29.04.1985

„Das ist die Mentalität eines Schlächters“

SPIEGEL-Redakteur Heinz Höhne über die Waffen-SS *
Für Rabbi Norman Lamm sind sie nichts als "Nazi-Killer", ein Besuch ihrer Gräber ein "obszöner Skandal", für Ronald Reagan hingegen "Teenager, die zum Wehrdienst eingezogen wurden", gar Opfer der Hitler-Diktatur: 49 Tote der Waffen-SS, begraben auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, erregen die USA wie kein anderes Thema deutsch-amerikanischer Vergangenheit.
"Waffen-SS" ist zum explosiven Reizwort für Amerikas Weltkrieg-II-Veteranen, Juden und Politiker geworden, seit dem US-Präsidenten in den Kopf gesetzt wurde, zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation in Bitburg einen Kranz niederzulegen - just in der Nachbarschaft jener ominösen 49 "Nazi-Gräber" ("Newsweek").
Kein Tag vergeht seither, an dem nicht die US-Massenmedien den Präsidenten auf ihre Art aufklären, welche verruchte Truppe er da zu "ehren" gedenke. Dabei gerät den Aufklärern so mancherlei durcheinander: Die SS können sie kaum von der Waffen-SS unterscheiden, Zusammensetzung und Aufgaben der militärischen SS sind ihnen offenbar ein Rätsel.
Die Ironie aber will, daß es vor allem amerikanische Historiker waren, die in den sechziger Jahren begonnen hatten, das Bild von der mordenden, berserkerhaften Waffen-SS zu revidieren. Es stammte nicht zuletzt aus der Zeit des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses, in dem 1946 nahezu alle Gliederungen der SS, darunter auch die Waffen-SS, zu verbrecherischen Organisationen erklärt worden waren.
US-Historiker wie George H. Stein und Robert Arthur Gelwick mochten nicht länger die "akzeptierten Mythen über die Waffen-SS" hinnehmen, für Gelwick "ein Bündel von höchst einseitig ausgewählten Fakten, Halbwahrheiten, Auslassungen und absichtlichen Verdrehungen". Die jungen Forscher hatten, wie Gelwick spöttelt, "das Interesse oder die Tollkühnheit", das wirkliche Leben der Waffen-SS zu erkunden - jenseits aller Rechtfertigungsversuche ihrer ehemaligen Angehörigen und der Legenden der alliierten Kriegspropaganda.
Jeder von ihnen erforschte einen Teil der Waffen-SS: Gelwick die Personal- und Organisationsstruktur der Truppe, sein Kollege James J. Weingartner die Einsätze der Leibstandarte-SS Adolf Hitler, Charles W. Sydnor die SS-Division "Totenkopf", Basil Dymytryshin die ukrainischen SS-Verbände.
Derweil übernahm es Professor Stein, Emigrant aus Wien, eine Geschichte der Waffen-SS zu erstellen. Seine Bilanz: "Ohne das Ausmaß der beklemmenden Verbrechen von Himmlers Gefolgsleuten zu verkleinern, haben die letzten Untersuchungen erbracht, daß die SS
tatsächlich differenzierter und komplexer war als jene monolithische Verbrecherorganisation, die auf der Anklagebank des Internationalen Militärtribunals saß."
Auch für die Waffen-SS (Stein: "Hart, zäh, rücksichtslos und zu dem scheußlichsten Verhalten imstande") bedeutet dies keineswegs eine Entlastung von begangenen Kriegsverbrechen, wohl aber die Erkenntnis, daß zwischen der Truppe und den anderen Organisationen der SS deutlichere Unterschiede bestanden als früher angenommen.
Sie war die einzige SS-Organisation, deren Führung sich Himmler von Anfang an mit einer SS-fremden Institution, der Wehrmacht, teilen mußte. In allen Kernfragen des Ersatzes und der Ausrüstung hing die Waffen-SS von der Wehrmacht ab; allein Generale des Heeres entschieden über den Fronteinsatz der Truppe und zogen sie so stark an sich heran, daß die Waffen-SS am Ende wie ein vierter Wehrmachtsteil erschien (ohne es jedoch de jure zu sein).
