt wäre sicher nicht zu SED-Chef Erich Honecker gereist, wenn ihm der Bundesnachrichtendienst vorausgesagt hätte, während des Besuchs werde das Kriegsrecht in Polen verhängt. Es kam zur Begegnung am Werbellinsee, die den deutsch-deutschen Beziehungen trotz allem förderlich war.

Wenn auch die Polen-Panne des BND folgenlos blieb - Schmidt fühlte sich bestärkt in seinem Urteil, die Geheimen in Pullach seien ein "Dilettanten-Verein". Die Berichte und Lageanalysen des Dienstes langweilten ihn, nach eigenem Bekenntnis zog er die Lektüre der "Neuen Zürcher Zeitung" vor. Auch Nachfolger Helmut Kohl hat aus BND-Papieren kaum Honig saugen können.

Gleichwohl genehmigen die Politiker ihren Diensten Jahr für Jahr Abermillionen Mark. Pannen und Affären haben die Aura der geheimen weltweiten Zunft nicht nachhaltig beschädigen können. "Es hat den Anschein", spottet John le Carre, "als ob unsere gewählten Führer, als ein Endresultat ihrer Frustrationen und Enttäuschungen, in einem Moment, man könnte fast sagen: von politischem Klimakterium zu einem Kurpfuscher gehen, um irgendwelche geheimnisvollen Wunderdrogen zu kaufen."

Daß in der Bundesrepublik Spionagefälle häufiger als anderswo für Furore sorgen, ist Folge des Zweiten Weltkriegs: Eine offene Gesellschaft an der Nahtstelle zwischen den Blöcken, wichtigster Partner der USA - das ist ein einladendes Terrain für Ostkundschafter, allen voran die aus der DDR, denen die gemeinsame Sprache das Geschäft auch noch erleichtert.

Getreu dem sowjetischen Vorbild gilt der SED die Spionage beim Klassenfeind vor allem als Ehrendienst fürs sozialistische Vaterland - und hat "nicht das geringste gemein mit den schändlichen Praktiken imperialistischer Agenten". So jedenfalls beteuerte der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, zum 30. Jahrestag der Gründung seiner Behörde.

Parteichef Erich Honecker setzte noch eins drauf: Die DDR-Agenten im Westen, so der SED-Chef in einer Glückwunsch-Adresse an eine verdiente Genossin, leisteten "gefahrvolle, aber wichtige Parteiarbeit an vorderster Front des Klassenkampfes".

Hauptaufgabe des MfS ist die Absicherung der Parteimacht im eigenen Land. Und da die SED stets um ihre Macht fürchtet, geriet das Ministerium an der Berliner Normannenstraße, mit seinen Dependancen allüberall in der Ost-Republik, rasch zur mächtigsten Behörde im realen Sozialismus. Nach westlichen Schätzungen stehen heute rund 20 000 hauptamtliche Kräfte in Mielkes Sold.

Die Hauptabteilung Aufklärung des "Mischa" Wolf nimmt sich in diesem Mammut-Apparat klein, aber fein aus: Sie beschäftigt, nach Erkenntnissen ihrer Konkurrenz im Westen, etwa 1000 bis 1500 hauptamtliche Mitarbeiter in rund 20 Abteilungen (siehe Graphik Seite 25).

Seine Meriten holte sich Generaloberst Wolf, 62, vor allem durch erfolgreiche Arbeit gegen die Bundesrepublik. Mag auch der ostdeutsche Kenntnisstand nach den Kölner Abwehr-Erfolgen der vergangenen Jahre vorübergehend geschrumpft sein: Die Späher des HVA-Chefs draußen - Schätzungen reichen von 3000 bis 16 000 - schleppen genügend Material an, um die Auswerter in der Ost-Berliner Zentrale bei Laune zu halten.

Das könnte dem einen oder anderen DDR-Betrieb bei der Modernisierung seiner Produktion hilfreich sein. Die aktuelle Politik der beiden deutschen Staaten und ihrer Vormächte wird jedoch nicht durch die Aktionen der Wolf-Agenten bestimmt - Brandts Entspannungspolitik etwa ging auch nach Guillaumes Enttarnung weiter. Und der BND hat mit der Manie, unter gigantischem Aufwand sein DDR-Bild aus geöffneter Post, abgehörten Telephonaten, Richtfunk-Lauscherei und Berichten eigener Späher zusammenzuklauben, dem eigenen Ruf mehr geschadet als dem Regime in Ost-Berlin.

