13.05.1985

TECHNIK

Durchs Fenster

Die Briten entwickeln "Sky Hook", ein neuartiges Start- und Landesystem für Senkrechtstarter auf kleinen Schiffen - womöglich Anfang vom Ende der herkömmlichen Groß-Flugzeugträger. *

Wie ein riesiges Spinnenbein, zweimal abgewinkelt, reckte sich der hydraulische Feuerwehrkran wolkenwärts.

Mit fauchenden Düsen näherte sich das Flugzeug im Langsamflug und ging in den Schwebeflug über. Bis hart an die Kranspitze manövrierte der Pilot seinen Aeroplan und verharrte dort, kaum 20 Meter über dem Erdboden, minutenlang wie im Stillstand - das Experiment war gelungen.

Die Annäherung eines Senkrechtstarters vom Typ "Sea Harrier" an eine simulierte Fangvorrichtung galt einem ehrgeizigen Entwicklungsziel: Der Luft- und Raumfahrtkonzern British Aerospace arbeitet an einem neuartigen Start-

und Landesystem für den Flugbetrieb von Senkrechtstartern auf kleinen Schiffen oder auch Ölbohrplattformen. Das Verfahren heißt "Sky Hook".

Ende letzten Monats wurde das System, nach jahrelangen geheimen Tests, auf der britischen Luftfahrtschau in Dunsfold erstmals mit einer echten Fangvorrichtung öffentlich vorgeführt.

Sky Hook (der "Himmels-Haken") soll die gegenwärtigen und zukünftigen Senkrechtstarter-Typen im Ernstfall wirkungsvoller und dennoch kostengünstiger als bisher zum Einsatz bringen. Der besondere Wert des Systems, so seine Entwickler, beruhe auf seiner erheblich höheren Landesicherheit im Vergleich zu herkömmlichen Landungen dieser Flugzeugart.

"Wir sind endgültig überzeugt, daß sich dieses Konzept auf künftige Luftoperationen ähnlich umwälzend auswirken wird, wie vor hundert Jahren die Einführung von Panzerschutz für Schlachtschiffe auf die Seekriegführung", verkündete ein Sprecher von British Aerospace.

Der Senkrechtstarter Sea Harrier, erprobt im Falklandkrieg, vereinigt einzigartig die Eigenschaften eines Horizontalflugzeugs mit den Fahrstuhl-Kapriolen eines Hubschraubers. Doch so elegant sich die Maschinen auch nach extrem kurzem Anrollen von einer relativ kurzen, aufwärts gekrümmten Flugzeugträger-Piste ("Ski Jump") in die Luft schwingen, oder so kraftvoll sie im echten Senkrechtstart auf ihrem Hubstrahl abheben - ihre Landung auf einem Schiff kann, je nach Seegang, ihre Tücken haben.

Genau hier hakt Sky Hook ein. Das System, an dem die Aerospace-Ingenieure schon seit mehr als drei Jahren arbeiten, soll auch kleine Schiffe, bei denen die Senkrechtstarter bisher auf schmale Landeplattformen für Hubschrauber angewiesen wären, zu sicheren Landeplätzen machen.

Die Techniker entwickelten einen hydraulischen Gelenk-Kran mit einer raffiniert konstruierten Greifvorrichtung (siehe Graphik S. 260). Der Greifarm schwingt außenbords, um den anschwebenden Sea Harrier direkt aus der Luft auf den Haken zu nehmen.

Der Pilot kann bei diesem Verfahren alles Rollen, Nicken, Tanzen und Stampfen des Schiffes vergessen. Was sich bei einer Hubstrahllandung auf in bewegter See wild schaukelnder, enger Plattform unheilvoll auswirken könnte, haben die Sky-Hook-Konstrukteure abgeschafft: Ein Trägheitssystem stabilisiert den Fangarm des Krans so zuverlässig auf einem bestimmten Höhenniveau, daß die Piloten den mit einem Infrarot-Suchkopf kombinierten Harrier-Greifer Tag und Nacht sicher anpeilen können.