Schon das von Stein und Gelwick erarbeitete Zahlenmaterial belegt, daß sich die Waffen-SS von der übrigen SS abhob: Von den 1,1 Millionen Mann, die im Zweiten Weltkrieg die Waffen-SS durchliefen, waren nur 300 000 Mitglieder der Allgemeinen SS, der politischen Stammorganisation von Himmlers SS-Imperium.
Die Statistik erweist zudem, daß Reagans Wort von den "gezogenen" SS-Teenagern gar nicht so unsinnig war, wie es den Kritikern erschien. Denn: Die meisten Soldaten der Waffen-SS waren auf höchst unfreiwillige Art in die Truppe gelangt - per Einberufungsbefehl oder Order des Oberkommandos der Wehrmacht. Die Zahlen: *___1942 bestand ein Viertel der in diesem Jahr zur ____Waffen-SS eingerückten Männer aus Gezogenen, *___1943 stellten sie schon die Hälfte der damals ____Eingerückten, *___1944 mehr als 60 Prozent. Dazu kamen in den letzten ____beiden Kriegsjahren massenhafte Abkommandierungen ____einzelner Angehöriger oder ganzer Einheiten der ____Wehrmacht zur Waffen-SS: 55 000 Mann der Luftwaffe, ____5000 Mann der Kriegsmarine, 10 000 Mann der ehemaligen ____Sewastopol-Armee, weitere 125 000 Mann von Wehrmacht ____und Polizei. Wer war da noch Freiwilliger?
Das läßt schon ahnen, daß sich diese Truppe einfachen Erklärungen entzieht. Allzu Verqueres ist da im Spiel: eine Truppe, die SS war und doch nicht ganz SS; eine Staatstruppenpolizei, für den Rassen- und Weltanschauungskrieg getrimmt, und doch voller Sehnsucht, eine Truppe "wie andere auch" zu sein.
Und dann die vielen politisch irrlichternden Figuren dieser Truppe: der Obersturmführer Kurt Gerstein, der die Welt über den millionenfachen Judenmord informierte, der Sturmbannführer Graf von Salviati, den Himmler wegen seiner Teilnahme an der Verschwörung gegen Hitler erschießen ließ, und die drei Generale der Waffen-SS, die zusammen mit Rommel im Sommer 1944 Hitler den Gehorsam aufkündigen und Frankreich mit ihren Truppen eigenmächtig räumen wollten.
Begonnen hat das alles kurz nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland, im Frühjahr 1933, als ein paar machthungrige Unterführer von Himmlers Schutz-Staffel (SS) dazu übergingen, mit Handwaffen ausgerüstete Kampfgruppen aufzustellen - zur Terrorisierung politischer Gegner, aber auch zur Abschreckung NS-interner Konkurrenten wie der SA.
In den Abschnitten und Oberabschnitten der Allgemeinen SS entstanden sogenannte Stabswachen oder Sonderkommandos, die jeweils über 100 bewaffnete Männer verfügten. Sie maßten sich Polizeifunktionen an und gehörten bald zu den brutalsten Exekutoren des nazistischen Gleichschaltungsterrors.
Hatte ein Sonderkommando eine bestimmte Personalstärke erlangt, nannte es sich "Politische Bereitschaft". Meist erwachte dann in ihren Führern, fast immer ehemalige Offiziere, militärischer Ehrgeiz. Folge: Die Bereitschaften wurden wie Regimenter aufgezogen.
Spektakulärste Bereitschaft war die Einheit, die ein verschlagen-pfiffiger Bayer namens Joseph ("Sepp") Dietrich, ehedem Panzersoldat, Tankwart und Fabrikaufseher, zum Schutz Hitlers aufstellte. Er holte sich 120 Leute zusammen, am 17. März 1933 stand die "SS-Stabswache Berlin". Ein halbes Jahr später trug sie den Namen ihres Herrn: Leibstandarte-SS Adolf Hitler.