Angst ist die Seele des Spionagegeschäfts, Verfolgungswahn eint die Geheimdienstler aller Länder - je unsicherer die Weltlage, desto gesicherter ist ihre berufliche Existenz. So wie die Rüstungsminister in Ost und West die jeweils neuesten Waffen des Gegners brauchen, um ihre eigenen, längst überfüllten Arsenale zu modernisieren, so leben auch die Spionagezentralen von Bedrohung und Verrat.

Kontrolle und Überwachung, Wesenselemente der Demokratie, sind kaum durchzusetzen. Zwar gibt es in der Bundesrepublik inzwischen die Parlamentarische Kontrollkommission (PKK), der die Fraktionsvorsitzenden von CDU/ CSU, SPD und FDP sowie fünf weitere Parlamentarier angehören. Transparent werden die Aktivitäten der Dienste damit nicht - im Gegenteil: Die Verschleierung ihrer Handlungen wird eher noch gefördert.

Kein Mitglied der Kommission könnte es sich leisten, jemals öffentlich zu machen, was ihm hinter verschlossenen Türen als Skandal zu Ohren kam. Aus Furcht vor unerbetener Kontrolle haben die etablierten Parteien die Grünen von ihrem exklusiven Zirkel ausgesperrt.

"Die Ansteckungskraft des Geheimnis-Tabus", so der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger Mitte der 60er Jahre in einer immer noch aktuellen Analyse, "ist unbegrenzt. Es überträgt sich auf jeden und auf alles, was mit ihm in Berührung kommt ... Geheim werden Organisationen, die sich mit dem Schutz von Geheimnissen befassen. Geheimzuhalten ist, wer Geheimnisträger ist und wer nicht. Vor allem aber ist geheim, was ein Geheimnis ist und was nicht; dies ist vielleicht das eigentliche Staatsgeheimnis." Dabei gilt - auch heute noch - die Maxime: "Verräter, das sind die anderen."

Aus dem hochqualifizierten Verfassungsschützer Hansjoachim Tiedge wurde ein "Verräter" - weil er die Seite wechselte. Was aber der unentbehrliche Fachmann drüben verraten könnte, das eben ist Staatsgeheimnis. Und jene angeblich so sensible Geheimdienstoperation, an der Tiedge mitwirkte und um derentwillen ihn sein damaliger Chef Heribert Hellenbroich nicht auf einen anderen Posten abschieben durfte - auch sie entzieht sich jeder öffentlichen Bewertung.

Denn "im Staatsgeheimnis", so Enzensberger, "objektiviert sich noch einmal, zugleich handgreiflich und immateriell, das alte Mana der Häuptlinge und Priesterkönige: Es ist das Geheimnis der Macht schlechthin. Seine Präsenz ruft Schauer der Ehrfurcht empor, seine Preisgabe hysterische Empörung". Wie blamiert wären womöglich die Regierenden, wenn die Regierten die banale Wahrheit so vieler Staatsgeheimnisse erführen?

Nicht nur im real existierenden Sozialismus, auch hierzulande helfen die Dienste Herrschaft sichern: Wer zum erlauchten Kreis jener Politiker gehört, die mit geheimen Informationen ausgestattet werden, der zählt zur Nomenklatura.

Den Gehalt geheimer Lageberichte schätzen Kenner durchweg als gering ein. Von einigen spektakulären Ausnahmen abgesehen, wußten die deutschen Dienste selten mehr, als gutunterrichtete Journalisten in ihren Auslandsberichten geschrieben hatten - oft sogar weniger.

Als beispielsweise die "Süddeutsche Zeitung" im Februar 1984 aus Ost-Berlin meldete, Hunderte DDR-Bürger dürften in den Westen übersiedeln, war das offizielle Bonn völlig ahnungslos. Kanzleramt und innerdeutsches Ministerium dementierten: Von einer Ausreisewelle sei nichts bekannt.

Erst als die Übersiedler in Scharen bei den Grenzlagern eintrafen, wurde das Ereignis auch von den Diensten registriert - als streng geheime Verschlußsache, versteht sich.

Immer wieder entdecken Beamte, die mit der Auswertung von BND-Berichten betraut sind, daß die Nachrichten unter der Überschrift "Quelle unterrichtet" oder "Informant berichtet" wortwörtlich aus Zeitungen abgeschrieben sind.