Beim Anschweben kommt es nur darauf an, daß die Flugzeugführer das "Lande-Fenster" treffen, einen Mini-Luftraum

von dreimal drei mal drei Metern Ausdehnung - den Rest macht die Automatik.

Die Gefahr, daß die Maschine beim Annähern mit dem Kran kollidiert, ist nach Aussage der Ingenieure "beträchtlich geringer" als die Möglichkeit, beim Schwebeflug wegen eines Triebwerkschadens oder eines Steuerdefekts zu verunglücken.

Das System bietet nicht nur mehr Sicherheit für die Piloten, sondern im Vergleich zum herkömmlichen Senkrechtstarter-Flugbetrieb, zu geringeren Kosten eine viel höhere Einsatzbereitschaft. Die am Haken "gelandeten" Flugzeuge können nämlich - treibstoffsparend und maschinenschonend - eben aus dieser Hängeposition auch rasch wieder starten (zum bloßen Nachtanken braucht das Flugzeug nach Angaben der Sky-Hook-Techniker nicht mal abgekoppelt zu werden, sogar das Triebwerk läuft weiter).

Sky Hook kann, so British Aerospace, einen Sea Harrier in weniger als einer Minute in die Luft befördern, und das System benötigt nur zwei Minuten, um einen Heimkehrer anzudocken und zur Versorgung unter Deck zu hieven. Binnen zehn Minuten wäre ein Sea Harrier an Bord genommen, betankt, gewartet und bewaffnet und wieder auf seinen Flugweg geschickt - doppelt so schnell, wie es das herkömmliche Betriebssystem erlaubt.

Schon haben die Sky-Hook-Entwickler auch das ganze System so vereinfacht, daß es in ein paar Containern untergebracht werden kann. Auf die Art ließen sich ohne besondere technische Änderungen geeignete kleinere Handelsschiffe schnell in Hilfs-Flugzeugträger umwandeln.

Sogar tauchfähige Mini-Flugzeugträger sind schon über das Stadium der Studie hinaus gediehen. Doch einstweilen favorisieren die Fachleute noch einen etwa 4000 Tonnen großen Klein-Träger, ausgerüstet mit vier Sea-Harriers, zwei Hubschraubern und zwei Sky-Hook-Systemen.

Ist damit das Ende der Groß-Flugzeugträger in Sicht, deren Flugzeuge unter hohem Risiko für die Piloten im Horizontalanflug landen und auf dem Deck von quergespannten Drahtseilen abgebremst werden müssen? Die Riesenschiffe - Amerika hat derzeit 13 Stück in Betrieb - haben zwar eine kaum noch vorstellbare Vernichtungskraft an Bord, sind jedoch, wie sich schon im Zweiten Weltkrieg gezeigt hatte, selber äußerst verwundbar.

Aber so weit denken die Sky-Hook-Planer offenbar nun auch wieder nicht. Ihr strategisches Ziel ist vorerst noch, mit ausschwärmenden Flottillen kleiner Harrier-Träger einen tiefgestaffelten Abwehr-Ring so weit vor den bedrohten Groß-Flugzeugträgern zu schaffen, daß den Dicken so leicht nichts passieren kann.

[Grafiktext]

FLUGZEUG AM HAKEN Landung eines Senkrechtstarters nach dem Sky-Hook-Prinzip (schematische Darstellung) Trägerschiff Sea Harrier (Senkrechtstarter) Der Pilot eines anschwebenden Senkrechtstarters steuert mit Hilfe eines elektronischen Leitstrahls ein 3 x 3 x 3 Meter großes "Lande-Fenster" an, wo ihn der Sky-Hook-Kran packt. Ein Trägheits-System gleicht die Roll-, Nick- und Stampfbewegungen des Schiffes aus und bewirkt, daß die Greifarm-Spitze ihr vorgegebenes Höhen-Niveau hält. In der letzten Phase der Annäherung sorgt ein infrarotgesteuerter Suchkopf in der Greif-Mechanik für sicheren Kontakt der Fangsonde hinter der Pilotenkanzel.

[GrafiktextEnde]


DER SPIEGEL 20/1985
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