Am Blutsamstag des 30. Juni 1934, dem Tag der Liquidierung von Ernst Röhms SA-Führung, mußte sie auch morden: Ein Trupp der Leibstandarte unter Dietrich erschoß im Hof des Gefängnisses von München-Stadelheim sechs prominente SA-Führer, in Berlin jagten Rollkommandos der Standarte NS-Gegner und exekutierten sie auf dem Gelände ihrer Lichterfelder Kasernen.
Die wachsende Bedeutung der Bereitschaften, nicht zuletzt auch die Erbeutung umfangreicher Waffenlager der SA inspirierte Himmler zu dem Plan, sich eine eigene bewaffnete Eingreiftruppe zu schaffen, Schlußstück eines SS-gesteuerten Staatsschutzkorps, mit dem der Reichsführer-SS seine Organisationen zum eigentlichen Machtzentrum des NS-Regimes machen wollte.
Auf die neben der Wehrmacht wichtigsten Exekutiv- und Repressionsorgane hatte Himmler bereits seine Hand gelegt: Er kontrollierte Gestapo, Kriminal- und Ordnungspolizei, er war alleiniger Herr der Konzentrationslager, er verfügte im SD über einen eigenen Geheimdienst.
Hitler sah den militärischen Ehrgeiz seines "Reichsheini" nicht gern, mußte ihn dies doch bei den Generalen der Wehrmacht in Schwierigkeiten bringen, die sofort eine Konkurrenz witterten. So genehmigte Hitler im September 1934 zwar die Aufstellung von drei bewaffneten SS-Regimentern, verbot aber zugleich ihre Zusammenfassung zu einer Division.
Es war gleichwohl die Geburtsstunde der Waffen-SS, damals Verfügungstruppe (VT) genannt. Himmler vermied jedoch alles, was den Verdacht hätte erregen können, hier entstehe eine zweite Wehrmacht. Sie war von ihm auch gar nicht gewollt: Jeder neue Himmler-Befehl unterstrich, daß die VT nur zur inneren Sicherung des Regimes da sei.
Lediglich für den Kriegsfall sollte die VT auf einen militärischen Einsatz vorbereitet werden. Dazu aber benötigte Himmler erfahrene Berufssoldaten, wollte die Truppe militärisch ernst genommen werden. Die VT besaß sie nicht, Himmler mußte sie anwerben.
Und viele kamen: Der pensionierte General Paul Hausser, der ehemalige Major Felix Steiner, der Fliegeroffizier Wilhelm Bittrich - jeder von ihnen wähnte, die "Garde des Führers" biete ihm und seinen Ideen Entwicklungsmöglichkeiten wie keine andere Truppe.
Hausser und vor allem Steiner schufen eine Truppe, wie sie Deutschland noch nicht gesehen hatte: Das Vorrecht von Herkunft und Bildung fiel (auch Nichtabiturienten konnten Offiziere werden), der mechanische Kasernenhofdrill wurde abgeschafft, die Ausbildung auf kleine, mobile Stoßtrupps konzentriert, ausgestattet mit beweglicheren Handwaffen und neuen Kampfanzügen, die später alle Armeen einführten.
Das förderte ein Elitebewußtsein, das sich scharf von der "reaktionären" Wehrmacht abhob und eine neue Schicht junger VT-Führer anzog: die in der Hitler-Jugend vorgeformten und auf den SS-Junkerschulen weltanschaulich getrimmten Jungnazis, getrieben von einem ziellos-dynamischen "politischen Soldatentum", dem die Ratio militärischer Profis vom Typ Haussers und Steiners fremd war.
Die Aufladung der Truppe mit nazistischem oder "SS-eigenem" Ideengut konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß in der VT zwei grundverschiedene Führungsgruppen entstanden waren: hier die älteren, höheren Führer, aus dem oberen Mittelstand stammend, soziologisch mit der Generalität der Wehrmacht nahezu identisch, dort die jüngeren, rangniederen Führer, Angehörige eines Kleinbürgertums, dem erst die vom Nationalsozialismus betriebene "Modernisierung" der Gesellschaft den Zugang zum Offiziersberuf geöffnet hatte.