Vom ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer wird kolportiert, er habe den BND-Berichten wenigstens einen hohen Unterhaltungswert beigemessen. Wer mit wem gerade techtelte, das interessierte den Alten aus Rhöndorf schon, zumal wenn es sich bei dem Betratschten um einen seiner Minister handelte. Es gehörte zu den Disziplinierungsritualen Adenauers, daß er seine Minister, wenn er wieder mal Details aus deren Privatleben erfahren hatte, mit Herrschaftswissen schockte: "Weiß Ihre Frau eijentlich, dat Sie in Bonn ein Verhälltnis haben?"

Mit Bettgeschichten allein freilich kann ein Geheimdienst auf Dauer nicht reüssieren - so gern die leseberechtigten Politiker solche Klatschgeschichten auch konsumieren mögen. Der Nimbus, ein toller Haufen zu sein, ist den Geheimdienstlern der Bundesrepublik längst abhanden gekommen.

Dilettantisch und unproduktiv, wichtigtuerisch und entbehrlich - die graue Zunft hat viel zu diesem für sie wenig schmeichelhaften Urteil beigetragen. "Es sind Menschen", spottete die Zeitschrift "L ''80", "die ihre Pflicht tun, aber ständig unter der Angst leiden, sie könnten dabei ertappt werden."

Oft genug ist dies schon geschehen. Pannen und Skandale reihen sich in den bundesdeutschen Geheimdiensten aneinander; oft machten sich die Ordensbrüder unter dem Schlapphut selbst lächerlich.

Als 1980 in Bremen Bundeswehrsoldaten mit Großem Zapfenstreich vereidigt werden sollten, zettelten militante Demonstranten vom Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) blutige Straßenschlachten an. Angeblich waren auch die Bremer Jungsozialisten an der Vorbereitung der Staats-Provokation beteiligt. Dies jedenfalls hatte ein Spitzel des Militärischen Abschirmdienstes seinen Vorgesetzten in Hannover gemeldet.

Tatsächlich aber handelte es sich bei den "Jusos", die der MAD-Mann auf einer KBW-Versammlung beobachtet hatte, um V-Leute des Verfassungsschutzes. Die stuften ihrerseits den

MAD-Spitzel nicht als Kollegen, sondern als höchst gefährlichen KBWler ein.

Agenten als Räuber und Gendarm spielende Kinder, die Realität als Satire - wie albern es in den Geheimdiensten zugehen kann, zeigt der Bericht eines alten Kenners der BND-Zentrale.

Dort war es schon unter dem legendären Geheimdienst-Chef Reinhard Gehlen Brauch, daß sich die Abwehrleute Decknamen zulegten. Gehlen selbst, obwohl in seiner bürgerlichen Existenz ohne akademischen Grad, nannte sich "Doktor Garten". Die Vorliebe für akademische Titel machte Schule: Es gab eine Fülle von Professoren, Doktoren und Wissenschaftlichen Räten.

Die Inflation der akademischen Würdenträger verärgerte freilich jene BND-Mitarbeiter, die es tatsächlich zum Doktor gebracht hatten. Sie sorgten dafür, daß eine "Betriebsversammlung der Decknamen-Träger" einberufen wurde. Sie beschloß, einen akademischen Titel im Decknamen dürfe künftig nur führen, wer sich auch im bürgerlichen Leben dafür qualifiziert habe.

Nicht selten mündet solcher Frust über mangelnde gesellschaftliche Anerkennung in Isolation und Verbitterung, in Depression und - siehe Tiedge - Alkoholismus. Bei ihren Anstrengungen, auch mal Erfolge vorzuweisen, sind die bundesdeutschen Verdacht-Schöpfer dann nicht zimperlich.

Oft genügt eine bloße Denunziation, ein vager Verdacht, schon marschiert die Staatsmacht gegen Unschuldige auf. Da geriet, ein halbes Jahr zuvor war Guillaume enttarnt worden, der DGB-Verbindungsmann Walter Böhm unter Spionageverdacht - sein damaliger Chef Heinz Oskar Vetter ließ ihn fallen. Böhms Unschuld wurde zwar später erwiesen, aber noch heute hat er das Gefühl, daß ihm alle Welt mißtraut.

Ein Bonner Lokaljournalist und ein Hamburger Versicherungskaufmann verloren Beruf und Anstellung. Sie wurden in der DDR von Stasi-Leuten angesprochen, offenbarten sich daraufhin den westdeutschen Dienststellen und glaubten, das Kapitel sei damit abgeschlossen. Sie wurden festgenommen, ohne daß die Beamten einen konkreten Verdacht mitteilten.