Es gab allerdings einen Minimalkonsens, der die beiden Gruppen oberflächlich einte: der ehrgeizige Wille, aus der VT eine unübertreffliche Garde- und Elitetruppe zu machen. Keiner von ihnen begnügte sich mit den Vorstellungen Himmlers, der noch immer an dem Konzept einer Staatstruppenpolizei festhielt. Sie verlangten mehr: Gleichstellung mit der Wehrmacht, Anerkennung als eigenständiges Militär.
Himmler, meist schwach gegenüber energischen Unterführern, geriet zusehends unter den Druck seiner Militärs, die von ihm verlangten, sich nicht länger die heimliche Boykottpolitik der Wehrmacht gefallen zu lassen. Die schränkte jede größere Werbung für die VT ein und sträubte sich gegen eine bessere Ausrüstung der SS-Truppe.
Als Himmler zögerte, griffen die VT-Führer zur Selbsthilfe und glichen ihre Truppe äußerlich der Wehrmacht an. Die VT führte 1938 anstelle der schwarzen Dienstuniform die feldgraue des Heeres ein und legte sich auch die in der Wehrmacht üblichen Schulterstücke und Tressen an. Schon zuvor hatten die Führer der Truppe durchgesetzt, daß VT-Dienst als Wehrdienst zu gelten habe.
Der Versuch indes, auch gleich noch die SS-eigenen Formationsbegriffe und Dienstränge loszuwerden, scheiterte am Veto Himmlers. Für den SS-Chef war es ein Alarmzeichen: Führende Männer der Verfügungstruppe spielten offenkundig mit dem Gedanken, sich von der übrigen SS zu distanzieren.
Hitlers Krieg ruinierte das Himmler-Konzept endgültig, die VT war nur noch als militärische Truppe gefragt. Gleich beim Überfall auf Polen war die Verfügungstruppe, inzwischen auf vier Regimenter mit 18 000 Mann angewachsen, mit dabei: in der Bzura-Schlacht, bei den Vorstößen auf Modlin und Lemberg.
Ihre Aktivitäten mochten das Heer freilich nicht recht überzeugen. Die VT hatte schwerere Verluste als vergleichbare Einheiten des Heeres, ihre Offiziere waren den Anforderungen komplizierter Truppenführung nicht gewachsen.
Die VT-Führer sahen nur einen Ausweg: Die Truppe mußte sich zur Division formieren, mußte schwere Waffen und noch mehr Truppen haben. Das aber konterkarierte die Wehrmacht, die die Freiwilligenwerbung der VT noch immer behinderte und nur so viele Wehrpflichtige freigab, wie für die 18 000-Mann-Truppe notwendig schien. Woher aber neue Leute nehmen?
Da hatte ein listiger Schwabe namens Gottlob Berger, Chef des SS-Hauptamtes, eine scheinbar glänzende Idee. Wenn der Führer, so rechnete Berger vor, der bereits früher erwogenen Versetzung von Totenkopfverbänden und Einheiten der Ordnungspolizei zur VT zustimme, dann könne Himmler in kürzester Zeit über vier Divisionen verfügen. Begeistert stimmten die VT-Führer zu.
Es war der fatale Schritt, der die VT mit der Welt des politischen Verbrechens verband. Denn: Die KZ-bewachenden Totenkopfverbände des Röhm-Mörders Theodor Eicke, im jahrelangen Lagerdienst zu systematischer Inhumanität erzogen, schleppten das Gift barbarischer Gefangenenmißhandlung in die Truppe ein, von dem sie sich nie wieder ganz befreien konnte.
Das fiel noch kaum auf, als die 100 000 Mann der Waffen-SS, wie sie nun hieß, im Westfeldzug von 1940 losbrachen und durch Holland, Belgien und Frankreich stürmten - fanatisch, schier unaufhaltsam, ohne Rücksicht auf eigene Verluste und getrieben von einem Angriffsdrang, der Himmlers Divisionen von allen anderen Verbänden der deutschen Wehrmacht unterschied. Jetzt kam voll zur Wirkung, was sie auf den SS-Junkerschulen gelernt hatten: Den Tod zu geben und den Tod zu nehmen, sei oberstes Gebot im Kampf.