Erst aus einer Zeitung erfuhr der Versicherungskaufmann, daß er seine "Verhaftung dem ''Kommissar Computer''" zu verdanken hatte, der "die Lebens- und Reisegewohnheiten aller Verdächtigen" speichert. Und der Redakteur war das Opfer einer Verwechslung geworden. Weil beide regelmäßig Verwandte in der DDR besuchten, wurden sie der Spionage beschuldigt.

Joachim Broudre-Gröger, Persönlicher Referent des damaligen SPD-Bundesgeschäftsführers Egon Bahr, und der SPD-Bundestagsabgeordnete Uwe Holtz gerieten - zu Unrecht, wie sich später herausstellte - in die Fänge der Spionageabwehr: Ein rumänischer Überläufer namens Pacepa wollte ihre Namen in den Berichten rumänischer Agenten gesehen haben. Auch der Leiter der außenpolitischen Abteilung in der Bonner CDU-Zentrale, Heinrich Böx, und der BND-Beamte Jürgen von Alten kamen in die Mühlen. Worauf sich der Verdacht gründete, erfuhren sie nie - Staatsgeheimnis.

Hunderttausende von Namen sammelten die Inland-Aufklärer des Verfassungsschutzes und des Militärischen Abschirmdienstes - im Dienste der Sicherheit des Staates. Alles, was ihnen links und extremistisch vorkam, schaufelten sie in die Datei: Sogar Namen der Leute, die ihre Autos in der Nähe von DKP-Veranstaltungen parkten, gerieten ins Fahndungs-Raster. Prominente Schriftsteller und linke Politiker fanden sich in der "Zersetzer-Kartei" des MAD.

Erst als der Bundesdatenschutzbeauftragte in - selbstverständlich "geheim" gestempelten - Berichten die Sammelwut rügte, ließen sich die Sicherheitsbehörden zu der vagen Zusage herbei, sie wollten die Dateien überprüfen. Wie, das bleibt ihr Staatsgeheimnis.

Wie viele Bewerber für den öffentlichen Dienst abgelehnt wurden, weil ihr Name in solchen Datenbanken stand, erfährt niemand - Staatsgeheimnis.

Hunderte von Bundesbürgern, die auf DDR-Reisen vom Stasi angeworben wurden, haben sich hinterher dem westdeutschen Verfassungsschutz offenbart. Sie wollten nicht für den Osten spionieren, sich aus dem Geschäft heraushalten.

Im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz saß der Beamte Hansjoachim Tiedge. Der riet manchen Bundesbürgern, deren Fälle auf seinen Schreibtisch kamen, weiterzumachen: Sie sollten zum Schein auf den DDR-Wunsch eingehen und die Stasi-Leute mit Informationen bedienen - Spielmaterial zum Zweck der Gegenspionage.

Bedenkenlos schickte das Kölner Amt absolute Geheimdienst-Laien ins Feuer. Viele von ihnen wurden erwischt und sitzen nun im Gefängnis. Andere müssen fürchten, als Zulieferer für Tiedge von Tiedge verraten und ebenfalls verhaftet zu werden. Wie viele es sind - Staatsgeheimnis.

Andere erhielten, Tiedge war dabei, für ihre Spionage das Bundesverdienstkreuz. Ihre Namen, ihre Erfolge - Staatsgeheimnis.

Der Zunft geht es nicht um das Schicksal von Menschen; sie interessiert nun vor allem, den Schaden zu reparieren, den die Dienste genommen haben. Der sei unabsehbar, glauben Politiker und Experten. Niemand könne mehr vom Westen in den Osten reisen, um Spielmaterial abzugeben oder etwas abzuholen. Das lähme die Gegenspionage, weil die Wege des Spielmaterials nun nicht mehr zurückverfolgt werden könnten.

Wem Spionage und Gegenspionage nutzen sollen - auch das ist ein Staatsgeheimnis.

Das Spiel geht weiter. Das zweitälteste Gewerbe der Welt läßt sich durch einen Alkoholiker aus der Narrenstadt Köln nicht stillegen. Ein neuer Tiedge wird gehen, ein neuer Stiller kommen. Das jedenfalls ist gewiß.

Sowjetischer Nachbau des englisch-französischen Überschall-Verkehrsflugzeugs "Concorde".

DER SPIEGEL 36/1985
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