Schaudernd sahen konservative Militärs diesen restlosen "Abbau emotionaler und rationaler Handlungshemmnisse" (so der Zeitgeschichtler Bernd Wegner). Als Eicke dem Panzergeneral Hoepner meldete, der Angriffsbefehl sei ausgeführt worden, Menschenleben hätten dabei keine Rolle gespielt, brach es aus dem General heraus: "Das ist die Mentalität eines Schlächters!"
Und die Leute des "Schlächters" handelten danach: Am 27. Mai 1940 ließ der Obersturmführer Fritz Knochlein, Kompaniechef der Totenkopf-Division, bei Le Paradis am La-Bassee-Kanal 100 britische Gefangene erschießen als Rache für den hartnäckigen Widerstand, den sie vorher geleistet hatten - erstes großes Kriegsverbrechen der Waffen-SS, dem noch viele folgen sollten.
Die kampfbesessenen SS-Generale hatten keinen Blick dafür (sie verschleppten die kriegsgerichtliche Untersuchung gegen Knochlein), sie waren nur auf die Ausweitung und Verstärkung ihrer Divisionen fixiert. Immer wieder trieben sie den Rekrutenbeschaffer Berger an, der Waffen-SS neue Menschenreservoirs zu öffnen. Der war schier unermüdlich
auf der Jagd nach SS-Rekruten: Er warb in West- und Nordeuropa, wo mancher den Anschluß an die neuen Herren nicht verpassen mochte, er sicherte sich den Zugang zu den Hunderttausenden deutschstämmiger Bürger auf dem Balkan ("Volksdeutsche"), er rekrutierte später sogar die von Himmlers "Untermenschen"-Agitation verketzerten Slawen.
Daraus wurde am Ende "die größte Vielvölkerarmee, die jemals unter einer Flagge kämpfte", wie Stein formuliert. Es war das erste deutsche Heer, in dem ausländische Staatsbürger eine erdrückende Mehrheit bildeten: 400 000 Reichsdeutsche standen 410 000 Ausländern und 310 000 Volksdeutschen gegenüber.
So sehr waren die Generale der Waffen-SS mit der Expansion ihrer Truppe beschäftigt, daß sie anfangs kaum merkten, wie Himmler sie immer mehr in die mörderische Unterwelt seines Imperiums verstrickte. Mit einer scheinbar harmlosen Verfügung machte er die Waffen-SS zu einem ungewollten Komplizen der KZ-Wächter.
Am 22. April 1941 ließ Himmler das SS-Führungshauptamt 179 Einheiten und Dienststellen der SS aufführen, die fortan als Bestandteile der Waffen-SS gelten sollten, darunter auch die Konzentrationslager, deren Verwaltungsstäbe und Wachmannschaften. Von Stund an galten auch die KZ-Wächter als Angehörige der Waffen-SS.
Sie trugen die gleichen Soldbücher und Uniformen wie die Soldaten der eigentlichen Waffen-SS. Das Führungshauptamt war zuständig für die Bewaffnung und militärische Ausbildung der KZ-Wachmannschaften; ihm gehörte sogar zeitweilig, wenn auch nur formal, die Inspektion der Konzentrationslager an.
Die Führer der Waffen-SS mögen geglaubt haben, daß Disziplin und Ehrbegriff der Truppe stark genug sein würden, Abstand zum Vernichtungsapparat Himmlers zu halten. Eine deutliche Distanzierung gelang ihnen jedoch nie: Die Waffen-SS mußte Einheiten an die mordenden Einsatzgruppen abgeben, einige ihrer Ersatzeinheiten nahmen an grausigsten SS-Unternehmen wie der Niederschlagung des Warschauer Getto-Aufstandes teil.
Erst als die Waffen-SS in den Krisen des Rußlandkrieges zur Feuerwehr des deutschen Ostheeres wurde und immer enger an die hartbedrängte Wehrmacht heranrückte, gewannen ihre älteren Führer größeren Abstand zur SS, zumal ihre militärischen Bravourtaten nun selbst die Bewunderung von Heeresgeneralen erweckte. General Wöhler geriet ins Schwärmen: "Wie ein Fels im Heer" trotze die Waffen-SS mit "unerschütterlicher Kampfkraft" dem Gegner.
Das ermunterte SS-Generale, sich jetzt häufiger gegen Himmler und dessen Politik zu stellen. Einige von ihnen gehörten zu entschiedenen Gegnern der "Untermenschen"-Ideologie, und vollends unzufrieden zeigten sie sich darüber, daß Hitler nicht das Verlangen der westeuropäischen SS-Legionäre nach mehr Selbständigkeit für ihre besetzten Länder erfüllte.
Niemand artikulierte dieses Unbehagen deutlicher als der Obergruppenführer Hausser, der sich im Februar 1943 bei den Kämpfen um Charkow weigerte, einen Durchhalte-Befehl Hitlers zu befolgen. Statt die Stadt befehlsgemäß bis zur "letzten Patrone" zu verteidigen, zog er sich mit seinem Panzerkorps zurück und meldete kühl seinen Ungehorsam dem Führerhauptquartier, von nicht wenigen Wehrmachtsoffizieren wegen seiner "Kühnheit" gescholten.
Auch Felix Steiner übte sich in Kritik an seinem Führer. Einer der entschiedensten Anti-Hitler-Verschwörer, Fritz-Dietlof von der Schulenburg, weihte den SS-General in die Umsturzpläne seiner Freunde ein, worauf Steiner im Stab seines III. (Germanischen) Panzerkorps durchspielen ließ, wie man das Führerhauptquartier ausheben könne. Himmler hatte schon früher gewußt: "Steiner, Sie sind mein ungehorsamster General!"
Wie tapfer aber auch die Truppe war, wie selbstbewußt ihre Generale - die barbarische Art, in der "eine Minderheit der Waffen-SS" (so Stein) mit Kriegsgefangenen und Zivilpersonen umging, verdarb ihnen die Chance, Soldaten "wie andere auch" zu werden. Allzu dicht war die Spur von Übergriffen und Greueltaten, die die Waffen-SS auf allen Kriegsschauplätzen hinterließ. Das wußte schon der deutsche Volksgenosse von 1942. Ein SD-Bericht hielt als Volksmeinung fest: "Die Waffen-SS sei die radikalste Truppe, die überhaupt keine Gefangenen mache, sondern jeden Gegner restlos vernichte."
Gewiß, Kriegsverbrechen gab es auf allen Seiten, nicht zuletzt in den Reihen der Roten Armee, die zuweilen reihenweise gefangene deutsche Soldaten ermordete. Dennoch bleibt bemerkenswert, daß die Wehrmacht jene Verbrechen kaum kannte, die man noch heute der Waffen-SS zu Recht anlastet.
Meist waren es fanatisierte Jungoffiziere, die in Krisensituationen durchdrehten und nicht die Hemmschwelle kannten, die Ältere abschreckte. Knochlein, der Exekutor von Le Paradis, war einer von ihnen, und auch der Sturmbannführer Dickmann gehörte dazu, der Mann, der eines der scheußlichsten Verbrechen befahl: die Ermordung aller Einwohner des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane im Juni 1944.
Jung waren auch die Schützen von der SS-Panzerdivision "Hitler-Jugend", die in der Normandie 64 alliierte Kriegsgefangene niedermähten, und kaum älter die Exekutoren, denen in der Ardennenschlacht 71 gefangene Amerikaner zum Opfer fielen - ein langer, langer Schatten, der auf die Gräber von Bitburg fällt. _(US-Soldaten bei der Bergung von ) _(Kameraden, die am 17. Dezember 1944 ) _(während der Ardennenoffensive von ) _(SS-Soldaten gefangengenommen und ) _(ermordet worden waren. )
US-Soldaten bei der Bergung von Kameraden, die am 17. Dezember 1944 während der Ardennenoffensive von SS-Soldaten gefangengenommen und ermordet worden waren.
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 18/1985
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